Danach.
Augen auf. Ein blauer Himmel strahlt mir durch einen Spalt zwischen Rollo und Fensterbrett unverfroren ins Gesicht. Ich starre ihn an: „Wenn ich dich erwische…“
Okay. Erstmal Frühsport. Wir lassen die Gedanken ganz langsam und rhythmisch um den gestrigen Abend kreisen.
Mitte. Caipirinhas. Viele Caipirinhas. Schluss. Dürüm mit langer Wartezeit, weil ich Depp natürlich wieder einen besonderen wollte. Deshalb fast den Bus verpasst. Finde zum Glück einen Sitzplatz, esse im Bus. Ein kleines bisschen auf den Boden gekleckert, aber die Schäden beseitigt. Das tiefe Gefühl von Befriedigung und Stolz ob meiner Leistung. Moritzplatz. Die Fensterscheibe schlägt mir immerzu an den Kopf. Nicht einschlafen! Licht aus.
Licht an. Britz. Google maps sagt 7,6 km bis nach Hause. Bitte? Ist das hier 1/Mitte? Das Handy meldet Ladebedarf an. Zurück in die reale Welt. Merke: Der Nachtbus fährt weiter als M44, auf keinen Fall einschlafen. Prima. Mein Bus kommt. Ich muss an der Endhaltestelle aussteigen. In der Ecke war ich noch nie. Verpasst habe ich trotzdem nicht viel. Hermannstraße. Hier muss ich raus. Ich helfe zwei Touristinnen, ihren Heimweg zu finden. Sowohl Busfahrer als auch Busbegleitpersonal können kein Wort englisch sprechen. Geschafft. Die Mädels sitzen versorgt im Bus, ich gehe zu Fuß weiter. Der Nachtbus fährt an mir vorbei, der kommt wie aus dem Nichts. Merke: Die M44 fährt weiter als Nachtbus, da kannst Du sitzenbleiben. Verdammt. In der Okerstraße hüpft eine Amsel von Baum zu Baum und begleitet mich bis vor die Haustür. Ich bin endlich da, das wurde wirklich auch Zeit. Fahrstuhl rein, Fahrstuhl raus. Tür auf, Tür zu. Es dreht im Kopf. Egal. Licht aus.
Das war sehr vollständig. Bravo! Zurück in die unmittelbare Gegenwart. Blauer Himmel. Das bedeutet sicherlich, dass ich weit nach meinem Wecker aufgestanden bin. Halb elf. Stimmt. Das war so nicht ausgemacht. Eigentlich sollte das Radio doch schon seit einer halben Stunde laufen. Testhalber schalte ich es ein. Es funktioniert, ist aber leiser als erwartet. Dass ich das nicht hören kann, wenn ich im Tiefschlaf bin, ist klar. Da meldet sich auch mein Telefon und erinnert mich daran, dass ich seine Weckfunktion noch nicht gewürdigt habe. Die Melodie ist zu seicht, heute hätte ich was griffigeres hören müssen. Gitarren, Schlagzeug, raue Stimmen oder Fanfaren.
So richtig verkatert bin ich gar nicht. Das liegt auch am Dürum, aber nicht ausschließlich. Genau: Wo ist eigentlich das Eichhörnchen, dessen buschiger Schwanz mich sonst immer in meinem Mund begrüßt? Ach ja richtig: Mitte-Stylo-Nichtraucher-Lokal. Mitte fetzt. Also kein Eichhörnchen, nur ein Kätzchen ohne Extras zum Hieressen. Und mein kleines, aufgewecktes, fünfjähriges Ich. Putzmunter und quicklebendig wie eh und je. Toll. Es kann schon voll viel, wie zum Beispiel auf dem Bett herumhüpfen und dabei gleichzeitig laut rufen: »Lass uns was machen lass uns was machen«. Da ich noch nicht in der Lage bin, von mir selbst angenervt zu sein, gebe ich mir nach und stehe auf. Es ist eh längst Zeit.
Ich gehe ins Wohnzimmer, will eigentlich aber in die Küche. Ich gehe also in die Küche, will dann aber doch zurück ins Wohnzimmer. Ich gehe ins Wohnzimmer und will wieder in die Küche. Ich gehe in die Küche, will aber eigentlich ins Wohnzimmer. Okay. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, warum ich durch die Wohnung tigere. Vielleicht braucht das Kind in mir einfach Auslauf. Wäre ich wirklich fünf, hätte ich das sicher in der Hälfte der Zeit geschafft. Bin ich aber nicht. Außerdem ist mein Haupthirn noch nicht munter. Nagut. Aus dem Schlafzimmer komme ich, in den anderen zwei Räumen bin ich auch schon gewesen, eins bleibt übrig, da gehe ich jetzt hin.
Herrlich: Verkatert aufm Pott sitzen und Twitter-Gossip abgreifen. Das ist viel besser als Zeitung zu lesen. Erstens handlicher, zweitens weniger anspruchsvoll und drittens müsste ich die Zeitung erst aus dem Briefkasten holen. Stadtbahn hat soeben einen Stormtrooper entdeckt. Solange das Imperium mich stetig mit Caipirinhas versorgt, kann es von mir aus hinschlagen wo es will. Brent Spiner wundert sich über LeVar Burtons Twitterei. Levar Burton hat offenbar seine Handynummer getwittert, etwas ähnliches hatte wohl auch Facebook im Sinn, als sie in der Nacht für eine halbe Stunde die eMail-Adressen seiner Nutzer für alle Welt sichtbar gemacht haben. Die Reaktion in Form eines Aufschreis kam prompt – via Twitter: Die Leute haben Angst vor Stalkern. Ist es wirklich noch zu früh für mich, um das zu verstehen? Das Wesentliche ist doch, dass die neuen Regeln zur Privatsphäre offenbar schon beschlossene Sache sind und die den Nutzern eingeräumte Möglichkeit, die neuen Regeln zu kommentieren, reine Makulatur ist.
Da bin ich wieder: »Lass uns Wäsche waschen! Wäsche waschen! Juhu!« Welche Wäsche wollen wir denn waschen? »Hmmm, weiß nicht? Bettwäsche! Jaaaaa!« Nagut, dann schauen wir mal, wie lange das Waschprogramm braucht. »Juhu!« Ich steuere auf die Waschmaschine zu, im Augenwinkel erfasse ich leere Speeflasche. Das wird wohl nichts, das Waschmittel ist alle. »Toooof!« Also setzt ich Spee auf den sich seit zwei Wochen aufblähenden Einkaufszettel. Was brauche ich eigentlich nicht? Kaffee, davon habe ich nämlich noch vier Päckchen. Dumm nur, dass mein Kaffeeverbrauch im Augenblick gegen Null geht. Ich gratuliere mir für einen vorausschauenden Schnäppchenkauf.
Ich stehe im Schlafzimmer. Bin wohl falsch abgebogen. Mein übergroßer Plüschteddy sitzt vor einem der Lautsprecher. Deshalb war das Radio vorhin so leise. Rätsel gelöst.
Im Bad. Natürlich bin ich längst da: »Duschen! Juhu! Kaltes Wasser! Ich!« Das ja ist wie bei der Hase und der Igel. Unter der Dusche sinniere ich über einen neuen Anrufbeanworterspruch und bleibe an meinem Dialekt hängen: Es ist für einen Sachsen fast unmöglich, ein Wort mit mehr als vier Silben sauber auszusprechen. Alles was danach kommt, wird fast zwanghaft gekürzt. Ich zwinge mich, das Wort An-ruf-be-ant-wor-ter mit allen Silben auszusprechen. Es geht nicht. Es liegt am o. Dieser kleine gemeine Vokal verleidet mir doch tatsächlich die korrekte Aussprache – im Rahmen der Möglichkeiten meines Dialekts. Damit ist der Anrufbeanworterspruch wertlos.
Mein fünfjähriges Ich ist mit offenem Mund staunend verstummt. Das ist das Haupthirn, da staunste, was? Na wart’s nur ab, wenn Du mal groß bist, hast Du auch so eins. Nein halt, Du bist ja ich mit fünf, Du wirst nicht älter. Ich bin verwirrt. »Kaltes Wasser! Juhu!« Verdammt. Ich hätte meine Klappe nicht halten sollen. Gut, dann eben kaltes Wasser. Erstaunt nehme ich wahr, dass mein Haupthirn jetzt zügig hochfährt. Das war eine gute Idee. Und selbstlos obendrein: Ich dem Maße, wie sich mein Bewusstsein rehabilitiert, verschwindet auch mein Kinds-Ich. Vielleicht ist es ja mein persönliches MHN. Das wäre ziemlich cool.
Inzwischen ist der Himmel bereits von Wolken überzogen. Das Wetter passt mir hervorragend in den Kram. So ganz fies verkatert bin ich ja nicht, aber bei wolkenlos wäre Sonnenbrille trotzdem Pflicht gewesen. Die liegt sicher verwahrt im Etui. Das wiederum befindet sich in der Tasche und die habe ich im Büro gelassen.
In der U-Bahn titelt die BZ damit, dass Britta Steffen Paul Biedermann liebt, ach ja und die Witwe von Kurt Cobain liebt jetzt den Ex-Verlobten von Uma Thurman. Prima. Wie alt sind eigentlich die Erfinder dieser Überschriften? Acht? Zehn? Höchstens zwölf!
Der neue Schwarma-Dealer meines Vertrauens grüßt mich grinsend mit einem: »Wie immer?« Wie immer heißt: Eine Schawarma zum Mitnehmen und ein starker Kaffee. Das perfekte Frühstück zum Mittag.
Auf meinem weiteren Weg stelle ich fest, dass ich keins meiner beiden Feuerzeug eingesteckt habe. Den Polizisten, der auf die Wohnung vom Innenminister aufpasst, traue ich mich nicht zu fragen. Er könnte ob der konischen Form misstrauisch werden. Rauchen ist sowieso ungesund.
Im Büro. Mein Rechner fährt hoch. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Doch schon so spät. Obwohl: Um von der Kneipe ins Bett zu kommen, habe ich wirklich drei Stunden gebraucht und vom Bett bis ins Büro nochmal so viel. Passt doch.
Von Kühen und Nahrungsfahrstühlen.
British Columbia. Sagt mir etwas… In Vancouver sind die Olympischen Spiele zu Ende gegangen. Unten USA, schräg oben auch USA, links der Ozean, leider nicht von seiner wärmsten Seite, rechts geht’s direkt ins kanadische Nichts und mittendrin: Berge, ein bisschen Felder und hin und wieder eine Stadt.
Hört sich irgendwie nicht so spannend an. Da steppt der Bär bestimmt noch selbst. Oder er lässt steppen. Holzfäller zum Beispiel: 
Das mag nicht sehr vielversprechend klingen, ist es vielleicht auch nicht, doch British Columbia hat eine tolle Organisation: Die BCDF. Das steht für British Columbia Dairy Foundation. Der Name reißt einen auch nicht grad vom Schemel. Die BCDF ist das Sprachrohr der Milchwirtschaft British Columbias, Milch-und-Käse-Lobbyisten eben. Non-Profit sind sie obendrein, darauf sind sie scheinbar recht stolz. Eigentlich liegt das in der Natur der Sache begründet: Wäre es nicht ziemlich dreist, wenn sich die Milchbauern von ihrem Hoflobbyisten melken ließen?
Nun ist Lobbyarbeit ein ziemlich zeitraubendes Geschäft. Man muss sich ständig umziehen – hier feiner Zwirn und Zigarren, da Gummistiefel, Latzhose und Selbstgebrannter – und immer diese weiten Strecken. Das geht schon an die Substanz. Irgendwann ist dann die Luft raus und man braucht dringend professionelle Hilfe. DDB Canada und Tangram zum Beispiel. Die wurden auch prompt engagiert und haben sich etwas einfallen lassen. Unter anderem einen ziemlich trashigen Online-Shop für allerlei Undinge des täglichen Bedarfs. Der hat alles, was man sich als digital Überlebender wünscht: Videos bei YouTube und sogar bei Vimeo, Fotos bei Flickr, eine Facebook-Fan-Page und selbstverständlich der obligatorische Twitter-Account. Spaßeshalber gibt es noch eine Hotline: 1-877-WEAK-111.
Schade ist nur, dass zufällig gerade alles ausverkauft ist und auch der Hinweis auf eBay keine Resultate zutage fördert. Irgendwie war das zu erwarten. Eine Sekunde lang habe ich wirklich überlegt, mir die eine oder andere Sache zu kaufen.
Schließlich ist hier noch mein Lieblingsspot: 
Übrigens ist in China kein Sack Reis umgefallen sondern ein Student…
In Jilin: Wie APN gestern berichtete, hat ein chinesischer Student seinen Zimmernachbarn erstochen, weil dieser zu laut schnarchte. Die ganze Geschichte gibt es hier.
Canasta mit Freud
Nacht. Studierzimmer. Zwei durchtanzte Leiber fallen durch die Tür ins Bett. Ich will nur noch schlafen, für sie ist reden gerade richtig wichtig. Ich bin in einer Zwickmühle: Einerseits ist meine Müdigkeit auf dem Vormarsch, andererseits ist Solidarität das Gebot der Stunde. Eine ganze Stunde? Hoffentlich geht es schneller. Mein Unterbewusstsein kramt eine Konfliktlösungsstrategie aus der Trickkiste hervor und zaubert den Kokon interessierter Ignoranz hervor. Ich bin gerettet! Während sich um meine Ohren ein Wattebausch legt, der die Geräusche immer ferner erscheinen lässt, brumme ich anteilnehmend weiter vor mich hin. Ich nehme mir vor, mir morgen früh gleich als erstes den entsprechenden Orden anzuheften.
Minuten später. Alles Brummen hat nicht geholfen, sie muss nochmal raus um etwas loszuwerden. Geräusche von außerhalb des Kokons brechen in die Wattewand und wirken wie tausend kleine Nadelstiche in meiner Magengrube. Die Ordenorder wird storniert, da ist offenbar überhörbares Optimierungspotential vorhanden. Entweder schneller einschlafen oder wirklich reden. Oder im Schlaf sprechen und dabei das Richtige sagen. Na, schneller einzuschlafen tut’s wohl für den Anfang auch.
Eine weitere Viertelstunde später. Ein ausgekühlter entkräfteter Leib schmiegt sich an mich. Mir war eh viel zu warm. Jetzt darf ich endlich schlafen.
6 Uhr 30. Frosch und Storch spielen am Ufer eines Sees Canasta. Es gibt Tee und Weihnachtsgebäck. Ich bin verwirrt. Alles sieht nach Sommer aus und die Temperaturen erinnern mich eher an eine Sauna als an kostümierte Rentner in Geberlaune. Darüber hinaus frage ich mich, ob Frosch und Storch wissen, an welchen Stellen der Nahrungskette sie eigentlich stehen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, antwortet der Storch, dass er sich entschlossen hat, keine Frösche mehr zu essen, da es ihm zu grausam ist. Außerdem gäbe es wohl nur sehr weniger gute Canastapartner unter den Störchen, während die Frösche würdige Gegner seien. Der Frosch kräuselt die Lippen vor Glück.
6 Uhr 32. Sie meint, der Wecker würde seit ein paar Minuten klingeln. Später wird sie sogar behaupten, ich hätte gesagt, sie solle ihn ruhig ausstellen. Ich hingegen glaube, dass der Wecker in Wirklichkeit überhaupt nicht angegangen ist. Sonst hätte ich ihn doch gehört.
Zurück zu den wichtigen Dingen des Augenblickes: Dem Frosch und dem Storch. Es sieht ganz so aus, als ob Meister Adebar die Runde nicht für sich entscheiden könne, er scheint angespannt und nervös. Außerdem klappert er bedrohlich mit dem Schnabel. Ich glaube, er ist ein schlechter Verlierer. Der Frosch hingegen wähnt sich offenbar in Sicherheit, denn er ignoriert das Getue. Jedoch kommt ihm der Schnabel immer näher. Der Storch schaut mich dabei an, als ob er mir sagen wollen würde: „Ich bin ein Storch. Das ist ein Frosch. Störche essen Frösche. Moral hin oder her. Außerdem ist Canasta auch nicht alles.“ Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Frosch. Doch der spielt seelenruhig sein Spiel. Der Storch hingegen bereitet sich genüsslich auf die Nahrungsaufnahme vor. Aus der Uferböschung holt er eine mobile Speisekammer hervor und beginnt, sich einen Salat zu machen. Der arme Frosch. Da fällt mir ein, dass ich in meinen Träumen der Bestimmer bin. Welch glücklicher Zufall. Für den Frosch. Ich bestimme also, dass dem Storch einfällt, dass er ganz vergessen hat in den Süden zu ziehen und er deshalb Hals über Kopf aufbricht. Ohne Lebwohl zu sagen. Reinhard Mey gleitet mit einem Ruderboot durch den See und singt „Über den Wolken“ in düsterem moll. Geschockt bleibt der Frosch zurück und sieht dem sich hastig entfernenden Storch mit feuchten Augen nach.
6 Uhr 37. Der Storch ist aus dem Blickfeld verschwunden, Reinhard zum Glück auch. Allerdings sieht mich der Frosch jetzt durchdringend an und fragt mich, warum ich das getan habe, ob ich nicht wüsste, wie lieb er den Storch gewonnen hätte. Ich versuche ihm zu erklären, dass der Storch zwar das eine gesagt, aber das Gegenteil getan habe. Da macht der Frosch einen Satz und springt mir auf die Schulter, direkt neben mein Ohr. In dieses lädt er unüberhörbar seinen Unmut ab. Ich resigniere, breite meine Flügel aus und fliege dem Storch hinterher. Soll sich der Frosch doch fressen lassen, wenn er will.
7 Uhr 59. Mein Zug kommt.
Ich bin zu bodenständig, um stundenlang durch die Gegend zu schweben. Ich lande und setze den Frosch ab, doch nicht ohne ihn mit Marschverpflegung und detailliertem Kartenmaterial zu versorgen.
8 Uhr. Moment mal. Ich bin boden-was? Habe ich mir das Vorpommern-Virus eingefangen? Reflexartig warne ich mein Immunsystem. Eigentlich kann es nicht sein, aber man kann nie wissen.
8 Uhr 01 . Ich frage sie nach der Uhrzeit, stelle fest, dass ich den Zug kaum werde erreichen können. Dann winke ich ihm eben in Gedanken hinterher.
Mein Immunsystem macht Meldung. Nicht das Vorpommern-Virus mache mich so dröge, das sei einfach nur das Nachbeben des gestrigen Abends. Eine leise Stimme aus dem Untergrund flüstert mir hingegen zu, ich solle mich nicht von der Antwort blenden lassen, ich könnte bereits infiziert sein.
Habe ich mich doch angesteckt, kann das sein? Nach Jahren des auto-immunen Widerstandes soll ich dieser heimtückischen Krankheit also auf den Leim gegangen sein?
Wie gut, dass ich just in diesem Augenblick zurück nach Berlin fahre, denn Metropolenleben ist pures Gift für Pommeritis.
8 Uhr 02. Ich öffne die Augen. Hier fährt nichts, dafür dreht sich umso mehr. Also Augen wieder zu.
Ich stehe in einem Heißluftballon und fahre über Wälder, Wiesen und Felder hinweg. In der Ferne duellieren sich der Frosch und der Storch, Sigmund Freud und C.G. Jung sind ihre Sekundanten.
8 Uhr 22. Mir wird die Uhrzeit mitgeteilt. Nett. Wirklich. Aber der Zug fährt doch erst in anderthalb Stunden, jetzt verpasse ich noch das Duell.
8 Uhr 23. Ich habe es verpasst, beide haben es nicht überlebt. Dafür stecken beide auf demselben Spieß über einem Feuerchen. Kulinarisch gesehen ist die Kombination höchst selten. Das haben sich Freud und Jung wohl auch gedacht, wohl deshalb veranstalten sie jetzt ein Picknick. Irgendwie sehen die Jungs verliebt aus. Ich bin verwirrt. Storch und Frosch spielen Karten. Okay, das ist ein Traum. Frosch verliebt sich in Storch. Meinetwegen. Aber Freund und Jung, die ein romantisches Picknick machen und als Zeichen ihrer Liebe Storch und Frosch essen? Das ist sogar für meine Verhältnisse etwas mehr als genug. Wahrscheinlich will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Ich muss nachdenken. Wieso gibt es eigentlich nie eine Stimme aus dem Off, die Klartext spricht? Warum muss das immer über die bizarrsten Bilder geschehen? Stimme aus dem Off… Stimme aus dem Off… Ich hab’s: Das ist ein deutliches Signal, die Stimme aus dem Off nicht weiter zu verdrängen. Es gibt doch eine Stimme aus dem Off? Seit wann? Na egal, ich analysiere zunächst erst einmal die Stimme.
8 Uhr 24. Die Stimme gehört ihr.
8 Uhr 25. Was sie sagt klingt gut.
8 Uhr 26. Was sagt sie nun eigentlich?
8 Uhr 27. Ich kann das deutsche Sprachmodul nicht laden. Segmentation fault. –force bringt nichts und –debug liefert nur kryptische Kernel Traces. Für richtiges Fehlerlesen ist es noch viel zu früh, einstweilen lege ich die verfügbare Energie auf die Deflektoren. Warum weiß ich nicht genau, aber nach 15 Jahren StarTrek-Konsum weiß man einfach, dass das nie falsch sein kann.
Ich tue das mir maximal mögliche und lasse mich weiter vom Klang ihrer Stimme berieseln.
9 Uhr 21. Sie sagt, es sei kurz vor halb zehn. Gerade war es noch halb neun.
Ich sollte wohl mal SOLL und IST der aktiven Prozesse überprüfen: Sprache offline, Zeitgeber offline. Was bin ich nur für ein Saustall? Kein Monitoring, bestimmt auch kein Backup.
Und überhaupt: Seit wann bin ich ein Server?
Das kann nur eines bedeuten: Descartes hat sich eingeschlichen! Jedes Jahr das Gleiche: Kaum kommt die erste kühle Nacht, sucht er Anschluss.
9 Uhr 22. Dachte ich’s mir doch: Descartes! Der René! Steht auf einer Holzkiste im Stammhirn und agitiert. Ich packe ihn am Kragen und setze ihn vor die Tür. Der hat es noch drauf, meine Hirnhälften gegeneinander aufzuwiegeln. Das wäre echt unschön.
Ihre Stimme spricht jetzt eindringlicher. Das mit der Uhrzeit war also doch ernst gemeint. Kickstart! Anziehen! Kaffee ziehen! Losziehen!
9 Uhr 38. Wir verabschieden uns. Kurz und bündig. Sachlich. Ganz so als würden wir uns am Abend wiedersehen. In Wirklichkeit verdrängen wir diesen Teil des Lebens und seine Zwänge. Sie sind grausam genug, da müssen wir uns den Abschied nicht zur Qual machen. In Wirklichkeit haben wir uns längst schon verabschiedet, wir verabschieden uns seit meiner Ankunft. Häppchenweise und im Voraus.
Alles Gute nachträglich…
Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.
Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.
Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:
Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!
Oder so.
Wieder in Berlin
20 Uhr 44. Drei Flaschen vorzüglichen Rieslings im Gepäck treffe ich im Neuköllner Epizentrum der studentischen Feierlaune meines Matrikeljahres ein. Johanna mit den frisch gewaschenen Haaren öffnet die Tür, Laura muss noch malochen. Eine muss schließlich das Geld verdienen.
20 Uhr 45. Vom vielen Reden sind uns die Kehlen ganz trocken und rau. Um unserer Selbst willen suchen wir fieberhaft nach Lösungen, Johanna hat Weißen im Kühlschrank gefunden, der wird zur ersten Hilfsmaßnahme erklärt.
20 Uhr 46. Die erste Flasche öffnet sich fast von selbst. Wie immer. Der Wein schmeckt, obwohl er als Medizin gilt. Unser Glückstag!
22 Uhr 53. Laura ist endlich fertig. Trifft sich gut, denn Johanna und ich brauchen dringend Nahrung.
23 Uhr 07. Döner hat die Currywurst als typisches Berliner Gericht abgelöst. Gibt’s auch viel häufiger und europaweit. Die Türkei muss überhaupt nicht in die EU, sie ist schon längst da. Europäische Nachkriegsesskultur ohne Döner? Undenkbar!
1 Uhr 30. Die Urlaubserzählungen sind vorbei. In den Weinflaschen herrscht auch gähnende Leere. Durchzählen… ein, zwei, drei, vier, fünf. Alle Flaschen anwesend. Alle Flaschen leer. Schade eigentlich. Während ich in trüb-schwermütigen Gedanken an Systembollaget denke, senden Johanna & Laura fast gleichzeitig ein bekanntes Stoßgebet gen Himmel: Späti, gib uns Nachschub! Ich schiebe ein Berlin, Hallelujah, Berlin! hinterher.
1 Uhr 31. Wir küren Johanna zur Oberhofweinbesorgungsfachfrau.
1 Uhr 37. Nachschub trifft ein, ein kurzes liebliches Ploppen durchzuckt den Raum, gefolgt von Schwefelgeruch, der der rauchgeschwängerten Luft eine weitere Note hinzufügt. Die Musik wird von laut auf richtig laut gestellt, ein Ball aus drei ziemlich angetrunkenen Menschen schickt sich an, zu einem spontan ausgesuchtem Mix aus 80er und Elektro zu tanzen. Wechselweise wird über die aktuelle musikalische Leitung entschieden. Das Neuköllner Epizentrum afrikawissenschaftlicher Feierlaune ergeht sich in meisterhaften Elegien rhytmischer Zuckungen.
2 Uhr 17. Ich muss dringend schlafen. Sagt mein Körper. Laura heisst mich eine weitere Flasche Wein aufzumachen. Das halbtrockene Ploppen verstummt im Treiben der Bässe. Die Gläser spielen Ringelreihen, kommen und gehen, werden zusammengestossen und geleert, um anschließend von Neuem gefüllt zu werden.
2 Uhr 59. Die siebte Flasche hallt als Dominantsept in mir nach: Sehr dominant und nach Auflösung strebend. Ich muss ins Bett, doch die Damen unbeaufsichtigt auf der Tanzfläche zurückzulassen bringe ich nicht übers Herz. Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach…
3 Uhr 30. Mein Körper strebt zielsicher eine Lösung entgegen, doch nicht ins muntere Dur, sondern ins schläfrige moll, wenn ich mich nicht beeile, gibt es noch einen Vorzeichenwechsel. Ich füge mich, denn mich zu wehren vermag ich beim besten Willen nicht mehr.
3 Uhr 31. Ich falle tot ins Bett.
3 Uhr 32. Es ist Lauras schätze ich, schließlich scheint sie im Dunkel herumzuschweben. Oder liegt sie neben mir? Sie redet. Redet sie? Doch, es ist ihre Stimme. Lauras Zimmer.
7 Uhr 30. Meine mobile Wundermaschine mit den vielen Macken feuert ihren ersten Event des neuen Tages – ein Wecker klingelt.
Irgendwann Uhr Später. Das Telefon triggert den zweiten Event: Aufgrund mangelnder Interaktionsbereitschaft seitens der humanoiden Akteure Klingeln einstellen.
9 Uhr 00. Ein weiterer Weckversuch wird gestartet.
9 Uhr 01. Ich werde munter und öffne meinen Schlafsack. Peter und Alexander durchstreifen noch Morpheus’ weites Reich.
9 Uhr 02. Vor dem Zelt steht Neil Tennant in Elton Johns Nikita-Outfit und reicht mir einen Schonkaffee.
9 Uhr 12. Neil und ich trällern lauthals Single-Bilingual, als ein Elch vorbeikommt und mitsingt. Peter und Alexander sind zu einem verkaterten Peter Alexander mutiert. Peter Alexander geht Espresso kaufen und raucht kubanische Zigarren.
9 Uhr 13. Der Elch singt schief, Neil ist verstimmt und geht.
9 Uhr 14. Der Elch singt nicht wirklich, doch kommen melodische Geräusche aus seinem Maul.
9 Uhr 15. Der Elch ist ein Wecker. Der Elch ist mein Wecker. Mein Wecker klingelt. Na bitte, wer sagt’s denn? Rätsel gelöst. So Elch, du darfst bitte gehen, Neil und ich waren nämlich noch nicht ganz fertig mit singen.
9 Uhr 16. Der Elch geht, das Klingeln bleibt. Ich drehe mich nach allen Seiten um. In einem Gebüsch hockt Neil und wippt zum Takt der Musik, sein Anzug leuchtet in der Morgensonne. Ich rufe ihn an, er redet, doch es klingt wie der Wecker.
9 Uhr 17. Frühsport à la Mimmelitt: Linkes Auge auf, linkes Auge zu; rechtes Auge auf, rechtes Auge zu; auf, zu, auf, zu; beide Augen auf, beide Augen zu; auf, zu, auf, zu. Tückische Täuschung! Neil ist weg, der Elch auch. Peter Alexander wird nicht mit Kaffee wiederkommen, er wird überhaupt nicht wiederkommen! Dafür liegt eine komatöse Frau neben mir. Beide Augen auf. Laura. Laura. Laura?! Laura. Ich werfe die Erinnerungsmaschine an, sie wirft mir ein paar Fetzen vor die Füsse, ich beuge mich äußerst vorsichtig nach unten und schaue mir die Polaroids der letzten Nacht an. Laura. Stimmt schon. Viertel zehn war das? Schon?! Alle Maschinen volle Kraft voraus!
9 Uhr 18. Volle Kraft fühlt sich anders an. Das ist eher Schonkaffee. Zwei weitere Polariods tun sich vor mir auf. Das eine mit vollen Flaschen, das andere voller Flaschen, aber leere. Das erklärt das Schonkaffeegefühl.
9 Uhr 42. Frisch geduscht, behutet und bebrillt steuere ich durchs Treppenhaus. Der Mensch unter der Wohnung ist munter. Jetzt schon? Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, seine Nacht war doch gezwungenermaßen nicht wesentlich länger als unsere. Berlin eben. Durch die Wohnungstür klingt ein Schlager. Wenn nichts mehr geht, eins geht immer, denkt sich die Disco Queen in mir, zieht die Rollschuhe an und legt los. Und dann die Hände zum Himmel und lasst uns fröh-lich sein! Mein Hirn wacht von den Tanzbewegungen des Alkohols auf. Ganz vorsichtig.
9 Uhr 43. Es dreht sich doch nochmal um. Naja, der Wille zählt.
9 Uhr 47. Der U-Bahnhof riecht wie sieben Toiletten rückwärts. Berlin Neukölln, Du hast mich wieder!
9 Uhr 48. Ich bekomme langsam ein Gefühl für meinen Schädel. Er braucht jetzt vor allem Ruhe und viel Platz. Ein Schonkaffee wäre schon schön, wird wohl aber nicht helfen. Das Blut im Alkohol versucht derweil, die Herrschaft an sich zu reissen, doch wird der dilletanitsch ausgeführte Putschversuch bereits im Ansatz vereitelt.
9 Uhr 51. Die U-Bahn fährt ein. Jaqueline, mache du die Affenmusik aus, tobt mein Schädel. Ich gebe ihm Bach und er ist’s zufrieden. Die Tür geht nicht ganz auf, ich muss meinen Kopf vorsichtig durch den Türspalt falten.
10 Uhr 06. Nahrung! Echt-Kaffee! Ich! In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, das Überraschungsmoment gekonnt genutzt, obsiegt das Blut über den Alkohol.
10 Uhr 07. Der Alkohol schlägt zurück. Ich vermittele einen Waffenstillstand samt Abrüstungsplan.
10 Uhr 09. Im Büro. Ich muss meine Sonnenbrille abnehmen, Paul schaut mich an und meint nur: You look worse than I feel.
10 Uhr 12. Mails checken, Soziale Netzwerke prüfen. Das Klopfen in meinem Kopf vermenschlicht sich. Es ist Neil! Ich setze die Kopfhörer auf… New york city boy / You’ll never have a bored day / cause you’re a new york city boy
Bedrohte Minderheiten. Heute: Die Jugend.
Man kann den 68-ern ja vorwerfen, was man will. Heute will ich ihnen auch einmal etwas vorwerfen. Nämlich, dass sie mit ihrem verhunzten Aufstand für die Vergreisung der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind.
Das statistische Bundesamt hat vor zweieinhalb Jahren die Ergebnisse seiner 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung präsentiert. Aus den Grafiken lässt sich zum Beispiel herauslesen, dass sich der Anteil der über 35-jährigen seitdem kontinuierlich gesteigert hat. Waren die Alten während der letzten Revolution noch in der Unterzahl, so werden sie sich bis 2050 einen bequemen Vorsprung von gut 20% verschafft haben. Wenn 70% der Bevölkerung lieber in Ruhe Sportschau und Sturm der Liebe gucken wollen, lässt sich’s schwer revoluzzen. Naja, man könnte von 7 bis 13 Uhr und dann nochmal von 15 bis 22 Uhr. Das sind immerhin 11h Revolution am Tag und anschließend kann man noch eine Stunde beraten, um dann 8h zu schlafen und frisch, fromm, fröhlich, frei in den neuen Revolutionstag zu stürzen. Von 13 bis 15 Uhr gäbe es sogar Mittagspause und Halbzeit zugleich.
Sozial verträgliche Revolutionen! Das wird der neue deutsche Exportschlager!
Okay. Ich nehme, alles zurück: Danke, liebe 68-er. Durch Euer beherztes Aufbegehren werden wir Jungen zwar in die demographische Defensive gedrängt, doch wenn wir dies als Chance und nicht als Problem begreifen, können wir revoluzzen ohne die staatliche Ordnung zu gefährden und dieses revolutionäre Revolutionsprinzip in die Welt exportieren, um davon die Renten Eurer Kinder zu bezahlen und Euch zu gefallen.
Gut. Ich bemerke gerade, dass ich demographisch gerade noch so in die gerade erwähnte Generation hineinfalle. Andererseits aber auch wieder nicht. Eigentlich bin ich auch ein Kind der Praktikums- und Krisengeneration. Das sind die Menschen, die trotz multipler Auslandsaufenthalte, Qualifikationen und Fremdsprachen nur an Praktika geraten. Das ist das Prinzip, was zwar allgemein durch Lippenbekenntnisse verschmäht wird, aber weiterhin gängige Praxis ist. Euer Prinzip. Ein Weiteres ist, uns von Kindesbeinen an die Angst vor dem Aufmucken einzubläuen, weil nur Duckmäuser Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das war sehr clever von Euch. Macht nur so weiter und Ihr werdet Euch eine Generation williger Rentenleistungerbringungsaffen heranzüchten, die für Euch tanzt, während Ihr von individueller Freiheit, Bürgerrechten und demokratischen Prinzipien schwadroniert. Dann könnt Ihr Euch jeden Morgen im Aufenthaltsraum Eures Pflegeheimes treffen und gemeinsam diese Jugend von heute begaffen, die sich auf der Straße darum prügelt, die Gebisse von 150 alten Menschen putzen zu dürfen. Für ein Mittagessen, versteht sich. Der Rest muss an Euch gehen, ihr seid ja schließlich die pflegebedürftige Mehrheit und wir leben in einer solidarischen Gemeinschaft. Mit Euern statistischen 1,4 Kindern seid Ihr alle Eltern.
Wisst Ihr, was Ihr eigentlich verdient hättet? Dass sich die heutige Jugend als Minderheit begreift, sich zusammenrottet, Minderheitenschutz beantragt und Euch bei dieser Gelegenheit ins Gesicht sagt, was ihr an Eurem System nicht passt:
Entweder Zukunftsjobs oder Schluss mit lustig.
Entweder Ihr macht hier mal wirklich was oder wir werden Eure Rente nicht zahlen.
Entweder alle hören auf, unsere Planeten zu terminieren, anstatt nur davon zu reden oder wir bringen die Zukunft zu Ende.
Denn eins ist mal klar: Wenn’s auf dem Planeten kuschelig warm sein wird und Eure dämlichen Atomfässer im Salzschacht fleißig vor sich hinbrodeln, werdet Ihr nicht mehr anwesend sein.
Wir aber schon.
Meint ihr allen Ernstes, wir haben Lust darauf?
Meint Ihr allen Ernstes, wir würden das Gleiche machen wie Ihr – Kinder in eine verrottende Welt setzen und hoffen, dass es denen einmal besser gehen wird, obwohl wir doch alle längst wissen, dass das nicht der Wahrheit entspricht – und den zweifelhaften Mut aufbringen, diesen – unseren – Kindern diese Lebenslüge der Gesellschaft ins Hirn zu pflanzen?
Gebt uns Jobs und bezahlt uns anständig, sonst ist sozialer Frieden etwas, wovon Ihr träumen könnt, wenn wir Euch lassen.
Obwohl: Ein Aufstand der Jugend gegen das Alter muss fehlschlagen, weil die Kommunikationsebenen andere sind. Die Jugend argumentiert und handelt eher emotional, während das Alter eher (pseudo-) sachlich spricht.
Nun. Das können wir auch.
Wenn wir wollen.
Wollen wir aber nicht.
Aber wenn wir wollten, ginge das höchstwahrscheinlich so: Wir sagen Euch einfach ganz in Ruhe wie wir uns das vorstellen und präsentieren Euch einen neuen Gesellschaftsvertrag. Falls Ihr den ablehnt, werden wir uns umdrehen und Euch ignorieren. Und die Rentenkasse mit unseren frischgezeugten Kindern plündern. Ha!
Michael Jackson stirbt und das Internet bricht zusammen.
Ist doch völlig logisch, oder?
Nicht? Doch. Und zwar weil:
Web2.0 hat aus dem Informierungsdrang der Menschheit vielerorts bereits einen Zwang entstehen lassen. Mit den entsprechenden Repressalien auf allen Kommunikationskanälen. Ich habe Dir vor einer Stunde eine Mail geschrieben, warum antwortest Du nicht? oder noch besser Ich habe Dich angerufen, aber Du bist nicht rangegangen. Vielleicht will ich einfach nicht? Egal. Halten wir einfach fest, dass Menschen jetzt, wo sie kommunizieren können, glauben, sie müssten kommunizieren. Denn das Konzept von Sender->Botschaft->Empfänger funktioniert nur, wenn der Empfänger auch empfängt.
Mit diesem gehen wir einen Schritt weiter: Das Internet das weltweite Kondolenzbuch. Seit Michael Jackson gestorben ist. Genauer gesagt liegt es an Twitter. Die sind der ganzen Sache noch nicht gewachsen. Twitter hatte eine Verdopplung der sekündlichen Nachrichten zu verkraften. Das ist jetzt nicht wenig. (Nagut, man könnte jetzt sagen, mit einem cleveren EC2-Konzept hätte man entgegenwirken können.) Doch nicht nur Twitter hatte zu tun. AIM war für 40 Minuten einfach tot und der Alles-von-Michael-Jackson-Kanal bei AOL Radio hatte mal locker flockig 28.471% mehr Zugriffe. In Worten: Achtundzwanzigtausendvierhunderteinundsiebzig. Da hilft das beste Konzept nichts. Da ist es einfach nur vorbei.
Aber das Internat ist nicht nur Kummerkasten. Es ist auch die weltweite Welterklärmaschine. Seit der Patrick-Swayze-Panne ist man vorsichtig geworden, per Gerücht Menschen für tot zu erklären. Doch in den Minuten der Ungewissheit und des Wartens fragt man das Netz natürlich häufiger. CNET hat sich eine Grafik dafür besorgt. Bei wikipedia stritt man sich höchst offiziell, ob und wie und wann man denn nun schreiben darf, dass der Mensch tot ist. Die Webseiten der Zeitungen und Fernsehstationen waren entweder unwahrscheinlich langsam oder schlicht und ergreifend weg. Auch hierzu hat CNET einen schönen Artikel.
Selbst google war der Sache nicht gewachsen. Aufgrund des sprunghaften Anstieges des Datenaufkommens hat sich die google-Maschine entschlossen, das als Angriff zu werten und in den entsprechenden Selbstschutz-Modus zu gehen (Offenbar gibt es sowas. Toll, oder?). Damit war ein großer Teil der Webseiten zum Thema verdächtig.
In Los Angeles stirbt ein Mensch und die ganze Welt dreht völlig frei. Schmetterlingseffekt?
A day in life…
«Play»: Langsam fadet sich «Aaron» durch die Kopfhörer in mein Bewusstsein. «Sonnenbrille!» schießt es mir durch den Kopf und ich eile sie zu holen, damit ich im Hausflur bin, bevor der Beat beginnt. Ich berühre die erste Treppenstufe just als der Beat lostritt und wippe mich aus dem Haus. Die Brille ist zwar nicht ganz dem Wetter entsprechend, wohl aber meinem Gemüt. Sie schirmt mich ein wenig von der Realität ab, die Musik tut ihr übriges: Ich gleite durch mein eigenes Musikvideo. Wieder denke ich an meine Idee, einmal eine kleine Videokamera an die Sonnenbrille zu montieren und einfach aufs Geratewohl loszugehen. Mit der richtigen musikalischen Untermalung bestimmt eine preiswerte Möglichkeit Musikvideos zu generieren.
Mit dem «Alten Kamuffel» im Kopf durchquere ich die seltsam anmutende Baustelle in der Goethestraße. Alles voller Schilder, eine Straßenhälfte ist befahrbar, die andere holzumrüstet und offen. Irgendwo liegt ein riesiger Sandhaufen und überhaupt ist nicht ganz klar, auf welcher Straßenseite ich zur Ostseestraße komme.
Ich versuche die Ostseestraße zu überqueren, als «Azure» losdreht. Prompt reißt für einen Moment der Himmel auf. Die Autos ziehen im Rhythmus an mir vorbei. Was will man mehr? Die andere Straßenseite erreichen? Ach ja, richtig! Okay.Ich swinge also über die Straße. Hab noch ganz schön viel Gestern Abend in der Blutbahn. Eine Straßenseite ist überquert. Aber schon wieder eine Baustelle. Der Parkplatz in der Mitte ist auch nur noch halb so groß wie sonst. Diesmal metallumrüstet und offen. Während sich ein Rudel Autos nähert und mich am Wechseln der Straßenseite hindert, entdecke ich einen Fußweg auf der linken Fahrbahnseite. Was es nicht alles gibt. Ich drehe mich um, merke mir das vorletzte Auto der Horde und laufe los. Das Rauschen der Fahrgeräusche dringt langsam in die Musik. Mein Auto zieht an mir vorbei, ich drehe mich um, warte eine Sekunde und bin schon auf der anderen Straßenseite.
«Bengang» kündigt sich an. Mit dem einsetzenden Beat kommt ein dicker Mann aus einer Haustür. Langsam kommt es mir aber schon spanisch vor. Zufall sieht wirklich anders aus. Aber es geht weiter. Ostseestraße Ecke Hosemannstraße steht eine «Richtungstafel in Kurven», dahinter ein Riesenaufsteller von Martin & Frank-Walter. Die Richtungstafel weist für heute auch zum Wahllokal. «Is’ ja gut Jungs, ich komme ja schon», denke ich kopfschüttelnd im Vorbeigehen. 
Tja und da bin ich auch schon: Am Wahllokal. Das muss ich genießen, so oft kann man in Deutschland schließlich nicht wählen. Und diesmal ist es überhaupt eine grandiose Wahl. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen Menschen geben ihre Stimme ab. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen! Von Lappland bis Gibraltar, von der Bretagne bis zum Bosporus! Und daraufhin machen sich siebenhundertsechsunddreissig Menschen aus allen 27 Ländern auf den Weg nach Straßburg und Brüssel, um sich im Parlament zu konstituieren. Mächtig gewaltig, Egon! oder nicht? Okay. Ich habe genug Pathos eingesaugt und grüße die Wahlhelfer mit einem fröhlichen «Guten Morgen». Gut, das klang jetzt noch etwas matt. Ich werde etwas ungläubig angesehen und setze ein «oder so» hinterher. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es bereits halb fünf ist. Nun, damit wäre der Grund für die komischen Blicke gefunden. Vor mir sitzen ein bärtiger Mittdreissiger, der sein gesellschaftliches Engagement demonstriert. Soll ich mal raten? Er wählt grün und ist leidenschaftlicher Prenz’lberger, der Ende der 90er Jahre hergezogen ist. Sie sieht auch ein bisschen aus wie Prenzlauer Berg, aber hat mehr Authentizität. Okay, sie färbt sich ihre Haare, das ist genaugenommen nicht authentisch, aber ihr «rötliche Erdfarben»-Look sieht ehrlich aus. «Sowas hab ich von meinem Sohn auch gehört, wenn er weg war», trällert sie. «Naja, wenn man Student ist, kann man das noch machen», grummelt er. «Neidisch? Unzufrieden mit dem eigenen Leben? Dann ändere es und heule mir nicht die Ohren voll!», denke ich mir. Er schaut auf meinen Personalausweis. «Jahrgang 1981. Naja.» «Naja WAS», antworte ich ihm in Gedanken. «Das ist doch jung», flötet sie. Das war Balsam für die Seele. Bevor ich losgegangen bin, hatte ich wieder so ein «Du wirst alt» Erlebnis und konnte den Grund diesmal mit Worten dingfest machen. Solange die Generation nach mir noch keinen spürbaren Fußabdruck im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen hat, fühle ich mich den Jungen zugehörig. Auch wenn ich der Älteste der Jungen bin, rechne ich mich dazu und werde dazugerechnet. Ist der Fußabdruck aber vorhanden, ist die Trennung da und plötzlich bin ich der Jüngste der Alten und gehöre zu den anderen. Ich flöte der Rothaarigen also das mildeste «Dankeschön» entgegen, das ich zu bieten habe und verschwinde in die Kabine. Der längste Teil des Wahlvorganges ist irgendwie das Wahlscheinfalten. Der Zettel verschwindet in der Urne und ich aus dem Lokal.Beide Worte sind irgendwie unwirklich zum Ereignis: Urnen beinhalten Asche, Verbranntes, Verbrauchtes, Beendetes. Meine Stimme haben ich zwar abgegeben, aber bis zur nächsten Wahl hat sie doch eine Berechtigung: Aufgrund meines Wahlverhaltens bestimmt sich ein Dreihundertfünfunsiebzigmillionstel der Sitzverteilung des europäischen Parlamentes. Und ein Lokal ist auch etwas anderes. Das hier ist ein öffentliches Gebäude.
Das ist so wie bei Fahrscheinen. Die werden entwertet, bleiben aber gültig. Eigentlich besitzen Fahrscheine doch über die Dauer ihrer Gültigkeit einen Wert und verlieren diesen zusammen mit der Gültigkeit; warum sagen wir dann, dass Fahrscheine entwertet werden? Wenn sie keinen Wert mehr haben, könnten wir sie doch eigentlich wegwerfen. Dann aber wären wir bei der BVG-Kontrolle angeschmiert. Warum zeigen wir eigentlich gültige, aber wertlose Fahrscheine vor?
Hui. Realität. Musik an, Brille auf und weiter geht die Party. Wieder steht Paulchen an den Tellern und versüßt mir den grau behimmelten Sonntag. Okay, im Augenblick treibt mich «Gebrünn Gebrünn» eher, als dass es mich fliegen lässt. Mehr und mehr Schwerkraft liegt auf dem Track. Irgendetwas Dunkles lastet auf diesem Stück. Und genau dieses Dunkle, fast Boshafte hat mein tanzendes Alter Ego gerade vom Himmel geholt und schleift es über den Asphalt. Ich wechsle zu «Sky and Sand» und augenblicklich verwandelt sich die kleine blutverschmierte weisse Taube in einen kleinen aufstehenden Jungen. Er hat Kopfhörer auf und nickt mit dem Kopf zur Musik. Der Beat setzt ein, es gibt eine Blende weg vom Realfilm, hin zur Animation. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung ausschließlich aus Linien, keine Grautöne. Die Stimme im Track setzt wieder ein. Der Junge ist älter geworden, blickt nach links. Die Kamera schaut jetzt durch seine Augen auf seine Freundin, die ihn verliebt ansieht. Der Blick geht zurück und eine urbane Allee eröffnet sich. Die Kamera zieht ein wenig aus seinem Kopf heraus. Kopfhörer, Kopf, Körper. Ein Fußweg mit alternden Platten, parkende Autos, Laubbäume, Häuser. Der Blick geht an den Häuserwänden entlang und bleibt auf kleinen Details stehen, zoomt kurz federnd hinein und wieder heraus und geht weiter. Wieder Zeichnungen, diesmal etwas reifer. Der Junger ist schließlich älter geworden. Albrecht Dürers «Betende Hände» öffnen sich auf der Textzeile in the palm of your hand Dann der letzte Chorus, wieder im Realfilm. Viele Meter weiter. Am Ende der Straße ist eine Bank. Ein alter Mann mit den selben Kopfhörern und dem selben Nicken. Die Kamera fährt auf ihn zu, dreht und blickt durch seine Augen auf die zurückliegende Straße. Er sieht den Jungen mit seiner Mutter nach links vorbeigehen, sein Teenager-Ich geht der Mutter hinterher, überholt sie, die Bilder überlagern sich. Die Freundin geht weinend auf der rechten Seite des Bildes ab. In der Mitte des Bildes wird eine junge Frau halbtransparent und flackernd eingeblendet. Sie altert in ein paar Stufen und verblasst schließlich. In jedem der Bilder lächelt sie den alten Mann auf die selbe Weise an und streckt ihm ihre Hände leicht entgegen. Mit dem letzten Ton gehen die Augen zu.
Ich bin beeindruckt von meiner Phantasie. Ich sollte Regisseur werden. Vielleicht ist Weltursupator doch nicht das Richtige für mich. Das muss ich mir noch überlegen. Ursupator wird aber auf jeden Fall zum Wort der Woche erklärt.
Mit «Square 1» zuckt mir plötzlich ein Schmerz durch die Kniekehlen. Ich muss mich von der Last des letzten Abends befreien, sagt mein Körper. Ich streite mich mit ihm darüber, dass dieses Ziel ein gemeinsames unsererseits sei und ohne den unnötigen Druckaufbau seinerseits schneller erreicht werden könnte. Nach einigem hin und her sieht er es letztlich ein und ich kann unseren Weg entspannt weitergehen.
Die Haustür fällt mit einem Knall ins Schloss und in meinen Kopfhörern schließt eine Berliner S-Bahn ihre Türen. «Train» fährt mich die Treppe hoch.
Nun noch die Musik zum Titel…
The Beatles – Day In The Life
Und jetzt die Musik zum Text…
Aaron
Altes Kamuffel
Bengang
Gebrünn Gebrünn
Sky and Sand
Square 1
Train






