Alle Artikel mit dem Schlagwort 'Das ist doch albern!'

Von Kühen und Nahrungsfahrstühlen.

marcus 3. März 2010

British Columbia. Sagt mir etwas… In Vancouver sind die Olympischen Spiele zu Ende gegangen. Unten USA, schräg oben auch USA, links der Ozean, leider nicht von seiner wärmsten Seite, rechts geht’s direkt ins kanadische Nichts und mittendrin: Berge, ein bisschen Felder und hin und wieder eine Stadt.

Hört sich irgendwie nicht so spannend an. Da steppt der Bär bestimmt noch selbst. Oder er lässt steppen. Holzfäller zum Beispiel: YouTube Preview Image

Das mag nicht sehr vielversprechend klingen, ist es vielleicht auch nicht, doch British Columbia hat eine tolle Organisation: Die BCDF. Das steht für British Columbia Dairy Foundation. Der Name reißt einen auch nicht grad vom Schemel. Die BCDF ist das Sprachrohr der Milchwirtschaft British Columbias, Milch-und-Käse-Lobbyisten eben. Non-Profit sind sie obendrein, darauf sind sie scheinbar recht stolz. Eigentlich liegt das in der Natur der Sache begründet: Wäre es nicht ziemlich dreist, wenn sich die Milchbauern von ihrem Hoflobbyisten melken ließen?

Nun ist Lobbyarbeit ein ziemlich zeitraubendes Geschäft. Man muss sich ständig umziehen – hier feiner Zwirn und Zigarren, da Gummistiefel, Latzhose und Selbstgebrannter – und immer diese weiten Strecken. Das geht schon an die Substanz. Irgendwann ist dann die Luft raus und man braucht dringend professionelle Hilfe. DDB Canada und Tangram zum Beispiel. Die wurden auch prompt engagiert und haben sich etwas einfallen lassen. Unter anderem einen ziemlich trashigen Online-Shop für allerlei Undinge des täglichen Bedarfs. Der hat alles, was man sich als digital Überlebender wünscht: Videos bei  YouTube und sogar bei Vimeo, Fotos bei Flickr, eine Facebook-Fan-Page und selbstverständlich der obligatorische Twitter-Account. Spaßeshalber gibt es noch eine Hotline: 1-877-WEAK-111.
Schade ist nur, dass zufällig gerade alles ausverkauft ist und auch der Hinweis auf eBay keine Resultate zutage fördert. Irgendwie war das zu erwarten. Eine Sekunde lang habe ich wirklich überlegt, mir die eine oder andere Sache zu kaufen.

Schließlich ist hier noch mein Lieblingsspot: YouTube Preview Image

Übrigens ist in China kein Sack Reis umgefallen sondern ein Student…

In Jilin: Wie APN gestern berichtete, hat ein chinesischer Student seinen Zimmernachbarn erstochen, weil dieser zu laut schnarchte. Die ganze Geschichte gibt es hier.

Canasta mit Freud

marcus 12. November 2009

Nacht. Studierzimmer. Zwei durchtanzte Leiber fallen durch die Tür ins Bett. Ich will nur noch schlafen, für sie ist reden gerade richtig wichtig. Ich bin in einer Zwickmühle: Einerseits ist meine Müdigkeit auf dem Vormarsch, andererseits ist Solidarität das Gebot der Stunde. Eine ganze Stunde? Hoffentlich geht es schneller. Mein Unterbewusstsein kramt eine Konfliktlösungsstrategie aus der Trickkiste hervor und zaubert den Kokon interessierter Ignoranz hervor. Ich bin gerettet! Während sich um meine Ohren ein Wattebausch legt, der die Geräusche immer ferner erscheinen lässt, brumme ich anteilnehmend weiter vor mich hin. Ich nehme mir vor, mir morgen früh gleich als erstes den entsprechenden Orden anzuheften.

Minuten später. Alles Brummen hat nicht geholfen, sie muss nochmal raus um etwas loszuwerden. Geräusche von außerhalb des Kokons brechen in die Wattewand und wirken wie tausend kleine Nadelstiche in meiner Magengrube. Die Ordenorder wird storniert, da ist offenbar überhörbares Optimierungspotential vorhanden. Entweder schneller einschlafen oder wirklich reden. Oder im Schlaf sprechen und dabei das Richtige sagen. Na, schneller einzuschlafen tut’s wohl für den Anfang auch.

Eine weitere Viertelstunde später. Ein ausgekühlter entkräfteter Leib schmiegt sich an mich. Mir war eh viel zu warm. Jetzt darf ich endlich schlafen.

6 Uhr 30. Frosch und Storch spielen am Ufer eines Sees Canasta. Es gibt Tee und Weihnachtsgebäck. Ich bin verwirrt. Alles sieht nach Sommer aus und die Temperaturen erinnern mich eher an eine Sauna als an kostümierte Rentner in Geberlaune. Darüber hinaus frage ich mich, ob Frosch und Storch wissen, an welchen Stellen der Nahrungskette sie eigentlich stehen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, antwortet der Storch, dass er sich entschlossen hat, keine Frösche mehr zu essen, da es ihm zu grausam ist. Außerdem gäbe es wohl nur sehr weniger gute Canastapartner unter den Störchen, während die Frösche würdige Gegner seien. Der Frosch kräuselt die Lippen vor Glück.

6 Uhr 32. Sie meint, der Wecker würde seit ein paar Minuten klingeln. Später wird sie sogar behaupten, ich hätte gesagt, sie solle ihn ruhig ausstellen. Ich hingegen glaube, dass der Wecker in Wirklichkeit überhaupt nicht angegangen ist. Sonst hätte ich ihn doch gehört.

Zurück zu den wichtigen Dingen des Augenblickes: Dem Frosch und dem Storch. Es sieht ganz so aus, als ob Meister Adebar die Runde nicht für sich entscheiden könne, er scheint angespannt und nervös. Außerdem klappert er bedrohlich mit dem Schnabel. Ich glaube, er ist ein schlechter Verlierer. Der Frosch hingegen wähnt sich offenbar in Sicherheit, denn er ignoriert das Getue. Jedoch kommt ihm der Schnabel immer näher. Der Storch schaut mich dabei an, als ob er mir sagen wollen würde: „Ich bin ein Storch. Das ist ein Frosch. Störche essen Frösche. Moral hin oder her. Außerdem ist Canasta auch nicht alles.“ Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Frosch. Doch der spielt seelenruhig sein Spiel. Der Storch hingegen bereitet sich genüsslich auf die Nahrungsaufnahme vor. Aus der Uferböschung holt er eine mobile Speisekammer hervor und beginnt, sich einen Salat zu machen. Der arme Frosch. Da fällt mir ein, dass ich in meinen Träumen der Bestimmer bin. Welch glücklicher Zufall. Für den Frosch. Ich bestimme also, dass dem Storch einfällt, dass er ganz vergessen hat in den Süden zu ziehen und er deshalb Hals über Kopf aufbricht. Ohne Lebwohl zu sagen. Reinhard Mey gleitet mit einem Ruderboot durch den See und singt „Über den Wolken“ in düsterem moll. Geschockt bleibt der Frosch zurück und sieht dem sich hastig entfernenden Storch mit feuchten Augen nach.

6 Uhr 37. Der Storch ist aus dem Blickfeld verschwunden, Reinhard zum Glück auch. Allerdings sieht mich der Frosch jetzt durchdringend an und fragt mich, warum ich das getan habe, ob ich nicht wüsste, wie lieb er den Storch gewonnen hätte. Ich versuche ihm zu erklären, dass der Storch zwar das eine gesagt, aber das Gegenteil getan habe. Da macht der Frosch einen Satz und springt mir auf die Schulter, direkt neben mein Ohr. In dieses lädt er unüberhörbar seinen Unmut ab. Ich resigniere, breite meine Flügel aus und fliege dem Storch hinterher. Soll sich der Frosch doch fressen lassen, wenn er will.

7 Uhr 59. Mein Zug kommt.

Ich bin zu bodenständig, um stundenlang durch die Gegend zu schweben. Ich lande und setze den Frosch ab, doch nicht ohne ihn mit Marschverpflegung und detailliertem Kartenmaterial zu versorgen.

8 Uhr. Moment mal. Ich bin boden-was? Habe ich mir das Vorpommern-Virus eingefangen? Reflexartig warne ich mein Immunsystem. Eigentlich kann es nicht sein, aber man kann nie wissen.

8 Uhr 01 . Ich frage sie nach der Uhrzeit, stelle fest, dass ich den Zug kaum werde erreichen können. Dann winke ich ihm eben in Gedanken hinterher.

Mein Immunsystem macht Meldung. Nicht das Vorpommern-Virus mache mich so dröge, das sei einfach nur das Nachbeben des gestrigen Abends. Eine leise Stimme aus dem Untergrund flüstert mir hingegen zu, ich solle mich nicht von der Antwort blenden lassen, ich könnte bereits infiziert sein.
Habe ich mich doch angesteckt, kann das sein? Nach Jahren des auto-immunen Widerstandes soll ich dieser heimtückischen Krankheit also auf den Leim gegangen sein?
Wie gut, dass ich just in diesem Augenblick zurück nach Berlin fahre, denn Metropolenleben ist pures Gift für Pommeritis.

8 Uhr 02. Ich öffne die Augen. Hier fährt nichts, dafür dreht sich umso mehr. Also Augen wieder zu.

Ich stehe in einem Heißluftballon und fahre über Wälder, Wiesen und Felder hinweg. In der Ferne duellieren sich der Frosch und der Storch, Sigmund Freud und C.G. Jung sind ihre Sekundanten.

8 Uhr 22. Mir wird die Uhrzeit mitgeteilt. Nett. Wirklich. Aber der Zug fährt doch erst in anderthalb Stunden, jetzt verpasse ich noch das Duell.

8 Uhr 23. Ich habe es verpasst, beide haben es nicht überlebt. Dafür stecken beide auf demselben Spieß über einem Feuerchen. Kulinarisch gesehen ist die Kombination höchst selten. Das haben sich Freud und Jung wohl auch gedacht, wohl deshalb veranstalten sie jetzt ein Picknick. Irgendwie sehen die Jungs verliebt aus. Ich bin verwirrt. Storch und Frosch spielen Karten. Okay, das ist ein Traum. Frosch verliebt sich in Storch. Meinetwegen. Aber Freund und Jung, die ein romantisches Picknick machen und als Zeichen ihrer Liebe Storch und Frosch essen? Das ist sogar für meine Verhältnisse etwas mehr als genug. Wahrscheinlich will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Ich muss nachdenken. Wieso gibt es eigentlich nie eine Stimme aus dem Off, die Klartext spricht? Warum muss das immer über die bizarrsten Bilder geschehen? Stimme aus dem Off… Stimme aus dem Off… Ich hab’s: Das ist ein deutliches Signal, die Stimme aus dem Off nicht weiter zu verdrängen. Es gibt doch eine Stimme aus dem Off? Seit wann? Na egal, ich analysiere zunächst erst einmal die Stimme.

8 Uhr 24. Die Stimme gehört ihr.

8 Uhr 25. Was sie sagt klingt gut.

8 Uhr 26. Was sagt sie nun eigentlich?

8 Uhr 27. Ich kann das deutsche Sprachmodul nicht laden. Segmentation fault. –force bringt nichts und –debug liefert nur kryptische Kernel Traces. Für richtiges Fehlerlesen ist es noch viel zu früh, einstweilen lege ich die verfügbare Energie auf die Deflektoren. Warum weiß ich nicht genau, aber nach 15 Jahren StarTrek-Konsum weiß man einfach, dass das nie falsch sein kann.

Ich tue das mir maximal mögliche und lasse mich weiter vom Klang ihrer Stimme berieseln.

9 Uhr 21. Sie sagt, es sei kurz vor halb zehn. Gerade war es noch halb neun.

Ich sollte wohl mal SOLL und IST der aktiven Prozesse überprüfen: Sprache offline, Zeitgeber offline. Was bin ich nur für ein Saustall? Kein Monitoring, bestimmt auch kein Backup.
Und überhaupt: Seit wann bin ich ein Server?
Das kann nur eines bedeuten: Descartes hat sich eingeschlichen! Jedes Jahr das Gleiche: Kaum kommt die erste kühle Nacht, sucht er Anschluss.

9 Uhr 22. Dachte ich’s mir doch: Descartes! Der René! Steht auf einer Holzkiste im Stammhirn und agitiert. Ich packe ihn am Kragen und setze ihn vor die Tür. Der hat es noch drauf, meine Hirnhälften gegeneinander aufzuwiegeln. Das wäre echt unschön.

Ihre Stimme spricht jetzt eindringlicher. Das mit der Uhrzeit war also doch ernst gemeint. Kickstart! Anziehen! Kaffee ziehen! Losziehen!

9 Uhr 38. Wir verabschieden uns. Kurz und bündig. Sachlich. Ganz so als würden wir uns am Abend wiedersehen. In Wirklichkeit verdrängen wir diesen Teil des Lebens und seine Zwänge. Sie sind grausam genug, da müssen wir uns den Abschied nicht zur Qual machen. In Wirklichkeit haben wir uns längst schon verabschiedet, wir verabschieden uns seit meiner Ankunft. Häppchenweise und im Voraus.

Alles Gute nachträglich…

marcus 4. Oktober 2009

Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.

Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.

Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:

Deutschland Du Opfer

Deutschland Du Opfer

Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!

Oder so.

Wieder in Berlin

marcus 19. August 2009

20 Uhr 44. Drei Flaschen vorzüglichen Rieslings im Gepäck treffe ich im Neuköllner Epizentrum der studentischen Feierlaune meines Matrikeljahres ein. Johanna mit den frisch gewaschenen Haaren öffnet die Tür, Laura muss noch malochen. Eine muss schließlich das Geld verdienen.

20 Uhr 45. Vom vielen Reden sind uns die Kehlen ganz trocken und rau. Um unserer Selbst willen suchen wir fieberhaft nach Lösungen, Johanna hat Weißen im Kühlschrank gefunden, der wird zur ersten Hilfsmaßnahme erklärt.

20 Uhr 46. Die erste Flasche öffnet sich fast von selbst. Wie immer. Der Wein schmeckt, obwohl er als Medizin gilt. Unser Glückstag!

22 Uhr 53. Laura ist endlich fertig. Trifft sich gut, denn Johanna und ich brauchen dringend Nahrung.

23 Uhr 07. Döner hat die Currywurst als typisches Berliner Gericht abgelöst. Gibt’s auch viel häufiger und europaweit. Die Türkei muss überhaupt nicht in die EU, sie ist schon längst da. Europäische Nachkriegsesskultur ohne Döner? Undenkbar!

1 Uhr 30. Die Urlaubserzählungen sind vorbei. In den Weinflaschen herrscht auch gähnende Leere. Durchzählen… ein, zwei, drei, vier,  fünf. Alle Flaschen anwesend. Alle Flaschen leer. Schade eigentlich. Während ich in trüb-schwermütigen Gedanken an Systembollaget denke, senden Johanna & Laura fast gleichzeitig ein bekanntes Stoßgebet gen Himmel: Späti, gib uns Nachschub! Ich schiebe ein Berlin, Hallelujah, Berlin! hinterher.

1 Uhr 31. Wir küren Johanna zur Oberhofweinbesorgungsfachfrau.

1 Uhr 37. Nachschub trifft ein, ein kurzes liebliches Ploppen durchzuckt den Raum, gefolgt von Schwefelgeruch, der der rauchgeschwängerten Luft eine weitere Note hinzufügt. Die Musik wird von laut auf richtig laut gestellt, ein Ball aus drei ziemlich angetrunkenen Menschen schickt sich an, zu einem spontan ausgesuchtem Mix aus 80er und Elektro zu tanzen. Wechselweise wird über die aktuelle musikalische Leitung entschieden. Das Neuköllner Epizentrum afrikawissenschaftlicher Feierlaune ergeht sich in meisterhaften Elegien rhytmischer Zuckungen.

2 Uhr 17. Ich muss dringend schlafen. Sagt mein Körper. Laura heisst mich eine weitere Flasche Wein aufzumachen. Das halbtrockene Ploppen verstummt im Treiben der Bässe. Die Gläser spielen Ringelreihen, kommen und gehen, werden zusammengestossen und geleert, um anschließend von Neuem gefüllt zu werden.

2 Uhr 59. Die siebte Flasche hallt als Dominantsept in mir nach: Sehr dominant und nach Auflösung strebend. Ich muss ins Bett, doch die Damen unbeaufsichtigt auf der Tanzfläche zurückzulassen bringe ich nicht übers Herz. Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach…

3 Uhr 30. Mein Körper strebt zielsicher eine Lösung entgegen, doch nicht ins muntere Dur, sondern ins schläfrige moll, wenn ich mich nicht beeile, gibt es noch einen Vorzeichenwechsel. Ich füge mich, denn mich zu wehren vermag ich beim besten Willen nicht mehr.

3 Uhr 31. Ich falle tot ins Bett.

3 Uhr 32. Es ist Lauras schätze ich, schließlich scheint sie im Dunkel herumzuschweben. Oder liegt sie neben mir? Sie redet. Redet sie? Doch, es ist ihre Stimme. Lauras Zimmer.

7 Uhr 30. Meine mobile Wundermaschine mit den vielen Macken feuert ihren ersten Event des neuen Tages – ein Wecker klingelt.

Irgendwann Uhr Später. Das Telefon triggert den zweiten Event: Aufgrund mangelnder Interaktionsbereitschaft seitens der humanoiden Akteure Klingeln einstellen.

9 Uhr 00. Ein weiterer Weckversuch wird gestartet.

9 Uhr 01. Ich werde munter und öffne meinen Schlafsack. Peter und Alexander durchstreifen noch Morpheus’ weites Reich.

9 Uhr 02. Vor dem Zelt steht Neil Tennant in Elton Johns Nikita-Outfit und reicht mir einen Schonkaffee.

9 Uhr 12. Neil und ich trällern lauthals Single-Bilingual, als ein Elch vorbeikommt und mitsingt. Peter und Alexander sind zu einem verkaterten Peter Alexander mutiert. Peter Alexander geht Espresso kaufen und raucht kubanische Zigarren.

9 Uhr 13. Der Elch singt schief, Neil ist verstimmt und geht.

9 Uhr 14. Der Elch singt nicht wirklich, doch kommen melodische Geräusche aus seinem Maul.

9 Uhr 15. Der Elch ist ein Wecker. Der Elch ist mein Wecker. Mein Wecker klingelt. Na bitte, wer sagt’s denn? Rätsel gelöst. So Elch, du darfst bitte gehen, Neil und ich waren nämlich noch nicht ganz fertig mit singen.

9 Uhr 16. Der Elch geht, das Klingeln bleibt. Ich drehe mich nach allen Seiten um. In einem Gebüsch hockt Neil und wippt zum Takt der Musik, sein Anzug leuchtet in der Morgensonne. Ich rufe ihn an, er redet, doch es klingt wie der Wecker.

9 Uhr 17. Frühsport à la Mimmelitt: Linkes Auge auf, linkes Auge zu; rechtes Auge auf, rechtes Auge zu; auf, zu, auf, zu; beide Augen auf, beide Augen zu; auf, zu, auf, zu. Tückische Täuschung! Neil ist weg, der Elch auch. Peter Alexander wird nicht mit Kaffee wiederkommen, er wird überhaupt nicht wiederkommen! Dafür liegt eine komatöse Frau neben mir. Beide Augen auf. Laura. Laura. Laura?! Laura. Ich werfe die Erinnerungsmaschine an, sie wirft mir ein paar Fetzen vor die Füsse, ich beuge mich äußerst vorsichtig nach unten und schaue mir die Polaroids der letzten Nacht an. Laura. Stimmt schon. Viertel zehn war das? Schon?! Alle Maschinen volle Kraft voraus!

9 Uhr 18. Volle Kraft fühlt sich anders an. Das ist eher Schonkaffee. Zwei weitere Polariods tun sich vor mir auf. Das eine mit vollen Flaschen, das andere voller Flaschen, aber leere. Das erklärt das Schonkaffeegefühl.

9 Uhr 42. Frisch geduscht, behutet und bebrillt steuere ich durchs Treppenhaus. Der Mensch unter der Wohnung ist munter. Jetzt schon? Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, seine Nacht war doch gezwungenermaßen nicht wesentlich länger als unsere. Berlin eben. Durch die Wohnungstür klingt ein Schlager. Wenn nichts mehr geht, eins geht immer, denkt sich die Disco Queen in mir, zieht die Rollschuhe an und legt los. Und dann die Hände zum Himmel und lasst uns fröh-lich sein! Mein Hirn wacht von den Tanzbewegungen des Alkohols auf. Ganz vorsichtig.

9 Uhr 43. Es dreht sich doch nochmal um. Naja, der Wille zählt.

9 Uhr 47. Der U-Bahnhof riecht wie sieben Toiletten rückwärts. Berlin Neukölln, Du hast mich wieder!

9 Uhr 48. Ich bekomme langsam ein Gefühl für meinen Schädel. Er braucht jetzt vor allem Ruhe und viel Platz. Ein Schonkaffee wäre schon schön, wird wohl aber nicht helfen. Das Blut im Alkohol versucht derweil, die Herrschaft an sich zu reissen, doch wird der dilletanitsch ausgeführte Putschversuch bereits im Ansatz vereitelt.

9 Uhr 51. Die U-Bahn fährt ein. Jaqueline, mache du die Affenmusik aus, tobt mein Schädel. Ich gebe ihm Bach und er ist’s zufrieden. Die Tür geht nicht ganz auf, ich muss meinen Kopf vorsichtig durch den Türspalt falten.

10 Uhr 06. Nahrung! Echt-Kaffee! Ich! In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, das Überraschungsmoment gekonnt genutzt, obsiegt das Blut über den Alkohol.

10 Uhr 07. Der Alkohol schlägt zurück. Ich vermittele einen Waffenstillstand samt Abrüstungsplan.

10 Uhr 09. Im Büro. Ich muss meine Sonnenbrille abnehmen, Paul schaut mich an und meint nur: You look worse than I feel.

10 Uhr 12. Mails checken, Soziale Netzwerke prüfen. Das Klopfen in meinem Kopf vermenschlicht sich. Es ist Neil! Ich setze die Kopfhörer auf… New york city boy / You’ll never have a bored day / cause you’re a new york city boy

Bedrohte Minderheiten. Heute: Die Jugend.

marcus 23. Juli 2009

Man kann den 68-ern ja vorwerfen, was man will. Heute will ich ihnen auch einmal etwas vorwerfen. Nämlich, dass sie mit ihrem verhunzten Aufstand für die Vergreisung der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind.

Das statistische Bundesamt hat vor zweieinhalb Jahren die Ergebnisse seiner 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung präsentiert. Aus den Grafiken lässt sich zum Beispiel herauslesen, dass sich der Anteil der über 35-jährigen seitdem kontinuierlich gesteigert hat. Waren die Alten während der letzten Revolution noch in der Unterzahl, so werden sie sich bis 2050 einen bequemen Vorsprung von gut 20% verschafft haben. Wenn 70% der Bevölkerung lieber in Ruhe Sportschau und Sturm der Liebe gucken wollen, lässt sich’s schwer revoluzzen. Naja, man könnte von 7 bis 13 Uhr und dann nochmal von 15 bis 22 Uhr.  Das sind immerhin 11h Revolution am Tag und anschließend kann man noch eine Stunde beraten, um dann 8h zu schlafen und frisch, fromm, fröhlich, frei in den neuen Revolutionstag zu stürzen. Von 13 bis 15 Uhr gäbe es sogar Mittagspause und Halbzeit zugleich.

Sozial verträgliche Revolutionen! Das wird der neue deutsche Exportschlager!

Okay. Ich nehme, alles zurück: Danke, liebe 68-er. Durch Euer beherztes Aufbegehren werden wir Jungen zwar in die demographische Defensive gedrängt, doch wenn wir dies als Chance und nicht als Problem begreifen, können wir revoluzzen ohne die staatliche Ordnung zu gefährden und dieses revolutionäre Revolutionsprinzip in die Welt exportieren, um davon die Renten Eurer Kinder zu bezahlen und Euch zu gefallen.


Gut. Ich bemerke gerade, dass ich demographisch gerade noch so in die gerade erwähnte Generation hineinfalle. Andererseits aber auch wieder nicht. Eigentlich bin ich auch ein Kind der Praktikums- und Krisengeneration. Das sind die Menschen, die trotz multipler Auslandsaufenthalte, Qualifikationen und Fremdsprachen nur an Praktika geraten. Das ist das Prinzip, was zwar allgemein durch Lippenbekenntnisse verschmäht wird, aber weiterhin gängige Praxis ist. Euer Prinzip. Ein Weiteres ist, uns von Kindesbeinen an die Angst vor dem Aufmucken einzubläuen, weil nur Duckmäuser Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das war sehr clever von Euch. Macht nur so weiter und Ihr werdet Euch eine Generation williger Rentenleistungerbringungsaffen heranzüchten, die für Euch tanzt, während Ihr von individueller Freiheit, Bürgerrechten und demokratischen Prinzipien schwadroniert. Dann könnt Ihr Euch jeden Morgen im Aufenthaltsraum Eures Pflegeheimes treffen und gemeinsam diese Jugend von heute begaffen, die sich auf der Straße darum prügelt, die Gebisse von 150 alten Menschen putzen zu dürfen. Für ein Mittagessen, versteht sich. Der Rest muss an Euch gehen, ihr seid ja schließlich die pflegebedürftige Mehrheit und wir leben in einer solidarischen Gemeinschaft. Mit Euern statistischen 1,4 Kindern seid Ihr alle Eltern.

Wisst Ihr, was Ihr eigentlich verdient hättet? Dass sich die heutige Jugend als Minderheit begreift, sich zusammenrottet, Minderheitenschutz beantragt und Euch bei dieser Gelegenheit ins Gesicht sagt, was ihr an Eurem System nicht passt:

Entweder Zukunftsjobs oder Schluss mit lustig.
Entweder Ihr macht hier mal wirklich was oder wir werden Eure Rente nicht zahlen.

Entweder alle hören auf, unsere Planeten zu terminieren, anstatt nur davon zu reden oder wir bringen die Zukunft zu Ende.
Denn eins ist mal klar: Wenn’s auf dem Planeten kuschelig warm sein wird und Eure dämlichen Atomfässer im Salzschacht fleißig vor sich hinbrodeln, werdet Ihr nicht mehr anwesend sein.
Wir aber schon.
Meint ihr allen Ernstes, wir haben Lust darauf?
Meint Ihr allen Ernstes, wir würden das Gleiche machen wie Ihr – Kinder in eine verrottende Welt setzen und hoffen, dass es denen einmal besser gehen wird, obwohl wir doch alle längst wissen, dass das nicht der Wahrheit entspricht – und den zweifelhaften Mut aufbringen, diesen – unseren – Kindern diese Lebenslüge der Gesellschaft ins Hirn zu pflanzen?

Gebt uns Jobs und bezahlt uns anständig, sonst ist sozialer Frieden etwas, wovon Ihr träumen könnt, wenn wir Euch lassen.

Obwohl: Ein Aufstand der Jugend gegen das Alter muss fehlschlagen, weil die Kommunikationsebenen andere sind. Die Jugend argumentiert und handelt eher emotional, während das Alter eher (pseudo-) sachlich spricht.

Nun. Das können wir auch.
Wenn wir wollen.
Wollen wir aber nicht.
Aber wenn wir wollten, ginge das höchstwahrscheinlich so: Wir sagen Euch einfach ganz in Ruhe wie wir uns das vorstellen und präsentieren Euch einen neuen Gesellschaftsvertrag. Falls Ihr den ablehnt, werden wir uns umdrehen und Euch ignorieren.  Und die Rentenkasse mit unseren frischgezeugten Kindern plündern. Ha!

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