Wenn der Morgen erwacht
…und man selbst nicht wieder erwachen möchte. Nie wieder!
Sich vielleicht überlegt, wie die letzten Stunden vor dem Dahinraffen in Morpheus’ Reich ausgesehen haben und plötzlich ein sehr ungutes Gefühl bekommt. Ein Geistesblitz zuckt durchs erwachende Hirn und man reißt die Augen auf. ‘Oh Gott. Oh Nein. Lass das nicht wahr sein.‘ Langsam und zögernd dreht sich der Kopf auf die Seite und erblickt ein fremdes Gesicht, dass sich die künstliche Verfärbung die ganze Nacht schon am Kopfkissen abgerieben hat. Sie schläft noch. Sehr gut. ‘Wer ist sie eigentlich und seit wann habe ich sie im Schlepptau?‘ Nervöses Kramen im Erinnerungskatalog. Die Einträge des Vorabends sind eine lose Zettelsammlung. ‘Kein Wunder, dass ich mich nicht erinnern kann!‘ Ein verschwommenes Polaroid taucht auf. Es ist das Bird. ‘Da waren wir zuletzt. Aber da war sie schon von Anfang an dabei. Wo war ich (oder wir) davor? Und kann mal jemand den Namen der Dame besorgen, bevor sie aufwacht?!‘ An solchen Morgen stelle ich fest, dass so ein Extra-Hirn schon gut wäre. Weil man seins verloren hat. Vielleicht via USB oder als Pille. Need a Brain? In your face! Oder im Nutella drin. Albert Einstein frühstückt Nutella. Das wäre die Werbung schlechthin! Oder als Zäpfchen? Neu! Hirn für’n Arsch! Ich muss schmunzeln. Der Humor ist schonmal munter. Lächeln geht auch. Gut, denn lächeln wird gleich wichtig sein, wenn Wie hieß sie jetzt? Und woher kommt sie? … aufwacht. Da muss ich halbwegs die Panik überlächeln können. Es gibt nicht schlimmeres am Morgen, als munter zu werden und in ein fremdes Gesicht zu schauen, dessen Blick einem unmissverständlich klarmacht: Du warst ein Fehler.
Naja. Vielleicht ist auch alles anders…
Zäsuren.
Ich habe heute ungefähr 98% all meiner Mails aus den letzten sechs Jahren verloren. Durch einen richtig dummen Fehler. Ein dumpfes Gefühl aus Verlust und Leere macht sich breit. Auch Trauer, denn nicht nur Gedanken und Erinnerungen gehen verloren, sondern auch ein Stück Selbst.
Das letzte Mal ist mir das vor sechs Jahren passiert. Es fühlte sich an, wie das Ende einer Epoche. Viele Bindungen aus der Schulzeit hatten sich verlaufen, ich war im Studium angekommen und noch nicht ganz drauf und dran, es zu verlassen. Und ich bereitete mich trotzdem schon auf meinen großen Flug vor.
Auf einmal waren alle Mails weg: Computer kaputt. Dieses Gefühl zum ersten Mal zu spüren, war wie einen kleinen Tod zu sterben.
Mit leichtem Gepäck fliegt man höher. Und fällt tiefer. Mein Sturm und Drang kam in Hochform und ging hernieder, mein Studium hinterher. Ich verließ die Stadt, blieb mit einem Bein im Alten verhaftet und stand mit dem anderen schon im Neuen. Der Spagat wurde größer und größer und mit ihm meine Zaghaftigkeit. Wieder gab mir das Schicksal einen Klaps, ich sprang diesmal schon halb selbst ins kalte Wasser und schwomm ein halbes Jahr allein um dann Halt zu finden. Nun war es Zeit den großen Sprung zu wagen. Also sprang ich, griff ins Leere. Einmal, zweimal, dreimal und doch fügte es sich und ich landete unversehrt.
Nun liegt die Vergangenheit endgültig hinter mir. Vor mir ein altbekannter Nebel, doch das Gefühl ist besser. Und heute sind wieder die Mails weg. Nach sechs Jahren und zwei Umzügen. Und wieder dieses Gefühl. In einige Briefwechsel habe ich wirklich hin und wieder geschaut und jedes Mal ein neues Detail erlebt. Einige brachten mich zum Lachen, andere zum Nachdenken, bei manchen schossen mir Tränen in die Augen, bei anderen die Schamesröte ins Gesicht. Aber ich würde sie alle nur ungern missen. Meine Worte, meine Gedanken.
Wahrscheinlich sagt mir das Schicksal jetzt, dass ich meine dokumentierte Vergangenheit ruhen lassen soll und mich besser auf das besinne, was ich wirklich mitnehmen möchte. Kurzum: Ballast abwerfen. Wahrscheinlich hat das Schicksal Recht. Den nächsten Flug werde ich mir hart erarbeiten müssen, aber er kommt.
Generation Dumpfwut
Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.
In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.
Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.
Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.
Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.
Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.
Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn
- sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
- muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
- sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)
Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,
- was man besetzt,
- wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
- muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
- ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
- ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.
Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.
Mehr noch:
- Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf. - Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder? - Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet. - Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
- Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft. - Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.
Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.
Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.
Punk never dies
Punk- aufbegehrende Jugendliche, die versuchen, sich dem Mainstream zu entziehen, indem sie die Sprache ihrer Vorgeneration auf eine Verwandlungsreise mitnehmen und sich durch einen Ewig-Anti-Mainstream-Look vom Establishment abgrenzen. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist, kann eigentlich nur die Zeit beantworten. Gestern konnte ich TV Smith live erleben. Inzwischen 51jährig, ist auch er eine durchmischte Erscheinung. Hager wie Kollege Iggy Pop, ein verschmitztes Lächeln wie Bruno Jonas vom Scheibenwischer und als Musiker ein wütender, junggebliebener Dylan. Doch, es ist erschreckend, wie wenig anstößig Punk mit einer einzigen verstärkten Akustikgitarre klingt. Da hilft kein Fuchteln und kein Wedeln: Das ist ganz einfache politische Folkmusik. So ist also Punk wieder in dem Haus angekommen, dass es wild pubertär aufbegehrend einmal verlassen hatte, um die Welt zu erobern. «Punk’s not dead» stimmt also noch immer, aber irgendwie ist er doch sehr erwachsen geworden. Dem mögen die bürgerlichen Groupieabiturientinnen zwar nicht gern zustimmen, aber tief in ihrem Innersten, wenn sie einen Moment innehalten, ihre Körper nicht freimütig an verlebte Legenden der Elterngeneration feilbieten, werden sie feststellen, dass sie mehr mit den Altvorderen verbindet, als sie bereit sind, zuzugeben. Punk ist eine gesellschaftliche Anti-Haltung, aber keineswegs eine Anti-Monetäre. Sicherlich haben einige einen harten Weg nach oben gemacht, aber heute sind die Wege deshalb auch kürzer und weniger lehrreich. Wenn man nur in ein weiches Kissen fallen kann, ist der Abgrund kaum gefährlicher als eine Treppenstufe. Doch Angst macht radikal, treibt an. Die hageren, wilden Punks von damals wurden von den Rebellen der Jungen Union beerbt. Schade eigentlich.
Gedanken, Fragen
Ich glaube, wir leben zu wenig. Ich glaube, wir sind mit uns selbst zu sehr nicht im Reinen. Wir vertrauen uns selbst viel zu wenig. Und wir hören auch zu selten auf uns. Deswegen vertrauen wir Anderen mehr als uns selbst. Deswegen setzen wir auch zu viel Vertrauen in Andere. Deswegen müssen uns die Anderen zwangsläufig enttäuschen. Aber nicht die Anderen enttäuschen uns, wir enttäuschen uns selbst. Auch führt der Nicht-Glaube an uns selbst dazu, dass wir den Dingen mehr Vertrauen schenken, als uns selbst und damit mehr, als sie verdienen. Wir schufen die Dinge, damit sie unser Leben vereinfachen, und nicht dafür, dass sie es kontrollieren. Sie wurden und werden geschaffen, um uns frei zu machen. Stattdessen geben wir die Verantwortung, die wir für uns selbst tragen, an die Dinge ab, die wir schufen, in dem vermeintlichen Glauben, dass sie uns helfen. Damit schufen wir uns eine neue Abhängigkeit, damit kam erst die Zeit viel stärker in den Blickwinkel unserer Betrachtungen, unserer Denkweise und unserer Art zu leben. Wie flexibel sind wir, wenn wir uns ohne ein Telefon auf der Straße unsicher fühlen? Wie abhängig sind wir von diesem Ding, wenn wir ohne es nicht auf die Straße gehen? Geht das Leben nicht auch so weiter? Nur weil es uns die Möglichkeit eröffnet, immer und überall erreichbar zu sein, leitet sich doch daraus keine Pflicht oder gar ein Zwang ab. Sicherlich verlangsamt das die Prozesse, aber sind wir nicht das Maß aller Dinge, die wir wollen? Ist dieses immer-mehr-immer-schneller-immer-billiger wirklich das, was wir uns wünschen, oder geht es nicht vielmehr darum, dass man, wenn man diese Welt verlässt sagen kann «Ich habe gelebt»? Warum muss immer alles effektiver, effizienter sein? Sicherlich: Wir können es uns nicht mehr leisten, diese Welt und ihre Güter zu verschwenden, aber wird sie nicht vielmehr dadurch verschwendet, das wir alles und das immer sofort wollen und dass genug nie genug ist? Wenn man den Fuß vom Gas nimmt, fährt man langsamer, kommt aber entspannter ans Ziel. Außerdem verbraucht man weniger. Sollten wir nicht auch so leben? Vielleicht könnten wir dann nicht so viel besitzen, aber wären wir dann nicht reicher. Wohin führt uns dieser ewige Dauerlauf nach vorn? Kommt man nicht auch gehend ans Ziel?
In unserer zivilisierten Welt ist doch einiges an Unmenschlichem zu viel und vieles, was uns umgibt, lässt sich als Spiegelbild unserer Seelen nutzen. Wir brauchen nur aus dem Haus zu gehen und zu schauen. Entsprechen Häuser, in denen hunderte Menschen wohnen oder arbeiten dem Begriff «human»? Wieso zwingen wir uns, zu bestimmten Zeiten an einem Ort zu sein, um eine Tätigkeit auszuüben, die wir in gleichem Maße auch in einem Park oder in einem Bett ausüben könnten? Muss unsere Welt immer nach Vernunft und Sachlichkeit funktionieren?
Muss denn jede Gelegenheit, die existiert auch genutzt werden, weil man befürchtet, sie käme nie wieder?
Systemfehler?
Alle theoretischen Gesellschaftskonstrukte und ihre praktischen Ausläufer zielen darauf ab, so viele Subgesellschaften wie möglich zu erfassen, ohne die Möglichkeit einer späteren freiwilligen Abkehr der Subgesellschaften vom Leviathan einzubeziehen.
Seit dem Ende der französischen Revolution haben sich in verschiedenen Phasen Grenzen verschoben, Völker getrennt und vereint; immer mit dem Ziel, all jene, die zusammen gehören, zu vereinen. Für das 19. Jahrhundert soll an dieser Stelle das Stichwort Nationenbildung genügen, im 20. Jahrhundert fallen gleich zwei: Separatismus sowie Vielvölkerstaat. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat dieser Prozess in eine neue Qualität erreicht, dessen Ausmaß durchaus schon zu erkennen ist: Der Vielvölkerstaat Europa.
Doch geht dieser Prozess wie alles Menschliche nicht ohne Zwang von statten: Natürlich kann sich ein Land entscheiden, dass es der EU nicht beitritt. Dann allerdings muss es auch mit den Konsequenzen leben, die umso stärker sind, je schwächer das Land ist, denn: Teil eines solchen Wirtschaftsraumes zu sein, erleichtert den Aufschwung der nationalen Wirtschaft ungemein.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks konnte man jedoch die Lindenblattstelle dieses Prozesses genau sehen: Den Ausnahmefall, der eintritt, wenn sich mindestens ein Volk nicht wohlfühlt und ausbrechen will. Dann muss sich der Rest die Frage stellen: Lassen wir sie ziehen oder zwingen wir sie mit Gewalt oder lassen wir es ganz sein und jeder macht von nun an seins?
Die erste der drei Möglichkeiten ergibt sich nur sehr selten, nämlich genau dann, wenn ein großer Staat so instabil ist, dass er keine Möglichkeit mehr hat, die zweite Option zu wählen. Das Gleiche gilt für die dritte. In vielen ehemaligen Sowjetrepubliken hat das funktioniert, in Jugoslawien beispielsweise nicht.
Doch nehmen wir ein anderes Beispiel: Was wäre, wenn sich Deutschland entschließen würde, allen Bündnissen zu entsagen und folglich aus EU und NATO austreten würde? Sind diese Bündnisse überhaupt daraus vorbereitet?
Im Falle der NATO wäre die erste Überlegung, ob es nicht günstiger sei, Deutschland einfach zu besetzen und zum Verbleib zu zwingen, schließlich kennen wir die NATO schon sehr lange. Für Europa wäre das ein ebenso herber Schlag: Alle Zollkontrollen müssten dauerhaft wieder aufgebaut werden, der Transitverkehr würde mindestens erschwert werden, die Währungen würden sich wieder trennen usw.
Was ist das aber für eine Freiheit, die nicht die Chance einräumt, nein zu sagen?
Das, was im Großen gilt, ist auch für den Einzelnen von Interesse. Niemand hat uns gefragt, ob wir dem Gesellschaftsvertrag überhaupt zustimmen. Man geht einfach davon aus. Was aber ist, wenn jemand wirklich einmal auf die Idee kommt und die Leute fragt und dabei herausbekäme, dass ein Drittel oder ein Viertel der Bevölkerung mit der Verfassung in ihrer jetzigen Form nicht einverstanden sind? Man müsste sie zumindest observieren lassen, schließlich sind sie offiziell Staatsfeinde. Was würde passieren, wenn eine Kleinstadt plötzlich die Trennung von Deutschland proklamieren würde? Würden wir sie besetzen? Falls ja: Wie würde sich das auf das Vertrauen dieser Bürger zur Verfassung, zum Rechtsstaat, zur Achtung der Menschenrechte auswirken? Wollen wir das?
Doch: Geht es überhaupt anders?
Neue Spielregeln für ein altes Spiel
In letzter Zeit hört, sieht und liest man von Dingen, die man schon aus dem Geschichtsbuch kennt. Der Wahlkampf nimmt Weimarer Züge an und als Reaktion gibt es nur Worthülsen. Traurig ist dabei, dass mit alten Denkweisen – die ebenfalls dem Geschichtsbuch zu entstammen scheinen – gearbeitet wird.
Ich denke, dass wir ein paar Wahrheiten akzeptieren müssen, so schmerzhaft sie auch sein mögen.
- Wir haben Territorium verloren. Weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsens sind bereits in brauner Hand. Auch wenn sie nicht das nötige politische Gewicht haben, so sind sie bereits als feste politische und gesellschaftliche Kraft akzeptiert. Daher können sie es sich auch erlauben, in die Mottenkiste zu greifen und ihre SA-Taktiken zu nutzen.
- Wir sind stehen geblieben. Es ist die Schuld der etablierten Parteien, wenn die NPD ihren Nachwuchs ohne Gegenwehr heranziehen kann. Die eigentliche Jugendarbeit liegt brach. Wir reden mit unserer Zielgruppe – der Jugend – in unserer Sprache: Der Sprache von Sozialwissenschaftlern, von Juristen und Politikern. Wir versuchen, möglichst ohne Ecken und Kanten zu sein. Medientauglich aufzutreten. Das ist aber nicht die Sprache unserer Zielgruppe. Da ist es klar, wenn die zunächst unpolitische Mehrheit für die Programme der NPD empfänglich ist.
- Die NPD hat eine äußerst kreative und erfolgreiche Markteintrittsstrategie. Im Gegensatz zu ihren Opponenten, die nur lokal arbeiten und sehr unzureichend landes- oder bundesweit organisiert sind, hat sie ein Ziel und eine ausgeklügelte Strategie, um dieses Ziel zu erreichen.
- Wir haben Angst davor, politisch zu sein. Kaum ein einflußreicher Mensch stellt sich hin und sagt: Mein Name ist Mensch Meier, ich bin Geschäftsführer von Firma XYZ und bin gegen rechts. Das geht nicht, weil es eine politische Meinung widerspiegelt. Man wird ja sofort in ein linkes Milieu hineingeschoben.
- Wir haben nichts aus der Geschichte gelernt. Die Weimarer Republik ging unter anderem auch zu Grunde, weil sich die etablierten Parteien aus ideologischen Zwängen heraus zu sehr voneinander abgrenzen mussten und in gemeinsamen Punkten dennoch ihren eigenen Standpunkt vertreten sehen wollten. Auch heute ist es schwer, ein breites Bündnis aufzumachen, weil die Konservativen beispielsweise nicht mit den Linken kooperieren wollen. Unsere durch Eitelkeiten verursachte Uneinigkeit macht die NPD stark. Wir erfüllen ihre Erwartungshaltung.
- Unsere Instrumente versagen. Parallel zueinander existieren viele verschiedene Initiativen und Projekte, die zwar das gleiche Ziel verfolgen, jedoch nur bedingt an einem Strang ziehen. Es gibt von Seiten staatlicher Stellen verschiedene Fördertöpfe, die für eine begrenzte Zeit Gelder zur Verfügung stellen, letztlich muss aber festgestellt werden, dass sie nur der Tropfen auf den heißen Stein sind. Das einzige was sie bewirken ist, dass der “Gebietsverlust” nicht ganz so schnell von statten geht.
Nun müssen wir uns noch ein paar Dinge vor Augen halten, wenn wir an einer erfolgreichen Lösung dieses Problems interessiert sind.
- Wir führen einen Krieg.
Unser Gegner zeigt sich offen, operiert aber auch verdeckt.
Er verfügt über eine breite Unterstützung in Teilen der Bevölkerung.
Er befindet sich seit einiger Zeit in der Offensive, wenngleich er offensichtlich schwächer ist, als wir.
Das zu verteidigende Gebiet sind die Köpfe der Kinder und Jugendlichen. Wir operieren in selbstständigen Einheiten gegen einen Gegner, der sich bereits seit einer ganzen Weile formiert hat.
Im Augenblick sind wir unkoordiniert und der Gegner nutzt unsere Schwäche für seine Offensive. Wir aber müssen nun einerseits unsere Verteidigung aufbauen, stärken und halten, andererseits aber selbst in die Offensive gehen. Dafür allerdings sind Pläne notwendig. Pläne brauchen Zeit. Wir müssen also zwei Probleme gleichzeitig bearbeiten. - Wir versuchen, einen unliebsamen Konkurrenten vom Markt zu drängen.
Die nationalistischen Kräfte drängen seit einiger Zeit auf den Parteienmarkt. Um auf einem gesättigten Markt Fuß fassen zu können, muss man einige Nischen finden und darin für Alleinstellungsmerkmale sorgen.
Im Sachen Jugendarbeit sind sie uns um Ellen voraus. Während wir ganz offensichtlich versuchen, die Jugend zu erziehen, schieben die Nationalisten ihre Ideologie in kleinen Häppchen ganz subtil unter die eigentlich unpolitischen Maßnahmen. Sie stellen sich wunderbar auf ihre Zielgruppe ein. Wir offenbar nicht genug.
Wir müssen also Territorium und Markt zurückerobern. Was ist dafür zu tun?
- Zunächst sollten alle Initiativen und Akteure gegen rechts erfasst werden.
Damit lassen sich Dopplungen und Schwerpunkte einfacher finden und die wenigen Kräfte bündeln. Zuviele Bündnisse existieren auf einer Ebene nebeneinander her. Zwischen den Bündnissen gibt es zu wenig Kommunikation, daher auch mehrfache Schwerpunkte und Lücken.
- Danach muss man einen Erfahrungs-, Ideen und Informationsaustausch gewährleisten.
Auch hier können Kräfte gespart werden. Man muss das Rad nicht zwei- oder dreimal erfinden. Außerdem kann man sehen, welches Konzept wo schon einmal versucht wurde oder wer bereits Erfahrungen mit einem speziellen Problem hat.
Des Weiteren wäre es doch schön, wenn man übergreifend agieren würde, wenn sich also beispielsweise Lehrer und Projektbetreuer stärker in die Hände spielen würden, als es jetzt der Fall ist.
- Man benötigt eine Task Force.
Hier geht es um eine möglichst schnelle und kreative Form der Reaktion. Die NPD operiert nach dem gleichen Modell an verschiedenen Orten. Eine Task Force könnte dies erkennen und sich Möglichkeiten überlegen, wie man möglichst effektiv, aber witzig diesen “Angriff” abwehren kann. Das operative Defensiv-Oberkommando, um bei der militärischen Sprache zu bleiben.
- Es braucht ein Strategic Command.
Das größte Problem ist die vergeudete Zeit für Reaktionen auf Aktionen der NPD. Das ist alles nur Verteidigung. Verteidigung aber bindet nur sinnlos eigene Kräfte, wenn sie nicht innerhalb eines festen Zeitrahmens in eine Offensive übergeht. Und das kontrolliert, strukturiert und an der ganzen Front. Bei dem momentanen Organisationsniveau werden so viele Kräfte und so viel Zeit für Gegenmaßnahmen vergeudet, dass es nicht mehr möglich ist, an eine erfolgreiche Offensive zu denken.
- Schluß mit ideologischer Verblendung.
Wir dürfen uns nicht mehr länger mit ideologischem Firlefanz herumärgern. Hier geht es um eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, bei der die persönliche Weltanschauung nicht relevant ist.
- Keine Gewalt, keine Provokationen
Das Ungeheuer NPD geht ohne seine vielen Köpfe ein. Wir müssen also den Köpfen begegnen. Das darf aber nicht in der übliche Manie geschehen. Es ist notwendig, jedem Menschen auf einer Ebene zu begegnen und eine abweichende Meinung zu akzeptieren. Eine logisch inkonsistentes Weltbild verfestigt sich unter Druck nur noch mehr, durch fragen und Offenheit wird es allerdings zerbrechen.
- Finanziers benennen.
Wer finanziert die NPD? Wer gibt ihnen das Geld für ihre Aktionen? Wo sind die cleveren investigativen Journalisten, die deren Namen und den ihrer Unternehmen veröffentlichen? Wenn die Spender und Unterstützer auf einmal im Licht der Öffentlichkeit stehen, bekommen sie hoffentlich Angst und überlegen sich in Zukunft dreimal, ob sie der NPD weiter Geld spenden wollen oder nicht.
- Ein Bündnis aus Köpfen, nicht Organisationen
Mitglieder des Bündnisses sollten bestenfalls Menschen sein und nicht die Organisationen, für die sie arbeiten. Die können das Bündnis gern tatkräftig unterstützen, doch brauchen wir nicht ein Bündnis der “alten Schule”, das letztendlich zu einem linken Sammelbecken verkommt und sich durch mit ideologisch-verfärbten Worthülsen versehene Aktionen und Mitteilungen selbst diskreditiert. Dieses Bündnis soll ein Zusammenschluss verschiedener gesellschaftlicher Akteure sein und dazu führen, dass sich die Jugend zu selbstbewussten Demokraten entwickeln kann. Was sie mit ihrem Wahlzettel veranstalten, ist uns letztlich egal (solange sie hingehen und nicht NPD wählen). Auf welche Seite des politischen Theaters sie sich schlagen werden, sollte ihnen überlassen werden.
Vielleicht sollte es eine stillschweigende Abmachung zwischen den unterstützenden politischen Organisationen sein, dass man den Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 16 Jahren die Möglichkeit gibt, ein Verständnis für Demokratie zu entwickeln und erst danach versucht, sie als Mitglieder zu werben. - Die Finanzierung muss unabhängig werden.
Möglicherweise ist eine gemeinnützige AG oder eine Bürgerstiftung hierfür zweckmäßig. Wichtig ist jedoch, dass die Finanzierung der Projekte gegen rechts nicht mehr nur vom Staat geleistet werden kann und soll. Letztlich ist es ebenso auch das Interesse der GlobalPlayer in Deutschland, für ein bundesweites Klima zu sorgen, dass es ausländischen Mitarbeitern ermöglicht, ohne Angst nach Deutschland zu kommen. Eine staatsfremde Organisationsform ist hierfür sicherlich sinnvoll, nicht zuletzt auch, weil in solchen Organisationen private Gelder eher eingehen, als in staatliche.
Wir bedienen uns nur einiger theoretischer Methoden der Kriegsführung, wir schlagen dem Ungeheuer nicht die Köpfe ab, wir verprügeln nicht. Wir wollen überzeugen und wir müssen es auch.
Neue Stadt
Ich liebe ja Großstädte. Nach einer fast sechsjährigen Absinenz in Stralsund hat mich die Großstadt in Form der Metropole Berlin endlich wieder. All die Enge der Stadt und die Ruhe der Region, die sich wie ein Schleier über Gemüt und Geist legen, sind fort. Ich habe glücklicherweise jeden Tag fast anderthalb Stunden Zeit, um die aufgestaute Bücherliste langsam abzuarbeiten. Der Geist ist wieder quicklebendig, neue Eindrücke sprudeln auf mich ein und aus mir heraus, es ist eine Heimkehr.
Jetzt, wo ich Schlag auf Schlag neue Eindrücke sammle, erscheint mir die Stralsunder Zeit manchmal als Schlaf, der mich nicht nur sechs, sondern zwölf Jahre gekostet hat. Ich laufe, ich eile, um so viel Zeit wie möglich wieder einzuholen. es wird nicht gelingen, aber die vorhandene Zeit möchte und muß ich endlich mit der Lektüre nutzen, von der ich mich selbst abgehalten habe.
Die Räume der Wohnung sind hell, licht und hoch. Ich habe einen Balkon vor der Nase; genug Räume, um meine eigenen Gedanken fliegen zu lassen, es ist wie ein warmes, feuchtes Beet im Frühling, dass darauf wartet, dass sich die Blumenzwiebeln in ihm endlich öffnen und emporwachsen.






