Zäsuren.
Mein Neffe ist beim Bund. Gerade lief er noch mit seiner viel zu großen Brille fröhlich lachend durch die Wohnung und plötzlich trägt er eine Uniform. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ihn gehen zu sehen ist schon seltsam. Vor mittlerweile einem Jahrzehnt war ich es, der zum Dienst ging. Und jetzt Robert. Damals war er gerade erst aufs Gymnasium gekommen, mittlerweile hat er sein Abitur.
Irgendwie ist es schizophren: Seit Generationen schickt meine Familie ihre Söhne zur Armee. Inzwischen ist er die dritte Generation, die mit Sicherheit auch wiederkommt. Wir gehen ohne großes Nachdenken. Wir gehen, leisten unseren Pflichtdienst und verschwinden wieder. Und doch verurteilen wir deutsche Kriegseinsätze. Das Nachdenken ist auch von zwei Seiten her blockiert. Einerseits wird über einen längeren Dienst nicht wirklich nachgedacht, weil das Auslandseinsätze mit sich führen würde. Andererseits fragen wir uns nicht, was mit dem Grundwehrdienst eigentlich verbunden ist, nämlich die prinzipielle Anerkennung der Notwendigkeit einer Armee, deren eigentlicher Sinn der Angriff und nicht die Verteidigung ist. Wären alle Armeen nur auf Defensive aus, würde sich das Konzept von selbst erledigen.
Wie dem auch sei, mit Roberts Eintritt in die Bundeswehr geht auch etwas zu Ende. Er geht und kommt wieder. Doch er geht und kommt als ein anderer. Diese Veränderung sehen wir nur aus der Ferne, nur in den Momentaufnahmen. Er ist dem Einfluss der Familie entzogen worden, steht zum ersten Mal völlig allein in einem fremden Umfeld und muss sich behaupten. Dass er das meistern wird, steht außer Frage. Und dennoch – wir als seine Familie sind nicht da, um ihm zu helfen. Er muss es ganz allein schaffen. Dieses Loslassen ist das bittersüße in der Freude über seine Selbstständigkeit.
Gestern telefonierte ich mit meinem Bruder, der ihn in die Kaserne brachte. Er war gerade auf dem Heimweg. «Alles Scheiße», meinte er. Ihm fällt es auch nicht leicht, seinen Jungen gehen zu sehen. Aber beide wissen wir, dass dieser Schritt notwendig ist – in Roberts Interesse. Beide haben wir das Gleiche erfahren. Und trotzdem.
Schließlich huscht mir noch ein kleines Lächeln übers Gesicht. Ich freue mich schon auf das erste Wiedersehen mit Robert. Wir werden bei meinen Eltern im Garten sitzen, grillen und Bier trinken. Die alten Hasen unter uns werden erzählen, dass früher alles viel härter war und er sich glücklich schätzen kann, dass er in diesen Zeiten dienen darf. Danach packen wir unsere Dienstgrade aus und norden den Gefreiten in spe erst einmal ein. Zwar sind die Schulterstücke aller vor mir längst passé, denn inzwischen bin ich der Einzige, auf den sich der Ernstfall einer Generalmobilmachung auswirken könnte, aber das zählt in diesem Augenblick nicht. Schließlich haben wir alle längere Dienstzeiten als er. Nun wird er seine neuesten Geschichten über StUffze und Uffze und OGs und HGs und die Fähnriche und Fahnenjunker auspacken. Wir werden sie gnädig anhören, dabei genüsslich unser Gerstenbrot trinken und anschließend spenden wir ihm Trost und Stärke, indem jeder seine eigenen Geschichten auf den Tisch legt. Genau dieser Augenblick ist etwas eigenartiges: In diesem Moment verbrüdern wir uns nicht als Väter, Brüder und Söhne sondern als Kameraden. Eigentlich geht es dabei darum, Robert in den Kreis der Männer der Familie aufzunehmen – und Feststellung der Hierarchie ist dabei wichtig. Das interessante dabei ist allerdings, dass dies über einen außerfamiliären Zusammenhang geschieht.
Genau jetzt muss ich über dieses zukünftige Treffen schmunzeln. «Mensch, woher kommt Dir das nur bekannt vor?» Und da fällt es mit ein «Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.» Heinrich Mann: Der Untertan. Ach ja, die gute alte Kaiserzeit. Damals war es Sedan 1870, davor waren es die 48er und davor die Teilnehmer der Völkerschlacht. Heute zählen nicht die geschlagenen Schlachten, sondern wieviel Zeit jemand zum Antreten in Kampfmontur hatte oder welche Ereignisse es während der Wachdienste gab. Das Prinzip ist dasselbe, die Geschichten sind andere.
Generation Dumpfwut
Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.
In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.
Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.
Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.
Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.
Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.
Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn
- sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
- muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
- sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)
Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,
- was man besetzt,
- wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
- muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
- ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
- ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.
Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.
Mehr noch:
- Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf. - Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder? - Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet. - Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
- Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft. - Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.
Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.
Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.
Warum man seine Siebensachen immer zusammenhalten sollte und Muttis toll sind
Vor einigen Jahren, in grauer Vorzeit, als unser Leben noch aus Schwarz-Weiß-Gedächtnislücken bestand, legte ich mein Abitur ab. Meine Schule stand auf der Abschussliste des Oberschulamtes. Soetwas kann man recht leicht erkennen: Die übrig gebliebenen Gymnasien durften das Wort «Gymnasium » im Titel führen, die anderen nicht. Wir hießen also «Robert-Koch-Schule, Gymnasium ». Damals sagte man uns, dass wir unser Abiturzeugnis unbedingt aufheben müssten, alles andere würde einen äußerst nervenaufreibenden Gewaltmarsch durch die Institutionen bedeuten. Aber mit fünf beglaubigten Kopien muss man doch noch nicht einmal sparsam umgehen, als frischgebackener Abiturient weiß man einfach, dass einen diese fünf Kopien bis zur Rente begleiten werden: Ein Zeugnis für die Uni und eins für den Arbeitgeber. Vielleicht noch eins für die Rente. Da wir aber sowieso mit 40 Jahren in Rente werden gehen können, um von den Zinsen unserer angehäuften Reichtümer zu leben, können wir uns das eigentlich auch sparen. Tja und der Rest ist für die Enkel zum Papierflieger basteln.
Siebeneinhalb Jahre und sechs Umzüge später holt mich die Realität mit ihrem eiskalten Hauch ein: Meine Kopien sind alle und das Original ist auch weg. Das bemerke ich, als mir die Zentralregistratur einer irischen Universitäten eine Mail schreibt, in der sie mir mitteilen, dass sie meine Online-Bewerbung haben und binnen acht Tagen alle weiteren Unterlagen eingetroffen sein müssten. Damit meinen sie vor allem mein Zeugnis.
Also hole ich meine institutionelle Sturmhaube aus dem Schrank und suche die erste Telefonnummer heraus. Das Oberschulamt heißt jetzt Regionalschulamt. Meinetwegen könnte das auch «House Of The Rising Sun » heißen; Hauptsache, die geben mir mein Zeugnis. Also rufe ich an. Die Dame an der Vermittlung hört sich meine Geschichte an und verbindet mich. Die Verbundene hört sich meine Geschichte an und verbindet mich. Die Verbundene hört sich meine Geschichte an und sagt mir, dass das Regionalschulamt Leipzig keine Zeugnisse archiviert. Das ist Aufgabe des Stadtarchives. Wie jetzt? Hat man uns nicht immer erzählt, dass die Akten allesamt jahrzehntelang im Keller aufbewahrt würden und dass kaum Platz sei, die Vorschriften aber unbarmherzig einzuhalten seien? Und auf einmal wird meine Schule geschlossen und die Aufsichtsbehörde zieht die Spendierhosen an und verteilt die Akten großzügig an Jeden, der sie haben will? Sind Schulen nicht Landessache? Müssten die Akten denn dann nicht eigentlich eher ins Landesarchiv? Na egal. Ich bekomme die Nummer des Stadtarchives und versuche mein Glück. Wieder eine Dame am anderen Ende der Leitung. Sie schaut also nach. ‘Ja, sie habe Akten: Von damals (als die einundachtzigste Polytechnische Oberschule noch den Namen eines antifaschistischen Widerstands-Frontkämpfer aus der siebten Reihe von hinten trug) habe man noch alle Akten, aber für die Zeit nach der Wende (als die Schule eines der ersten Gymnasien in Leipzig war und sich den Namen des Tuberkulose-Jägers Robert-Koch zu eigen machte) seien wohl keine Unterlagen vorhanden.’ Ich verdränge, dass das für mich keinen Sinn ergibt und notiere mir gleich zwei Telefonnummern. Die eine ist für ein Archiv der Stadt Leipzig (ich hätte das in meiner unbedarften Art doch glatt als Stadtarchiv bezeichnet), die andere ist für das Schulverwaltungsamt (das ist nicht das Regionalschulamt?). Wenn wir in Leipzig alles so hätten, wie zu viele Ämter, dann wären wir nicht mir 900 Millionen in den Nassen, schießt es mir ketzerisch durch den Kopf.
Langsam kommt mein altes Kriegsleiden zu Tage: Ich muss erstmal ausrasten. Natürlich nicht am Telefon. Das greife ich mir aber jetzt, um die erste Nummer zu wählen. Sozialamt. Lohn- und Gehaltsarchiv, was kann ich für Sie tun? Ich bin perplex, das muss ich erstmal verdauen. (Mein rechtes Auge schickt sich an, nervös zu zucken.) Ich werde nicht verbunden. Bin ich hier etwa auf Anhieb richtig? Ich atme auf. (Mein Auge beruhigt sich wieder.) Eine nette ältere Dame erklärt mir seelenruhig, dass sich das Stadtarchiv die guten Sachen zum Archivieren herauspickt und den Rest bekäme dann ihre Stelle. (Da ist das Auge wieder.) Ich bin also an einer schlechten Schule gewesen. Aha. In diesem Moment wird mir mal wieder bewusst, wie schizophren unser Land eigentlich ist: Während wir die anderen Nationen für ihr offensichtliches Chaos belächeln, wähnen wir uns in sicheren, geregelten Bahnen weil ja angeblich alles überreguliert ist. Pustekuchen! Im Ausland weiß man wenigstens, dass das Chaos permanent herrscht und begegnet ihm lässig mit spontanen Regeln. Hier aber regelt die Willkür systematisch alles und das auch noch permanent und keiner will es sehen oder ändern! (Mein Auge hat sich steifgezuckt) Wie dem auch sei. Die nette Dame nimmt meine Adresse auf und schickt mir ein Formular, dass mir – sofern ich es ausgefüllt zurücksende – binnen vier Wochen beglaubigte Kopien beschaffen wird. (Es zuckt wieder) Und zwar kostenlos. (Schlagartig erstirbt jedes Zucken.) Gerührt und heldenhaft zugleich hisse ich die Fahne des Sieges und stoße mit mir selbst an.
Eine Stunde später telefoniere ich mit meiner Mutti, um ihr von meinen todesmutigen Heldentaten zu berichten. Sie hält sich mit dem mir dafür zustehenden Lob zurück. Das verheißt nichts Gutes. Sie ist der festen Überzeugung, über das Originalzeugnis zu verfügen. Fünf Minuten später hat sie nachgesehen und Recht behalten. Ich zähle meine Punkte: Marcus einer, Windmühlen fünf. Ich setze: «Alle Siebensachen beieinanderhalten » auf die Liste der Sachen, die ich mir schleunigst und nachhaltigst angewöhnen muss.
Nachtrag. Meine Mutti hat gesagt, Schulen sind Kommunalsache. Deswegen auch die zwei Verwaltungen. Ich find’s trotzdem doof. Die Städte bezahlen für die Lehrer und Schulen, die Länder bilden die Lehrer aus, bestimmen die Lehrpläne und den ganzen Kladderadatsch und am Ende müssen sich beide für diese kluge postförderalistische Gewaltenteilung jeweils eine supertolle Verwaltung leisten. Marcus einer, Windmühlen sechs. Manno.
Punk never dies
Punk- aufbegehrende Jugendliche, die versuchen, sich dem Mainstream zu entziehen, indem sie die Sprache ihrer Vorgeneration auf eine Verwandlungsreise mitnehmen und sich durch einen Ewig-Anti-Mainstream-Look vom Establishment abgrenzen. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist, kann eigentlich nur die Zeit beantworten. Gestern konnte ich TV Smith live erleben. Inzwischen 51jährig, ist auch er eine durchmischte Erscheinung. Hager wie Kollege Iggy Pop, ein verschmitztes Lächeln wie Bruno Jonas vom Scheibenwischer und als Musiker ein wütender, junggebliebener Dylan. Doch, es ist erschreckend, wie wenig anstößig Punk mit einer einzigen verstärkten Akustikgitarre klingt. Da hilft kein Fuchteln und kein Wedeln: Das ist ganz einfache politische Folkmusik. So ist also Punk wieder in dem Haus angekommen, dass es wild pubertär aufbegehrend einmal verlassen hatte, um die Welt zu erobern. «Punk’s not dead» stimmt also noch immer, aber irgendwie ist er doch sehr erwachsen geworden. Dem mögen die bürgerlichen Groupieabiturientinnen zwar nicht gern zustimmen, aber tief in ihrem Innersten, wenn sie einen Moment innehalten, ihre Körper nicht freimütig an verlebte Legenden der Elterngeneration feilbieten, werden sie feststellen, dass sie mehr mit den Altvorderen verbindet, als sie bereit sind, zuzugeben. Punk ist eine gesellschaftliche Anti-Haltung, aber keineswegs eine Anti-Monetäre. Sicherlich haben einige einen harten Weg nach oben gemacht, aber heute sind die Wege deshalb auch kürzer und weniger lehrreich. Wenn man nur in ein weiches Kissen fallen kann, ist der Abgrund kaum gefährlicher als eine Treppenstufe. Doch Angst macht radikal, treibt an. Die hageren, wilden Punks von damals wurden von den Rebellen der Jungen Union beerbt. Schade eigentlich.






