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Artikel, die mit dem Schlagwort »schön« versehen wurden

15
Dez

Beeindruckend

Letzte Woche hatte ich Besuch aus Sichuan (China) auf einem FTP-Server. Um genau zu sein, klopfte der Besuch etwa 20.000 Mal entweder als Benutzer «admin» oder «administrator» an. Dem Angriffsprofil nach zu urteilen, handelte es sich wohl eher um einen minderklugen Angreifer, wahrscheinlich das Schlusslicht eines ersten Informatiksemesters. Wer sonst versucht sich so anzumelden. An einem FTP?

Naja, wie dem auch sei. Ich habe den Quellrechner spaßeshalber angepingt. Etwa 150 Millionen Mal. Nur, um sicherzugehen. Das durchschnittliche RTD betrug etwa 350ms. Bis nach Sichuan sind es etwa 7560km. Eine Antwort legt also 15.120km in etwa 350 ms zurück. Das sind 43,2 km/ms, also 43.200 Kilometer pro Sekunde. Das Paket rennt also in weniger als einer Sekunde einmal um den Äquator. Das ist etwa 5,6 mal schneller als ein Space Shuttle. In einer Stunde legt es gar 155.500.000 km zurück.

Das sind so die kleinen Momente, in denen ich trotz allem Digital Nativesein einen kleinen Moment innehalte und dieses riesige, unsichtbare Wunderwerk, Internet genannt, wirken lasse.


Und just in diesem Moment erhalte ich folgende Mail:

Dear Marcus:

On Wednesday, December 9, 2009 at 06:20 (GMT), Project Honey Pot achieved a
milestone: receiving its 1 billionth spam message. The billionth message was
an United States Internal Revenue Service phishing scam sent to an email
address that had been harvested more than two years ago. More than just a
single spam email, the billionth message represents the collective work of
you and tens of thousands of other web and email administrators like you in
more than 170 countries around the world. Together we have built Project
Honey Pot into the largest community tracking online fraud and abuse.

To celebrate this milestone, we sifted through five years of data to learn
more about spam and the spammers who send it. As a small token of thanks for
your help, we wanted to share some of our more interesting preliminary
findings. Click the following link for the Full Report:

http://www.projecthoneypot.org/1_billionth_spam_message_stats.php

Highlights include:
- Monday is the busiest day of the week for email spam, Saturday is the
quietest

- 12:00 (GMT) is the busiest hour of the day for spam, 23:00 (GMT) is the
quietest

- Malicious bots have increased at a compound annual growth rate (CAGR) of
378% since Project Honey Pot started

- Over the last five years, you'd have been 9 times more likely to get a
phishing message for Chase Bank than Bank of America, however Facebook is
rapidly becoming the most phished organization online

- Finland has some of the best computer security in the world, China some
of the worst

- It takes the average spammer 2 and a half weeks from when they first
harvest your email address to when they send you your first spam message,
but that's twice as fast as they were five years ago

- Every time your email address is harvested from a website, you can expect
to receive more than 850 spam messages

- Spammers take holidays too: spam volumes drop nearly 21% on Christmas Day
and 32% on New Year's Day

- And much more.....

We have published it under the Creative Commons Attribution license, so
don't hesitate to share anything you find interesting. In the end, we
couldn't have gathered this data without you.

Thank you for all your help over the last five years. Here's to wishing you
happy holidays and a relatively spam-free New Year.

Sincerely,

The Project Honey Pot Team

Hier ist übrigens der Link zur Seite.

12
Nov

Canasta mit Freud

Nacht. Studierzimmer. Zwei durchtanzte Leiber fallen durch die Tür ins Bett. Ich will nur noch schlafen, für sie ist reden gerade richtig wichtig. Ich bin in einer Zwickmühle: Einerseits ist meine Müdigkeit auf dem Vormarsch, andererseits ist Solidarität das Gebot der Stunde. Eine ganze Stunde? Hoffentlich geht es schneller. Mein Unterbewusstsein kramt eine Konfliktlösungsstrategie aus der Trickkiste hervor und zaubert den Kokon interessierter Ignoranz hervor. Ich bin gerettet! Während sich um meine Ohren ein Wattebausch legt, der die Geräusche immer ferner erscheinen lässt, brumme ich anteilnehmend weiter vor mich hin. Ich nehme mir vor, mir morgen früh gleich als erstes den entsprechenden Orden anzuheften.

Minuten später. Alles Brummen hat nicht geholfen, sie muss nochmal raus um etwas loszuwerden. Geräusche von außerhalb des Kokons brechen in die Wattewand und wirken wie tausend kleine Nadelstiche in meiner Magengrube. Die Ordenorder wird storniert, da ist offenbar überhörbares Optimierungspotential vorhanden. Entweder schneller einschlafen oder wirklich reden. Oder im Schlaf sprechen und dabei das Richtige sagen. Na, schneller einzuschlafen tut’s wohl für den Anfang auch.

Eine weitere Viertelstunde später. Ein ausgekühlter entkräfteter Leib schmiegt sich an mich. Mir war eh viel zu warm. Jetzt darf ich endlich schlafen.

6 Uhr 30. Frosch und Storch spielen am Ufer eines Sees Canasta. Es gibt Tee und Weihnachtsgebäck. Ich bin verwirrt. Alles sieht nach Sommer aus und die Temperaturen erinnern mich eher an eine Sauna als an kostümierte Rentner in Geberlaune. Darüber hinaus frage ich mich, ob Frosch und Storch wissen, an welchen Stellen der Nahrungskette sie eigentlich stehen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, antwortet der Storch, dass er sich entschlossen hat, keine Frösche mehr zu essen, da es ihm zu grausam ist. Außerdem gäbe es wohl nur sehr weniger gute Canastapartner unter den Störchen, während die Frösche würdige Gegner seien. Der Frosch kräuselt die Lippen vor Glück.

6 Uhr 32. Sie meint, der Wecker würde seit ein paar Minuten klingeln. Später wird sie sogar behaupten, ich hätte gesagt, sie solle ihn ruhig ausstellen. Ich hingegen glaube, dass der Wecker in Wirklichkeit überhaupt nicht angegangen ist. Sonst hätte ich ihn doch gehört.

Zurück zu den wichtigen Dingen des Augenblickes: Dem Frosch und dem Storch. Es sieht ganz so aus, als ob Meister Adebar die Runde nicht für sich entscheiden könne, er scheint angespannt und nervös. Außerdem klappert er bedrohlich mit dem Schnabel. Ich glaube, er ist ein schlechter Verlierer. Der Frosch hingegen wähnt sich offenbar in Sicherheit, denn er ignoriert das Getue. Jedoch kommt ihm der Schnabel immer näher. Der Storch schaut mich dabei an, als ob er mir sagen wollen würde: „Ich bin ein Storch. Das ist ein Frosch. Störche essen Frösche. Moral hin oder her. Außerdem ist Canasta auch nicht alles.“ Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Frosch. Doch der spielt seelenruhig sein Spiel. Der Storch hingegen bereitet sich genüsslich auf die Nahrungsaufnahme vor. Aus der Uferböschung holt er eine mobile Speisekammer hervor und beginnt, sich einen Salat zu machen. Der arme Frosch. Da fällt mir ein, dass ich in meinen Träumen der Bestimmer bin. Welch glücklicher Zufall. Für den Frosch. Ich bestimme also, dass dem Storch einfällt, dass er ganz vergessen hat in den Süden zu ziehen und er deshalb Hals über Kopf aufbricht. Ohne Lebwohl zu sagen. Reinhard Mey gleitet mit einem Ruderboot durch den See und singt „Über den Wolken“ in düsterem moll. Geschockt bleibt der Frosch zurück und sieht dem sich hastig entfernenden Storch mit feuchten Augen nach.

6 Uhr 37. Der Storch ist aus dem Blickfeld verschwunden, Reinhard zum Glück auch. Allerdings sieht mich der Frosch jetzt durchdringend an und fragt mich, warum ich das getan habe, ob ich nicht wüsste, wie lieb er den Storch gewonnen hätte. Ich versuche ihm zu erklären, dass der Storch zwar das eine gesagt, aber das Gegenteil getan habe. Da macht der Frosch einen Satz und springt mir auf die Schulter, direkt neben mein Ohr. In dieses lädt er unüberhörbar seinen Unmut ab. Ich resigniere, breite meine Flügel aus und fliege dem Storch hinterher. Soll sich der Frosch doch fressen lassen, wenn er will.

7 Uhr 59. Mein Zug kommt.

Ich bin zu bodenständig, um stundenlang durch die Gegend zu schweben. Ich lande und setze den Frosch ab, doch nicht ohne ihn mit Marschverpflegung und detailliertem Kartenmaterial zu versorgen.

8 Uhr. Moment mal. Ich bin boden-was? Habe ich mir das Vorpommern-Virus eingefangen? Reflexartig warne ich mein Immunsystem. Eigentlich kann es nicht sein, aber man kann nie wissen.

8 Uhr 01 . Ich frage sie nach der Uhrzeit, stelle fest, dass ich den Zug kaum werde erreichen können. Dann winke ich ihm eben in Gedanken hinterher.

Mein Immunsystem macht Meldung. Nicht das Vorpommern-Virus mache mich so dröge, das sei einfach nur das Nachbeben des gestrigen Abends. Eine leise Stimme aus dem Untergrund flüstert mir hingegen zu, ich solle mich nicht von der Antwort blenden lassen, ich könnte bereits infiziert sein.
Habe ich mich doch angesteckt, kann das sein? Nach Jahren des auto-immunen Widerstandes soll ich dieser heimtückischen Krankheit also auf den Leim gegangen sein?
Wie gut, dass ich just in diesem Augenblick zurück nach Berlin fahre, denn Metropolenleben ist pures Gift für Pommeritis.

8 Uhr 02. Ich öffne die Augen. Hier fährt nichts, dafür dreht sich umso mehr. Also Augen wieder zu.

Ich stehe in einem Heißluftballon und fahre über Wälder, Wiesen und Felder hinweg. In der Ferne duellieren sich der Frosch und der Storch, Sigmund Freud und C.G. Jung sind ihre Sekundanten.

8 Uhr 22. Mir wird die Uhrzeit mitgeteilt. Nett. Wirklich. Aber der Zug fährt doch erst in anderthalb Stunden, jetzt verpasse ich noch das Duell.

8 Uhr 23. Ich habe es verpasst, beide haben es nicht überlebt. Dafür stecken beide auf demselben Spieß über einem Feuerchen. Kulinarisch gesehen ist die Kombination höchst selten. Das haben sich Freud und Jung wohl auch gedacht, wohl deshalb veranstalten sie jetzt ein Picknick. Irgendwie sehen die Jungs verliebt aus. Ich bin verwirrt. Storch und Frosch spielen Karten. Okay, das ist ein Traum. Frosch verliebt sich in Storch. Meinetwegen. Aber Freund und Jung, die ein romantisches Picknick machen und als Zeichen ihrer Liebe Storch und Frosch essen? Das ist sogar für meine Verhältnisse etwas mehr als genug. Wahrscheinlich will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Ich muss nachdenken. Wieso gibt es eigentlich nie eine Stimme aus dem Off, die Klartext spricht? Warum muss das immer über die bizarrsten Bilder geschehen? Stimme aus dem Off… Stimme aus dem Off… Ich hab’s: Das ist ein deutliches Signal, die Stimme aus dem Off nicht weiter zu verdrängen. Es gibt doch eine Stimme aus dem Off? Seit wann? Na egal, ich analysiere zunächst erst einmal die Stimme.

8 Uhr 24. Die Stimme gehört ihr.

8 Uhr 25. Was sie sagt klingt gut.

8 Uhr 26. Was sagt sie nun eigentlich?

8 Uhr 27. Ich kann das deutsche Sprachmodul nicht laden. Segmentation fault. –force bringt nichts und –debug liefert nur kryptische Kernel Traces. Für richtiges Fehlerlesen ist es noch viel zu früh, einstweilen lege ich die verfügbare Energie auf die Deflektoren. Warum weiß ich nicht genau, aber nach 15 Jahren StarTrek-Konsum weiß man einfach, dass das nie falsch sein kann.

Ich tue das mir maximal mögliche und lasse mich weiter vom Klang ihrer Stimme berieseln.

9 Uhr 21. Sie sagt, es sei kurz vor halb zehn. Gerade war es noch halb neun.

Ich sollte wohl mal SOLL und IST der aktiven Prozesse überprüfen: Sprache offline, Zeitgeber offline. Was bin ich nur für ein Saustall? Kein Monitoring, bestimmt auch kein Backup.
Und überhaupt: Seit wann bin ich ein Server?
Das kann nur eines bedeuten: Descartes hat sich eingeschlichen! Jedes Jahr das Gleiche: Kaum kommt die erste kühle Nacht, sucht er Anschluss.

9 Uhr 22. Dachte ich’s mir doch: Descartes! Der René! Steht auf einer Holzkiste im Stammhirn und agitiert. Ich packe ihn am Kragen und setze ihn vor die Tür. Der hat es noch drauf, meine Hirnhälften gegeneinander aufzuwiegeln. Das wäre echt unschön.

Ihre Stimme spricht jetzt eindringlicher. Das mit der Uhrzeit war also doch ernst gemeint. Kickstart! Anziehen! Kaffee ziehen! Losziehen!

9 Uhr 38. Wir verabschieden uns. Kurz und bündig. Sachlich. Ganz so als würden wir uns am Abend wiedersehen. In Wirklichkeit verdrängen wir diesen Teil des Lebens und seine Zwänge. Sie sind grausam genug, da müssen wir uns den Abschied nicht zur Qual machen. In Wirklichkeit haben wir uns längst schon verabschiedet, wir verabschieden uns seit meiner Ankunft. Häppchenweise und im Voraus.

4
Okt

Alles Gute nachträglich…

Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.

Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.

Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:

Deutschland Du Opfer

Deutschland Du Opfer

Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!

Oder so.

21
Aug

Auszeit

Ich trete ins Freie, entzünde meine Zigarette, nehme einen ersten tiefen Zug, schaue mich um. Der Himmel hängt grau überm Land und lässt einen Mittagsregen niedergehen. Ich laufe los, der Asphalt löst sich nur ungern von der Wärme der Vortage, wärmt dafür meine Füsse, in den Rinnsteinen liegen weggefegte Kiesel. Vor den Reihenhäusern liegen die Beete und saugen das fallende Lebenselexier ruhig, doch voller dankbarer Gier auf. Die kleine Straße ist leer, die aufgereihten Gärten hinter den Häusern hübsch anzusehen, zierliche Gemüsebeete drängen sich dicht an kleine Gewächshäuser, die Rasenflächen werden wohl morgen gekürzt. An einer Hauswand rankt zaghaft empor ein Wein,  dessen erste Ernte noch ein Jahrzehnt wird brauchen, doch er hat sie, die Zeit. Die Tage ziehen langsamer hier. Unter einem Verschlag wartet eine Katze auf das Ende des Regens und ist darüber eingeschlafen. Überhaupt scheint die ganze Siedlung zu schlafen, einen sanften, tiefen Mittagsschlaf. Die Postfrau kommt mir geschäftig entgegen und trotz aller gebotenen Eile ist auch auf ihrem Gesicht Schlaf zu lesen. Auf einem größeren Stück Rasen steht eine Schaukel und wartet. Leise fallen die Regentropfen auf Blätter, Blüten, Gras, wiegen sich die Pappeln müde im Wind, nach den Strapazen der letzten Hitzetage ruht sich alles aus, der Regen lullt sie mit seinem sanften Singsang ein und lässt von der Vergänglichkeit der Zeit nur mehr eine Ahnung zurück. Unter einem Carport erwartet ein Berhardiner sein Herrchen, auch er schläft lieber, als die Katze von nebenan zu jagen.

Schwach schwebt die letzte Rauchwolke meiner Zigarette durch die Regenluft, wird von den Tropfen durchlöchert, bis sie ganz verschwindet. Ich schaue mir auf die Fußsohlen, sie sind sauber, ich tappe durch die Pfützchen. Das weiche, warme Wasser umspült mir die Sohlen. Ich verschenke einen Gedanken an die große laute Stadt, lasse ihn fliegen, er sackt zu Boden, bleibt liegen. Ich hebe ihn auf, ein wenig flattert er noch mit den kleinen Flügelchen, doch schließlich schläft auch er. Ich kehre zurück zum elterlichen Haus, beschaue meine Fußsohlen und es scheint fast, als ob sie sauberer sind als zuvor.

19
Aug

Wieder in Berlin

20 Uhr 44. Drei Flaschen vorzüglichen Rieslings im Gepäck treffe ich im Neuköllner Epizentrum der studentischen Feierlaune meines Matrikeljahres ein. Johanna mit den frisch gewaschenen Haaren öffnet die Tür, Laura muss noch malochen. Eine muss schließlich das Geld verdienen.

20 Uhr 45. Vom vielen Reden sind uns die Kehlen ganz trocken und rau. Um unserer Selbst willen suchen wir fieberhaft nach Lösungen, Johanna hat Weißen im Kühlschrank gefunden, der wird zur ersten Hilfsmaßnahme erklärt.

20 Uhr 46. Die erste Flasche öffnet sich fast von selbst. Wie immer. Der Wein schmeckt, obwohl er als Medizin gilt. Unser Glückstag!

22 Uhr 53. Laura ist endlich fertig. Trifft sich gut, denn Johanna und ich brauchen dringend Nahrung.

23 Uhr 07. Döner hat die Currywurst als typisches Berliner Gericht abgelöst. Gibt’s auch viel häufiger und europaweit. Die Türkei muss überhaupt nicht in die EU, sie ist schon längst da. Europäische Nachkriegsesskultur ohne Döner? Undenkbar!

1 Uhr 30. Die Urlaubserzählungen sind vorbei. In den Weinflaschen herrscht auch gähnende Leere. Durchzählen… ein, zwei, drei, vier,  fünf. Alle Flaschen anwesend. Alle Flaschen leer. Schade eigentlich. Während ich in trüb-schwermütigen Gedanken an Systembollaget denke, senden Johanna & Laura fast gleichzeitig ein bekanntes Stoßgebet gen Himmel: Späti, gib uns Nachschub! Ich schiebe ein Berlin, Hallelujah, Berlin! hinterher.

1 Uhr 31. Wir küren Johanna zur Oberhofweinbesorgungsfachfrau.

1 Uhr 37. Nachschub trifft ein, ein kurzes liebliches Ploppen durchzuckt den Raum, gefolgt von Schwefelgeruch, der der rauchgeschwängerten Luft eine weitere Note hinzufügt. Die Musik wird von laut auf richtig laut gestellt, ein Ball aus drei ziemlich angetrunkenen Menschen schickt sich an, zu einem spontan ausgesuchtem Mix aus 80er und Elektro zu tanzen. Wechselweise wird über die aktuelle musikalische Leitung entschieden. Das Neuköllner Epizentrum afrikawissenschaftlicher Feierlaune ergeht sich in meisterhaften Elegien rhytmischer Zuckungen.

2 Uhr 17. Ich muss dringend schlafen. Sagt mein Körper. Laura heisst mich eine weitere Flasche Wein aufzumachen. Das halbtrockene Ploppen verstummt im Treiben der Bässe. Die Gläser spielen Ringelreihen, kommen und gehen, werden zusammengestossen und geleert, um anschließend von Neuem gefüllt zu werden.

2 Uhr 59. Die siebte Flasche hallt als Dominantsept in mir nach: Sehr dominant und nach Auflösung strebend. Ich muss ins Bett, doch die Damen unbeaufsichtigt auf der Tanzfläche zurückzulassen bringe ich nicht übers Herz. Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach…

3 Uhr 30. Mein Körper strebt zielsicher eine Lösung entgegen, doch nicht ins muntere Dur, sondern ins schläfrige moll, wenn ich mich nicht beeile, gibt es noch einen Vorzeichenwechsel. Ich füge mich, denn mich zu wehren vermag ich beim besten Willen nicht mehr.

3 Uhr 31. Ich falle tot ins Bett.

3 Uhr 32. Es ist Lauras schätze ich, schließlich scheint sie im Dunkel herumzuschweben. Oder liegt sie neben mir? Sie redet. Redet sie? Doch, es ist ihre Stimme. Lauras Zimmer.

7 Uhr 30. Meine mobile Wundermaschine mit den vielen Macken feuert ihren ersten Event des neuen Tages – ein Wecker klingelt.

Irgendwann Uhr Später. Das Telefon triggert den zweiten Event: Aufgrund mangelnder Interaktionsbereitschaft seitens der humanoiden Akteure Klingeln einstellen.

9 Uhr 00. Ein weiterer Weckversuch wird gestartet.

9 Uhr 01. Ich werde munter und öffne meinen Schlafsack. Peter und Alexander durchstreifen noch Morpheus’ weites Reich.

9 Uhr 02. Vor dem Zelt steht Neil Tennant in Elton Johns Nikita-Outfit und reicht mir einen Schonkaffee.

9 Uhr 12. Neil und ich trällern lauthals Single-Bilingual, als ein Elch vorbeikommt und mitsingt. Peter und Alexander sind zu einem verkaterten Peter Alexander mutiert. Peter Alexander geht Espresso kaufen und raucht kubanische Zigarren.

9 Uhr 13. Der Elch singt schief, Neil ist verstimmt und geht.

9 Uhr 14. Der Elch singt nicht wirklich, doch kommen melodische Geräusche aus seinem Maul.

9 Uhr 15. Der Elch ist ein Wecker. Der Elch ist mein Wecker. Mein Wecker klingelt. Na bitte, wer sagt’s denn? Rätsel gelöst. So Elch, du darfst bitte gehen, Neil und ich waren nämlich noch nicht ganz fertig mit singen.

9 Uhr 16. Der Elch geht, das Klingeln bleibt. Ich drehe mich nach allen Seiten um. In einem Gebüsch hockt Neil und wippt zum Takt der Musik, sein Anzug leuchtet in der Morgensonne. Ich rufe ihn an, er redet, doch es klingt wie der Wecker.

9 Uhr 17. Frühsport à la Mimmelitt: Linkes Auge auf, linkes Auge zu; rechtes Auge auf, rechtes Auge zu; auf, zu, auf, zu; beide Augen auf, beide Augen zu; auf, zu, auf, zu. Tückische Täuschung! Neil ist weg, der Elch auch. Peter Alexander wird nicht mit Kaffee wiederkommen, er wird überhaupt nicht wiederkommen! Dafür liegt eine komatöse Frau neben mir. Beide Augen auf. Laura. Laura. Laura?! Laura. Ich werfe die Erinnerungsmaschine an, sie wirft mir ein paar Fetzen vor die Füsse, ich beuge mich äußerst vorsichtig nach unten und schaue mir die Polaroids der letzten Nacht an. Laura. Stimmt schon. Viertel zehn war das? Schon?! Alle Maschinen volle Kraft voraus!

9 Uhr 18. Volle Kraft fühlt sich anders an. Das ist eher Schonkaffee. Zwei weitere Polariods tun sich vor mir auf. Das eine mit vollen Flaschen, das andere voller Flaschen, aber leere. Das erklärt das Schonkaffeegefühl.

9 Uhr 42. Frisch geduscht, behutet und bebrillt steuere ich durchs Treppenhaus. Der Mensch unter der Wohnung ist munter. Jetzt schon? Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, seine Nacht war doch gezwungenermaßen nicht wesentlich länger als unsere. Berlin eben. Durch die Wohnungstür klingt ein Schlager. Wenn nichts mehr geht, eins geht immer, denkt sich die Disco Queen in mir, zieht die Rollschuhe an und legt los. Und dann die Hände zum Himmel und lasst uns fröh-lich sein! Mein Hirn wacht von den Tanzbewegungen des Alkohols auf. Ganz vorsichtig.

9 Uhr 43. Es dreht sich doch nochmal um. Naja, der Wille zählt.

9 Uhr 47. Der U-Bahnhof riecht wie sieben Toiletten rückwärts. Berlin Neukölln, Du hast mich wieder!

9 Uhr 48. Ich bekomme langsam ein Gefühl für meinen Schädel. Er braucht jetzt vor allem Ruhe und viel Platz. Ein Schonkaffee wäre schon schön, wird wohl aber nicht helfen. Das Blut im Alkohol versucht derweil, die Herrschaft an sich zu reissen, doch wird der dilletanitsch ausgeführte Putschversuch bereits im Ansatz vereitelt.

9 Uhr 51. Die U-Bahn fährt ein. Jaqueline, mache du die Affenmusik aus, tobt mein Schädel. Ich gebe ihm Bach und er ist’s zufrieden. Die Tür geht nicht ganz auf, ich muss meinen Kopf vorsichtig durch den Türspalt falten.

10 Uhr 06. Nahrung! Echt-Kaffee! Ich! In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, das Überraschungsmoment gekonnt genutzt, obsiegt das Blut über den Alkohol.

10 Uhr 07. Der Alkohol schlägt zurück. Ich vermittele einen Waffenstillstand samt Abrüstungsplan.

10 Uhr 09. Im Büro. Ich muss meine Sonnenbrille abnehmen, Paul schaut mich an und meint nur: You look worse than I feel.

10 Uhr 12. Mails checken, Soziale Netzwerke prüfen. Das Klopfen in meinem Kopf vermenschlicht sich. Es ist Neil! Ich setze die Kopfhörer auf… New york city boy / You’ll never have a bored day / cause you’re a new york city boy

2
Jul

Zäsuren.

Mein Neffe ist beim Bund. Gerade lief er noch mit seiner viel zu großen Brille fröhlich lachend durch die Wohnung und plötzlich trägt er eine Uniform. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ihn gehen zu sehen ist schon seltsam. Vor mittlerweile einem Jahrzehnt war ich es, der zum Dienst ging. Und jetzt Robert. Damals war er gerade erst aufs Gymnasium gekommen, mittlerweile hat er sein Abitur.

Irgendwie ist es schizophren: Seit Generationen schickt meine Familie ihre Söhne zur Armee. Inzwischen ist er die dritte Generation, die mit Sicherheit auch wiederkommt. Wir gehen ohne großes Nachdenken. Wir gehen, leisten unseren Pflichtdienst und verschwinden wieder. Und doch verurteilen wir deutsche Kriegseinsätze. Das Nachdenken ist auch von zwei Seiten her blockiert. Einerseits wird über einen längeren Dienst nicht wirklich nachgedacht, weil das Auslandseinsätze mit sich führen würde. Andererseits fragen wir uns nicht, was mit dem Grundwehrdienst eigentlich verbunden ist, nämlich die prinzipielle Anerkennung der Notwendigkeit einer Armee, deren eigentlicher Sinn der Angriff und nicht die Verteidigung ist. Wären alle Armeen nur auf Defensive aus, würde sich das Konzept von selbst erledigen.

Wie dem auch sei, mit Roberts Eintritt in die Bundeswehr geht auch etwas zu Ende. Er geht und kommt wieder. Doch er geht und kommt als ein anderer. Diese Veränderung sehen wir nur aus der Ferne, nur in den Momentaufnahmen. Er ist dem Einfluss der Familie entzogen worden, steht zum ersten Mal völlig allein in einem fremden Umfeld und muss sich behaupten. Dass er das meistern wird, steht außer Frage. Und dennoch – wir als seine Familie sind nicht da, um ihm zu helfen. Er muss es ganz allein schaffen. Dieses Loslassen ist das bittersüße in der Freude über seine Selbstständigkeit.

Gestern telefonierte ich mit meinem Bruder, der ihn in die Kaserne brachte. Er war gerade auf dem Heimweg. «Alles Scheiße», meinte er. Ihm fällt es auch nicht leicht, seinen Jungen gehen zu sehen. Aber beide wissen wir, dass dieser Schritt notwendig ist – in Roberts Interesse. Beide haben wir das Gleiche erfahren. Und trotzdem.

Schließlich huscht mir noch ein kleines Lächeln übers Gesicht. Ich freue mich schon auf das erste Wiedersehen mit Robert. Wir werden bei meinen Eltern im Garten sitzen, grillen und Bier trinken. Die alten Hasen unter uns werden erzählen, dass früher alles viel härter war und er sich glücklich schätzen kann, dass er in diesen Zeiten dienen darf. Danach packen wir unsere Dienstgrade aus und norden den Gefreiten in spe erst einmal ein. Zwar sind die Schulterstücke aller vor mir längst passé, denn inzwischen bin ich der Einzige, auf den sich der Ernstfall einer Generalmobilmachung auswirken könnte, aber das zählt in diesem Augenblick nicht. Schließlich haben wir alle längere Dienstzeiten als er.  Nun wird er seine neuesten Geschichten über StUffze und Uffze und OGs und HGs und die Fähnriche und Fahnenjunker auspacken. Wir werden sie gnädig anhören, dabei genüsslich unser Gerstenbrot trinken und anschließend spenden wir ihm Trost und Stärke, indem jeder seine eigenen Geschichten auf den Tisch legt. Genau dieser Augenblick ist etwas eigenartiges: In diesem Moment verbrüdern wir uns nicht als Väter, Brüder und Söhne sondern als Kameraden. Eigentlich geht es dabei darum, Robert in den Kreis der Männer der Familie aufzunehmen – und Feststellung der Hierarchie ist dabei wichtig. Das interessante dabei ist allerdings, dass dies über einen außerfamiliären Zusammenhang geschieht.

Genau jetzt muss ich über dieses zukünftige Treffen schmunzeln. «Mensch, woher kommt Dir das nur bekannt vor?» Und da fällt es mit ein «Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.» Heinrich Mann: Der Untertan. Ach ja, die gute alte Kaiserzeit. Damals war es Sedan 1870, davor waren es die 48er und davor die Teilnehmer der Völkerschlacht. Heute zählen nicht die geschlagenen Schlachten, sondern wieviel Zeit jemand zum Antreten in Kampfmontur hatte oder welche Ereignisse es während der Wachdienste gab. Das Prinzip ist dasselbe, die Geschichten sind andere.

24
Jun

Luft holen / Take a breath

Gerade ist alles ziemlich bunt: Twitter lässt die Leitungen glühen und unterstützt hyperhektisch das Aufbegehren einer Elite, Java & PHP machen mein professionelles und seSotho & Tibet mein akademisches Leben schwer.

Wie soll man da bitte zur Ruhe kommen?!

Natürlich mit einer Aufnahme von Antonín Dvořáks Humoresque op. 101 No. 7 in einer Interpretation von Mischa Elman! Uralt und wunderschön.

Auf ein beiläufig-kurzweiliges Detail möchte ich aber noch kurz aufmerksam machen. Das Video wurde von Warner Brothers produziert und verfügt über eine A- und B-Seite. Das ist wie eine 45er-Schallplatte, nur mit Videos.

At the moment, things are quite fast: Twitter has gone wild over supporting a elite’s uprising, Java & PHP make my professional life a torture while seSotho & Tibet doing the same for the academic.

How am I supposed to calm down then?

With a record of Antonín Dvořák’s Humoresque op. 101 No. 7 interpreted by Mischa Elman! Immemorial and marvellous at once.

There’s a fancy little detail. The video is like a 7″-vinyl but with video: The A-side is Dvořák while the B-side is Gossec. Interesting concept, Warner Brothers.

YouTube Preview Image
7
Jun

A day in life…

«Play»: Langsam fadet sich «Aaron» durch die Kopfhörer in mein Bewusstsein. «Sonnenbrille!» schießt es mir durch den Kopf und ich eile sie zu holen, damit ich im Hausflur bin, bevor der Beat beginnt. Ich berühre die erste Treppenstufe just als der Beat lostritt und wippe mich aus dem Haus. Die Brille ist zwar nicht ganz dem Wetter entsprechend, wohl aber meinem Gemüt. Sie schirmt mich ein wenig von der Realität ab, die Musik tut ihr übriges: Ich gleite durch mein eigenes Musikvideo. Wieder denke ich an meine Idee, einmal eine kleine Videokamera an die Sonnenbrille zu montieren und einfach aufs Geratewohl loszugehen. Mit der richtigen musikalischen Untermalung bestimmt eine preiswerte Möglichkeit Musikvideos zu generieren.

Mit dem «Alten Kamuffel» im Kopf durchquere ich die seltsam anmutende Baustelle in der Goethestraße. Alles voller Schilder, eine Straßenhälfte ist befahrbar, die andere holzumrüstet und offen. Irgendwo liegt ein riesiger Sandhaufen und überhaupt ist nicht ganz klar, auf welcher Straßenseite ich zur Ostseestraße komme.

Ich versuche die Ostseestraße zu überqueren, als «Azure» losdreht. Prompt reißt für einen Moment der Himmel auf. Die Autos ziehen im Rhythmus an mir vorbei. Was will man mehr? Die andere Straßenseite erreichen? Ach ja, richtig! Okay.Ich swinge also über die Straße. Hab noch ganz schön viel Gestern Abend in der Blutbahn. Eine Straßenseite ist überquert. Aber schon wieder eine Baustelle. Der Parkplatz in der Mitte ist auch nur noch halb so groß wie sonst. Diesmal metallumrüstet und offen. Während sich ein Rudel Autos nähert und mich am Wechseln der Straßenseite hindert, entdecke ich einen Fußweg auf der linken Fahrbahnseite. Was es nicht alles gibt. Ich drehe mich um, merke mir das vorletzte Auto der Horde und laufe los. Das Rauschen der Fahrgeräusche dringt langsam in die Musik. Mein Auto zieht an mir vorbei, ich drehe mich um, warte eine Sekunde und bin schon auf der anderen Straßenseite.

«Bengang» kündigt sich an. Mit dem einsetzenden Beat kommt ein dicker Mann aus einer Haustür. Langsam kommt es mir aber schon spanisch vor. Zufall sieht wirklich anders aus. Aber es geht weiter. Ostseestraße Ecke Hosemannstraße steht eine «Richtungstafel in Kurven», dahinter ein Riesenaufsteller von Martin & Frank-Walter. Die Richtungstafel weist für heute auch zum Wahllokal. «Is’ ja gut Jungs, ich komme ja schon», denke ich kopfschüttelnd im Vorbeigehen. one-day-in-life

Tja und da bin ich auch schon: Am Wahllokal. Das muss ich genießen, so oft kann man in Deutschland schließlich nicht wählen. Und diesmal ist es überhaupt eine grandiose Wahl. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen Menschen geben ihre Stimme ab. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen! Von Lappland bis Gibraltar, von der Bretagne bis zum Bosporus! Und daraufhin machen sich siebenhundertsechsunddreissig Menschen aus allen 27 Ländern auf den Weg nach Straßburg und Brüssel, um sich im Parlament zu konstituieren. Mächtig gewaltig, Egon! oder nicht? Okay. Ich habe genug Pathos eingesaugt und grüße die Wahlhelfer mit einem fröhlichen «Guten Morgen». Gut, das klang jetzt noch etwas matt. Ich werde etwas ungläubig angesehen und setze ein «oder so» hinterher. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es bereits halb fünf ist. Nun, damit wäre der Grund für die komischen Blicke gefunden. Vor mir sitzen ein bärtiger Mittdreissiger, der sein gesellschaftliches Engagement demonstriert. Soll ich mal raten? Er wählt grün und ist leidenschaftlicher Prenz’lberger, der Ende der 90er Jahre hergezogen ist. Sie sieht auch ein bisschen aus wie Prenzlauer Berg, aber hat mehr Authentizität. Okay, sie färbt sich ihre Haare, das ist genaugenommen nicht authentisch, aber ihr «rötliche Erdfarben»-Look sieht ehrlich aus. «Sowas hab ich von meinem Sohn auch gehört, wenn er weg war», trällert sie. «Naja, wenn man Student ist, kann man das noch machen», grummelt er. «Neidisch? Unzufrieden mit dem eigenen Leben? Dann ändere es und heule mir nicht die Ohren voll!», denke ich mir. Er schaut auf meinen Personalausweis. «Jahrgang 1981. Naja.» «Naja WAS», antworte ich ihm in Gedanken. «Das ist doch jung», flötet sie.  Das war Balsam für die Seele. Bevor ich losgegangen bin, hatte ich wieder so ein «Du wirst alt» Erlebnis und konnte den Grund diesmal mit Worten dingfest machen. Solange die Generation nach mir noch keinen spürbaren Fußabdruck im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen hat, fühle ich mich den Jungen zugehörig. Auch wenn ich der Älteste der Jungen bin, rechne ich mich dazu und werde dazugerechnet. Ist der Fußabdruck aber vorhanden, ist die Trennung da und plötzlich bin ich der Jüngste der Alten und gehöre zu den anderen. Ich flöte der Rothaarigen also das mildeste «Dankeschön» entgegen, das ich zu bieten habe und verschwinde in die Kabine. Der längste Teil des Wahlvorganges ist irgendwie das Wahlscheinfalten. Der Zettel verschwindet in der Urne und ich aus dem Lokal.Beide Worte sind irgendwie unwirklich zum Ereignis: Urnen beinhalten Asche, Verbranntes, Verbrauchtes, Beendetes. Meine Stimme haben ich zwar abgegeben, aber bis zur nächsten Wahl hat sie doch eine Berechtigung: Aufgrund meines Wahlverhaltens bestimmt sich ein Dreihundertfünfunsiebzigmillionstel der Sitzverteilung des europäischen Parlamentes. Und ein Lokal ist auch etwas anderes. Das hier ist ein öffentliches Gebäude.

Das ist so wie bei Fahrscheinen. Die werden entwertet, bleiben aber gültig. Eigentlich besitzen Fahrscheine doch über die Dauer ihrer Gültigkeit einen Wert und verlieren diesen zusammen mit der Gültigkeit; warum sagen wir dann, dass Fahrscheine entwertet werden? Wenn sie keinen Wert mehr haben, könnten wir sie doch eigentlich wegwerfen. Dann aber wären wir bei der BVG-Kontrolle angeschmiert. Warum zeigen wir eigentlich gültige, aber wertlose Fahrscheine vor?

Hui. Realität. Musik an, Brille auf und weiter geht die Party. Wieder steht Paulchen an den Tellern und versüßt mir den grau behimmelten Sonntag. Okay, im Augenblick treibt mich «Gebrünn Gebrünn» eher, als dass es mich fliegen lässt. Mehr und mehr Schwerkraft liegt auf dem Track. Irgendetwas Dunkles lastet auf diesem Stück. Und genau dieses Dunkle, fast Boshafte hat mein tanzendes Alter Ego gerade vom Himmel geholt und schleift es über den Asphalt. Ich wechsle zu «Sky and Sand» und augenblicklich verwandelt sich die kleine blutverschmierte weisse Taube in einen kleinen aufstehenden Jungen. Er hat Kopfhörer auf und nickt mit dem Kopf zur Musik. Der Beat setzt ein, es gibt eine Blende weg vom Realfilm, hin zur Animation. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung ausschließlich aus Linien, keine Grautöne. Die Stimme im Track setzt wieder ein. Der Junge ist älter geworden, blickt nach links. Die Kamera schaut jetzt durch seine Augen auf seine Freundin, die ihn verliebt ansieht. Der Blick geht zurück und eine urbane Allee eröffnet sich. Die Kamera zieht ein wenig aus seinem Kopf heraus. Kopfhörer, Kopf, Körper. Ein Fußweg mit alternden Platten, parkende Autos, Laubbäume, Häuser. Der Blick geht an den Häuserwänden entlang und bleibt auf kleinen Details stehen, zoomt kurz federnd hinein und wieder heraus und geht weiter. Wieder Zeichnungen, diesmal etwas reifer. Der Junger ist schließlich älter geworden. Albrecht Dürers «Betende Hände» öffnen sich auf der Textzeile in the palm of your hand Dann der letzte Chorus, wieder im Realfilm. Viele Meter weiter. Am Ende der Straße ist eine Bank. Ein alter Mann mit den selben Kopfhörern und dem selben Nicken. Die Kamera fährt auf ihn zu, dreht und blickt durch seine Augen auf die zurückliegende Straße. Er sieht den Jungen mit seiner Mutter nach links vorbeigehen, sein Teenager-Ich geht der Mutter hinterher, überholt sie, die Bilder überlagern sich. Die Freundin geht weinend auf der rechten Seite des Bildes ab. In der Mitte des Bildes wird eine junge Frau halbtransparent und flackernd eingeblendet. Sie altert in ein paar Stufen und verblasst schließlich. In jedem der Bilder lächelt sie den alten Mann auf die selbe Weise an und streckt ihm ihre Hände leicht entgegen. Mit dem letzten Ton gehen die Augen zu.

Ich bin beeindruckt von meiner Phantasie. Ich sollte Regisseur werden. Vielleicht ist Weltursupator doch nicht das Richtige für mich. Das muss ich mir noch überlegen. Ursupator wird aber auf jeden Fall zum Wort der Woche erklärt.

Mit «Square 1» zuckt mir plötzlich ein Schmerz durch die Kniekehlen. Ich muss mich von der Last des letzten Abends befreien, sagt mein Körper. Ich streite mich mit ihm darüber, dass dieses Ziel ein gemeinsames unsererseits sei und ohne den unnötigen Druckaufbau seinerseits schneller erreicht werden könnte. Nach einigem hin und her sieht er es letztlich ein und ich kann unseren Weg entspannt weitergehen.

Die Haustür fällt mit einem Knall ins Schloss und in meinen Kopfhörern schließt eine Berliner S-Bahn ihre Türen.  «Train» fährt mich die Treppe hoch.


Nun noch die Musik zum Titel…

The Beatles – Day In The Life

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Und jetzt die Musik zum Text…

Aaron

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Altes Kamuffel

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Bengang

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Gebrünn Gebrünn

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Sky and Sand

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Square 1

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Train

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