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Artikel, die mit dem Schlagwort »Polemik – die unterhaltsame Form der Diskussion« versehen wurden

4
Okt

Alles Gute nachträglich…

Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.

Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.

Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:

Deutschland Du Opfer

Deutschland Du Opfer

Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!

Oder so.

23
Jul

Bedrohte Minderheiten. Heute: Die Jugend.

Man kann den 68-ern ja vorwerfen, was man will. Heute will ich ihnen auch einmal etwas vorwerfen. Nämlich, dass sie mit ihrem verhunzten Aufstand für die Vergreisung der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind.

Das statistische Bundesamt hat vor zweieinhalb Jahren die Ergebnisse seiner 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung präsentiert. Aus den Grafiken lässt sich zum Beispiel herauslesen, dass sich der Anteil der über 35-jährigen seitdem kontinuierlich gesteigert hat. Waren die Alten während der letzten Revolution noch in der Unterzahl, so werden sie sich bis 2050 einen bequemen Vorsprung von gut 20% verschafft haben. Wenn 70% der Bevölkerung lieber in Ruhe Sportschau und Sturm der Liebe gucken wollen, lässt sich’s schwer revoluzzen. Naja, man könnte von 7 bis 13 Uhr und dann nochmal von 15 bis 22 Uhr.  Das sind immerhin 11h Revolution am Tag und anschließend kann man noch eine Stunde beraten, um dann 8h zu schlafen und frisch, fromm, fröhlich, frei in den neuen Revolutionstag zu stürzen. Von 13 bis 15 Uhr gäbe es sogar Mittagspause und Halbzeit zugleich.

Sozial verträgliche Revolutionen! Das wird der neue deutsche Exportschlager!

Okay. Ich nehme, alles zurück: Danke, liebe 68-er. Durch Euer beherztes Aufbegehren werden wir Jungen zwar in die demographische Defensive gedrängt, doch wenn wir dies als Chance und nicht als Problem begreifen, können wir revoluzzen ohne die staatliche Ordnung zu gefährden und dieses revolutionäre Revolutionsprinzip in die Welt exportieren, um davon die Renten Eurer Kinder zu bezahlen und Euch zu gefallen.


Gut. Ich bemerke gerade, dass ich demographisch gerade noch so in die gerade erwähnte Generation hineinfalle. Andererseits aber auch wieder nicht. Eigentlich bin ich auch ein Kind der Praktikums- und Krisengeneration. Das sind die Menschen, die trotz multipler Auslandsaufenthalte, Qualifikationen und Fremdsprachen nur an Praktika geraten. Das ist das Prinzip, was zwar allgemein durch Lippenbekenntnisse verschmäht wird, aber weiterhin gängige Praxis ist. Euer Prinzip. Ein Weiteres ist, uns von Kindesbeinen an die Angst vor dem Aufmucken einzubläuen, weil nur Duckmäuser Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das war sehr clever von Euch. Macht nur so weiter und Ihr werdet Euch eine Generation williger Rentenleistungerbringungsaffen heranzüchten, die für Euch tanzt, während Ihr von individueller Freiheit, Bürgerrechten und demokratischen Prinzipien schwadroniert. Dann könnt Ihr Euch jeden Morgen im Aufenthaltsraum Eures Pflegeheimes treffen und gemeinsam diese Jugend von heute begaffen, die sich auf der Straße darum prügelt, die Gebisse von 150 alten Menschen putzen zu dürfen. Für ein Mittagessen, versteht sich. Der Rest muss an Euch gehen, ihr seid ja schließlich die pflegebedürftige Mehrheit und wir leben in einer solidarischen Gemeinschaft. Mit Euern statistischen 1,4 Kindern seid Ihr alle Eltern.

Wisst Ihr, was Ihr eigentlich verdient hättet? Dass sich die heutige Jugend als Minderheit begreift, sich zusammenrottet, Minderheitenschutz beantragt und Euch bei dieser Gelegenheit ins Gesicht sagt, was ihr an Eurem System nicht passt:

Entweder Zukunftsjobs oder Schluss mit lustig.
Entweder Ihr macht hier mal wirklich was oder wir werden Eure Rente nicht zahlen.

Entweder alle hören auf, unsere Planeten zu terminieren, anstatt nur davon zu reden oder wir bringen die Zukunft zu Ende.
Denn eins ist mal klar: Wenn’s auf dem Planeten kuschelig warm sein wird und Eure dämlichen Atomfässer im Salzschacht fleißig vor sich hinbrodeln, werdet Ihr nicht mehr anwesend sein.
Wir aber schon.
Meint ihr allen Ernstes, wir haben Lust darauf?
Meint Ihr allen Ernstes, wir würden das Gleiche machen wie Ihr – Kinder in eine verrottende Welt setzen und hoffen, dass es denen einmal besser gehen wird, obwohl wir doch alle längst wissen, dass das nicht der Wahrheit entspricht – und den zweifelhaften Mut aufbringen, diesen – unseren – Kindern diese Lebenslüge der Gesellschaft ins Hirn zu pflanzen?

Gebt uns Jobs und bezahlt uns anständig, sonst ist sozialer Frieden etwas, wovon Ihr träumen könnt, wenn wir Euch lassen.

Obwohl: Ein Aufstand der Jugend gegen das Alter muss fehlschlagen, weil die Kommunikationsebenen andere sind. Die Jugend argumentiert und handelt eher emotional, während das Alter eher (pseudo-) sachlich spricht.

Nun. Das können wir auch.
Wenn wir wollen.
Wollen wir aber nicht.
Aber wenn wir wollten, ginge das höchstwahrscheinlich so: Wir sagen Euch einfach ganz in Ruhe wie wir uns das vorstellen und präsentieren Euch einen neuen Gesellschaftsvertrag. Falls Ihr den ablehnt, werden wir uns umdrehen und Euch ignorieren.  Und die Rentenkasse mit unseren frischgezeugten Kindern plündern. Ha!

13
Feb

neulich bei Herrn Beckmann

Es ist immer wieder ein Erlebnis zu sehen, wie sich Beckmanns Gäste erniedrigen lassen, um ein wenig Publicity zu ergattern. Ebenso unterhaltsam ist es auch, sich selbst immer wieder dabei zu ertappen, doch auf die Gäste gespannt zu sein, obwohl man doch weiß, dass Herr Beckmann ein denkbar ungeeignetes Gegenüber für ein auch nur ansatzweise tiefergehendes Gespräch ist. Jedesmal denkt man sich vorher: «Mensch, das musst Du sehen, das ist bestimmt toll» und jedesmal denkt man sich währenddessen: «Meine Güte, das kann der doch nicht ernst meinen» oder «Hat der das jetzt wirklich gesagt?»

Ein Beispiel: Nichtsahnend erwartet man eine Unterhaltung über die Kommune 1 und erlebt stattdessen einen offenbar tiefsitzenden Komplex, als es darum geht, die durchaus provokante These, ob eine ganze Generation nun Mittäter des Dritten Reiches sein kann oder nicht, zu diskutieren. Es interessiert den Zuschauer im Grunde genommen herzlich wenig, ob und wie intensiv Herr Beckmann mit seinem Vater über diese Zeit geredet oder – man glaubt es fast nicht – diskutiert hat, dennoch hat der Moderator die sensationelle Gabe, seinen Vater und dessen Schuld oder Unschuld am dritten Reich zu verteidigen und Herrn Langhans damit im gleichen Atemzug stark zu brüskieren. Vielleicht soll es dem Zuschauer aber auch eins verdeutlichen: Hier ist ein Moderator, der auch das letzte Stück seines Wesens in die Waagschale wirft, um authentisch zu wirken. Vielleicht versucht er ja auch, der Fels in der Brandung des wertneutralen Unterhaltungsfernsehens zu sein. Vielleicht ist es ja wirklich so: Hier steht einer, der lieber auf die die Gastfreundschaft begleitende Höflichkeit seinen Gästen gegenüber verzichtet, als auf einen seiner Werte.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht ist der professionelle Moderator gar nicht so professionell. Vielleicht stehen auf den Zetteln, von denen er beim Formulieren seiner geist-reichenden Fragen – die zu oft nichts mit dem vorher Gesagten zu tun haben – offenbar abliest, schon fertige Fragen. Das wäre genauso clever, wie eine Frau zu einem romantischen Candle-Light-Dinner auf einer Brücke im Freien mit Tiefkühlpizza zu überraschen. Dann wäre die Professionalität nur eingeübt und käme nicht von Innen heraus. Wie bei einem schlechten Schauspieler.

Zumindest würde das erklären, warum er den Gästen, die offenbar nicht zum auserlesenen Kreise seiner Sympathieträger gehören, seine Nicht-Sympathie geradezu entgegenschleudert und diese plump vor den Kopf stößt. Ebenso wäre es eine Erklärung für seine Körpersprache, die dem ungeübten Betrachter nur zwei Sachen zu vermitteln scheint: Einerseits ist unser Mustermoderator nicht wirklich an dem, was seine Gäste zu sagen haben, interessiert, und ob sie das spüren oder nicht, ist ihm herzlich egal; andererseits ist er aber sehr daran interessiert, klug klingende Fragen mit klugen Worten zu bespicken und zum Besten zu geben. Genau die Qualitäten, die ein Gastgeber von Welt besitzen muss. Was würde Erich Kästner dazu schreiben?

Dennoch bleibt schließlich zu sagen, dass das Sendeformat durchaus sehr viele spannende Punkte enthält, der Moderator ist leider keiner von ihnen. Vielleicht wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, ob Herrn Beckmann mit weniger Sendungen und Gästen geholfen wäre, weil es ihm die Möglichkeit gäbe, sich intensiver auf seine Gäste vorzubereiten und die klugen Fragen mit den klugen Worten auswendig zu lernen. Vielleicht ist es aber für Herrn Beckmann an der Zeit, sich zu überlegen, ob er es Frau Christiansen gleichtun sollte – zum Wohle des Senders, versteht sich.

Es ist immer wieder ein Erlebnis zu sehen, wie sich Beckmanns Gäste erniedrigen
lassen, um ein wenig Publicity zu ergattern. Ebenso unterhaltsam ist es auch,
sich selbst immer wieder dabei zu ertappen, doch auf die Gäste gespannt zu sein,
obwohl man doch weiß, dass Herr Beckmann ein denkbar ungeeignetes Gegenüber für
ein auch nur ansatzweise tiefergehendes Gespräch ist. Jedesmal denkt man sich
vorher: «Mensch, das musst Du sehen, das ist bestimmt toll» und jedesmal denkt
man sich währenddessen: «Meine Güte, das kann der doch nicht ernst meinen» oder
«Hat der das jetzt wirklich gesagt?»

Ein Beispiel: Nichtsahnend erwartet man eine Unterhaltung über die Kommune 1 und
erlebt stattdessen einen offenbar tiefsitzenden Komplex, als es darum geht, die
durchaus provokante These, ob eine ganze Generation nun Mittäter des Dritten
Reiches sein kann oder nicht, zu diskutieren. Es interessiert den Zuschauer im
Grunde genommen herzlich wenig, ob und wie intensiv Herr Beckmann mit seinem
Vater über diese Zeit geredet oder – man glaubt es fast nicht – diskutiert hat,
dennoch hat der Moderator die sensationelle Gabe, seinen Vater und dessen Schuld
oder Unschuld am dritten Reich zu verteidigen und Herrn Langhans damit im
gleichen Atemzug stark zu brüskieren. Vielleicht soll es dem Zuschauer aber auch
eins verdeutlichen: Hier ist ein Moderator, der auch das letzte Stück seines
Wesens in die Waagschale wirft, um authentisch zu wirken. Vielleicht versucht er
ja auch, der Fels in der Brandung des wertneutralen Unterhaltungsfernsehens zu
sein. Vielleicht ist es ja wirklich so: Hier steht einer, der lieber auf die die
Gastfreundschaft begleitende Höflichkeit seinen Gästen gegenüber verzichtet, als
auf einen seiner Werte.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht ist der professionelle
Moderator gar nicht so professionell. Vielleicht stehen auf den Zetteln, von
denen er beim Formulieren seiner geist-reichenden Fragen – die zu oft nichts mit
dem vorher Gesagten zu tun haben – offenbar abliest, schon fertige Fragen. Das
wäre genauso clever, wie eine Frau zu einem romantischen Candle-Light-Dinner auf
einer Brücke im Freien mit Tiefkühlpizza zu überraschen. Dann wäre die
Professionalität nur eingeübt und käme nicht von Innen heraus. Wie bei einem
schlechten Schauspieler.

Zumindest würde das erklären, warum er den Gästen, die offenbar nicht zum
auserlesenen Kreise seiner Sympathieträger gehören, seine Nicht-Sympathie
geradezu entgegenschleudert und diese plump vor den Kopf stößt. Ebenso wäre es
eine Erklärung für seine Körpersprache, die dem ungeübten Betrachter nur zwei
Sachen zu vermitteln scheint: Einerseits ist unser Mustermoderator nicht
wirklich an dem, was seine Gäste zu sagen haben, interessiert, und ob sie das
spüren oder nicht, ist ihm herzlich egal; andererseits ist er aber sehr daran
interessiert, klug klingende Fragen mit klugen Worten zu bespicken und zum
Besten zu geben. Genau die Qualitäten, die ein Gastgeber von Welt besitzen muss.
Was würde Erich Kästner dazu schreiben?
Dennoch bleibt schließlich zu sagen, dass das Sendeformat durchaus sehr viele
spannende Punkte enthält, der Moderator ist leider keiner von ihnen. Vielleicht
wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, ob Herrn Beckmann mit weniger
Sendungen und Gästen geholfen wäre, weil es ihm die Möglichkeit gäbe, sich
intensiver auf seine Gäste vorzubereiten und die klugen Fragen mit den klugen
Worten auswendig zu lernen. Vielleicht ist es aber für Herrn Beckmann an der
Zeit, sich zu überlegen, ob er es Frau Christiansen gleichtun sollte – zum Wohle
des Senders, versteht sich.

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