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31
Mrz

Danach.

Augen auf. Ein blauer Himmel strahlt mir durch einen Spalt zwischen Rollo und Fensterbrett unverfroren ins Gesicht. Ich starre ihn an: „Wenn ich dich erwische…“

Okay. Erstmal Frühsport. Wir lassen die Gedanken ganz langsam und rhythmisch um den gestrigen Abend kreisen.

Mitte. Caipirinhas. Viele Caipirinhas. Schluss. Dürüm mit langer Wartezeit, weil ich Depp natürlich wieder einen besonderen wollte. Deshalb fast den Bus verpasst. Finde zum Glück einen Sitzplatz, esse im Bus. Ein kleines bisschen auf den Boden gekleckert, aber die Schäden beseitigt. Das tiefe Gefühl von Befriedigung und Stolz ob meiner Leistung. Moritzplatz. Die Fensterscheibe schlägt mir immerzu an den Kopf. Nicht einschlafen! Licht aus.

Licht an. Britz. Google maps sagt 7,6 km bis nach Hause. Bitte? Ist das hier 1/Mitte? Das Handy meldet Ladebedarf an. Zurück in die reale Welt. Merke: Der Nachtbus fährt weiter als M44, auf keinen Fall einschlafen. Prima. Mein Bus kommt. Ich muss an der Endhaltestelle aussteigen. In der Ecke war ich noch nie. Verpasst habe ich trotzdem nicht viel. Hermannstraße. Hier muss ich raus. Ich helfe zwei Touristinnen, ihren Heimweg zu finden. Sowohl Busfahrer als auch Busbegleitpersonal können kein Wort englisch sprechen. Geschafft. Die Mädels sitzen versorgt im Bus, ich gehe zu Fuß weiter. Der Nachtbus fährt an mir vorbei, der kommt wie aus dem Nichts. Merke: Die M44 fährt weiter als Nachtbus, da kannst Du sitzenbleiben. Verdammt. In der Okerstraße hüpft eine Amsel von Baum zu Baum und begleitet mich bis vor die Haustür. Ich bin endlich da, das wurde wirklich auch Zeit. Fahrstuhl rein, Fahrstuhl raus. Tür auf, Tür zu. Es dreht im Kopf. Egal. Licht aus.

Das war sehr vollständig. Bravo! Zurück in die unmittelbare Gegenwart. Blauer Himmel. Das bedeutet sicherlich, dass ich weit nach meinem Wecker aufgestanden bin. Halb elf. Stimmt. Das war so nicht ausgemacht. Eigentlich sollte das Radio doch schon seit einer halben Stunde laufen. Testhalber schalte ich es ein. Es funktioniert, ist aber leiser als erwartet. Dass ich das nicht hören kann, wenn ich im Tiefschlaf bin, ist klar. Da meldet sich auch mein Telefon und erinnert mich daran, dass ich seine Weckfunktion noch nicht gewürdigt habe. Die Melodie ist zu seicht, heute hätte ich was griffigeres hören müssen. Gitarren, Schlagzeug, raue Stimmen oder Fanfaren.

So richtig verkatert bin ich gar nicht. Das liegt auch am Dürum, aber nicht ausschließlich. Genau: Wo ist eigentlich das Eichhörnchen, dessen buschiger Schwanz mich sonst immer in meinem Mund begrüßt? Ach ja richtig: Mitte-Stylo-Nichtraucher-Lokal. Mitte fetzt. Also kein Eichhörnchen, nur ein Kätzchen ohne Extras zum Hieressen. Und mein kleines, aufgewecktes, fünfjähriges Ich. Putzmunter und quicklebendig wie eh und je. Toll. Es kann schon voll viel, wie zum Beispiel auf dem Bett herumhüpfen und dabei gleichzeitig laut rufen: »Lass uns was machen lass uns was machen«. Da ich noch nicht in der Lage bin, von mir selbst angenervt zu sein, gebe ich mir nach und stehe auf. Es ist eh längst Zeit.

Ich gehe ins Wohnzimmer, will eigentlich aber in die Küche. Ich gehe also in die Küche, will dann aber doch zurück ins Wohnzimmer. Ich gehe ins Wohnzimmer und will wieder in die Küche. Ich gehe in die Küche, will aber eigentlich ins Wohnzimmer. Okay. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, warum ich durch die Wohnung tigere. Vielleicht braucht das Kind in mir einfach Auslauf. Wäre ich wirklich fünf, hätte ich das sicher in der Hälfte der Zeit geschafft. Bin ich aber nicht. Außerdem ist mein Haupthirn noch nicht munter. Nagut. Aus dem Schlafzimmer komme ich, in den anderen zwei Räumen bin ich auch schon gewesen, eins bleibt übrig, da gehe ich jetzt hin.

Herrlich: Verkatert aufm Pott sitzen und Twitter-Gossip abgreifen. Das ist viel besser als Zeitung zu lesen. Erstens handlicher, zweitens weniger anspruchsvoll und drittens müsste ich die Zeitung erst aus dem Briefkasten holen. Stadtbahn hat soeben einen Stormtrooper entdeckt. Solange das Imperium mich stetig mit Caipirinhas versorgt, kann es von mir aus hinschlagen wo es will. Brent Spiner wundert sich über LeVar Burtons Twitterei. Levar Burton hat offenbar seine Handynummer getwittert, etwas ähnliches hatte wohl auch Facebook im Sinn, als sie in der Nacht für eine halbe Stunde die eMail-Adressen seiner Nutzer für alle Welt sichtbar gemacht haben. Die Reaktion in Form eines Aufschreis kam prompt – via Twitter: Die Leute haben Angst vor Stalkern. Ist es wirklich noch zu früh für mich, um das zu verstehen? Das Wesentliche ist doch, dass die neuen Regeln zur Privatsphäre offenbar schon beschlossene Sache sind und die den Nutzern eingeräumte Möglichkeit, die neuen Regeln zu kommentieren, reine Makulatur ist.

Da bin ich wieder: »Lass uns Wäsche waschen! Wäsche waschen! Juhu!« Welche Wäsche wollen wir denn waschen? »Hmmm, weiß nicht? Bettwäsche! Jaaaaa!« Nagut, dann schauen wir mal, wie lange das Waschprogramm braucht. »Juhu!« Ich steuere auf die Waschmaschine zu, im Augenwinkel erfasse ich leere Speeflasche. Das wird wohl nichts, das Waschmittel ist alle. »Toooof!« Also setzt ich Spee auf den sich seit zwei Wochen aufblähenden Einkaufszettel. Was brauche ich eigentlich nicht? Kaffee, davon habe ich nämlich noch vier Päckchen. Dumm nur, dass mein Kaffeeverbrauch im Augenblick gegen Null geht. Ich gratuliere mir für einen vorausschauenden Schnäppchenkauf.

Ich stehe im Schlafzimmer. Bin wohl falsch abgebogen. Mein übergroßer Plüschteddy sitzt vor einem der Lautsprecher. Deshalb war das Radio vorhin so leise. Rätsel gelöst.

Im Bad. Natürlich bin ich längst da: »Duschen! Juhu! Kaltes Wasser! Ich!« Das ja ist wie bei der Hase und der Igel. Unter der Dusche sinniere ich über einen neuen Anrufbeanworterspruch und bleibe an meinem Dialekt hängen: Es ist für einen Sachsen fast unmöglich, ein Wort mit mehr als vier Silben sauber auszusprechen. Alles was danach kommt, wird fast zwanghaft gekürzt. Ich zwinge mich, das Wort An-ruf-be-ant-wor-ter mit allen Silben auszusprechen. Es geht nicht. Es liegt am o. Dieser kleine gemeine Vokal verleidet mir doch tatsächlich die korrekte Aussprache – im Rahmen der Möglichkeiten meines Dialekts. Damit ist der Anrufbeanworterspruch wertlos.

Mein fünfjähriges Ich ist mit offenem Mund staunend verstummt. Das ist das Haupthirn, da staunste, was? Na wart’s nur ab, wenn Du mal groß bist, hast Du auch so eins. Nein halt, Du bist ja ich mit fünf, Du wirst nicht älter. Ich bin verwirrt. »Kaltes Wasser! Juhu!« Verdammt. Ich hätte meine Klappe nicht halten sollen. Gut, dann eben kaltes Wasser. Erstaunt nehme ich wahr, dass mein Haupthirn jetzt zügig hochfährt. Das war eine gute Idee. Und selbstlos obendrein: Ich dem Maße, wie sich mein Bewusstsein rehabilitiert, verschwindet auch mein Kinds-Ich. Vielleicht ist es ja mein persönliches MHN. Das wäre ziemlich cool.

Inzwischen ist der Himmel bereits von Wolken überzogen. Das Wetter passt mir hervorragend in den Kram. So ganz fies verkatert bin ich ja nicht, aber bei wolkenlos wäre Sonnenbrille trotzdem Pflicht gewesen. Die liegt sicher verwahrt im Etui. Das wiederum befindet sich in der Tasche und die habe ich im Büro gelassen.

In der U-Bahn titelt die BZ damit, dass Britta Steffen Paul Biedermann liebt, ach ja und die Witwe von Kurt Cobain liebt jetzt den Ex-Verlobten von Uma Thurman. Prima. Wie alt sind eigentlich die Erfinder dieser Überschriften? Acht? Zehn? Höchstens zwölf!

Der neue Schwarma-Dealer meines Vertrauens grüßt mich grinsend mit einem: »Wie immer?« Wie immer heißt: Eine Schawarma zum Mitnehmen und ein starker Kaffee. Das perfekte Frühstück zum Mittag.

Auf meinem weiteren Weg stelle ich fest, dass ich keins meiner beiden Feuerzeug eingesteckt habe. Den Polizisten, der auf die Wohnung vom Innenminister aufpasst, traue ich mich nicht zu fragen. Er könnte ob der konischen Form misstrauisch werden. Rauchen ist sowieso ungesund.

Im Büro. Mein Rechner fährt hoch. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Doch schon so spät. Obwohl: Um von der Kneipe ins Bett zu kommen, habe ich wirklich drei Stunden gebraucht und vom Bett bis ins Büro nochmal so viel. Passt doch.

28
Feb

Sprachgedanken, Sprechgedenken, Sprachdank, Denksprache

Am späten Vormittag, so wie es sich für den postmodernen Bohème gehört, verabschiede ich mich von der scheinbaren Gutwetterlaune der aufgeregten Metropole und mache mich auf den Weg in die beschauliche Ehrlichkeit der sächsischen Heimat.

Im Zug mache ich es mir mit dem Feuilleton meiner Haus- und Hofzeitung bequem. Ich genieße Philipp Theisohns Artikel über die Causa Hegemann. Aus dem schweizerischen Off weht endlich eine ehrliche, unaufgeregte Stimme herüber, die die aufgeheizte Debatte auf die ihr zustehende Tiefe herunterargumentiert. Ich erkenne das als klare Bestätigung meiner Entscheidung, der Heimat einen Besuch abzustatten. Dabei vergesse ich allerdings, dass Hegemanns Vater Professor an der HMT Leipzig ist.

Achtung auf Finger Gegen Mittag sitze ich also vergnügt im Stadtbus und schaue aus dem Fenster auf die spätwinterliche Stadtidylle meiner Kindheit. Mein Blick wandert umher und bleibt verdutzt unterhalb des Griffes kleben: »ACHTUNG AUF FINGER«. Das ist schon ein Schock. In welcher Sprache wird hier versucht, mir etwas womöglich Wichtiges zu verdeutlichen? Deutsch ist es sicherlich nicht. Vielleicht, so versuche ich mich wieder zu beruhigen, ist es kein Fehler sondern Absicht und in Wahrheit eine Hommage an Betriebsanleitungen japanischer Elektronikhersteller der 80er Jahre. Man weiß es nicht.

Yvette Mimiuex & The Morlock. SRC: http://bit.ly/beLlKsIn der Hoffnung, Zerstreuung zu finden, schmökere ich im journalistischen Lokalmatador, der Leipziger Volkszeitung. Doch ich komme nicht weit: Bereits auf der Titelseite wird der stellvertretende sächsische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Morlok (FDP) mit den Worten zitiert, er stelle »sich rückhaltslos hinter Westerwelle«. Das stimmt einen schon nachdenklich. »Morlok… Morlok… Mensch, das kennst Du doch«, denke ich so für mich. »Mensch? Na klar! Morlocks! H.G. Wells’ The Time Machine in der Verfilmung von George Pal!« Das für sich allein ist schon gespenstisch. Als nächstes stört mich etwas in der Syntax. Ich bin ein Pedant. Das richtige Wort heißt rückhaltlos. Doch auch semantisch ist das selbe Wort grober Unfug: Herr Morlok stellt sich hinter Herrn Westerwelle. Und fällt um. Weil er keinen Rückhalt hat.

Ich bin enttäuscht. Ich will wieder zurück in die offen oberflächliche Hauptstadt. Leipzig, die Stadt, der der größte aller großen deutschen Dichter – um wenigstens einmal meine Deutschlehrerin zu zitieren – in seinem berühmtesten Werk eine eigene Szene zum Geschenk machte, lässt mich in Sachen Sprache so außerordentlich hängen. Doch Johann Wolfgang von antwortet mir in derselben Szene: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!

Im elterlichen Domizil angekommen, muss ich noch eine Sache klären. Ich bin ein Pedant. Wie wird dieses eingeschobene s von Seite eins genannt? War das ein Morphem? Das hatte doch einen eigenen Namen. Also halte ich die Begrüßungszeremonie zur Verwunderung meiner Eltern so kurz wie nötig und stürme geradezu ihre Bibliothek. Der Duden sagt es mir: Fugenlaut. Fugenlaute sind Morpheme. Ich wusste es. Ermutigt lese ich weiter und stoße dabei auf eine dieser spitzfindigen Feinheiten, die die deutsche Sprache so unerlernbar und schön zugleich machen: Wassernot versus Wassersnot. Ersteres bedeutet Wassermangel, letzteres bezeichnet eine Überschwemmungskatastrophe.

Wie schnell sich Antonyme doch bilden lassen und für wie viel Verwirrung man mit einem kleinen Buchstaben sorgen kann. Augenblicklich senkt sich mein Blutdruck, hebt sich meine Laune. Sprache gut, alles gut.

14
Feb

Alliterationen zum Valentinstag

Sanft salziges Schmachten schafft
wilde Wut. Wollüstig will
eine egoistisch-einnehmende, einfach
kindsköpfig kontrollierte Kicherkaskade
durch dreiste Dunkelheit deprimieren.
Aber angesichts aufrichtig abgöttischer
Liebe lacht Leben lauthals.
Noch nichtigere Narreteien nagen,
von Vielbesserfühlerei völlig verkümmert, vergeblich
am als allgemein als Allerstärksten
bekannten, beiläufig bisweilen Brust
genannten, genau genommen glühendes,
heiliges Herz heißendes Himmelsstück
im Inneren. Immer inniger ist
dieses durch direkten Druck der
langsamen Leidenschaften, lieblich-leichtfüßig
gewordener Gesten, glamourös gewachsener
Seilschaften sowie sensibler Stimmungen
geworden. Genau genommen
hat heute hier heimlich
ein einfacher, eigens entwicklter
plötzlich passierter Putsch plausibel
die derzeitige Demoskopie durchaus
bewiesen. Bekanntermaßen befehlen bei
Verstandessachen Verstandeskräfte. Vielleicht verfügen
aber auch Andere – Außenstehende -
über übungsreiche, übernatürliche – übrigens
friedfertige – Fähigkeiten?
Doch diesem Diktat darf
keiner kleine Kummer klagen.
Freiheit fürs Fühlen!
Demut dem Denken!

19
Aug

Wieder in Berlin

20 Uhr 44. Drei Flaschen vorzüglichen Rieslings im Gepäck treffe ich im Neuköllner Epizentrum der studentischen Feierlaune meines Matrikeljahres ein. Johanna mit den frisch gewaschenen Haaren öffnet die Tür, Laura muss noch malochen. Eine muss schließlich das Geld verdienen.

20 Uhr 45. Vom vielen Reden sind uns die Kehlen ganz trocken und rau. Um unserer Selbst willen suchen wir fieberhaft nach Lösungen, Johanna hat Weißen im Kühlschrank gefunden, der wird zur ersten Hilfsmaßnahme erklärt.

20 Uhr 46. Die erste Flasche öffnet sich fast von selbst. Wie immer. Der Wein schmeckt, obwohl er als Medizin gilt. Unser Glückstag!

22 Uhr 53. Laura ist endlich fertig. Trifft sich gut, denn Johanna und ich brauchen dringend Nahrung.

23 Uhr 07. Döner hat die Currywurst als typisches Berliner Gericht abgelöst. Gibt’s auch viel häufiger und europaweit. Die Türkei muss überhaupt nicht in die EU, sie ist schon längst da. Europäische Nachkriegsesskultur ohne Döner? Undenkbar!

1 Uhr 30. Die Urlaubserzählungen sind vorbei. In den Weinflaschen herrscht auch gähnende Leere. Durchzählen… ein, zwei, drei, vier,  fünf. Alle Flaschen anwesend. Alle Flaschen leer. Schade eigentlich. Während ich in trüb-schwermütigen Gedanken an Systembollaget denke, senden Johanna & Laura fast gleichzeitig ein bekanntes Stoßgebet gen Himmel: Späti, gib uns Nachschub! Ich schiebe ein Berlin, Hallelujah, Berlin! hinterher.

1 Uhr 31. Wir küren Johanna zur Oberhofweinbesorgungsfachfrau.

1 Uhr 37. Nachschub trifft ein, ein kurzes liebliches Ploppen durchzuckt den Raum, gefolgt von Schwefelgeruch, der der rauchgeschwängerten Luft eine weitere Note hinzufügt. Die Musik wird von laut auf richtig laut gestellt, ein Ball aus drei ziemlich angetrunkenen Menschen schickt sich an, zu einem spontan ausgesuchtem Mix aus 80er und Elektro zu tanzen. Wechselweise wird über die aktuelle musikalische Leitung entschieden. Das Neuköllner Epizentrum afrikawissenschaftlicher Feierlaune ergeht sich in meisterhaften Elegien rhytmischer Zuckungen.

2 Uhr 17. Ich muss dringend schlafen. Sagt mein Körper. Laura heisst mich eine weitere Flasche Wein aufzumachen. Das halbtrockene Ploppen verstummt im Treiben der Bässe. Die Gläser spielen Ringelreihen, kommen und gehen, werden zusammengestossen und geleert, um anschließend von Neuem gefüllt zu werden.

2 Uhr 59. Die siebte Flasche hallt als Dominantsept in mir nach: Sehr dominant und nach Auflösung strebend. Ich muss ins Bett, doch die Damen unbeaufsichtigt auf der Tanzfläche zurückzulassen bringe ich nicht übers Herz. Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach…

3 Uhr 30. Mein Körper strebt zielsicher eine Lösung entgegen, doch nicht ins muntere Dur, sondern ins schläfrige moll, wenn ich mich nicht beeile, gibt es noch einen Vorzeichenwechsel. Ich füge mich, denn mich zu wehren vermag ich beim besten Willen nicht mehr.

3 Uhr 31. Ich falle tot ins Bett.

3 Uhr 32. Es ist Lauras schätze ich, schließlich scheint sie im Dunkel herumzuschweben. Oder liegt sie neben mir? Sie redet. Redet sie? Doch, es ist ihre Stimme. Lauras Zimmer.

7 Uhr 30. Meine mobile Wundermaschine mit den vielen Macken feuert ihren ersten Event des neuen Tages – ein Wecker klingelt.

Irgendwann Uhr Später. Das Telefon triggert den zweiten Event: Aufgrund mangelnder Interaktionsbereitschaft seitens der humanoiden Akteure Klingeln einstellen.

9 Uhr 00. Ein weiterer Weckversuch wird gestartet.

9 Uhr 01. Ich werde munter und öffne meinen Schlafsack. Peter und Alexander durchstreifen noch Morpheus’ weites Reich.

9 Uhr 02. Vor dem Zelt steht Neil Tennant in Elton Johns Nikita-Outfit und reicht mir einen Schonkaffee.

9 Uhr 12. Neil und ich trällern lauthals Single-Bilingual, als ein Elch vorbeikommt und mitsingt. Peter und Alexander sind zu einem verkaterten Peter Alexander mutiert. Peter Alexander geht Espresso kaufen und raucht kubanische Zigarren.

9 Uhr 13. Der Elch singt schief, Neil ist verstimmt und geht.

9 Uhr 14. Der Elch singt nicht wirklich, doch kommen melodische Geräusche aus seinem Maul.

9 Uhr 15. Der Elch ist ein Wecker. Der Elch ist mein Wecker. Mein Wecker klingelt. Na bitte, wer sagt’s denn? Rätsel gelöst. So Elch, du darfst bitte gehen, Neil und ich waren nämlich noch nicht ganz fertig mit singen.

9 Uhr 16. Der Elch geht, das Klingeln bleibt. Ich drehe mich nach allen Seiten um. In einem Gebüsch hockt Neil und wippt zum Takt der Musik, sein Anzug leuchtet in der Morgensonne. Ich rufe ihn an, er redet, doch es klingt wie der Wecker.

9 Uhr 17. Frühsport à la Mimmelitt: Linkes Auge auf, linkes Auge zu; rechtes Auge auf, rechtes Auge zu; auf, zu, auf, zu; beide Augen auf, beide Augen zu; auf, zu, auf, zu. Tückische Täuschung! Neil ist weg, der Elch auch. Peter Alexander wird nicht mit Kaffee wiederkommen, er wird überhaupt nicht wiederkommen! Dafür liegt eine komatöse Frau neben mir. Beide Augen auf. Laura. Laura. Laura?! Laura. Ich werfe die Erinnerungsmaschine an, sie wirft mir ein paar Fetzen vor die Füsse, ich beuge mich äußerst vorsichtig nach unten und schaue mir die Polaroids der letzten Nacht an. Laura. Stimmt schon. Viertel zehn war das? Schon?! Alle Maschinen volle Kraft voraus!

9 Uhr 18. Volle Kraft fühlt sich anders an. Das ist eher Schonkaffee. Zwei weitere Polariods tun sich vor mir auf. Das eine mit vollen Flaschen, das andere voller Flaschen, aber leere. Das erklärt das Schonkaffeegefühl.

9 Uhr 42. Frisch geduscht, behutet und bebrillt steuere ich durchs Treppenhaus. Der Mensch unter der Wohnung ist munter. Jetzt schon? Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, seine Nacht war doch gezwungenermaßen nicht wesentlich länger als unsere. Berlin eben. Durch die Wohnungstür klingt ein Schlager. Wenn nichts mehr geht, eins geht immer, denkt sich die Disco Queen in mir, zieht die Rollschuhe an und legt los. Und dann die Hände zum Himmel und lasst uns fröh-lich sein! Mein Hirn wacht von den Tanzbewegungen des Alkohols auf. Ganz vorsichtig.

9 Uhr 43. Es dreht sich doch nochmal um. Naja, der Wille zählt.

9 Uhr 47. Der U-Bahnhof riecht wie sieben Toiletten rückwärts. Berlin Neukölln, Du hast mich wieder!

9 Uhr 48. Ich bekomme langsam ein Gefühl für meinen Schädel. Er braucht jetzt vor allem Ruhe und viel Platz. Ein Schonkaffee wäre schon schön, wird wohl aber nicht helfen. Das Blut im Alkohol versucht derweil, die Herrschaft an sich zu reissen, doch wird der dilletanitsch ausgeführte Putschversuch bereits im Ansatz vereitelt.

9 Uhr 51. Die U-Bahn fährt ein. Jaqueline, mache du die Affenmusik aus, tobt mein Schädel. Ich gebe ihm Bach und er ist’s zufrieden. Die Tür geht nicht ganz auf, ich muss meinen Kopf vorsichtig durch den Türspalt falten.

10 Uhr 06. Nahrung! Echt-Kaffee! Ich! In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, das Überraschungsmoment gekonnt genutzt, obsiegt das Blut über den Alkohol.

10 Uhr 07. Der Alkohol schlägt zurück. Ich vermittele einen Waffenstillstand samt Abrüstungsplan.

10 Uhr 09. Im Büro. Ich muss meine Sonnenbrille abnehmen, Paul schaut mich an und meint nur: You look worse than I feel.

10 Uhr 12. Mails checken, Soziale Netzwerke prüfen. Das Klopfen in meinem Kopf vermenschlicht sich. Es ist Neil! Ich setze die Kopfhörer auf… New york city boy / You’ll never have a bored day / cause you’re a new york city boy

7
Jun

A day in life…

«Play»: Langsam fadet sich «Aaron» durch die Kopfhörer in mein Bewusstsein. «Sonnenbrille!» schießt es mir durch den Kopf und ich eile sie zu holen, damit ich im Hausflur bin, bevor der Beat beginnt. Ich berühre die erste Treppenstufe just als der Beat lostritt und wippe mich aus dem Haus. Die Brille ist zwar nicht ganz dem Wetter entsprechend, wohl aber meinem Gemüt. Sie schirmt mich ein wenig von der Realität ab, die Musik tut ihr übriges: Ich gleite durch mein eigenes Musikvideo. Wieder denke ich an meine Idee, einmal eine kleine Videokamera an die Sonnenbrille zu montieren und einfach aufs Geratewohl loszugehen. Mit der richtigen musikalischen Untermalung bestimmt eine preiswerte Möglichkeit Musikvideos zu generieren.

Mit dem «Alten Kamuffel» im Kopf durchquere ich die seltsam anmutende Baustelle in der Goethestraße. Alles voller Schilder, eine Straßenhälfte ist befahrbar, die andere holzumrüstet und offen. Irgendwo liegt ein riesiger Sandhaufen und überhaupt ist nicht ganz klar, auf welcher Straßenseite ich zur Ostseestraße komme.

Ich versuche die Ostseestraße zu überqueren, als «Azure» losdreht. Prompt reißt für einen Moment der Himmel auf. Die Autos ziehen im Rhythmus an mir vorbei. Was will man mehr? Die andere Straßenseite erreichen? Ach ja, richtig! Okay.Ich swinge also über die Straße. Hab noch ganz schön viel Gestern Abend in der Blutbahn. Eine Straßenseite ist überquert. Aber schon wieder eine Baustelle. Der Parkplatz in der Mitte ist auch nur noch halb so groß wie sonst. Diesmal metallumrüstet und offen. Während sich ein Rudel Autos nähert und mich am Wechseln der Straßenseite hindert, entdecke ich einen Fußweg auf der linken Fahrbahnseite. Was es nicht alles gibt. Ich drehe mich um, merke mir das vorletzte Auto der Horde und laufe los. Das Rauschen der Fahrgeräusche dringt langsam in die Musik. Mein Auto zieht an mir vorbei, ich drehe mich um, warte eine Sekunde und bin schon auf der anderen Straßenseite.

«Bengang» kündigt sich an. Mit dem einsetzenden Beat kommt ein dicker Mann aus einer Haustür. Langsam kommt es mir aber schon spanisch vor. Zufall sieht wirklich anders aus. Aber es geht weiter. Ostseestraße Ecke Hosemannstraße steht eine «Richtungstafel in Kurven», dahinter ein Riesenaufsteller von Martin & Frank-Walter. Die Richtungstafel weist für heute auch zum Wahllokal. «Is’ ja gut Jungs, ich komme ja schon», denke ich kopfschüttelnd im Vorbeigehen. one-day-in-life

Tja und da bin ich auch schon: Am Wahllokal. Das muss ich genießen, so oft kann man in Deutschland schließlich nicht wählen. Und diesmal ist es überhaupt eine grandiose Wahl. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen Menschen geben ihre Stimme ab. Dreihundertfünfundsiebzig Millionen! Von Lappland bis Gibraltar, von der Bretagne bis zum Bosporus! Und daraufhin machen sich siebenhundertsechsunddreissig Menschen aus allen 27 Ländern auf den Weg nach Straßburg und Brüssel, um sich im Parlament zu konstituieren. Mächtig gewaltig, Egon! oder nicht? Okay. Ich habe genug Pathos eingesaugt und grüße die Wahlhelfer mit einem fröhlichen «Guten Morgen». Gut, das klang jetzt noch etwas matt. Ich werde etwas ungläubig angesehen und setze ein «oder so» hinterher. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es bereits halb fünf ist. Nun, damit wäre der Grund für die komischen Blicke gefunden. Vor mir sitzen ein bärtiger Mittdreissiger, der sein gesellschaftliches Engagement demonstriert. Soll ich mal raten? Er wählt grün und ist leidenschaftlicher Prenz’lberger, der Ende der 90er Jahre hergezogen ist. Sie sieht auch ein bisschen aus wie Prenzlauer Berg, aber hat mehr Authentizität. Okay, sie färbt sich ihre Haare, das ist genaugenommen nicht authentisch, aber ihr «rötliche Erdfarben»-Look sieht ehrlich aus. «Sowas hab ich von meinem Sohn auch gehört, wenn er weg war», trällert sie. «Naja, wenn man Student ist, kann man das noch machen», grummelt er. «Neidisch? Unzufrieden mit dem eigenen Leben? Dann ändere es und heule mir nicht die Ohren voll!», denke ich mir. Er schaut auf meinen Personalausweis. «Jahrgang 1981. Naja.» «Naja WAS», antworte ich ihm in Gedanken. «Das ist doch jung», flötet sie.  Das war Balsam für die Seele. Bevor ich losgegangen bin, hatte ich wieder so ein «Du wirst alt» Erlebnis und konnte den Grund diesmal mit Worten dingfest machen. Solange die Generation nach mir noch keinen spürbaren Fußabdruck im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen hat, fühle ich mich den Jungen zugehörig. Auch wenn ich der Älteste der Jungen bin, rechne ich mich dazu und werde dazugerechnet. Ist der Fußabdruck aber vorhanden, ist die Trennung da und plötzlich bin ich der Jüngste der Alten und gehöre zu den anderen. Ich flöte der Rothaarigen also das mildeste «Dankeschön» entgegen, das ich zu bieten habe und verschwinde in die Kabine. Der längste Teil des Wahlvorganges ist irgendwie das Wahlscheinfalten. Der Zettel verschwindet in der Urne und ich aus dem Lokal.Beide Worte sind irgendwie unwirklich zum Ereignis: Urnen beinhalten Asche, Verbranntes, Verbrauchtes, Beendetes. Meine Stimme haben ich zwar abgegeben, aber bis zur nächsten Wahl hat sie doch eine Berechtigung: Aufgrund meines Wahlverhaltens bestimmt sich ein Dreihundertfünfunsiebzigmillionstel der Sitzverteilung des europäischen Parlamentes. Und ein Lokal ist auch etwas anderes. Das hier ist ein öffentliches Gebäude.

Das ist so wie bei Fahrscheinen. Die werden entwertet, bleiben aber gültig. Eigentlich besitzen Fahrscheine doch über die Dauer ihrer Gültigkeit einen Wert und verlieren diesen zusammen mit der Gültigkeit; warum sagen wir dann, dass Fahrscheine entwertet werden? Wenn sie keinen Wert mehr haben, könnten wir sie doch eigentlich wegwerfen. Dann aber wären wir bei der BVG-Kontrolle angeschmiert. Warum zeigen wir eigentlich gültige, aber wertlose Fahrscheine vor?

Hui. Realität. Musik an, Brille auf und weiter geht die Party. Wieder steht Paulchen an den Tellern und versüßt mir den grau behimmelten Sonntag. Okay, im Augenblick treibt mich «Gebrünn Gebrünn» eher, als dass es mich fliegen lässt. Mehr und mehr Schwerkraft liegt auf dem Track. Irgendetwas Dunkles lastet auf diesem Stück. Und genau dieses Dunkle, fast Boshafte hat mein tanzendes Alter Ego gerade vom Himmel geholt und schleift es über den Asphalt. Ich wechsle zu «Sky and Sand» und augenblicklich verwandelt sich die kleine blutverschmierte weisse Taube in einen kleinen aufstehenden Jungen. Er hat Kopfhörer auf und nickt mit dem Kopf zur Musik. Der Beat setzt ein, es gibt eine Blende weg vom Realfilm, hin zur Animation. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung ausschließlich aus Linien, keine Grautöne. Die Stimme im Track setzt wieder ein. Der Junge ist älter geworden, blickt nach links. Die Kamera schaut jetzt durch seine Augen auf seine Freundin, die ihn verliebt ansieht. Der Blick geht zurück und eine urbane Allee eröffnet sich. Die Kamera zieht ein wenig aus seinem Kopf heraus. Kopfhörer, Kopf, Körper. Ein Fußweg mit alternden Platten, parkende Autos, Laubbäume, Häuser. Der Blick geht an den Häuserwänden entlang und bleibt auf kleinen Details stehen, zoomt kurz federnd hinein und wieder heraus und geht weiter. Wieder Zeichnungen, diesmal etwas reifer. Der Junger ist schließlich älter geworden. Albrecht Dürers «Betende Hände» öffnen sich auf der Textzeile in the palm of your hand Dann der letzte Chorus, wieder im Realfilm. Viele Meter weiter. Am Ende der Straße ist eine Bank. Ein alter Mann mit den selben Kopfhörern und dem selben Nicken. Die Kamera fährt auf ihn zu, dreht und blickt durch seine Augen auf die zurückliegende Straße. Er sieht den Jungen mit seiner Mutter nach links vorbeigehen, sein Teenager-Ich geht der Mutter hinterher, überholt sie, die Bilder überlagern sich. Die Freundin geht weinend auf der rechten Seite des Bildes ab. In der Mitte des Bildes wird eine junge Frau halbtransparent und flackernd eingeblendet. Sie altert in ein paar Stufen und verblasst schließlich. In jedem der Bilder lächelt sie den alten Mann auf die selbe Weise an und streckt ihm ihre Hände leicht entgegen. Mit dem letzten Ton gehen die Augen zu.

Ich bin beeindruckt von meiner Phantasie. Ich sollte Regisseur werden. Vielleicht ist Weltursupator doch nicht das Richtige für mich. Das muss ich mir noch überlegen. Ursupator wird aber auf jeden Fall zum Wort der Woche erklärt.

Mit «Square 1» zuckt mir plötzlich ein Schmerz durch die Kniekehlen. Ich muss mich von der Last des letzten Abends befreien, sagt mein Körper. Ich streite mich mit ihm darüber, dass dieses Ziel ein gemeinsames unsererseits sei und ohne den unnötigen Druckaufbau seinerseits schneller erreicht werden könnte. Nach einigem hin und her sieht er es letztlich ein und ich kann unseren Weg entspannt weitergehen.

Die Haustür fällt mit einem Knall ins Schloss und in meinen Kopfhörern schließt eine Berliner S-Bahn ihre Türen.  «Train» fährt mich die Treppe hoch.


Nun noch die Musik zum Titel…

The Beatles – Day In The Life

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Und jetzt die Musik zum Text…

Aaron

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Altes Kamuffel

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Bengang

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Gebrünn Gebrünn

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Sky and Sand

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Square 1

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Train

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2
Dez

Generation Dumpfwut

Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.

In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.

Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.

Rütli Guerilla Bildungs-Kommando
Rütli Guerilla Bildungs-Kommando

Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.

Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.

Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.

Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn

  1. sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
  2. muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
  3. sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)

Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,

  1. was man besetzt,
  2. wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
  3. muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
  4. ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
  5. ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.

Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.

Mehr noch:

  1. Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
    Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf.
  2. Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
    Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder?
  3. Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
    Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet.
  4. Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
  5. Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
    Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
    Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft.
  6. Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.

Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.

Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.

30
Nov

Lassi & ich

Da steht es nun: Mein erstes Lassi. Am wohl seltsamsten Platz, den man sich für ein erstes Mal aussuchen kann: das BordBistro.

Ich habe verschlafen. Ein gefühltes Promille tanzt mir immer noch durchs Blut und ich mag die Augen nicht aufmachen, geschweige denn aufstehen. Ich werde durch meinen persönlichen Weckdienst nach einer dreiviertelstündigen Bearbeitungszeit dann doch aufgestanden und preise mich für meinen nächtlichen Genius: Die Anziehsachen und die Mitnehmsachen liegen startklar und konzentriert beieinander. Das hilft im doppelten Sinne. Einmal, weil mein Hirn noch nicht so munter ist, als dass ich nicht doppelt so lange für alles bräuchte und selbst dann noch die Hälfte vergäße. Und zum Anderen, weil ich – für meinen Pegel – in Rekordzeit startklar bin.

Draußen fallen naßkalte Schneeflocken, der Himmel ist eine ziemlich tief hängende graue Wand, die Autos fahren alle mit Licht; warum bin ich aufgestanden? Das ist kein Aufstehwetter, ganz im Gegenteil: Das ist ein Weiterschlafwetter. Ah, es fällt mir wieder ein: Zug fahren. Ich stelle begeistert fest, dass ich bereits gleichzeitig laufen und kompliziert denken kann, denn ich bin schon an der Haltestelle und sehe eine Bahn gerade abfahren. Wenigstens muss ich mich jetzt nicht beeilen.

Eine Fernsehschauspielerin und – ich schätze – ihre Enkeltochter warten auf die gleiche Bahn. Sie wendet sich ab, der Blick den sie mir zuwirft lässt mich vermuten, dass sie denkt, ich schaute in ihre Richtung, weil ich weiß, wer sie ist. So’n Ego ist schon was Feines, denke ich mir und schaue weiter auf die Enkeltochter. Dann aber fällt mir ein, dass ich das ja nicht die ganze Zeit machen kann und außerdem habe ich ja meine Zeitung dabei. Also lese ich Zeitung.

Straßenbahnen in Berlin zum Samstagmorgen gehen auch überhaupt nicht. In anderen Städten regt sich um diese Uhrzeit ein pietätvolles Nichts, will sagen: Die Busse und Bahnen fahren, weil’s auf dem Plan so steht. In Berlin sind die Dinger proppenvoll. Scheinbar muss der Senat eine heimliche ABM-Maßnahme «BVG nutzen» finanzieren, um somit die Öffentlichen grundzufüllen. Vielleicht ist es wie bei einem Restaurant: Ist es leer, geht keiner hinein, ist es voll, will jeder einen Platz.
Ich muss mir also meinen Weg durch die mir viel zu volle Bahn kämpfen und zu allem Überdruss noch einen Sitzplatz erheischen. Aber: Je größer der Wille, umso kleiner das Problem. Ich sitze.

Mir fällt beim Aussteigen auf, dass ich den Fernsehturm heute noch garnicht gesehen habe. Muss wohl an der Wolkenwand liegen. Halt. Das ist nicht wahr. Ich habe ihn heute schon gesehen. In den frühen Morgenstunden stand ich doch an einem Beet zu seinen Füssen. Ein erhebendes Gefühl: Irdisch erleichternd und überirdisch der angestrahlte, in den Nachthimmel hineinragende Raketenkörper, genannt Fernsehturm. Aus der Bahn heraus dränge ich mich an ein paar Leuten vorbei, um die S-Bahn zu erreichen, die dann doch noch eine Minute wartet, bis sie losfährt.

Und hier sitze ich nun. Den letzten Abend noch im Blut, vor mir zwei Halbschöne mit Beziehungsproblemen von denen ich nichts mitbekommen will und hinter mir eine Dame, die von Berlin abwechselnd nach Altenburg und Leipzig fährt, heute nach Altenburg muss, aber nur bis Leipzig gezahlt hat und irgendwas hat dann am Automaten nicht geklappt und wenn mich jemand anruft, erzähle ich’s ihm mit derselben Aufgeregtheit, als wäre es gerade erst passiert. An mir vorbei zieht die Lutherstadt im Winterschlaf – ich beneide sie – , auf den Strommasten sitzen schwarze Knäuel und wärmen sich, die entfernten Wälder sind vom Frühnebel, der ganz schön spät dran ist, eingelullt. Und vor mir steht die kleine Flasche Mango-Passionsfrucht-Lassi. Aufmerksam lese ich die Etikettierung. Man muss ja wissen, auf was man sich da einlässt. Auf der Flasche steht, dass heute Samstag sei. Gut. Sie behaupten auch, dass jeder Tag Lassitag ist, da haben sie bestimmt ein Etikett für jeden Tag. Ich lese unbekümmert weiter. Heute sei mein Biertag. Ich schaue mich um. Woher wissen die das? Vielleicht ist das eine Tarnfirma von Herrn Schäubles flinker Truppe, die die Möglichkeiten des BKA-Gesetzes schonmal pilotprojektmäßig testet? Und weil sie wissen, dass Samstag mein Biertag ist, und sadistisch sind und wissen wollen, wie aufnahmefähig ich am Morgen nach einem Abend wie gestern noch bin, präparieren sie unschuldige Lassi-Flaschen. Hui. Ich drücke meinen Puls wieder in gesunde Regionen zurück und rede mir ein, dass das bestimmt nur auf statistischen Erhebungen beruht, deren zufolge Bier samstags am wahrscheinlichsten konsumiert wird.

Vor dem Öffnen schütteln. Nicht danach., sagt das Etikett. Klingt vernünftig, denke ich und schüttele. So, jetzt wird es ernst. Tief durchatmen. Langsam umfasse ich den Verschluss, drehe ihn ab, lege ihn beiseite, nehme die offene Flasche in die eine, das Glas in die andere Hand, halte es schräg und… denke mir: ‘Bäh! Das sieht aus wie feuchter Auswurf im Mixer.’ Ein Glück, dass mein Magen noch leer ist. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame und schaut mich mitfühlend-skeptisch an. Ich zögere. Noch kann ich aufhören. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Auf brechtisch heißt das: Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass A falsch ist. Aber nein. Der Lassitrend ist schon fast wieder verklungen und ich habe ich entsprechend schon fast verpasst. Ich muss mich ihm stellen, ich kann nicht immer meine Augen vor dem, was ich sehe, verschließen. Selbst wenn es mich Überwindung kostet. Selbst wenn mir beim Anblick des sich im Glase ergießenden Mango-Passionsfrucht-Lassi fast schlecht wird. Wäre Banane-Erdbeer eine bessere Alternative gewesen? Na also. Ich werfe meiner Zuschauerin einen entschlossenen Blick zu, zucke mit den Schultern wie Na es hilft ja doch nichts und spüle das Lassi hinter.

Naja. Joghurt, Früchte und ein Mixer. Um einen Hype zu erzeugen, ist das für mich jetzt nicht genug, aber der Hype-Hype geht um und das Hypen ist dabei nunmal wichtiger als das Gehypte.

7
Okt

Whenever life gets you down, Mrs. Brown…

9 Uhr 40

Ich verlasse das Haus mit der üblichen Zehn- Minuten- Verspätung. Eigentlich kann ich das garnicht mehr sagen. Zehn Minuten früher zu gehen würde Stress bedeuten. Zehn Minuten eher aufzustehen… Naja, ich bin schon froh, dass ich mich meiner Wunschaufstehzeit annähere. Egal. Ich verlasse das Haus und habe eine Zeitung.

Grausames, gemeines Leben: 0
Marcus: 1

9 Uhr 46

Meine Straßenbahn kommt. Sie ist erschreckend leer. Ich werfe einen verstörten Blick auf die Uhr um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht um eine Stunde vertan habe. Wurden die Uhren umgestellt und keiner hat mir etwas gesagt? Dem ist nicht so. Ich beschließe, es zu genießen. Juhu!

Grausames, gemeines Leben: 0
Marcus: 1½

Sieht gut aus für mich.

9 Uhr 50

Ich bin an der S-Bahn. Hier sieht es bekannt aus. Die S85 fällt wegen «Verzögerungen im Betriebsablauf heute leider aus», sagt die nette Computerstimme. «Wir bitten um Verzeihung.», sagt die nette Computerstimme. Computerstimmen am Bahnhof geben der Sache etwas unpersönliches. Und eine Entschuldigung vom Band kann nicht ernst gemeint sein. Egal. Ich lese weiter Zeitung.

9 Uhr 55

Zur Abwechslung sagt mir heute mal die gleiche Computerstimme, dass «sich die Ankunft der Ringbahn S42 um wenige Minuten verspäten» werde. Zwei davon sind schon einmal um.

Grausames, gemeines Leben: ½
Marcus: 1½

9 Uhr 56

Auch die S8 wird digital entschuldigt.

9 Uhr 57

So. Die «wenigen Minuten» sind jetzt um. Die Bahnangestellte, die sich offensichtlich in ihrem Häuschen verschanzt hat, entschuldigt sich nun auch, sagt uns aber, dass die nächste Ringbahn schon an der Frankfurter Allee sei und in zehn Minuten käme. Spontan verlässt der halbe Bahnhof den Bahnsteig.

Grausames, gemeines Leben: 1
Marcus: 1½

10 Uhr 3

Die Bahnfrau tut es wirklich leid. Ihre Aufgabe wird nicht besser. Die Nord-Süd-Verbindung würde auch nicht mehr fahren. Jetzt ist der Bahnhof leer. Wir stürzen uns in die nächste Straßenbahn.

Grausames, gemeines Leben: 1½
Marcus: 1½

10 Uhr 8

Die Straßenbahn ist zu 250% voll. Jippie. Glücklicherweise habe ich einen Platz an der Tür mit Möglichkeit zum Anlehnen erwischt. Frischer Ratensauerstoff ist mir also gewiss.

Grausames, gemeines Leben: 1½
Marcus:2

10 Uhr 21

Ich am Alex. Kommt eine Straßenbahn für mich?

10 Uhr 22

In 12 Minuten. Das ist mir zu lang.

10 Uhr 25

Am Hackeschen Markt. Die Ost-West-S-Bahnen fahren noch, die ICEs nicht.

10 Uhr 31

Die M1 fährt SEV. Juhu. Ich laufe.

Grausames, gemeines Leben: 2
Marcus: 2

10 Uhr 33

Der SEV fährt an mir vorbei. Juhu.

Grausames, gemeines Leben: 3
Marcus:2

10 Uhr 41

Ich bin auf Arbeit. Da hätte ich auch laufen können.

Grausames, gemeines Leben: 4
Marcus: 2

10 Uhr 45

Am Arbeitsplatz bemerke ich die Schweißflecken unter meinen Armen.

Grausames, gemeines Leben: 5
Marcus: 2

Zieh Dir was Warmes an, sagen sie. Es ist Herbst, sagen sie. Nicht dass Du Dich erkältest, sagen sie.

Grausames, gemeines Leben: 6
Marcus: 2

Ich fühle und rieche den Schweiß.

Grausames, gemeines Leben: 7
Marcus: 2

Das Hemd habe ich vor anderthalb Stunden frisch angezogen.

Grausames, gemeines Leben: 8
Marcus: 2

Ich hasse dieses Spiel.

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