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Artikel, die mit dem Schlagwort »Deutsche Bahn« versehen wurden

30
Nov

Lassi & ich

Da steht es nun: Mein erstes Lassi. Am wohl seltsamsten Platz, den man sich für ein erstes Mal aussuchen kann: das BordBistro.

Ich habe verschlafen. Ein gefühltes Promille tanzt mir immer noch durchs Blut und ich mag die Augen nicht aufmachen, geschweige denn aufstehen. Ich werde durch meinen persönlichen Weckdienst nach einer dreiviertelstündigen Bearbeitungszeit dann doch aufgestanden und preise mich für meinen nächtlichen Genius: Die Anziehsachen und die Mitnehmsachen liegen startklar und konzentriert beieinander. Das hilft im doppelten Sinne. Einmal, weil mein Hirn noch nicht so munter ist, als dass ich nicht doppelt so lange für alles bräuchte und selbst dann noch die Hälfte vergäße. Und zum Anderen, weil ich – für meinen Pegel – in Rekordzeit startklar bin.

Draußen fallen naßkalte Schneeflocken, der Himmel ist eine ziemlich tief hängende graue Wand, die Autos fahren alle mit Licht; warum bin ich aufgestanden? Das ist kein Aufstehwetter, ganz im Gegenteil: Das ist ein Weiterschlafwetter. Ah, es fällt mir wieder ein: Zug fahren. Ich stelle begeistert fest, dass ich bereits gleichzeitig laufen und kompliziert denken kann, denn ich bin schon an der Haltestelle und sehe eine Bahn gerade abfahren. Wenigstens muss ich mich jetzt nicht beeilen.

Eine Fernsehschauspielerin und – ich schätze – ihre Enkeltochter warten auf die gleiche Bahn. Sie wendet sich ab, der Blick den sie mir zuwirft lässt mich vermuten, dass sie denkt, ich schaute in ihre Richtung, weil ich weiß, wer sie ist. So’n Ego ist schon was Feines, denke ich mir und schaue weiter auf die Enkeltochter. Dann aber fällt mir ein, dass ich das ja nicht die ganze Zeit machen kann und außerdem habe ich ja meine Zeitung dabei. Also lese ich Zeitung.

Straßenbahnen in Berlin zum Samstagmorgen gehen auch überhaupt nicht. In anderen Städten regt sich um diese Uhrzeit ein pietätvolles Nichts, will sagen: Die Busse und Bahnen fahren, weil’s auf dem Plan so steht. In Berlin sind die Dinger proppenvoll. Scheinbar muss der Senat eine heimliche ABM-Maßnahme «BVG nutzen» finanzieren, um somit die Öffentlichen grundzufüllen. Vielleicht ist es wie bei einem Restaurant: Ist es leer, geht keiner hinein, ist es voll, will jeder einen Platz.
Ich muss mir also meinen Weg durch die mir viel zu volle Bahn kämpfen und zu allem Überdruss noch einen Sitzplatz erheischen. Aber: Je größer der Wille, umso kleiner das Problem. Ich sitze.

Mir fällt beim Aussteigen auf, dass ich den Fernsehturm heute noch garnicht gesehen habe. Muss wohl an der Wolkenwand liegen. Halt. Das ist nicht wahr. Ich habe ihn heute schon gesehen. In den frühen Morgenstunden stand ich doch an einem Beet zu seinen Füssen. Ein erhebendes Gefühl: Irdisch erleichternd und überirdisch der angestrahlte, in den Nachthimmel hineinragende Raketenkörper, genannt Fernsehturm. Aus der Bahn heraus dränge ich mich an ein paar Leuten vorbei, um die S-Bahn zu erreichen, die dann doch noch eine Minute wartet, bis sie losfährt.

Und hier sitze ich nun. Den letzten Abend noch im Blut, vor mir zwei Halbschöne mit Beziehungsproblemen von denen ich nichts mitbekommen will und hinter mir eine Dame, die von Berlin abwechselnd nach Altenburg und Leipzig fährt, heute nach Altenburg muss, aber nur bis Leipzig gezahlt hat und irgendwas hat dann am Automaten nicht geklappt und wenn mich jemand anruft, erzähle ich’s ihm mit derselben Aufgeregtheit, als wäre es gerade erst passiert. An mir vorbei zieht die Lutherstadt im Winterschlaf – ich beneide sie – , auf den Strommasten sitzen schwarze Knäuel und wärmen sich, die entfernten Wälder sind vom Frühnebel, der ganz schön spät dran ist, eingelullt. Und vor mir steht die kleine Flasche Mango-Passionsfrucht-Lassi. Aufmerksam lese ich die Etikettierung. Man muss ja wissen, auf was man sich da einlässt. Auf der Flasche steht, dass heute Samstag sei. Gut. Sie behaupten auch, dass jeder Tag Lassitag ist, da haben sie bestimmt ein Etikett für jeden Tag. Ich lese unbekümmert weiter. Heute sei mein Biertag. Ich schaue mich um. Woher wissen die das? Vielleicht ist das eine Tarnfirma von Herrn Schäubles flinker Truppe, die die Möglichkeiten des BKA-Gesetzes schonmal pilotprojektmäßig testet? Und weil sie wissen, dass Samstag mein Biertag ist, und sadistisch sind und wissen wollen, wie aufnahmefähig ich am Morgen nach einem Abend wie gestern noch bin, präparieren sie unschuldige Lassi-Flaschen. Hui. Ich drücke meinen Puls wieder in gesunde Regionen zurück und rede mir ein, dass das bestimmt nur auf statistischen Erhebungen beruht, deren zufolge Bier samstags am wahrscheinlichsten konsumiert wird.

Vor dem Öffnen schütteln. Nicht danach., sagt das Etikett. Klingt vernünftig, denke ich und schüttele. So, jetzt wird es ernst. Tief durchatmen. Langsam umfasse ich den Verschluss, drehe ihn ab, lege ihn beiseite, nehme die offene Flasche in die eine, das Glas in die andere Hand, halte es schräg und… denke mir: ‘Bäh! Das sieht aus wie feuchter Auswurf im Mixer.’ Ein Glück, dass mein Magen noch leer ist. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame und schaut mich mitfühlend-skeptisch an. Ich zögere. Noch kann ich aufhören. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Auf brechtisch heißt das: Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass A falsch ist. Aber nein. Der Lassitrend ist schon fast wieder verklungen und ich habe ich entsprechend schon fast verpasst. Ich muss mich ihm stellen, ich kann nicht immer meine Augen vor dem, was ich sehe, verschließen. Selbst wenn es mich Überwindung kostet. Selbst wenn mir beim Anblick des sich im Glase ergießenden Mango-Passionsfrucht-Lassi fast schlecht wird. Wäre Banane-Erdbeer eine bessere Alternative gewesen? Na also. Ich werfe meiner Zuschauerin einen entschlossenen Blick zu, zucke mit den Schultern wie Na es hilft ja doch nichts und spüle das Lassi hinter.

Naja. Joghurt, Früchte und ein Mixer. Um einen Hype zu erzeugen, ist das für mich jetzt nicht genug, aber der Hype-Hype geht um und das Hypen ist dabei nunmal wichtiger als das Gehypte.

25
Mai

Punks not dead. Ich möchte aber bitte, dass ihr alle tot geht.

Ich hasse Punks mit Hunden. Nicht alle. Nur diese offensiv-aggressiven Ekelpunks, die sich am Ostbahnhof herumtreiben. Ja, ich hasse sie. Aus meinem tiefsten Inneren heraus. Bis zu den Zehenspitzen, so tief.

Soeben machten Denise und ich das Gleiche wie vielleicht tausend andere Menschen an diesem Tag auch: Wir kauften noch schnell ein paar Sachen beim ReWe im Ostbahnhof. Ist ja auch praktisch: Nicht weit weg vom Treptower Park, nur ein kleiner Umweg, um nach Hause zu kommen und hat jeden Tag bis in die Puppen auf. Nachdem wir uns schier stundenlang anstellen mussten, sehe ich auf der Rolltreppe einen Punk samt Gitarre und Hund, der mich böse aus seinem blau gehauenen Auge anblitzt. ‘Gut’, denke ich mir, ‘vielleicht hat er einfach einen schlechten Tag. Punk zu sein ist ja nun auch nicht einfach.’ Wir verlassen das Foyer und gehen unter den Gleisen zur S-Bahn. Plötzlich bleibt mein Schuh hängen und irgendetwas ist naß-cremig. Ich drehe mich um und schreiend denke ich blitzartig: ‘VERDAMMT’. Hinter mir ein Bild des Grauens: Irgendein dämlicher Vollhirni war offenbar nicht Willens oder fähig, seinem Tier beizubringen, dass man in geschlossenen Räumen – und auf Bahnhöfen schon garnicht – mitten auf den Weg scheisst. Und meine Sandale wirkte natürlich wie eine Baggerschaufel. Als ich das Ausmaß des Geschehens erkenne und mich umgehend zur Verdängung dessen, was an meinem Fuß ist, entschließe, kommt natürlich ein Reinigungsmann – und macht die Scheiße weg. Genau zwanzig Sekunden zu spät. Verdrängend dränge ich mich also an den Menschen vorbei aufs Bezahlklo. Der dortige Reinigungsmann ist natürlich nicht da, um mir seinen Wasserschlauch zu pumpen, also muss ich mir selbst helfen und die ganze cremige, stinkende Kacke von meinem Sandal wischen. Erst jetzt merke ich, dass ich das Zeug unter und zwischen den Zehen habe. Glücklicherweise ist mein Magen leer, deshalb fällt es mir weniger schwer, den Brechreiz ob des Anblicks und des Geruchs zu unterdrücken. Der Hunger, den ich noch vor zehn Minuten verspürte, ist wie weggewischt.

Deshalb hasse ich ab sofort alle Punks mit Hund am Ostbahnhof. So. Das musste ich nur loswerden.

Eines noch: ICH HASSE SIE!

28
Mrz

Die Bahn kommt.

Heute wollte ich eine Fahrplanauskunft haben. Seit geraumer Zeit schon muss ich mir die Nötigung durch Werbung gefallen lassen, an diesem schönen Tag aber hatte ich keine Lust darauf. Also suchte ich nach einem Kontaktformular und schrieb meine Fragen auf.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin etwas verwirrt. Ist bahn.de ein Werbe- oder Informationsportal? Bisher dachte ich, dort die nächsten Fahrplanauskünfte zu erhalten und meine Tickets buchen zu können, aber nun muss ich feststellen, dass ich zuerst einen DSL-Anschluß bei Alice buchen soll. Gibt’s demnächst dann auch eMail-Adressen und ein socialNetwork? BahnVZ?

In der Hoffnung, Antwort auf meine Fragen zu erhalten,
verbleibe ich mit Grüßen

Marcus Pauli

26
Mrz

Single Point Of Failure

Ein ganz gewöhnlicher Samstag am Vorabend des «Messiah Comback Day ». Wir sitzen im RegionalExpress von Dresden nach Leipzig. Ungewöhnlich ist nur, dass wir a) den geplanten Zug erreicht haben, wir b) niemanden zu besonderer Eile nötigen mussten und c) sogar schon das Ticket in der Tasche haben. Alles ist also wunderbar.

In Riesa angekommen, spüren wir plötzlich den kalten Atem des Unglücks im Nacken: Wir warten. ‘Vielleicht warten wir ja auf diese öminösen Anschlußreisenden.’, ist mein erster Gedanke. Nach fünfminütiger Ungewissheit eine Durchsage: Eine betriebliche Störung. Ich ahne Schlimmes. Weitere fünf Minuten später rollen wir fast unmerklich los und haben nach wenigen Sekunden unsere Reisegeschwindigkeit erreicht. Es fühlt sich an wie Schrittgeschwindigkeit und nennt sich bestimmt «auf Sicht fahren ». Grüne Signale sehen wir nicht, dafür umso mehr rote. Die Strecke bis Oschatz dauert etwa eine Stunde. Zwischendrin eine Durchsage, in der uns mitgeteilt wird, dass die Verspätung inzwischen bereits vierzig Minuten betrage und um Verständnis gebeten wird. Leider ist das bereits aus, denn ich musste schon weitaus früher feststellen, dass aus dem knapp einstündigen Aufenthalt am Leipziger Hauptbahnhof nichts wird und ich demzufolge keine Strümpfe werde kaufen können. Sowas gibt’s ja noch nicht im Zug. Blumen auch nicht. Verspätung wäre ja nicht so schlimm, wenn an jedem Zug noch eine Kaufhalle wäre.

Ein pflichtbewusster Mann älteren Semesters macht sich mehrmals auf die Suche nach der Schaffnerin, aber anscheinend hat das Personal die Schutzräume bereits aufgesucht. Ich kann das irgendwie verstehen. Die zwei sitzen im gleichen Boot wie wir, haben ebenso viel Schuld an der ganzen Sache, bekommen aber dafür alles ab. Wieder ein Tag, wo man Meister Mehdorn danken muss. Wieder einmal zeigt sich, dass Computer nur dann sinnvolle Arbeit leisten können, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Kommt aber ein verkalktes Vorstandshirn auf die Idee, Computer sind die ideale Sparbesetzung für alles, dann kann das Ergebnis nur schlecht sein. So wie jetzt. Von Leipzig aus wird des gesamte Zugverkehr bis einschließlich Dresden verwaltet. Klingt klug, ist Müll. Denn wenn die kluge Lösung ausfällt, stehen alle Signale auf rot und alle Züge müssen Schritt fahren. Tja und wenn man ewig und drei Tage braucht, um die Computer wieder hoch zu fahren, dann kann man schonmal für eine eigentlich einstündige Fahrt doppelt so lange benötigen. Alle Räder stehen still, weil der starke Arm nicht will.

In Oschatz angekommen, sind wir bereits mit einstündiger Verspätung ausgepreist. Die Leute am Bahnsteig freuen sich auf den warmen Zug und sind laut. Dafür normalisiert sich unsere Geschwindigkeit.

Inzwischen könnten wir seit einer halben Stunde auf dem Hauptbahnhof Geld ausgeben. Stattdessen fahren wir in Dahlen ein und bekommen eine weitere Durchsage. Verspätung jetzt 64 min. Die ICEs nach Erfurt und München werden nicht erreicht. Ende der Durchsage. Weil vorhin schon um Verständnis gebeten wurde und sowieso keiner im Zug ernsthaft gewillt ist, die lakonische Entschuldigung anzunehmen, kommt auch nichts. Man sieht, die Bahn versteht es, ihre Mitarbeiter loyal hinter sich zu versammeln.
Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht ist es auch nur die Rache der Programmierer. Oder aber der große Vorsitzende hat das bewusst einbauen lassen, diese Fehler. Um den Leuten zu zeigen, wie gut es ihnen sonst geht, und dass er den Längsten hat. Vielleicht ist es aber auch nur Fürsorge. Ich meine, die Züge werden immer schneller, die Aufenthalte in den Zügen immer kürzer, vielleicht ist so etwas wirklich mit Absicht geschehen um den Menschen die Chance zu geben, sich mit dem Zug, dem Personal, dem Gesamtkonzern Bahn zu identifizieren.

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