Bedrohte Minderheiten. Heute: Die Jugend.
Man kann den 68-ern ja vorwerfen, was man will. Heute will ich ihnen auch einmal etwas vorwerfen. Nämlich, dass sie mit ihrem verhunzten Aufstand für die Vergreisung der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind.
Das statistische Bundesamt hat vor zweieinhalb Jahren die Ergebnisse seiner 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung präsentiert. Aus den Grafiken lässt sich zum Beispiel herauslesen, dass sich der Anteil der über 35-jährigen seitdem kontinuierlich gesteigert hat. Waren die Alten während der letzten Revolution noch in der Unterzahl, so werden sie sich bis 2050 einen bequemen Vorsprung von gut 20% verschafft haben. Wenn 70% der Bevölkerung lieber in Ruhe Sportschau und Sturm der Liebe gucken wollen, lässt sich’s schwer revoluzzen. Naja, man könnte von 7 bis 13 Uhr und dann nochmal von 15 bis 22 Uhr. Das sind immerhin 11h Revolution am Tag und anschließend kann man noch eine Stunde beraten, um dann 8h zu schlafen und frisch, fromm, fröhlich, frei in den neuen Revolutionstag zu stürzen. Von 13 bis 15 Uhr gäbe es sogar Mittagspause und Halbzeit zugleich.
Sozial verträgliche Revolutionen! Das wird der neue deutsche Exportschlager!
Okay. Ich nehme, alles zurück: Danke, liebe 68-er. Durch Euer beherztes Aufbegehren werden wir Jungen zwar in die demographische Defensive gedrängt, doch wenn wir dies als Chance und nicht als Problem begreifen, können wir revoluzzen ohne die staatliche Ordnung zu gefährden und dieses revolutionäre Revolutionsprinzip in die Welt exportieren, um davon die Renten Eurer Kinder zu bezahlen und Euch zu gefallen.
Gut. Ich bemerke gerade, dass ich demographisch gerade noch so in die gerade erwähnte Generation hineinfalle. Andererseits aber auch wieder nicht. Eigentlich bin ich auch ein Kind der Praktikums- und Krisengeneration. Das sind die Menschen, die trotz multipler Auslandsaufenthalte, Qualifikationen und Fremdsprachen nur an Praktika geraten. Das ist das Prinzip, was zwar allgemein durch Lippenbekenntnisse verschmäht wird, aber weiterhin gängige Praxis ist. Euer Prinzip. Ein Weiteres ist, uns von Kindesbeinen an die Angst vor dem Aufmucken einzubläuen, weil nur Duckmäuser Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das war sehr clever von Euch. Macht nur so weiter und Ihr werdet Euch eine Generation williger Rentenleistungerbringungsaffen heranzüchten, die für Euch tanzt, während Ihr von individueller Freiheit, Bürgerrechten und demokratischen Prinzipien schwadroniert. Dann könnt Ihr Euch jeden Morgen im Aufenthaltsraum Eures Pflegeheimes treffen und gemeinsam diese Jugend von heute begaffen, die sich auf der Straße darum prügelt, die Gebisse von 150 alten Menschen putzen zu dürfen. Für ein Mittagessen, versteht sich. Der Rest muss an Euch gehen, ihr seid ja schließlich die pflegebedürftige Mehrheit und wir leben in einer solidarischen Gemeinschaft. Mit Euern statistischen 1,4 Kindern seid Ihr alle Eltern.
Wisst Ihr, was Ihr eigentlich verdient hättet? Dass sich die heutige Jugend als Minderheit begreift, sich zusammenrottet, Minderheitenschutz beantragt und Euch bei dieser Gelegenheit ins Gesicht sagt, was ihr an Eurem System nicht passt:
Entweder Zukunftsjobs oder Schluss mit lustig.
Entweder Ihr macht hier mal wirklich was oder wir werden Eure Rente nicht zahlen.
Entweder alle hören auf, unsere Planeten zu terminieren, anstatt nur davon zu reden oder wir bringen die Zukunft zu Ende.
Denn eins ist mal klar: Wenn’s auf dem Planeten kuschelig warm sein wird und Eure dämlichen Atomfässer im Salzschacht fleißig vor sich hinbrodeln, werdet Ihr nicht mehr anwesend sein.
Wir aber schon.
Meint ihr allen Ernstes, wir haben Lust darauf?
Meint Ihr allen Ernstes, wir würden das Gleiche machen wie Ihr – Kinder in eine verrottende Welt setzen und hoffen, dass es denen einmal besser gehen wird, obwohl wir doch alle längst wissen, dass das nicht der Wahrheit entspricht – und den zweifelhaften Mut aufbringen, diesen – unseren – Kindern diese Lebenslüge der Gesellschaft ins Hirn zu pflanzen?
Gebt uns Jobs und bezahlt uns anständig, sonst ist sozialer Frieden etwas, wovon Ihr träumen könnt, wenn wir Euch lassen.
Obwohl: Ein Aufstand der Jugend gegen das Alter muss fehlschlagen, weil die Kommunikationsebenen andere sind. Die Jugend argumentiert und handelt eher emotional, während das Alter eher (pseudo-) sachlich spricht.
Nun. Das können wir auch.
Wenn wir wollen.
Wollen wir aber nicht.
Aber wenn wir wollten, ginge das höchstwahrscheinlich so: Wir sagen Euch einfach ganz in Ruhe wie wir uns das vorstellen und präsentieren Euch einen neuen Gesellschaftsvertrag. Falls Ihr den ablehnt, werden wir uns umdrehen und Euch ignorieren. Und die Rentenkasse mit unseren frischgezeugten Kindern plündern. Ha!
Generation Dumpfwut
Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.
In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.
Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.
Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.
Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.
Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.
Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn
- sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
- muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
- sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)
Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,
- was man besetzt,
- wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
- muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
- ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
- ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.
Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.
Mehr noch:
- Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf. - Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder? - Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet. - Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
- Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft. - Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.
Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.
Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.






