Von Kühen und Nahrungsfahrstühlen.
British Columbia. Sagt mir etwas… In Vancouver sind die Olympischen Spiele zu Ende gegangen. Unten USA, schräg oben auch USA, links der Ozean, leider nicht von seiner wärmsten Seite, rechts geht’s direkt ins kanadische Nichts und mittendrin: Berge, ein bisschen Felder und hin und wieder eine Stadt.
Hört sich irgendwie nicht so spannend an. Da steppt der Bär bestimmt noch selbst. Oder er lässt steppen. Holzfäller zum Beispiel: 
Das mag nicht sehr vielversprechend klingen, ist es vielleicht auch nicht, doch British Columbia hat eine tolle Organisation: Die BCDF. Das steht für British Columbia Dairy Foundation. Der Name reißt einen auch nicht grad vom Schemel. Die BCDF ist das Sprachrohr der Milchwirtschaft British Columbias, Milch-und-Käse-Lobbyisten eben. Non-Profit sind sie obendrein, darauf sind sie scheinbar recht stolz. Eigentlich liegt das in der Natur der Sache begründet: Wäre es nicht ziemlich dreist, wenn sich die Milchbauern von ihrem Hoflobbyisten melken ließen?
Nun ist Lobbyarbeit ein ziemlich zeitraubendes Geschäft. Man muss sich ständig umziehen – hier feiner Zwirn und Zigarren, da Gummistiefel, Latzhose und Selbstgebrannter – und immer diese weiten Strecken. Das geht schon an die Substanz. Irgendwann ist dann die Luft raus und man braucht dringend professionelle Hilfe. DDB Canada und Tangram zum Beispiel. Die wurden auch prompt engagiert und haben sich etwas einfallen lassen. Unter anderem einen ziemlich trashigen Online-Shop für allerlei Undinge des täglichen Bedarfs. Der hat alles, was man sich als digital Überlebender wünscht: Videos bei YouTube und sogar bei Vimeo, Fotos bei Flickr, eine Facebook-Fan-Page und selbstverständlich der obligatorische Twitter-Account. Spaßeshalber gibt es noch eine Hotline: 1-877-WEAK-111.
Schade ist nur, dass zufällig gerade alles ausverkauft ist und auch der Hinweis auf eBay keine Resultate zutage fördert. Irgendwie war das zu erwarten. Eine Sekunde lang habe ich wirklich überlegt, mir die eine oder andere Sache zu kaufen.
Schließlich ist hier noch mein Lieblingsspot: 
Übrigens ist in China kein Sack Reis umgefallen sondern ein Student…
In Jilin: Wie APN gestern berichtete, hat ein chinesischer Student seinen Zimmernachbarn erstochen, weil dieser zu laut schnarchte. Die ganze Geschichte gibt es hier.
Sprachgedanken, Sprechgedenken, Sprachdank, Denksprache
Am späten Vormittag, so wie es sich für den postmodernen Bohème gehört, verabschiede ich mich von der scheinbaren Gutwetterlaune der aufgeregten Metropole und mache mich auf den Weg in die beschauliche Ehrlichkeit der sächsischen Heimat.
Im Zug mache ich es mir mit dem Feuilleton meiner Haus- und Hofzeitung bequem. Ich genieße Philipp Theisohns Artikel über die Causa Hegemann. Aus dem schweizerischen Off weht endlich eine ehrliche, unaufgeregte Stimme herüber, die die aufgeheizte Debatte auf die ihr zustehende Tiefe herunterargumentiert. Ich erkenne das als klare Bestätigung meiner Entscheidung, der Heimat einen Besuch abzustatten. Dabei vergesse ich allerdings, dass Hegemanns Vater Professor an der HMT Leipzig ist.
Gegen Mittag sitze ich also vergnügt im Stadtbus und schaue aus dem Fenster auf die spätwinterliche Stadtidylle meiner Kindheit. Mein Blick wandert umher und bleibt verdutzt unterhalb des Griffes kleben: »ACHTUNG AUF FINGER«. Das ist schon ein Schock. In welcher Sprache wird hier versucht, mir etwas womöglich Wichtiges zu verdeutlichen? Deutsch ist es sicherlich nicht. Vielleicht, so versuche ich mich wieder zu beruhigen, ist es kein Fehler sondern Absicht und in Wahrheit eine Hommage an Betriebsanleitungen japanischer Elektronikhersteller der 80er Jahre. Man weiß es nicht.
In der Hoffnung, Zerstreuung zu finden, schmökere ich im journalistischen Lokalmatador, der Leipziger Volkszeitung. Doch ich komme nicht weit: Bereits auf der Titelseite wird der stellvertretende sächsische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Morlok (FDP) mit den Worten zitiert, er stelle »sich rückhaltslos hinter Westerwelle«. Das stimmt einen schon nachdenklich. »Morlok… Morlok… Mensch, das kennst Du doch«, denke ich so für mich. »Mensch? Na klar! Morlocks! H.G. Wells’ The Time Machine in der Verfilmung von George Pal!« Das für sich allein ist schon gespenstisch. Als nächstes stört mich etwas in der Syntax. Ich bin ein Pedant. Das richtige Wort heißt rückhaltlos. Doch auch semantisch ist das selbe Wort grober Unfug: Herr Morlok stellt sich hinter Herrn Westerwelle. Und fällt um. Weil er keinen Rückhalt hat.
Ich bin enttäuscht. Ich will wieder zurück in die offen oberflächliche Hauptstadt. Leipzig, die Stadt, der der größte aller großen deutschen Dichter – um wenigstens einmal meine Deutschlehrerin zu zitieren – in seinem berühmtesten Werk eine eigene Szene zum Geschenk machte, lässt mich in Sachen Sprache so außerordentlich hängen. Doch Johann Wolfgang von antwortet mir in derselben Szene: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!
Im elterlichen Domizil angekommen, muss ich noch eine Sache klären. Ich bin ein Pedant. Wie wird dieses eingeschobene s von Seite eins genannt? War das ein Morphem? Das hatte doch einen eigenen Namen. Also halte ich die Begrüßungszeremonie zur Verwunderung meiner Eltern so kurz wie nötig und stürme geradezu ihre Bibliothek. Der Duden sagt es mir: Fugenlaut. Fugenlaute sind Morpheme. Ich wusste es. Ermutigt lese ich weiter und stoße dabei auf eine dieser spitzfindigen Feinheiten, die die deutsche Sprache so unerlernbar und schön zugleich machen: Wassernot versus Wassersnot. Ersteres bedeutet Wassermangel, letzteres bezeichnet eine Überschwemmungskatastrophe.
Wie schnell sich Antonyme doch bilden lassen und für wie viel Verwirrung man mit einem kleinen Buchstaben sorgen kann. Augenblicklich senkt sich mein Blutdruck, hebt sich meine Laune. Sprache gut, alles gut.
Lassi & ich
Da steht es nun: Mein erstes Lassi. Am wohl seltsamsten Platz, den man sich für ein erstes Mal aussuchen kann: das BordBistro.
Ich habe verschlafen. Ein gefühltes Promille tanzt mir immer noch durchs Blut und ich mag die Augen nicht aufmachen, geschweige denn aufstehen. Ich werde durch meinen persönlichen Weckdienst nach einer dreiviertelstündigen Bearbeitungszeit dann doch aufgestanden und preise mich für meinen nächtlichen Genius: Die Anziehsachen und die Mitnehmsachen liegen startklar und konzentriert beieinander. Das hilft im doppelten Sinne. Einmal, weil mein Hirn noch nicht so munter ist, als dass ich nicht doppelt so lange für alles bräuchte und selbst dann noch die Hälfte vergäße. Und zum Anderen, weil ich – für meinen Pegel – in Rekordzeit startklar bin.
Draußen fallen naßkalte Schneeflocken, der Himmel ist eine ziemlich tief hängende graue Wand, die Autos fahren alle mit Licht; warum bin ich aufgestanden? Das ist kein Aufstehwetter, ganz im Gegenteil: Das ist ein Weiterschlafwetter. Ah, es fällt mir wieder ein: Zug fahren. Ich stelle begeistert fest, dass ich bereits gleichzeitig laufen und kompliziert denken kann, denn ich bin schon an der Haltestelle und sehe eine Bahn gerade abfahren. Wenigstens muss ich mich jetzt nicht beeilen.
Eine Fernsehschauspielerin und – ich schätze – ihre Enkeltochter warten auf die gleiche Bahn. Sie wendet sich ab, der Blick den sie mir zuwirft lässt mich vermuten, dass sie denkt, ich schaute in ihre Richtung, weil ich weiß, wer sie ist. So’n Ego ist schon was Feines, denke ich mir und schaue weiter auf die Enkeltochter. Dann aber fällt mir ein, dass ich das ja nicht die ganze Zeit machen kann und außerdem habe ich ja meine Zeitung dabei. Also lese ich Zeitung.
Straßenbahnen in Berlin zum Samstagmorgen gehen auch überhaupt nicht. In anderen Städten regt sich um diese Uhrzeit ein pietätvolles Nichts, will sagen: Die Busse und Bahnen fahren, weil’s auf dem Plan so steht. In Berlin sind die Dinger proppenvoll. Scheinbar muss der Senat eine heimliche ABM-Maßnahme «BVG nutzen» finanzieren, um somit die Öffentlichen grundzufüllen. Vielleicht ist es wie bei einem Restaurant: Ist es leer, geht keiner hinein, ist es voll, will jeder einen Platz.
Ich muss mir also meinen Weg durch die mir viel zu volle Bahn kämpfen und zu allem Überdruss noch einen Sitzplatz erheischen. Aber: Je größer der Wille, umso kleiner das Problem. Ich sitze.
Mir fällt beim Aussteigen auf, dass ich den Fernsehturm heute noch garnicht gesehen habe. Muss wohl an der Wolkenwand liegen. Halt. Das ist nicht wahr. Ich habe ihn heute schon gesehen. In den frühen Morgenstunden stand ich doch an einem Beet zu seinen Füssen. Ein erhebendes Gefühl: Irdisch erleichternd und überirdisch der angestrahlte, in den Nachthimmel hineinragende Raketenkörper, genannt Fernsehturm. Aus der Bahn heraus dränge ich mich an ein paar Leuten vorbei, um die S-Bahn zu erreichen, die dann doch noch eine Minute wartet, bis sie losfährt.
Und hier sitze ich nun. Den letzten Abend noch im Blut, vor mir zwei Halbschöne mit Beziehungsproblemen von denen ich nichts mitbekommen will und hinter mir eine Dame, die von Berlin abwechselnd nach Altenburg und Leipzig fährt, heute nach Altenburg muss, aber nur bis Leipzig gezahlt hat und irgendwas hat dann am Automaten nicht geklappt und wenn mich jemand anruft, erzähle ich’s ihm mit derselben Aufgeregtheit, als wäre es gerade erst passiert. An mir vorbei zieht die Lutherstadt im Winterschlaf – ich beneide sie – , auf den Strommasten sitzen schwarze Knäuel und wärmen sich, die entfernten Wälder sind vom Frühnebel, der ganz schön spät dran ist, eingelullt. Und vor mir steht die kleine Flasche Mango-Passionsfrucht-Lassi. Aufmerksam lese ich die Etikettierung. Man muss ja wissen, auf was man sich da einlässt. Auf der Flasche steht, dass heute Samstag sei. Gut. Sie behaupten auch, dass jeder Tag Lassitag ist, da haben sie bestimmt ein Etikett für jeden Tag. Ich lese unbekümmert weiter. Heute sei mein Biertag. Ich schaue mich um. Woher wissen die das? Vielleicht ist das eine Tarnfirma von Herrn Schäubles flinker Truppe, die die Möglichkeiten des BKA-Gesetzes schonmal pilotprojektmäßig testet? Und weil sie wissen, dass Samstag mein Biertag ist, und sadistisch sind und wissen wollen, wie aufnahmefähig ich am Morgen nach einem Abend wie gestern noch bin, präparieren sie unschuldige Lassi-Flaschen. Hui. Ich drücke meinen Puls wieder in gesunde Regionen zurück und rede mir ein, dass das bestimmt nur auf statistischen Erhebungen beruht, deren zufolge Bier samstags am wahrscheinlichsten konsumiert wird.
Vor dem Öffnen schütteln. Nicht danach., sagt das Etikett. Klingt vernünftig, denke ich und schüttele. So, jetzt wird es ernst. Tief durchatmen. Langsam umfasse ich den Verschluss, drehe ihn ab, lege ihn beiseite, nehme die offene Flasche in die eine, das Glas in die andere Hand, halte es schräg und… denke mir: ‘Bäh! Das sieht aus wie feuchter Auswurf im Mixer.’ Ein Glück, dass mein Magen noch leer ist. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame und schaut mich mitfühlend-skeptisch an. Ich zögere. Noch kann ich aufhören. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Auf brechtisch heißt das: Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass A falsch ist. Aber nein. Der Lassitrend ist schon fast wieder verklungen und ich habe ich entsprechend schon fast verpasst. Ich muss mich ihm stellen, ich kann nicht immer meine Augen vor dem, was ich sehe, verschließen. Selbst wenn es mich Überwindung kostet. Selbst wenn mir beim Anblick des sich im Glase ergießenden Mango-Passionsfrucht-Lassi fast schlecht wird. Wäre Banane-Erdbeer eine bessere Alternative gewesen? Na also. Ich werfe meiner Zuschauerin einen entschlossenen Blick zu, zucke mit den Schultern wie Na es hilft ja doch nichts und spüle das Lassi hinter.
Naja. Joghurt, Früchte und ein Mixer. Um einen Hype zu erzeugen, ist das für mich jetzt nicht genug, aber der Hype-Hype geht um und das Hypen ist dabei nunmal wichtiger als das Gehypte.
Punk never dies
Punk- aufbegehrende Jugendliche, die versuchen, sich dem Mainstream zu entziehen, indem sie die Sprache ihrer Vorgeneration auf eine Verwandlungsreise mitnehmen und sich durch einen Ewig-Anti-Mainstream-Look vom Establishment abgrenzen. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist, kann eigentlich nur die Zeit beantworten. Gestern konnte ich TV Smith live erleben. Inzwischen 51jährig, ist auch er eine durchmischte Erscheinung. Hager wie Kollege Iggy Pop, ein verschmitztes Lächeln wie Bruno Jonas vom Scheibenwischer und als Musiker ein wütender, junggebliebener Dylan. Doch, es ist erschreckend, wie wenig anstößig Punk mit einer einzigen verstärkten Akustikgitarre klingt. Da hilft kein Fuchteln und kein Wedeln: Das ist ganz einfache politische Folkmusik. So ist also Punk wieder in dem Haus angekommen, dass es wild pubertär aufbegehrend einmal verlassen hatte, um die Welt zu erobern. «Punk’s not dead» stimmt also noch immer, aber irgendwie ist er doch sehr erwachsen geworden. Dem mögen die bürgerlichen Groupieabiturientinnen zwar nicht gern zustimmen, aber tief in ihrem Innersten, wenn sie einen Moment innehalten, ihre Körper nicht freimütig an verlebte Legenden der Elterngeneration feilbieten, werden sie feststellen, dass sie mehr mit den Altvorderen verbindet, als sie bereit sind, zuzugeben. Punk ist eine gesellschaftliche Anti-Haltung, aber keineswegs eine Anti-Monetäre. Sicherlich haben einige einen harten Weg nach oben gemacht, aber heute sind die Wege deshalb auch kürzer und weniger lehrreich. Wenn man nur in ein weiches Kissen fallen kann, ist der Abgrund kaum gefährlicher als eine Treppenstufe. Doch Angst macht radikal, treibt an. Die hageren, wilden Punks von damals wurden von den Rebellen der Jungen Union beerbt. Schade eigentlich.





