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Sprachgedanken, Sprechgedenken, Sprachdank, Denksprache

marcus 28. Februar 2010

Am späten Vormittag, so wie es sich für den postmodernen Bohème gehört, verabschiede ich mich von der scheinbaren Gutwetterlaune der aufgeregten Metropole und mache mich auf den Weg in die beschauliche Ehrlichkeit der sächsischen Heimat.

Im Zug mache ich es mir mit dem Feuilleton meiner Haus- und Hofzeitung bequem. Ich genieße Philipp Theisohns Artikel über die Causa Hegemann. Aus dem schweizerischen Off weht endlich eine ehrliche, unaufgeregte Stimme herüber, die die aufgeheizte Debatte auf die ihr zustehende Tiefe herunterargumentiert. Ich erkenne das als klare Bestätigung meiner Entscheidung, der Heimat einen Besuch abzustatten. Dabei vergesse ich allerdings, dass Hegemanns Vater Professor an der HMT Leipzig ist.

Achtung auf Finger Gegen Mittag sitze ich also vergnügt im Stadtbus und schaue aus dem Fenster auf die spätwinterliche Stadtidylle meiner Kindheit. Mein Blick wandert umher und bleibt verdutzt unterhalb des Griffes kleben: »ACHTUNG AUF FINGER«. Das ist schon ein Schock. In welcher Sprache wird hier versucht, mir etwas womöglich Wichtiges zu verdeutlichen? Deutsch ist es sicherlich nicht. Vielleicht, so versuche ich mich wieder zu beruhigen, ist es kein Fehler sondern Absicht und in Wahrheit eine Hommage an Betriebsanleitungen japanischer Elektronikhersteller der 80er Jahre. Man weiß es nicht.

Yvette Mimiuex & The Morlock. SRC: http://bit.ly/beLlKsIn der Hoffnung, Zerstreuung zu finden, schmökere ich im journalistischen Lokalmatador, der Leipziger Volkszeitung. Doch ich komme nicht weit: Bereits auf der Titelseite wird der stellvertretende sächsische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Morlok (FDP) mit den Worten zitiert, er stelle »sich rückhaltslos hinter Westerwelle«. Das stimmt einen schon nachdenklich. »Morlok… Morlok… Mensch, das kennst Du doch«, denke ich so für mich. »Mensch? Na klar! Morlocks! H.G. Wells’ The Time Machine in der Verfilmung von George Pal!« Das für sich allein ist schon gespenstisch. Als nächstes stört mich etwas in der Syntax. Ich bin ein Pedant. Das richtige Wort heißt rückhaltlos. Doch auch semantisch ist das selbe Wort grober Unfug: Herr Morlok stellt sich hinter Herrn Westerwelle. Und fällt um. Weil er keinen Rückhalt hat.

Ich bin enttäuscht. Ich will wieder zurück in die offen oberflächliche Hauptstadt. Leipzig, die Stadt, der der größte aller großen deutschen Dichter – um wenigstens einmal meine Deutschlehrerin zu zitieren – in seinem berühmtesten Werk eine eigene Szene zum Geschenk machte, lässt mich in Sachen Sprache so außerordentlich hängen. Doch Johann Wolfgang von antwortet mir in derselben Szene: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!

Im elterlichen Domizil angekommen, muss ich noch eine Sache klären. Ich bin ein Pedant. Wie wird dieses eingeschobene s von Seite eins genannt? War das ein Morphem? Das hatte doch einen eigenen Namen. Also halte ich die Begrüßungszeremonie zur Verwunderung meiner Eltern so kurz wie nötig und stürme geradezu ihre Bibliothek. Der Duden sagt es mir: Fugenlaut. Fugenlaute sind Morpheme. Ich wusste es. Ermutigt lese ich weiter und stoße dabei auf eine dieser spitzfindigen Feinheiten, die die deutsche Sprache so unerlernbar und schön zugleich machen: Wassernot versus Wassersnot. Ersteres bedeutet Wassermangel, letzteres bezeichnet eine Überschwemmungskatastrophe.

Wie schnell sich Antonyme doch bilden lassen und für wie viel Verwirrung man mit einem kleinen Buchstaben sorgen kann. Augenblicklich senkt sich mein Blutdruck, hebt sich meine Laune. Sprache gut, alles gut.

Alles Gute nachträglich…

marcus 4. Oktober 2009

Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.

Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.

Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:

Deutschland Du Opfer

Deutschland Du Opfer

Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!

Oder so.

Zäsuren.

marcus 2. Juli 2009

Mein Neffe ist beim Bund. Gerade lief er noch mit seiner viel zu großen Brille fröhlich lachend durch die Wohnung und plötzlich trägt er eine Uniform. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ihn gehen zu sehen ist schon seltsam. Vor mittlerweile einem Jahrzehnt war ich es, der zum Dienst ging. Und jetzt Robert. Damals war er gerade erst aufs Gymnasium gekommen, mittlerweile hat er sein Abitur.

Irgendwie ist es schizophren: Seit Generationen schickt meine Familie ihre Söhne zur Armee. Inzwischen ist er die dritte Generation, die mit Sicherheit auch wiederkommt. Wir gehen ohne großes Nachdenken. Wir gehen, leisten unseren Pflichtdienst und verschwinden wieder. Und doch verurteilen wir deutsche Kriegseinsätze. Das Nachdenken ist auch von zwei Seiten her blockiert. Einerseits wird über einen längeren Dienst nicht wirklich nachgedacht, weil das Auslandseinsätze mit sich führen würde. Andererseits fragen wir uns nicht, was mit dem Grundwehrdienst eigentlich verbunden ist, nämlich die prinzipielle Anerkennung der Notwendigkeit einer Armee, deren eigentlicher Sinn der Angriff und nicht die Verteidigung ist. Wären alle Armeen nur auf Defensive aus, würde sich das Konzept von selbst erledigen.

Wie dem auch sei, mit Roberts Eintritt in die Bundeswehr geht auch etwas zu Ende. Er geht und kommt wieder. Doch er geht und kommt als ein anderer. Diese Veränderung sehen wir nur aus der Ferne, nur in den Momentaufnahmen. Er ist dem Einfluss der Familie entzogen worden, steht zum ersten Mal völlig allein in einem fremden Umfeld und muss sich behaupten. Dass er das meistern wird, steht außer Frage. Und dennoch – wir als seine Familie sind nicht da, um ihm zu helfen. Er muss es ganz allein schaffen. Dieses Loslassen ist das bittersüße in der Freude über seine Selbstständigkeit.

Gestern telefonierte ich mit meinem Bruder, der ihn in die Kaserne brachte. Er war gerade auf dem Heimweg. «Alles Scheiße», meinte er. Ihm fällt es auch nicht leicht, seinen Jungen gehen zu sehen. Aber beide wissen wir, dass dieser Schritt notwendig ist – in Roberts Interesse. Beide haben wir das Gleiche erfahren. Und trotzdem.

Schließlich huscht mir noch ein kleines Lächeln übers Gesicht. Ich freue mich schon auf das erste Wiedersehen mit Robert. Wir werden bei meinen Eltern im Garten sitzen, grillen und Bier trinken. Die alten Hasen unter uns werden erzählen, dass früher alles viel härter war und er sich glücklich schätzen kann, dass er in diesen Zeiten dienen darf. Danach packen wir unsere Dienstgrade aus und norden den Gefreiten in spe erst einmal ein. Zwar sind die Schulterstücke aller vor mir längst passé, denn inzwischen bin ich der Einzige, auf den sich der Ernstfall einer Generalmobilmachung auswirken könnte, aber das zählt in diesem Augenblick nicht. Schließlich haben wir alle längere Dienstzeiten als er.  Nun wird er seine neuesten Geschichten über StUffze und Uffze und OGs und HGs und die Fähnriche und Fahnenjunker auspacken. Wir werden sie gnädig anhören, dabei genüsslich unser Gerstenbrot trinken und anschließend spenden wir ihm Trost und Stärke, indem jeder seine eigenen Geschichten auf den Tisch legt. Genau dieser Augenblick ist etwas eigenartiges: In diesem Moment verbrüdern wir uns nicht als Väter, Brüder und Söhne sondern als Kameraden. Eigentlich geht es dabei darum, Robert in den Kreis der Männer der Familie aufzunehmen – und Feststellung der Hierarchie ist dabei wichtig. Das interessante dabei ist allerdings, dass dies über einen außerfamiliären Zusammenhang geschieht.

Genau jetzt muss ich über dieses zukünftige Treffen schmunzeln. «Mensch, woher kommt Dir das nur bekannt vor?» Und da fällt es mit ein «Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.» Heinrich Mann: Der Untertan. Ach ja, die gute alte Kaiserzeit. Damals war es Sedan 1870, davor waren es die 48er und davor die Teilnehmer der Völkerschlacht. Heute zählen nicht die geschlagenen Schlachten, sondern wieviel Zeit jemand zum Antreten in Kampfmontur hatte oder welche Ereignisse es während der Wachdienste gab. Das Prinzip ist dasselbe, die Geschichten sind andere.

Das Tageswerk, es ist vollbracht…

marcus 18. April 2009

Auf dem Plan stand für heute: «Referat für Mittwoch machen». Bis jetzt habe ich folgendes dafür getan: Gliederung und Powerpoint-Layout. Inhalte werden eh überbewertet….

Dafür war ich sehr erfolgreich im Netz unterwegs. Außerdem habe ich tolle Sachen auf arte gesehen. Ursprünglich wollte ich im Netz nach «Erdöl, Brot und Korruption» suchen,warum weiß ich jetzt nicht mehr. Doch: Ich finde, dass das ein wichtiger Film ist und wollte mir seine Adresse merken. Leider war das Video nicht mehr auf Arte+7 zu finden. (Was nicht weiter verwunderlich ist, schließlich sind die sieben Tage längst vorbei). Glücklicherweise hat google video noch eine Kopie: http://video.google.com/videoplay?docid=1360370023406213265

Okay. Das hatte ich also gefunden. Nun war mir langweilig. Ich schaltete den Fernseher ein. Nach einer halben Folge Futurama musste ich erneut feststellen, dass das Fernsehangebot unterirdischst ist. Doch dann stolperte ich beim zappen über «Kigali – Bilder gegen ein Massaker». Eine grandiose weil erschütternde Dokumentation über den mehr als zynischen Umgang der Welt mit dem Völkermord in Ruanda 1994. Interessanterweise ist Bernard Kouchner jetzt französischer Außenminister und hat den von ihm geschaffenen Posten des Staatssekretärs für Menschenrechte wieder abgeschafft. Was dabei verwundert ist eigentlich nur, dass er ihn überhaupt geschaffen hat.

Zwischendurch beschloss ich, mit dem Twittern zu beginnen.

Nachdem ich das durch hatte, fing ein Spielfilm an, der mich in seiner Art ebenso fesselte: «Vom atmen unter Wasser». Nah, intensiv und doch befremdend. Aber menschlich, ehrlich und schön. Die Geschichte ist kurz erzählt: Eine deutsche Bilderbuchfamilie zerbricht: Die Tochter wird mit 16 Jahre ermordet. Ein Jahr später versucht die Mutter, sich das Leben zu nehmen. Vater hat inzwischen eine heimliche Neue und der Sohn kommt mit der besten Freundin seiner toten Schwester zusammen. Nach und nach bricht all das ungesagt schwelende auf und reißt die Familie auseinander.

Tja und dann habe ich ein paar tolle Webseiten gefunden. Zum einen diese hier, die eine Kampagne beschreibt, die unter einem Zitat George Orwells läuft: History is written by the winners (die Gesichte wird von den Gewinnern geschrieben). Grandios. Danach noch zwei blogs zum Thema Werbung, nämlich das hier und jenes dort. Eine Sache, die mich auch schon seit einer Weile interessiert: Über Werbung schreiben. Kann man nicht Werbekritiker sein? Werbung ist doch auch Kunst, oder? Über ein anderes blog kam ich auf www.idoidea.co.za. Sieht schon ein bisschen weird aus, aber ein interessanter Versuch. Dann fand ich «Herman Manson’s Blog» und einen langen Artikel über Web2.0. Manson ist der Ansicht, dass Facebook nicht zum web2.0 gehört. Ist ein interessanter Ansatz, der mir bislang so nicht bewusst war, aber da ist was dran. Tja, man vergisst so schnell, mit welchem Anspruch web2.0 eigentlich angetreten ist. Schließlich wurde ich noch auf eine weitere Seite aufmerksam. Das ist ein südafrikanischer Anbieter, der wohl ein Wordpress soweit aufgebohrt hat, dass es ein massenfertiges CMS für die eigene Webseite ist. Großartig!

Schlussendlich ist mir gerade aufgefallen, dass die Seite mit der Zitat-von-Orwell-Kampagne und Herman Manson eng zusammengehören – Manson ist Herausgeber des blogs und Autor des Artikels. Außerdem ist MarkLives! ein Medienmagazin aus Südafrika, dessen erste Ausgabe  man hier sehen kann.

Denise in Ghana I – Tag 1

marcus 21. Januar 2008

2 Uhr 55
Die Wecker klingeln. Ich ignoriere sie; außer atmen und schlafen ist es eh das Einzige, zu dem ich im Augenblick fähig bin.

2 Uhr 57
Mein Körper scheint etwas gemacht zu haben, die Wecker sind jedenfalls aus. Wäre ich nicht so müde, wäre ich jetzt hellauf begeistert von meinen vegetativen Fähigkeiten.

3 Uhr
Der Weckruf.

3 Uhr 1
Der Weckruf. Mein schlafdösiges Gehirn murmelt mir «Murmeltier» in den Sinn. Wie jetzt? Grüßt es? Schlafen die nicht um die Zeit Winter? Egal. Gekonnt setze ich meine Magie ein und ignoriere diese seltsame Paradoxie.

3 Uhr 2
Denise weckt mich. Die Routine rotiert.

3 Uhr 3
Denise weckt mich. Verdammt. Ich hatte gehofft, sie hat es inzwischen vergessen. Wir vertagen mein Aufstehen bis zu ihrer Rückkehr.

3 Uhr 25
Sie ist zurück. Verdammt. Ich meinte Ghana, sie das Bad. So viele Rückschläge und der Tag ist noch so jung. Das kann ja was werden heute. Mein Ego geht zum Heulen in die Ecke.

Das erste Telefonat kam von meiner Mutti. Sie ist doch glatt munter geworden und hat angerufen. Das ich jetzt noch nicht überrascht sein kann, warte ich bis es wieder geht.

3 Uhr 35
Mein Ego hat den Schock überwunden und beruhigt. Gemeinsam wuchten wir unseren Körper aus dem Bett und steuern ihn vorsichtig durch die Wohnung.

3 Uhr 45
Oh Fortuna! Kaffee! Mein hellbraunes, überzuckertes Lebenselixier. Meine Menschwerdung beginnt.

4 Uhr
Das Telefon hat vorhin wirklich geklingelt. Es war meine Mutti. Fetzig. Meine Mutti bekommt den Tages-Orden für die beste Überraschung am Band.

4 Uhr 15
In drei Minuten fährt die Bahn, die wir nehmen wollten. Na mal gucken, wann wieder etwas fährt.

4 Uhr 28
Wir verlassen die Wohnung. Denise Nerven nerven. Es ist doch noch viel zu früh, um panisch zu sein.

4 Uhr 30
Gut. Die Bahn ist jetzt weg. Na dann halt die nächste Verbindung.

4 Uhr 36
Eine außerplanmäßige M1. Gut. Die grobe Richtung stimmt, also steigen wir ein. Der einzige Passagier ist ein schlafender Mann. Schläft der noch oder schon? Ich bin ehrlich neidisch.

4 Uhr 37
Denise ist der festen Ansicht, dass die M1 nach links zur Eberswalder abbiegt. Warum sie das tun soll, ist mir zwar schleierhaft, es steht etwas völlig andersartiges als Streckenziel auf dem Display und ich habe meine Abweichlermeinung geäußert, aber wenn meine Frau aussteigen will, steigen wir aus.

Just als die Bahn abklingelt, fällt Denise ein, wo die Björnsonstraße ist. Jetzt ist es aber zu spät dafür.

Ein Bus auf dem Weg zum Betriebshof fällt in Denise’ Blickfeld. Aha, was ist das für ein Bus? Kann das eine M13 sein, die Ersatzverkehr fährt? (Wäre dann nicht die ganze Haltestelle seit vier Wochen mit Hinweisschildern beplankt? Gäbe es dann nicht einen Fahrplan dafür? Würde die Straßenbahn dann an der Anzeigentafel stehen? Würde die Anzeigentafel dann nicht einen Hinweis liefern, wohin die Haltestelle dann umgezogen wäre?) Egal. Ich sehe unsere M13 schon.

4 Uhr 38
Aha. Fahrplanmäßige Bahnen sind schon etwas voller. Den zusteigenden Gestalten geht es wie mir: eigentlich wollen wir alle nur wieder ins Bett.

4 Uhr 50
Wir steigen um. Denise wird mal wieder leicht panisch. Zwar weiß sie, wo der Bus abfährt, aber es könnte gut sein, dass die Haltestelle vor fünf Minuten ohne eine Vorwarnung einfach umgezogen ist. Gut. Wir müssen erkennen, dass alles beim Alten ist. Die Straße steht gut unter Wasser. Ich suche eine möglichst trockene Route zur anderen Straßenseite.

Denise zieht, nach hinten schauend, das Lauftempo unvermittelt an. Kein Bus in Sicht, dafür aber Autos direkt vor uns. Diesmal zügele ich ihre unerklärbare Panik etwas strenger.

4 Uhr 52
Wir kommen an der Haltestelle an. Links von uns besteht die gesamte Busspur auf etwa zehn bis fünfzehn Metern nur aus Wasser. Ich dirigiere uns auf einen möglichst sicheren Abstand.

4 Uhr 54
Die morgendlichen Busse scheinen sich alle zu ähneln. Wenn ich früher in die Schule gefahren bin, wusste ich immer, welches Gesicht an welcher Haltestelle einsteigt. Denksport am Morgen. Ich sehe, dass es hier nicht anders ist.

5 Uhr 5
Die Straßennamen folgen offenbar einem großen Konzept. Bei uns geht es ums Baltikum, hier um Hauptstädte. Ich stelle fest, dass sich Dublin deutsch ausgesprochen wie ein pommersches Kaff anhört. Da haben die Iren aber Glück
gehabt, dass sie englisch reden, sonst wären sie noch Pommern. Wo sie es doch so schon schwer genug haben mit den Briten.

5 Uhr 6
Am Kurt-Schumacher-Platz füllt sich der Bus schlagartig. Hier haben die sich also alle versteckt. So so.

5 Uhr 12
Pünktlich wie die Eisenbahn erreichen wir das Terminal. Denise will sich an einem Automaten einchecken, bricht aber ab. Kreditkarte oder so fehlt. Sie geht wieder hin und bricht ab. Der Automat will den Code nicht. Sie geht wieder hin und ist erfolgreich. War der falsche Code. Automatische Gepäckaufgabe bis eine Stunde vor dem Start, danach nur am Check in. Panik. Schon wieder. Toll!

5 Uhr 14
Während wir in der Schlange stehen, versuchen wir, eine Tüte über den Rucksack zu ziehen. Das ist nicht unbedingt schön. Bei den Temperaturen hier wirkt mein Mantel wie eine Sauna und das sich die Schlange immer weiter vorwärts bewegt, macht das Eintüten nicht unbedingt leichter.

5 Uhr 20
So. Alles eingetütet und aufs Band gelegt. 19,7 kg. Respekt.

5 Uhr 25
Nu isse weg. Ich stöpsele mir die Kopfhörer in die Ohren, die Umgebungsgeräusche werden zu einer leisen, dumpfen Geräuschkulisse, während mir Paul Simon etwas über Bernadette erzählt.

6 Uhr 2
Die Verbindungen haben wirklich sauber funktioniert, aber die Straßenbahn lasse ich trotzdem wegfahren. Schließlich ist es sechs Uhr am Morgen.

6 Uhr 5
Paul meint, dass Killer wants to go to college und ich hingegen will nur nach Hause, das aber bitteschön im Takt dieser absolut coolen Rhythm’n'Blues -Musik. Natürlich passt mein Outfit dazu. Um es endgültig zu komplettieren, öffne ich den Mantel und drehe mir eine Fluppe.

6 Uhr 20
Ich passe den Zeitungsheini samt NZZ ab und swinge die Treppen hoch. So. Jetzt erstmal ein wenig ausruhen.

Gegen Elf kommen meine Eltern.

Ich hätte den Rechner meines Papas nicht Paris nennen dürfen. Aber irgendwie haben wir beide nie Glück gehabt, bei der Auswahl der Rechnernamen. Medeia war so manches Mal auch ein bisschen unschön zu handhaben. Seit inzwischen fünfzehn Jahren beschäftige ich mich Computern und dachte eigentlich, da sieht man einiges, aber das war auch für mich neu: /etc war völlig leer und im Benutzerverzeichnis fehlten gerade die sensiblen Verzeichnisse. Sehr ominös, das Ganze. Naja. Ich spiele also das gleiche System wie vorher auf, bekomme aber neue Fehler. Aristoteles hatte doch Recht, als er sagte, dass das Ganze mehr als nur die Summe seiner Teile sei. Das kann sich die Informatik mit ihrem vermaledeiten Determinismus-Fetisch ruhig hinter die Ohren schreiben. Egal. Elf Stunden später ist also fast alles wieder in bester Ordnung, mein Papa ist soweit versorgt. Irgendwie sind solche Tage ja auch schön: Den ganzen Tag unter Strom stehen, in kürzester Zeit mindestens drei alternative Lösungswege für ein
Problem finden, für dessen nähere Analyse eigentlich keine Zeit vorhanden ist. Ich fühle mich wie ein M.A.S.H.-Doktor. Nennt mich einfach Hawkeye Pierce junior. :-)

Am Abend kommt Alexander vorbei und wir beschließen, unseren Termin zu verschieben. Nachdem sich meine Eltern auf den Heimweg gemacht haben, spannen Alexander und ich ein wenig ab und ich versuche, meine Niederlage gegen die Maschine zu verarbeiten. Wir finden eine Sendung, die sich mit dem «Mainzer Adelsverein» beschäftigt. Abgesehen von der Tatsache, dass von den ursprünglich mehr als 7.300 Einwandern am Schluss höchstens die Hälfte dort ankam, wo sie hin sollte und von denen dann auch noch einmal ein Großteil gestorben ist, gab es einen sehr interessanten Aspekt: Wir haben eine Art Freundschaftsvertrag mit den Comanchen abgeschlossen und uns sogar daran gehalten. Pacta sunt servanda. Wie sich das eben gehört für den Rechtsnachfolger des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

19 Uhr 11

Denise ist in Lagos gelandet! Wir gucken bei google maps nach und sind neidisch. Sie hat die Sahara überquert!

00 Uhr 39
Jetzt ist sie in der provisorischen Unterkunft angekommen. Die Typen scheinen ein bisschen wirr zu sein. Feministische Emanzipation als Ursache für mehr Homosexualität in der Gesellschaft. Das wäre doch mal ein Thema für die CSU und ihren hessischen Ableger Koch.

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