Alle Artikel mit dem Schlagwort 'Keine Drogen. Ich wiederhole: Keine Drogen!'

Von Kühen und Nahrungsfahrstühlen.

marcus 3. März 2010

British Columbia. Sagt mir etwas… In Vancouver sind die Olympischen Spiele zu Ende gegangen. Unten USA, schräg oben auch USA, links der Ozean, leider nicht von seiner wärmsten Seite, rechts geht’s direkt ins kanadische Nichts und mittendrin: Berge, ein bisschen Felder und hin und wieder eine Stadt.

Hört sich irgendwie nicht so spannend an. Da steppt der Bär bestimmt noch selbst. Oder er lässt steppen. Holzfäller zum Beispiel: YouTube Preview Image

Das mag nicht sehr vielversprechend klingen, ist es vielleicht auch nicht, doch British Columbia hat eine tolle Organisation: Die BCDF. Das steht für British Columbia Dairy Foundation. Der Name reißt einen auch nicht grad vom Schemel. Die BCDF ist das Sprachrohr der Milchwirtschaft British Columbias, Milch-und-Käse-Lobbyisten eben. Non-Profit sind sie obendrein, darauf sind sie scheinbar recht stolz. Eigentlich liegt das in der Natur der Sache begründet: Wäre es nicht ziemlich dreist, wenn sich die Milchbauern von ihrem Hoflobbyisten melken ließen?

Nun ist Lobbyarbeit ein ziemlich zeitraubendes Geschäft. Man muss sich ständig umziehen – hier feiner Zwirn und Zigarren, da Gummistiefel, Latzhose und Selbstgebrannter – und immer diese weiten Strecken. Das geht schon an die Substanz. Irgendwann ist dann die Luft raus und man braucht dringend professionelle Hilfe. DDB Canada und Tangram zum Beispiel. Die wurden auch prompt engagiert und haben sich etwas einfallen lassen. Unter anderem einen ziemlich trashigen Online-Shop für allerlei Undinge des täglichen Bedarfs. Der hat alles, was man sich als digital Überlebender wünscht: Videos bei  YouTube und sogar bei Vimeo, Fotos bei Flickr, eine Facebook-Fan-Page und selbstverständlich der obligatorische Twitter-Account. Spaßeshalber gibt es noch eine Hotline: 1-877-WEAK-111.
Schade ist nur, dass zufällig gerade alles ausverkauft ist und auch der Hinweis auf eBay keine Resultate zutage fördert. Irgendwie war das zu erwarten. Eine Sekunde lang habe ich wirklich überlegt, mir die eine oder andere Sache zu kaufen.

Schließlich ist hier noch mein Lieblingsspot: YouTube Preview Image

Übrigens ist in China kein Sack Reis umgefallen sondern ein Student…

In Jilin: Wie APN gestern berichtete, hat ein chinesischer Student seinen Zimmernachbarn erstochen, weil dieser zu laut schnarchte. Die ganze Geschichte gibt es hier.

Canasta mit Freud

marcus 12. November 2009

Nacht. Studierzimmer. Zwei durchtanzte Leiber fallen durch die Tür ins Bett. Ich will nur noch schlafen, für sie ist reden gerade richtig wichtig. Ich bin in einer Zwickmühle: Einerseits ist meine Müdigkeit auf dem Vormarsch, andererseits ist Solidarität das Gebot der Stunde. Eine ganze Stunde? Hoffentlich geht es schneller. Mein Unterbewusstsein kramt eine Konfliktlösungsstrategie aus der Trickkiste hervor und zaubert den Kokon interessierter Ignoranz hervor. Ich bin gerettet! Während sich um meine Ohren ein Wattebausch legt, der die Geräusche immer ferner erscheinen lässt, brumme ich anteilnehmend weiter vor mich hin. Ich nehme mir vor, mir morgen früh gleich als erstes den entsprechenden Orden anzuheften.

Minuten später. Alles Brummen hat nicht geholfen, sie muss nochmal raus um etwas loszuwerden. Geräusche von außerhalb des Kokons brechen in die Wattewand und wirken wie tausend kleine Nadelstiche in meiner Magengrube. Die Ordenorder wird storniert, da ist offenbar überhörbares Optimierungspotential vorhanden. Entweder schneller einschlafen oder wirklich reden. Oder im Schlaf sprechen und dabei das Richtige sagen. Na, schneller einzuschlafen tut’s wohl für den Anfang auch.

Eine weitere Viertelstunde später. Ein ausgekühlter entkräfteter Leib schmiegt sich an mich. Mir war eh viel zu warm. Jetzt darf ich endlich schlafen.

6 Uhr 30. Frosch und Storch spielen am Ufer eines Sees Canasta. Es gibt Tee und Weihnachtsgebäck. Ich bin verwirrt. Alles sieht nach Sommer aus und die Temperaturen erinnern mich eher an eine Sauna als an kostümierte Rentner in Geberlaune. Darüber hinaus frage ich mich, ob Frosch und Storch wissen, an welchen Stellen der Nahrungskette sie eigentlich stehen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, antwortet der Storch, dass er sich entschlossen hat, keine Frösche mehr zu essen, da es ihm zu grausam ist. Außerdem gäbe es wohl nur sehr weniger gute Canastapartner unter den Störchen, während die Frösche würdige Gegner seien. Der Frosch kräuselt die Lippen vor Glück.

6 Uhr 32. Sie meint, der Wecker würde seit ein paar Minuten klingeln. Später wird sie sogar behaupten, ich hätte gesagt, sie solle ihn ruhig ausstellen. Ich hingegen glaube, dass der Wecker in Wirklichkeit überhaupt nicht angegangen ist. Sonst hätte ich ihn doch gehört.

Zurück zu den wichtigen Dingen des Augenblickes: Dem Frosch und dem Storch. Es sieht ganz so aus, als ob Meister Adebar die Runde nicht für sich entscheiden könne, er scheint angespannt und nervös. Außerdem klappert er bedrohlich mit dem Schnabel. Ich glaube, er ist ein schlechter Verlierer. Der Frosch hingegen wähnt sich offenbar in Sicherheit, denn er ignoriert das Getue. Jedoch kommt ihm der Schnabel immer näher. Der Storch schaut mich dabei an, als ob er mir sagen wollen würde: „Ich bin ein Storch. Das ist ein Frosch. Störche essen Frösche. Moral hin oder her. Außerdem ist Canasta auch nicht alles.“ Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Frosch. Doch der spielt seelenruhig sein Spiel. Der Storch hingegen bereitet sich genüsslich auf die Nahrungsaufnahme vor. Aus der Uferböschung holt er eine mobile Speisekammer hervor und beginnt, sich einen Salat zu machen. Der arme Frosch. Da fällt mir ein, dass ich in meinen Träumen der Bestimmer bin. Welch glücklicher Zufall. Für den Frosch. Ich bestimme also, dass dem Storch einfällt, dass er ganz vergessen hat in den Süden zu ziehen und er deshalb Hals über Kopf aufbricht. Ohne Lebwohl zu sagen. Reinhard Mey gleitet mit einem Ruderboot durch den See und singt „Über den Wolken“ in düsterem moll. Geschockt bleibt der Frosch zurück und sieht dem sich hastig entfernenden Storch mit feuchten Augen nach.

6 Uhr 37. Der Storch ist aus dem Blickfeld verschwunden, Reinhard zum Glück auch. Allerdings sieht mich der Frosch jetzt durchdringend an und fragt mich, warum ich das getan habe, ob ich nicht wüsste, wie lieb er den Storch gewonnen hätte. Ich versuche ihm zu erklären, dass der Storch zwar das eine gesagt, aber das Gegenteil getan habe. Da macht der Frosch einen Satz und springt mir auf die Schulter, direkt neben mein Ohr. In dieses lädt er unüberhörbar seinen Unmut ab. Ich resigniere, breite meine Flügel aus und fliege dem Storch hinterher. Soll sich der Frosch doch fressen lassen, wenn er will.

7 Uhr 59. Mein Zug kommt.

Ich bin zu bodenständig, um stundenlang durch die Gegend zu schweben. Ich lande und setze den Frosch ab, doch nicht ohne ihn mit Marschverpflegung und detailliertem Kartenmaterial zu versorgen.

8 Uhr. Moment mal. Ich bin boden-was? Habe ich mir das Vorpommern-Virus eingefangen? Reflexartig warne ich mein Immunsystem. Eigentlich kann es nicht sein, aber man kann nie wissen.

8 Uhr 01 . Ich frage sie nach der Uhrzeit, stelle fest, dass ich den Zug kaum werde erreichen können. Dann winke ich ihm eben in Gedanken hinterher.

Mein Immunsystem macht Meldung. Nicht das Vorpommern-Virus mache mich so dröge, das sei einfach nur das Nachbeben des gestrigen Abends. Eine leise Stimme aus dem Untergrund flüstert mir hingegen zu, ich solle mich nicht von der Antwort blenden lassen, ich könnte bereits infiziert sein.
Habe ich mich doch angesteckt, kann das sein? Nach Jahren des auto-immunen Widerstandes soll ich dieser heimtückischen Krankheit also auf den Leim gegangen sein?
Wie gut, dass ich just in diesem Augenblick zurück nach Berlin fahre, denn Metropolenleben ist pures Gift für Pommeritis.

8 Uhr 02. Ich öffne die Augen. Hier fährt nichts, dafür dreht sich umso mehr. Also Augen wieder zu.

Ich stehe in einem Heißluftballon und fahre über Wälder, Wiesen und Felder hinweg. In der Ferne duellieren sich der Frosch und der Storch, Sigmund Freud und C.G. Jung sind ihre Sekundanten.

8 Uhr 22. Mir wird die Uhrzeit mitgeteilt. Nett. Wirklich. Aber der Zug fährt doch erst in anderthalb Stunden, jetzt verpasse ich noch das Duell.

8 Uhr 23. Ich habe es verpasst, beide haben es nicht überlebt. Dafür stecken beide auf demselben Spieß über einem Feuerchen. Kulinarisch gesehen ist die Kombination höchst selten. Das haben sich Freud und Jung wohl auch gedacht, wohl deshalb veranstalten sie jetzt ein Picknick. Irgendwie sehen die Jungs verliebt aus. Ich bin verwirrt. Storch und Frosch spielen Karten. Okay, das ist ein Traum. Frosch verliebt sich in Storch. Meinetwegen. Aber Freund und Jung, die ein romantisches Picknick machen und als Zeichen ihrer Liebe Storch und Frosch essen? Das ist sogar für meine Verhältnisse etwas mehr als genug. Wahrscheinlich will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Ich muss nachdenken. Wieso gibt es eigentlich nie eine Stimme aus dem Off, die Klartext spricht? Warum muss das immer über die bizarrsten Bilder geschehen? Stimme aus dem Off… Stimme aus dem Off… Ich hab’s: Das ist ein deutliches Signal, die Stimme aus dem Off nicht weiter zu verdrängen. Es gibt doch eine Stimme aus dem Off? Seit wann? Na egal, ich analysiere zunächst erst einmal die Stimme.

8 Uhr 24. Die Stimme gehört ihr.

8 Uhr 25. Was sie sagt klingt gut.

8 Uhr 26. Was sagt sie nun eigentlich?

8 Uhr 27. Ich kann das deutsche Sprachmodul nicht laden. Segmentation fault. –force bringt nichts und –debug liefert nur kryptische Kernel Traces. Für richtiges Fehlerlesen ist es noch viel zu früh, einstweilen lege ich die verfügbare Energie auf die Deflektoren. Warum weiß ich nicht genau, aber nach 15 Jahren StarTrek-Konsum weiß man einfach, dass das nie falsch sein kann.

Ich tue das mir maximal mögliche und lasse mich weiter vom Klang ihrer Stimme berieseln.

9 Uhr 21. Sie sagt, es sei kurz vor halb zehn. Gerade war es noch halb neun.

Ich sollte wohl mal SOLL und IST der aktiven Prozesse überprüfen: Sprache offline, Zeitgeber offline. Was bin ich nur für ein Saustall? Kein Monitoring, bestimmt auch kein Backup.
Und überhaupt: Seit wann bin ich ein Server?
Das kann nur eines bedeuten: Descartes hat sich eingeschlichen! Jedes Jahr das Gleiche: Kaum kommt die erste kühle Nacht, sucht er Anschluss.

9 Uhr 22. Dachte ich’s mir doch: Descartes! Der René! Steht auf einer Holzkiste im Stammhirn und agitiert. Ich packe ihn am Kragen und setze ihn vor die Tür. Der hat es noch drauf, meine Hirnhälften gegeneinander aufzuwiegeln. Das wäre echt unschön.

Ihre Stimme spricht jetzt eindringlicher. Das mit der Uhrzeit war also doch ernst gemeint. Kickstart! Anziehen! Kaffee ziehen! Losziehen!

9 Uhr 38. Wir verabschieden uns. Kurz und bündig. Sachlich. Ganz so als würden wir uns am Abend wiedersehen. In Wirklichkeit verdrängen wir diesen Teil des Lebens und seine Zwänge. Sie sind grausam genug, da müssen wir uns den Abschied nicht zur Qual machen. In Wirklichkeit haben wir uns längst schon verabschiedet, wir verabschieden uns seit meiner Ankunft. Häppchenweise und im Voraus.

A day in life…

marcus 7. Juni 2009

«Play»: Langsam fadet sich «Aaron» durch die Kopfhörer in mein Bewusstsein. «Sonnenbrille!» schießt es mir durch den Kopf und ich eile sie zu holen, damit ich im Hausflur bin, bevor der Beat beginnt. Ich berühre die erste Treppenstufe just als der Beat lostritt und wippe mich aus dem Haus. Die Brille ist zwar nicht ganz dem Wetter entsprechend, wohl aber meinem Gemüt. Sie schirmt mich ein wenig von der Realität ab, die Musik tut ihr übriges: Ich gleite durch mein eigenes Musikvideo. Wieder denke ich an meine Idee, einmal eine kleine Videokamera an die Sonnenbrille zu montieren und einfach aufs Geratewohl loszugehen. Mit der richtigen musikalischen Untermalung bestimmt eine preiswerte Möglichkeit Musikvideos zu generieren.

Mit dem «Alten Kamuffel» im Kopf durchquere ich die seltsam anmutende Baustelle in der Goethestraße. Alles voller Schilder, eine Straßenhälfte ist befahrbar, die andere holzumrüstet und offen. Irgendwo liegt ein riesiger Sandhaufen und überhaupt ist nicht ganz klar, auf welcher Straßenseite ich zur Ostseestraße komme.

Ich versuche die Ostseestraße zu überqueren, als «Azure» losdreht. Prompt reißt für einen Moment der Himmel auf. Die Autos ziehen im Rhythmus an mir vorbei. Was will man mehr? Die andere Straßenseite erreichen? Ach ja, richtig! Okay.Ich swinge also über die Straße. Hab noch ganz schön viel Gestern Abend in der Blutbahn. Eine Straßenseite ist überquert. Aber schon wieder eine Baustelle. Der Parkplatz in der Mitte ist auch nur noch halb so groß wie sonst. Diesmal metallumrüstet und offen. Während sich ein Rudel Autos nähert und mich am Wechseln der Straßenseite hindert, entdecke ich einen Fußweg auf der linken Fahrbahnseite. Was es nicht alles gibt. Ich drehe mich um, merke mir das vorletzte Auto der Horde und laufe los. Das Rauschen der Fahrgeräusche dringt langsam in die Musik. Mein Auto zieht an mir vorbei, ich drehe mich um, warte eine Sekunde und bin schon auf der anderen Straßenseite.

«Bengang» kündigt sich an. Mit dem einsetzenden Beat kommt ein dicker Mann aus einer Haustür. Langsam kommt es mir aber schon spanisch vor. Zufall sieht wirklich anders aus. Aber es geht weiter. Ostseestraße Ecke Hosemannstraße steht eine «Richtungstafel in Kurven», dahinter ein Riesenaufsteller von Martin & Frank-Walter. Die Richtungstafel weist für heute auch zum Wahllokal. «Is’ ja gut Jungs, ich komme ja schon», denke ich kopfschüttelnd im Vorbeigehen. one-day-in-life

Tja und da bin ich auch schon: Am Wahllokal. Das muss ich genießen, so oft kann man in Deutschland schließlich nicht wählen. Und diesmal ist es überhaupt eine grandiose Wahl. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen Menschen geben ihre Stimme ab. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen! Von Lappland bis Gibraltar, von der Bretagne bis zum Bosporus! Und daraufhin machen sich siebenhundertsechsunddreissig Menschen aus allen 27 Ländern auf den Weg nach Straßburg und Brüssel, um sich im Parlament zu konstituieren. Mächtig gewaltig, Egon! oder nicht? Okay. Ich habe genug Pathos eingesaugt und grüße die Wahlhelfer mit einem fröhlichen «Guten Morgen». Gut, das klang jetzt noch etwas matt. Ich werde etwas ungläubig angesehen und setze ein «oder so» hinterher. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es bereits halb fünf ist. Nun, damit wäre der Grund für die komischen Blicke gefunden. Vor mir sitzen ein bärtiger Mittdreissiger, der sein gesellschaftliches Engagement demonstriert. Soll ich mal raten? Er wählt grün und ist leidenschaftlicher Prenz’lberger, der Ende der 90er Jahre hergezogen ist. Sie sieht auch ein bisschen aus wie Prenzlauer Berg, aber hat mehr Authentizität. Okay, sie färbt sich ihre Haare, das ist genaugenommen nicht authentisch, aber ihr «rötliche Erdfarben»-Look sieht ehrlich aus. «Sowas hab ich von meinem Sohn auch gehört, wenn er weg war», trällert sie. «Naja, wenn man Student ist, kann man das noch machen», grummelt er. «Neidisch? Unzufrieden mit dem eigenen Leben? Dann ändere es und heule mir nicht die Ohren voll!», denke ich mir. Er schaut auf meinen Personalausweis. «Jahrgang 1981. Naja.» «Naja WAS», antworte ich ihm in Gedanken. «Das ist doch jung», flötet sie.  Das war Balsam für die Seele. Bevor ich losgegangen bin, hatte ich wieder so ein «Du wirst alt» Erlebnis und konnte den Grund diesmal mit Worten dingfest machen. Solange die Generation nach mir noch keinen spürbaren Fußabdruck im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen hat, fühle ich mich den Jungen zugehörig. Auch wenn ich der Älteste der Jungen bin, rechne ich mich dazu und werde dazugerechnet. Ist der Fußabdruck aber vorhanden, ist die Trennung da und plötzlich bin ich der Jüngste der Alten und gehöre zu den anderen. Ich flöte der Rothaarigen also das mildeste «Dankeschön» entgegen, das ich zu bieten habe und verschwinde in die Kabine. Der längste Teil des Wahlvorganges ist irgendwie das Wahlscheinfalten. Der Zettel verschwindet in der Urne und ich aus dem Lokal.Beide Worte sind irgendwie unwirklich zum Ereignis: Urnen beinhalten Asche, Verbranntes, Verbrauchtes, Beendetes. Meine Stimme haben ich zwar abgegeben, aber bis zur nächsten Wahl hat sie doch eine Berechtigung: Aufgrund meines Wahlverhaltens bestimmt sich ein Dreihundertfünfunsiebzigmillionstel der Sitzverteilung des europäischen Parlamentes. Und ein Lokal ist auch etwas anderes. Das hier ist ein öffentliches Gebäude.

Das ist so wie bei Fahrscheinen. Die werden entwertet, bleiben aber gültig. Eigentlich besitzen Fahrscheine doch über die Dauer ihrer Gültigkeit einen Wert und verlieren diesen zusammen mit der Gültigkeit; warum sagen wir dann, dass Fahrscheine entwertet werden? Wenn sie keinen Wert mehr haben, könnten wir sie doch eigentlich wegwerfen. Dann aber wären wir bei der BVG-Kontrolle angeschmiert. Warum zeigen wir eigentlich gültige, aber wertlose Fahrscheine vor?

Hui. Realität. Musik an, Brille auf und weiter geht die Party. Wieder steht Paulchen an den Tellern und versüßt mir den grau behimmelten Sonntag. Okay, im Augenblick treibt mich «Gebrünn Gebrünn» eher, als dass es mich fliegen lässt. Mehr und mehr Schwerkraft liegt auf dem Track. Irgendetwas Dunkles lastet auf diesem Stück. Und genau dieses Dunkle, fast Boshafte hat mein tanzendes Alter Ego gerade vom Himmel geholt und schleift es über den Asphalt. Ich wechsle zu «Sky and Sand» und augenblicklich verwandelt sich die kleine blutverschmierte weisse Taube in einen kleinen aufstehenden Jungen. Er hat Kopfhörer auf und nickt mit dem Kopf zur Musik. Der Beat setzt ein, es gibt eine Blende weg vom Realfilm, hin zur Animation. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung ausschließlich aus Linien, keine Grautöne. Die Stimme im Track setzt wieder ein. Der Junge ist älter geworden, blickt nach links. Die Kamera schaut jetzt durch seine Augen auf seine Freundin, die ihn verliebt ansieht. Der Blick geht zurück und eine urbane Allee eröffnet sich. Die Kamera zieht ein wenig aus seinem Kopf heraus. Kopfhörer, Kopf, Körper. Ein Fußweg mit alternden Platten, parkende Autos, Laubbäume, Häuser. Der Blick geht an den Häuserwänden entlang und bleibt auf kleinen Details stehen, zoomt kurz federnd hinein und wieder heraus und geht weiter. Wieder Zeichnungen, diesmal etwas reifer. Der Junger ist schließlich älter geworden. Albrecht Dürers «Betende Hände» öffnen sich auf der Textzeile in the palm of your hand Dann der letzte Chorus, wieder im Realfilm. Viele Meter weiter. Am Ende der Straße ist eine Bank. Ein alter Mann mit den selben Kopfhörern und dem selben Nicken. Die Kamera fährt auf ihn zu, dreht und blickt durch seine Augen auf die zurückliegende Straße. Er sieht den Jungen mit seiner Mutter nach links vorbeigehen, sein Teenager-Ich geht der Mutter hinterher, überholt sie, die Bilder überlagern sich. Die Freundin geht weinend auf der rechten Seite des Bildes ab. In der Mitte des Bildes wird eine junge Frau halbtransparent und flackernd eingeblendet. Sie altert in ein paar Stufen und verblasst schließlich. In jedem der Bilder lächelt sie den alten Mann auf die selbe Weise an und streckt ihm ihre Hände leicht entgegen. Mit dem letzten Ton gehen die Augen zu.

Ich bin beeindruckt von meiner Phantasie. Ich sollte Regisseur werden. Vielleicht ist Weltursupator doch nicht das Richtige für mich. Das muss ich mir noch überlegen. Ursupator wird aber auf jeden Fall zum Wort der Woche erklärt.

Mit «Square 1» zuckt mir plötzlich ein Schmerz durch die Kniekehlen. Ich muss mich von der Last des letzten Abends befreien, sagt mein Körper. Ich streite mich mit ihm darüber, dass dieses Ziel ein gemeinsames unsererseits sei und ohne den unnötigen Druckaufbau seinerseits schneller erreicht werden könnte. Nach einigem hin und her sieht er es letztlich ein und ich kann unseren Weg entspannt weitergehen.

Die Haustür fällt mit einem Knall ins Schloss und in meinen Kopfhörern schließt eine Berliner S-Bahn ihre Türen.  «Train» fährt mich die Treppe hoch.


Nun noch die Musik zum Titel…

The Beatles – Day In The Life

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Und jetzt die Musik zum Text…

Aaron

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Altes Kamuffel

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Bengang

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Gebrünn Gebrünn

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Sky and Sand

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Square 1

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Train

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