Michael Jackson stirbt und das Internet bricht zusammen.
Ist doch völlig logisch, oder?
Nicht? Doch. Und zwar weil:
Web2.0 hat aus dem Informierungsdrang der Menschheit vielerorts bereits einen Zwang entstehen lassen. Mit den entsprechenden Repressalien auf allen Kommunikationskanälen. Ich habe Dir vor einer Stunde eine Mail geschrieben, warum antwortest Du nicht? oder noch besser Ich habe Dich angerufen, aber Du bist nicht rangegangen. Vielleicht will ich einfach nicht? Egal. Halten wir einfach fest, dass Menschen jetzt, wo sie kommunizieren können, glauben, sie müssten kommunizieren. Denn das Konzept von Sender->Botschaft->Empfänger funktioniert nur, wenn der Empfänger auch empfängt.
Mit diesem gehen wir einen Schritt weiter: Das Internet das weltweite Kondolenzbuch. Seit Michael Jackson gestorben ist. Genauer gesagt liegt es an Twitter. Die sind der ganzen Sache noch nicht gewachsen. Twitter hatte eine Verdopplung der sekündlichen Nachrichten zu verkraften. Das ist jetzt nicht wenig. (Nagut, man könnte jetzt sagen, mit einem cleveren EC2-Konzept hätte man entgegenwirken können.) Doch nicht nur Twitter hatte zu tun. AIM war für 40 Minuten einfach tot und der Alles-von-Michael-Jackson-Kanal bei AOL Radio hatte mal locker flockig 28.471% mehr Zugriffe. In Worten: Achtundzwanzigtausendvierhunderteinundsiebzig. Da hilft das beste Konzept nichts. Da ist es einfach nur vorbei.
Aber das Internat ist nicht nur Kummerkasten. Es ist auch die weltweite Welterklärmaschine. Seit der Patrick-Swayze-Panne ist man vorsichtig geworden, per Gerücht Menschen für tot zu erklären. Doch in den Minuten der Ungewissheit und des Wartens fragt man das Netz natürlich häufiger. CNET hat sich eine Grafik dafür besorgt. Bei wikipedia stritt man sich höchst offiziell, ob und wie und wann man denn nun schreiben darf, dass der Mensch tot ist. Die Webseiten der Zeitungen und Fernsehstationen waren entweder unwahrscheinlich langsam oder schlicht und ergreifend weg. Auch hierzu hat CNET einen schönen Artikel.
Selbst google war der Sache nicht gewachsen. Aufgrund des sprunghaften Anstieges des Datenaufkommens hat sich die google-Maschine entschlossen, das als Angriff zu werten und in den entsprechenden Selbstschutz-Modus zu gehen (Offenbar gibt es sowas. Toll, oder?). Damit war ein großer Teil der Webseiten zum Thema verdächtig.
In Los Angeles stirbt ein Mensch und die ganze Welt dreht völlig frei. Schmetterlingseffekt?
Das muss jetzt einfach mal gesagt werden!
Was das Netz bringt, wird immer klarer. Neue Ausdrucksformen für hobbymäßige Schreiberlinge wie mich (blogs), für semiprofessionelle Videokünstler (youtube), für Wohnzimmernachrichtenticker (twitter), für Vergessliche gibt es selbstaktualisierende Adressbücher und Geburtstagserinnerer (social networks) sowie allgemeine Erinnerungshelfer (social bookmarking).
Einzeln betrachtet sind diese Sachen schon recht spannend. So richtig spannend wird die Sache aber erst, wenn sie miteinander verknüpft werden. Was auf der Anbieterseite bereits geschieht. Denkt sich ein Nutzer aber nun: “Wenn die das können, kann ich das auch!”, so wird es schwer.
Nachdem ich meine anfängliche Twitter-Abneigung überwunden hatte, fand ich in diesem Tool eine wunderbare Möglichkeit halbnützliche Links zu verteilen. Bisher hatte ich ein Rudel von Leuten, die so etwas über Skype zugeschickt bekamen. An und ab. Das ist dann aber wieder so eine Sache: Manche schauen es sich nicht an, andere hingegen schon und wieder andere wehren sich dann vehement dagegen. Es ist ihnen zu viel. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, die Links, die mir am Tag über die Füße gefallen sind, abends in einem Artikel zu posten. Das geht aber mit meinem Tagesrhythmus nicht. Also wöchtentlich. Hui. Das wäre ganz schön viel. Also verwerfe ich den Gedanken und versuche es einmal mit Twitter. Das geht recht gut: Man findet einen Link, setzt noch eine Zeile Text dazu und schickt die Sache weiter. Doch es wird noch besser: Weil die Zeitungen, die man online liest, ihre Nachrichten auch twittern, braucht man keinen RSS-Feed mehr zu abonnieren und muss die Links nicht mehr via copy&paste in Skypefenster transformieren, muss keine Leute bestimmen, die das erhalten sollen, in der Hoffnung es nicht falsch zu treffen und danach wieder zeitverschlingende Diskussionen vom Zaun zu brechen. Nein! Ein Klick, ein Enter und schon ist ein Posting fertig. Und jeder, der will, kann es sich ansehen. Niemand ist gezwungen. Toll! (Und ich lache wieder einmal über mich selbst, weil ich den neophoben Trendsettern mal wieder auf den Leim gegangen bin)
Seit einer Weile ist mir klar, dass die Verknüpfung der ganzen Technologien ihr ureigenstes Ziel ist, denn jede dieser Anwendungen ist auf zwei Sachen aus, nämlich Leute zusammen zu bringen und Informationen auszutauschen. Aber wie fange ich das an?
Nun, zunächst die blogs:
Ich bastele mir ein eigenes blog, das seine Informationen von meinen blogs und meinem delicious-Konto erhält. (Wozu social bookmarking, wenn keiner davon erfährt?) Nagut, ich aggregiere von weiteren blogs aus meiner direkten Umgebung, allerdings wird die Herkunft nie verschwiegen. Das wiederum lasse ich von Facebook einsaugen. Wenn andere social networks so clever wären, würde ich das auch dort machen. Außerdem bekommt Twitter eine Information über neue Postings auf diesem Aggregator und verkündet automatisiert davon.
Jetzt die Instant-Messenger und die social networks:
Beim Twittern selbst habe ich ein weiteres Problem für mich gelöst, dass mir seid einer Weile nun schon sauer aufstieß: Nicht nur die Informationen sind völlig verteilt, die Menschen selbst sind es auch. Einen Teil kenne ich im XING, andere im Skype oder im facebook, im google-Universum oder über twitter. Woher soll ich also wissen, welche Information für wen von Relevanz sein kann? Das geht bewi 200-300 Menschen nicht mehr. Dann wäre ich nur noch am Kommunizieren und hätte kaum die Möglichkeit, von selbst neue Eindrücke zu bekommen. Also schalte ich vor Twitter noch ping.fm. Das sorgt nicht nur dafür, dass lange URLs verkürzt werden, sondern verteilt den Status an Twitter, all meine Instant-Messenger und Facebook.
Für mich ist damit das Ziel erreicht: Ich poste von einer Stelle aus alles halb-relevante und es wird breit verteilt. Bei den blogs ist es ähnlich, allerdings entscheidet das Thema über den ursprünglichen Entstehungsort.
Ich lebe entspannter als zu vor: Ich deinstalliere meine Facebook-Toolbar, denn der Status aktualisiert sich von selbst. Ich bin viel weniger häufig in den sozialen Netzen und vergeude ergo weniger Zeit. Jedoch sind die es tun umso erregter: Zu viele Informationen. Nun, jeder sollte inzwischen seine eigene Strategie entwickelt haben, mit der tagtäglichen Informationsflut umzugehen. Seltsam ist es dann aber wenn die Leute, die sich über zu viele Informationen mit Sätzen wie “Arbeitst Du überhaupt” beschweren, zum sinnfreien Diskutieren über die Tatsache, dass ich es tue, mehr als genügend Zeit finden. Und das nur Minuten nach der Veröffentlichtung. Über Tage hinweg.
<sarkasmus>
Ich erkenne soeben, wieviel Schuld auf mir lastet: In dem Versuch, Informationsangebote zu unterbreiten und dabei gleichzeitig meinen Zeitverlust zu minimieren, habe ich Leute dazu genötigt, Teile ihrer Arbeitszeit aufzubringen, mich dafür zu kritisieren. Denn habe für einen Moment vergessen, wer ich bin: Der Ursupator Eures Willens!
</sarkasmus>
Das Tageswerk, es ist vollbracht…
Auf dem Plan stand für heute: «Referat für Mittwoch machen». Bis jetzt habe ich folgendes dafür getan: Gliederung und Powerpoint-Layout. Inhalte werden eh überbewertet….
Dafür war ich sehr erfolgreich im Netz unterwegs. Außerdem habe ich tolle Sachen auf arte gesehen. Ursprünglich wollte ich im Netz nach «Erdöl, Brot und Korruption» suchen,warum weiß ich jetzt nicht mehr. Doch: Ich finde, dass das ein wichtiger Film ist und wollte mir seine Adresse merken. Leider war das Video nicht mehr auf Arte+7 zu finden. (Was nicht weiter verwunderlich ist, schließlich sind die sieben Tage längst vorbei). Glücklicherweise hat google video noch eine Kopie: http://video.google.com/videoplay?docid=1360370023406213265
Okay. Das hatte ich also gefunden. Nun war mir langweilig. Ich schaltete den Fernseher ein. Nach einer halben Folge Futurama musste ich erneut feststellen, dass das Fernsehangebot unterirdischst ist. Doch dann stolperte ich beim zappen über «Kigali – Bilder gegen ein Massaker». Eine grandiose weil erschütternde Dokumentation über den mehr als zynischen Umgang der Welt mit dem Völkermord in Ruanda 1994. Interessanterweise ist Bernard Kouchner jetzt französischer Außenminister und hat den von ihm geschaffenen Posten des Staatssekretärs für Menschenrechte wieder abgeschafft. Was dabei verwundert ist eigentlich nur, dass er ihn überhaupt geschaffen hat.
Zwischendurch beschloss ich, mit dem Twittern zu beginnen.
Nachdem ich das durch hatte, fing ein Spielfilm an, der mich in seiner Art ebenso fesselte: «Vom atmen unter Wasser». Nah, intensiv und doch befremdend. Aber menschlich, ehrlich und schön. Die Geschichte ist kurz erzählt: Eine deutsche Bilderbuchfamilie zerbricht: Die Tochter wird mit 16 Jahre ermordet. Ein Jahr später versucht die Mutter, sich das Leben zu nehmen. Vater hat inzwischen eine heimliche Neue und der Sohn kommt mit der besten Freundin seiner toten Schwester zusammen. Nach und nach bricht all das ungesagt schwelende auf und reißt die Familie auseinander.
Tja und dann habe ich ein paar tolle Webseiten gefunden. Zum einen diese hier, die eine Kampagne beschreibt, die unter einem Zitat George Orwells läuft: History is written by the winners (die Gesichte wird von den Gewinnern geschrieben). Grandios. Danach noch zwei blogs zum Thema Werbung, nämlich das hier und jenes dort. Eine Sache, die mich auch schon seit einer Weile interessiert: Über Werbung schreiben. Kann man nicht Werbekritiker sein? Werbung ist doch auch Kunst, oder? Über ein anderes blog kam ich auf www.idoidea.co.za. Sieht schon ein bisschen weird aus, aber ein interessanter Versuch. Dann fand ich «Herman Manson’s Blog» und einen langen Artikel über Web2.0. Manson ist der Ansicht, dass Facebook nicht zum web2.0 gehört. Ist ein interessanter Ansatz, der mir bislang so nicht bewusst war, aber da ist was dran. Tja, man vergisst so schnell, mit welchem Anspruch web2.0 eigentlich angetreten ist. Schließlich wurde ich noch auf eine weitere Seite aufmerksam. Das ist ein südafrikanischer Anbieter, der wohl ein WordPress soweit aufgebohrt hat, dass es ein massenfertiges CMS für die eigene Webseite ist. Großartig!
Schlussendlich ist mir gerade aufgefallen, dass die Seite mit der Zitat-von-Orwell-Kampagne und Herman Manson eng zusammengehören – Manson ist Herausgeber des blogs und Autor des Artikels. Außerdem ist MarkLives! ein Medienmagazin aus Südafrika, dessen erste Ausgabe man hier sehen kann.
Ein kleines Vöglein zwitschert.
Zunächst war ich skeptisch. Das ist aber auch einfach: Menschen setzen SMS im Netz ab. Toll.
Wieso?
Wozu soll das gut sein?
Die Februar-Ausgabe der brand eins und ein Artikel in der ZEIT haben mich nachdenklich gemacht. Inzwischen glaube ich mehr und mehr, dass die Dynamik des Mediums durchaus etwas beeinflussen kann. Man muss nur verstehen, wie man es richtig gebraucht. Deshalb sind die ersten Nachrichten über Alltags-Twitterei (Ich habe gerade eine Tasse Kaffee getrunken) auch übertrieben. Twitterei ist ein medientechnisches und auch politisches Werkzeug. Ich weiß: Die Erkenntnis ist nicht neu, ich hänge der Zeit mal wieder hinterher. Aber wie heißt es so schön – auch die Zeit hat ihre Zeit.
Rechts im Widget sieht man meine Zwitscherei und natürlich via http://twitter.com/derliebemarcus.
Lassi & ich
Da steht es nun: Mein erstes Lassi. Am wohl seltsamsten Platz, den man sich für ein erstes Mal aussuchen kann: das BordBistro.
Ich habe verschlafen. Ein gefühltes Promille tanzt mir immer noch durchs Blut und ich mag die Augen nicht aufmachen, geschweige denn aufstehen. Ich werde durch meinen persönlichen Weckdienst nach einer dreiviertelstündigen Bearbeitungszeit dann doch aufgestanden und preise mich für meinen nächtlichen Genius: Die Anziehsachen und die Mitnehmsachen liegen startklar und konzentriert beieinander. Das hilft im doppelten Sinne. Einmal, weil mein Hirn noch nicht so munter ist, als dass ich nicht doppelt so lange für alles bräuchte und selbst dann noch die Hälfte vergäße. Und zum Anderen, weil ich – für meinen Pegel – in Rekordzeit startklar bin.
Draußen fallen naßkalte Schneeflocken, der Himmel ist eine ziemlich tief hängende graue Wand, die Autos fahren alle mit Licht; warum bin ich aufgestanden? Das ist kein Aufstehwetter, ganz im Gegenteil: Das ist ein Weiterschlafwetter. Ah, es fällt mir wieder ein: Zug fahren. Ich stelle begeistert fest, dass ich bereits gleichzeitig laufen und kompliziert denken kann, denn ich bin schon an der Haltestelle und sehe eine Bahn gerade abfahren. Wenigstens muss ich mich jetzt nicht beeilen.
Eine Fernsehschauspielerin und – ich schätze – ihre Enkeltochter warten auf die gleiche Bahn. Sie wendet sich ab, der Blick den sie mir zuwirft lässt mich vermuten, dass sie denkt, ich schaute in ihre Richtung, weil ich weiß, wer sie ist. So’n Ego ist schon was Feines, denke ich mir und schaue weiter auf die Enkeltochter. Dann aber fällt mir ein, dass ich das ja nicht die ganze Zeit machen kann und außerdem habe ich ja meine Zeitung dabei. Also lese ich Zeitung.
Straßenbahnen in Berlin zum Samstagmorgen gehen auch überhaupt nicht. In anderen Städten regt sich um diese Uhrzeit ein pietätvolles Nichts, will sagen: Die Busse und Bahnen fahren, weil’s auf dem Plan so steht. In Berlin sind die Dinger proppenvoll. Scheinbar muss der Senat eine heimliche ABM-Maßnahme «BVG nutzen» finanzieren, um somit die Öffentlichen grundzufüllen. Vielleicht ist es wie bei einem Restaurant: Ist es leer, geht keiner hinein, ist es voll, will jeder einen Platz.
Ich muss mir also meinen Weg durch die mir viel zu volle Bahn kämpfen und zu allem Überdruss noch einen Sitzplatz erheischen. Aber: Je größer der Wille, umso kleiner das Problem. Ich sitze.
Mir fällt beim Aussteigen auf, dass ich den Fernsehturm heute noch garnicht gesehen habe. Muss wohl an der Wolkenwand liegen. Halt. Das ist nicht wahr. Ich habe ihn heute schon gesehen. In den frühen Morgenstunden stand ich doch an einem Beet zu seinen Füssen. Ein erhebendes Gefühl: Irdisch erleichternd und überirdisch der angestrahlte, in den Nachthimmel hineinragende Raketenkörper, genannt Fernsehturm. Aus der Bahn heraus dränge ich mich an ein paar Leuten vorbei, um die S-Bahn zu erreichen, die dann doch noch eine Minute wartet, bis sie losfährt.
Und hier sitze ich nun. Den letzten Abend noch im Blut, vor mir zwei Halbschöne mit Beziehungsproblemen von denen ich nichts mitbekommen will und hinter mir eine Dame, die von Berlin abwechselnd nach Altenburg und Leipzig fährt, heute nach Altenburg muss, aber nur bis Leipzig gezahlt hat und irgendwas hat dann am Automaten nicht geklappt und wenn mich jemand anruft, erzähle ich’s ihm mit derselben Aufgeregtheit, als wäre es gerade erst passiert. An mir vorbei zieht die Lutherstadt im Winterschlaf – ich beneide sie – , auf den Strommasten sitzen schwarze Knäuel und wärmen sich, die entfernten Wälder sind vom Frühnebel, der ganz schön spät dran ist, eingelullt. Und vor mir steht die kleine Flasche Mango-Passionsfrucht-Lassi. Aufmerksam lese ich die Etikettierung. Man muss ja wissen, auf was man sich da einlässt. Auf der Flasche steht, dass heute Samstag sei. Gut. Sie behaupten auch, dass jeder Tag Lassitag ist, da haben sie bestimmt ein Etikett für jeden Tag. Ich lese unbekümmert weiter. Heute sei mein Biertag. Ich schaue mich um. Woher wissen die das? Vielleicht ist das eine Tarnfirma von Herrn Schäubles flinker Truppe, die die Möglichkeiten des BKA-Gesetzes schonmal pilotprojektmäßig testet? Und weil sie wissen, dass Samstag mein Biertag ist, und sadistisch sind und wissen wollen, wie aufnahmefähig ich am Morgen nach einem Abend wie gestern noch bin, präparieren sie unschuldige Lassi-Flaschen. Hui. Ich drücke meinen Puls wieder in gesunde Regionen zurück und rede mir ein, dass das bestimmt nur auf statistischen Erhebungen beruht, deren zufolge Bier samstags am wahrscheinlichsten konsumiert wird.
Vor dem Öffnen schütteln. Nicht danach., sagt das Etikett. Klingt vernünftig, denke ich und schüttele. So, jetzt wird es ernst. Tief durchatmen. Langsam umfasse ich den Verschluss, drehe ihn ab, lege ihn beiseite, nehme die offene Flasche in die eine, das Glas in die andere Hand, halte es schräg und… denke mir: ‘Bäh! Das sieht aus wie feuchter Auswurf im Mixer.’ Ein Glück, dass mein Magen noch leer ist. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame und schaut mich mitfühlend-skeptisch an. Ich zögere. Noch kann ich aufhören. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Auf brechtisch heißt das: Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass A falsch ist. Aber nein. Der Lassitrend ist schon fast wieder verklungen und ich habe ich entsprechend schon fast verpasst. Ich muss mich ihm stellen, ich kann nicht immer meine Augen vor dem, was ich sehe, verschließen. Selbst wenn es mich Überwindung kostet. Selbst wenn mir beim Anblick des sich im Glase ergießenden Mango-Passionsfrucht-Lassi fast schlecht wird. Wäre Banane-Erdbeer eine bessere Alternative gewesen? Na also. Ich werfe meiner Zuschauerin einen entschlossenen Blick zu, zucke mit den Schultern wie Na es hilft ja doch nichts und spüle das Lassi hinter.
Naja. Joghurt, Früchte und ein Mixer. Um einen Hype zu erzeugen, ist das für mich jetzt nicht genug, aber der Hype-Hype geht um und das Hypen ist dabei nunmal wichtiger als das Gehypte.
Punk never dies
Punk- aufbegehrende Jugendliche, die versuchen, sich dem Mainstream zu entziehen, indem sie die Sprache ihrer Vorgeneration auf eine Verwandlungsreise mitnehmen und sich durch einen Ewig-Anti-Mainstream-Look vom Establishment abgrenzen. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist, kann eigentlich nur die Zeit beantworten. Gestern konnte ich TV Smith live erleben. Inzwischen 51jährig, ist auch er eine durchmischte Erscheinung. Hager wie Kollege Iggy Pop, ein verschmitztes Lächeln wie Bruno Jonas vom Scheibenwischer und als Musiker ein wütender, junggebliebener Dylan. Doch, es ist erschreckend, wie wenig anstößig Punk mit einer einzigen verstärkten Akustikgitarre klingt. Da hilft kein Fuchteln und kein Wedeln: Das ist ganz einfache politische Folkmusik. So ist also Punk wieder in dem Haus angekommen, dass es wild pubertär aufbegehrend einmal verlassen hatte, um die Welt zu erobern. «Punk’s not dead» stimmt also noch immer, aber irgendwie ist er doch sehr erwachsen geworden. Dem mögen die bürgerlichen Groupieabiturientinnen zwar nicht gern zustimmen, aber tief in ihrem Innersten, wenn sie einen Moment innehalten, ihre Körper nicht freimütig an verlebte Legenden der Elterngeneration feilbieten, werden sie feststellen, dass sie mehr mit den Altvorderen verbindet, als sie bereit sind, zuzugeben. Punk ist eine gesellschaftliche Anti-Haltung, aber keineswegs eine Anti-Monetäre. Sicherlich haben einige einen harten Weg nach oben gemacht, aber heute sind die Wege deshalb auch kürzer und weniger lehrreich. Wenn man nur in ein weiches Kissen fallen kann, ist der Abgrund kaum gefährlicher als eine Treppenstufe. Doch Angst macht radikal, treibt an. Die hageren, wilden Punks von damals wurden von den Rebellen der Jungen Union beerbt. Schade eigentlich.





