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Artikel, die mit dem Schlagwort »Philosophie« versehen wurden

28
Feb

Sprachgedanken, Sprechgedenken, Sprachdank, Denksprache

Am späten Vormittag, so wie es sich für den postmodernen Bohème gehört, verabschiede ich mich von der scheinbaren Gutwetterlaune der aufgeregten Metropole und mache mich auf den Weg in die beschauliche Ehrlichkeit der sächsischen Heimat.

Im Zug mache ich es mir mit dem Feuilleton meiner Haus- und Hofzeitung bequem. Ich genieße Philipp Theisohns Artikel über die Causa Hegemann. Aus dem schweizerischen Off weht endlich eine ehrliche, unaufgeregte Stimme herüber, die die aufgeheizte Debatte auf die ihr zustehende Tiefe herunterargumentiert. Ich erkenne das als klare Bestätigung meiner Entscheidung, der Heimat einen Besuch abzustatten. Dabei vergesse ich allerdings, dass Hegemanns Vater Professor an der HMT Leipzig ist.

Achtung auf Finger Gegen Mittag sitze ich also vergnügt im Stadtbus und schaue aus dem Fenster auf die spätwinterliche Stadtidylle meiner Kindheit. Mein Blick wandert umher und bleibt verdutzt unterhalb des Griffes kleben: »ACHTUNG AUF FINGER«. Das ist schon ein Schock. In welcher Sprache wird hier versucht, mir etwas womöglich Wichtiges zu verdeutlichen? Deutsch ist es sicherlich nicht. Vielleicht, so versuche ich mich wieder zu beruhigen, ist es kein Fehler sondern Absicht und in Wahrheit eine Hommage an Betriebsanleitungen japanischer Elektronikhersteller der 80er Jahre. Man weiß es nicht.

Yvette Mimiuex & The Morlock. SRC: http://bit.ly/beLlKsIn der Hoffnung, Zerstreuung zu finden, schmökere ich im journalistischen Lokalmatador, der Leipziger Volkszeitung. Doch ich komme nicht weit: Bereits auf der Titelseite wird der stellvertretende sächsische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Morlok (FDP) mit den Worten zitiert, er stelle »sich rückhaltslos hinter Westerwelle«. Das stimmt einen schon nachdenklich. »Morlok… Morlok… Mensch, das kennst Du doch«, denke ich so für mich. »Mensch? Na klar! Morlocks! H.G. Wells’ The Time Machine in der Verfilmung von George Pal!« Das für sich allein ist schon gespenstisch. Als nächstes stört mich etwas in der Syntax. Ich bin ein Pedant. Das richtige Wort heißt rückhaltlos. Doch auch semantisch ist das selbe Wort grober Unfug: Herr Morlok stellt sich hinter Herrn Westerwelle. Und fällt um. Weil er keinen Rückhalt hat.

Ich bin enttäuscht. Ich will wieder zurück in die offen oberflächliche Hauptstadt. Leipzig, die Stadt, der der größte aller großen deutschen Dichter – um wenigstens einmal meine Deutschlehrerin zu zitieren – in seinem berühmtesten Werk eine eigene Szene zum Geschenk machte, lässt mich in Sachen Sprache so außerordentlich hängen. Doch Johann Wolfgang von antwortet mir in derselben Szene: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!

Im elterlichen Domizil angekommen, muss ich noch eine Sache klären. Ich bin ein Pedant. Wie wird dieses eingeschobene s von Seite eins genannt? War das ein Morphem? Das hatte doch einen eigenen Namen. Also halte ich die Begrüßungszeremonie zur Verwunderung meiner Eltern so kurz wie nötig und stürme geradezu ihre Bibliothek. Der Duden sagt es mir: Fugenlaut. Fugenlaute sind Morpheme. Ich wusste es. Ermutigt lese ich weiter und stoße dabei auf eine dieser spitzfindigen Feinheiten, die die deutsche Sprache so unerlernbar und schön zugleich machen: Wassernot versus Wassersnot. Ersteres bedeutet Wassermangel, letzteres bezeichnet eine Überschwemmungskatastrophe.

Wie schnell sich Antonyme doch bilden lassen und für wie viel Verwirrung man mit einem kleinen Buchstaben sorgen kann. Augenblicklich senkt sich mein Blutdruck, hebt sich meine Laune. Sprache gut, alles gut.

21
Aug

Gedanken, Fragen

Ich glaube, wir leben zu wenig. Ich glaube, wir sind mit uns selbst zu sehr nicht im Reinen. Wir vertrauen uns selbst viel zu wenig. Und wir hören auch zu selten auf uns. Deswegen vertrauen wir Anderen mehr als uns selbst. Deswegen setzen wir auch zu viel Vertrauen in Andere. Deswegen müssen uns die Anderen zwangsläufig enttäuschen. Aber nicht die Anderen enttäuschen uns, wir enttäuschen uns selbst. Auch führt der Nicht-Glaube an uns selbst dazu, dass wir den Dingen mehr Vertrauen schenken, als uns selbst und damit mehr, als sie verdienen. Wir schufen die Dinge, damit sie unser Leben vereinfachen, und nicht dafür, dass sie es kontrollieren. Sie wurden und werden geschaffen, um uns frei zu machen. Stattdessen geben wir die Verantwortung, die wir für uns selbst tragen, an die Dinge ab, die wir schufen, in dem vermeintlichen Glauben, dass sie uns helfen. Damit schufen wir uns eine neue Abhängigkeit, damit kam erst die Zeit viel stärker in den Blickwinkel unserer Betrachtungen, unserer Denkweise und unserer Art zu leben. Wie flexibel sind wir, wenn wir uns ohne ein Telefon auf der Straße unsicher fühlen? Wie abhängig sind wir von diesem Ding, wenn wir ohne es nicht auf die Straße gehen? Geht das Leben nicht auch so weiter? Nur weil es uns die Möglichkeit eröffnet, immer und überall erreichbar zu sein, leitet sich doch daraus keine Pflicht oder gar ein Zwang ab. Sicherlich verlangsamt das die Prozesse, aber sind wir nicht das Maß aller Dinge, die wir wollen? Ist dieses immer-mehr-immer-schneller-immer-billiger wirklich das, was wir uns wünschen, oder geht es nicht vielmehr darum, dass man, wenn man diese Welt verlässt sagen kann «Ich habe gelebt»? Warum muss immer alles effektiver, effizienter sein? Sicherlich: Wir können es uns nicht mehr leisten, diese Welt und ihre Güter zu verschwenden, aber wird sie nicht vielmehr dadurch verschwendet, das wir alles und das immer sofort wollen und dass genug nie genug ist? Wenn man den Fuß vom Gas nimmt, fährt man langsamer, kommt aber entspannter ans Ziel. Außerdem verbraucht man weniger. Sollten wir nicht auch so leben? Vielleicht könnten wir dann nicht so viel besitzen, aber wären wir dann nicht reicher. Wohin führt uns dieser ewige Dauerlauf nach vorn? Kommt man nicht auch gehend ans Ziel?

In unserer zivilisierten Welt ist doch einiges an Unmenschlichem zu viel und vieles, was uns umgibt, lässt sich als Spiegelbild unserer Seelen nutzen. Wir brauchen nur aus dem Haus zu gehen und zu schauen. Entsprechen Häuser, in denen hunderte Menschen wohnen oder arbeiten dem Begriff «human»? Wieso zwingen wir uns, zu bestimmten Zeiten an einem Ort zu sein, um eine Tätigkeit auszuüben, die wir in gleichem Maße auch in einem Park oder in einem Bett ausüben könnten? Muss unsere Welt immer nach Vernunft und Sachlichkeit funktionieren?

Muss denn jede Gelegenheit, die existiert auch genutzt werden, weil man befürchtet, sie käme nie wieder?

20
Jun

Systemfehler?

Alle theoretischen Gesellschaftskonstrukte und ihre praktischen Ausläufer zielen darauf ab, so viele Subgesellschaften wie möglich zu erfassen, ohne die Möglichkeit einer späteren freiwilligen Abkehr der Subgesellschaften vom Leviathan einzubeziehen.

Seit dem Ende der französischen Revolution haben sich in verschiedenen Phasen Grenzen verschoben, Völker getrennt und vereint; immer mit dem Ziel, all jene, die zusammen gehören, zu vereinen. Für das 19. Jahrhundert soll an dieser Stelle das Stichwort Nationenbildung genügen, im 20. Jahrhundert fallen gleich zwei: Separatismus sowie Vielvölkerstaat. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat dieser Prozess in eine neue Qualität erreicht, dessen Ausmaß durchaus schon zu erkennen ist: Der Vielvölkerstaat Europa.

Doch geht dieser Prozess wie alles Menschliche nicht ohne Zwang von statten: Natürlich kann sich ein Land entscheiden, dass es der EU nicht beitritt. Dann allerdings muss es auch mit den Konsequenzen leben, die umso stärker sind, je schwächer das Land ist, denn: Teil eines solchen Wirtschaftsraumes zu sein, erleichtert den Aufschwung der nationalen Wirtschaft ungemein.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks konnte man jedoch die Lindenblattstelle dieses Prozesses genau sehen: Den Ausnahmefall, der eintritt, wenn sich mindestens ein Volk nicht wohlfühlt und ausbrechen will. Dann muss sich der Rest die Frage stellen: Lassen wir sie ziehen oder zwingen wir sie mit Gewalt oder lassen wir es ganz sein und jeder macht von nun an seins?

Die erste der drei Möglichkeiten ergibt sich nur sehr selten, nämlich genau dann, wenn ein großer Staat so instabil ist, dass er keine Möglichkeit mehr hat, die zweite Option zu wählen. Das Gleiche gilt für die dritte. In vielen ehemaligen Sowjetrepubliken hat das funktioniert, in Jugoslawien beispielsweise nicht.

Doch nehmen wir ein anderes Beispiel: Was wäre, wenn sich Deutschland entschließen würde, allen Bündnissen zu entsagen und folglich aus EU und NATO austreten würde? Sind diese Bündnisse überhaupt daraus vorbereitet?

Im Falle der NATO wäre die erste Überlegung, ob es nicht günstiger sei, Deutschland einfach zu besetzen und zum Verbleib zu zwingen, schließlich kennen wir die NATO schon sehr lange. Für Europa wäre das ein ebenso herber Schlag: Alle Zollkontrollen müssten dauerhaft wieder aufgebaut werden, der Transitverkehr würde mindestens erschwert werden, die Währungen würden sich wieder trennen usw.

Was ist das aber für eine Freiheit, die nicht die Chance einräumt, nein zu sagen?

Das, was im Großen gilt, ist auch für den Einzelnen von Interesse. Niemand hat uns gefragt, ob wir dem Gesellschaftsvertrag überhaupt zustimmen. Man geht einfach davon aus. Was aber ist, wenn jemand wirklich einmal auf die Idee kommt und die Leute fragt und dabei herausbekäme, dass ein Drittel oder ein Viertel der Bevölkerung mit der Verfassung in ihrer jetzigen Form nicht einverstanden sind? Man müsste sie zumindest observieren lassen, schließlich sind sie offiziell Staatsfeinde. Was würde passieren, wenn eine Kleinstadt plötzlich die Trennung von Deutschland proklamieren würde? Würden wir sie besetzen? Falls ja: Wie würde sich das auf das Vertrauen dieser Bürger zur Verfassung, zum Rechtsstaat, zur Achtung der Menschenrechte auswirken? Wollen wir das?
Doch: Geht es überhaupt anders?

20
Mrz

Der Weg

Ich habe heute die Gedanken von Erich Fromm über das Menschenbild bei Marx gelesen. Das Buch macht wirklich hungrig auf Marx. Mir scheint, dass sich viele Widersprüche zwischen meinem bereits formulierten Denken und meinem Fühlen damit auflösen werden. Ich bin wirklich gespannt.

22
Jan

Wider der Vernunft / Kant ist tot.

Kann es sein, dass alle Modelle, alle Ideologien und Theorien, die versuchen, diese Welt zu beschreiben, nie vollständig sein können? Kann es sein, dass die Antwort auf die große Frage nach dem Warum? eine ganz einfache, aber unaussprechliche Antwort hat? Dass uns die »Wahrheit«, an die wir uns nur annähern können, eigentlich unser ganzes Leben lang als Brett vor der Kopf hängt?

Es existiert eine universelle, allgemeingültige Wahrheit. Sie ist kürzer als 42. Wir alle sind Teil dieser Wahrheit. Jedes Atom dieses Universums bildet diese Wahrheit. Wenn wir kreativ schaffen oder forschen oder nachdenken, beschreiben wir einen Ausschnitt aus dieser Wahrheit. Wir vermögen aber nicht, sie gänzlich, allumfassend zu beschreiben. (Vielleicht würden wir es schaffen, aber dann müsste sicherlich alle Materie zu Tinte und Papier gemacht werden, damit genug Platz zum Aufschreiben vorhanden ist)

Unser Kardinalfehler beim Beschreiben der Wahrheit ist der Gebrauch unserer Vernunft. Eigentlich ein Instrument, um sie zu beschreiben, wie aber alles andere auch, kann Vernunft nur einen Teil abdecken. Vernunft kann Liebe nicht erklären, kann Musik nicht sinnvoll beschreiben.

Warum?

Vernunft ist das Gegenteil von Gefühl und Gefühle sind unaussprechlich; die für sie gefundenen Worte sind in jeder Sprache anders und jede Kunst beißt sich an ihnen die Zähne aus. Jedes Wort ist eine schlecht gemachte Vereinfachung dessen, was das eigentliche Gefühl ausmacht. Wenn wir uns überlegen, wie viele tausend Liebesgedichte es gibt, dann wird schnell klar, wie komplex ein Gefühl ist, doch kommt ein einzelnes Gefühl selten allein.

Die »Wahrheit« ist ein Zustand aus Gefühl. Das ist alles.

Damit ist sie zwar nicht gedruckt transportierbar und demzufolge auch nicht in der Schule lehrbar, denn jeder Mensch muss den für ihn geeigneten Weg finden, sich der/seiner Wahrheit zu nähern, aber das macht nichts.
Vielleicht ist genau das auch der Sinn.
Vielleicht denken wir viel zu tief.
Vielleicht ist es ganz einfach.

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