Denise in Ghana I – Tag 1
2 Uhr 55
Die Wecker klingeln. Ich ignoriere sie; außer atmen und schlafen ist es eh das Einzige, zu dem ich im Augenblick fähig bin.
2 Uhr 57
Mein Körper scheint etwas gemacht zu haben, die Wecker sind jedenfalls aus. Wäre ich nicht so müde, wäre ich jetzt hellauf begeistert von meinen vegetativen Fähigkeiten.
3 Uhr
Der Weckruf.
3 Uhr 1
Der Weckruf. Mein schlafdösiges Gehirn murmelt mir «Murmeltier» in den Sinn. Wie jetzt? Grüßt es? Schlafen die nicht um die Zeit Winter? Egal. Gekonnt setze ich meine Magie ein und ignoriere diese seltsame Paradoxie.
3 Uhr 2
Denise weckt mich. Die Routine rotiert.
3 Uhr 3
Denise weckt mich. Verdammt. Ich hatte gehofft, sie hat es inzwischen vergessen. Wir vertagen mein Aufstehen bis zu ihrer Rückkehr.
3 Uhr 25
Sie ist zurück. Verdammt. Ich meinte Ghana, sie das Bad. So viele Rückschläge und der Tag ist noch so jung. Das kann ja was werden heute. Mein Ego geht zum Heulen in die Ecke.
Das erste Telefonat kam von meiner Mutti. Sie ist doch glatt munter geworden und hat angerufen. Das ich jetzt noch nicht überrascht sein kann, warte ich bis es wieder geht.
3 Uhr 35
Mein Ego hat den Schock überwunden und beruhigt. Gemeinsam wuchten wir unseren Körper aus dem Bett und steuern ihn vorsichtig durch die Wohnung.
3 Uhr 45
Oh Fortuna! Kaffee! Mein hellbraunes, überzuckertes Lebenselixier. Meine Menschwerdung beginnt.
4 Uhr
Das Telefon hat vorhin wirklich geklingelt. Es war meine Mutti. Fetzig. Meine Mutti bekommt den Tages-Orden für die beste Überraschung am Band.
4 Uhr 15
In drei Minuten fährt die Bahn, die wir nehmen wollten. Na mal gucken, wann wieder etwas fährt.
4 Uhr 28
Wir verlassen die Wohnung. Denise Nerven nerven. Es ist doch noch viel zu früh, um panisch zu sein.
4 Uhr 30
Gut. Die Bahn ist jetzt weg. Na dann halt die nächste Verbindung.
4 Uhr 36
Eine außerplanmäßige M1. Gut. Die grobe Richtung stimmt, also steigen wir ein. Der einzige Passagier ist ein schlafender Mann. Schläft der noch oder schon? Ich bin ehrlich neidisch.
4 Uhr 37
Denise ist der festen Ansicht, dass die M1 nach links zur Eberswalder abbiegt. Warum sie das tun soll, ist mir zwar schleierhaft, es steht etwas völlig andersartiges als Streckenziel auf dem Display und ich habe meine Abweichlermeinung geäußert, aber wenn meine Frau aussteigen will, steigen wir aus.
Just als die Bahn abklingelt, fällt Denise ein, wo die Björnsonstraße ist. Jetzt ist es aber zu spät dafür.
Ein Bus auf dem Weg zum Betriebshof fällt in Denise’ Blickfeld. Aha, was ist das für ein Bus? Kann das eine M13 sein, die Ersatzverkehr fährt? (Wäre dann nicht die ganze Haltestelle seit vier Wochen mit Hinweisschildern beplankt? Gäbe es dann nicht einen Fahrplan dafür? Würde die Straßenbahn dann an der Anzeigentafel stehen? Würde die Anzeigentafel dann nicht einen Hinweis liefern, wohin die Haltestelle dann umgezogen wäre?) Egal. Ich sehe unsere M13 schon.
4 Uhr 38
Aha. Fahrplanmäßige Bahnen sind schon etwas voller. Den zusteigenden Gestalten geht es wie mir: eigentlich wollen wir alle nur wieder ins Bett.
4 Uhr 50
Wir steigen um. Denise wird mal wieder leicht panisch. Zwar weiß sie, wo der Bus abfährt, aber es könnte gut sein, dass die Haltestelle vor fünf Minuten ohne eine Vorwarnung einfach umgezogen ist. Gut. Wir müssen erkennen, dass alles beim Alten ist. Die Straße steht gut unter Wasser. Ich suche eine möglichst trockene Route zur anderen Straßenseite.
Denise zieht, nach hinten schauend, das Lauftempo unvermittelt an. Kein Bus in Sicht, dafür aber Autos direkt vor uns. Diesmal zügele ich ihre unerklärbare Panik etwas strenger.
4 Uhr 52
Wir kommen an der Haltestelle an. Links von uns besteht die gesamte Busspur auf etwa zehn bis fünfzehn Metern nur aus Wasser. Ich dirigiere uns auf einen möglichst sicheren Abstand.
4 Uhr 54
Die morgendlichen Busse scheinen sich alle zu ähneln. Wenn ich früher in die Schule gefahren bin, wusste ich immer, welches Gesicht an welcher Haltestelle einsteigt. Denksport am Morgen. Ich sehe, dass es hier nicht anders ist.
5 Uhr 5
Die Straßennamen folgen offenbar einem großen Konzept. Bei uns geht es ums Baltikum, hier um Hauptstädte. Ich stelle fest, dass sich Dublin deutsch ausgesprochen wie ein pommersches Kaff anhört. Da haben die Iren aber Glück
gehabt, dass sie englisch reden, sonst wären sie noch Pommern. Wo sie es doch so schon schwer genug haben mit den Briten.
5 Uhr 6
Am Kurt-Schumacher-Platz füllt sich der Bus schlagartig. Hier haben die sich also alle versteckt. So so.
5 Uhr 12
Pünktlich wie die Eisenbahn erreichen wir das Terminal. Denise will sich an einem Automaten einchecken, bricht aber ab. Kreditkarte oder so fehlt. Sie geht wieder hin und bricht ab. Der Automat will den Code nicht. Sie geht wieder hin und ist erfolgreich. War der falsche Code. Automatische Gepäckaufgabe bis eine Stunde vor dem Start, danach nur am Check in. Panik. Schon wieder. Toll!
5 Uhr 14
Während wir in der Schlange stehen, versuchen wir, eine Tüte über den Rucksack zu ziehen. Das ist nicht unbedingt schön. Bei den Temperaturen hier wirkt mein Mantel wie eine Sauna und das sich die Schlange immer weiter vorwärts bewegt, macht das Eintüten nicht unbedingt leichter.
5 Uhr 20
So. Alles eingetütet und aufs Band gelegt. 19,7 kg. Respekt.
5 Uhr 25
Nu isse weg. Ich stöpsele mir die Kopfhörer in die Ohren, die Umgebungsgeräusche werden zu einer leisen, dumpfen Geräuschkulisse, während mir Paul Simon etwas über Bernadette erzählt.
6 Uhr 2
Die Verbindungen haben wirklich sauber funktioniert, aber die Straßenbahn lasse ich trotzdem wegfahren. Schließlich ist es sechs Uhr am Morgen.
6 Uhr 5
Paul meint, dass Killer wants to go to college und ich hingegen will nur nach Hause, das aber bitteschön im Takt dieser absolut coolen Rhythm’n'Blues -Musik. Natürlich passt mein Outfit dazu. Um es endgültig zu komplettieren, öffne ich den Mantel und drehe mir eine Fluppe.
6 Uhr 20
Ich passe den Zeitungsheini samt NZZ ab und swinge die Treppen hoch. So. Jetzt erstmal ein wenig ausruhen.
Gegen Elf kommen meine Eltern.
Ich hätte den Rechner meines Papas nicht Paris nennen dürfen. Aber irgendwie haben wir beide nie Glück gehabt, bei der Auswahl der Rechnernamen. Medeia war so manches Mal auch ein bisschen unschön zu handhaben. Seit inzwischen fünfzehn Jahren beschäftige ich mich Computern und dachte eigentlich, da sieht man einiges, aber das war auch für mich neu: /etc war völlig leer und im Benutzerverzeichnis fehlten gerade die sensiblen Verzeichnisse. Sehr ominös, das Ganze. Naja. Ich spiele also das gleiche System wie vorher auf, bekomme aber neue Fehler. Aristoteles hatte doch Recht, als er sagte, dass das Ganze mehr als nur die Summe seiner Teile sei. Das kann sich die Informatik mit ihrem vermaledeiten Determinismus-Fetisch ruhig hinter die Ohren schreiben. Egal. Elf Stunden später ist also fast alles wieder in bester Ordnung, mein Papa ist soweit versorgt. Irgendwie sind solche Tage ja auch schön: Den ganzen Tag unter Strom stehen, in kürzester Zeit mindestens drei alternative Lösungswege für ein
Problem finden, für dessen nähere Analyse eigentlich keine Zeit vorhanden ist. Ich fühle mich wie ein M.A.S.H.-Doktor. Nennt mich einfach Hawkeye Pierce junior. :-)
Am Abend kommt Alexander vorbei und wir beschließen, unseren Termin zu verschieben. Nachdem sich meine Eltern auf den Heimweg gemacht haben, spannen Alexander und ich ein wenig ab und ich versuche, meine Niederlage gegen die Maschine zu verarbeiten. Wir finden eine Sendung, die sich mit dem «Mainzer Adelsverein» beschäftigt. Abgesehen von der Tatsache, dass von den ursprünglich mehr als 7.300 Einwandern am Schluss höchstens die Hälfte dort ankam, wo sie hin sollte und von denen dann auch noch einmal ein Großteil gestorben ist, gab es einen sehr interessanten Aspekt: Wir haben eine Art Freundschaftsvertrag mit den Comanchen abgeschlossen und uns sogar daran gehalten. Pacta sunt servanda. Wie sich das eben gehört für den Rechtsnachfolger des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.
19 Uhr 11
Denise ist in Lagos gelandet! Wir gucken bei google maps nach und sind neidisch. Sie hat die Sahara überquert!
00 Uhr 39
Jetzt ist sie in der provisorischen Unterkunft angekommen. Die Typen scheinen ein bisschen wirr zu sein. Feministische Emanzipation als Ursache für mehr Homosexualität in der Gesellschaft. Das wäre doch mal ein Thema für die CSU und ihren hessischen Ableger Koch.
Punk never dies
Punk- aufbegehrende Jugendliche, die versuchen, sich dem Mainstream zu entziehen, indem sie die Sprache ihrer Vorgeneration auf eine Verwandlungsreise mitnehmen und sich durch einen Ewig-Anti-Mainstream-Look vom Establishment abgrenzen. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist, kann eigentlich nur die Zeit beantworten. Gestern konnte ich TV Smith live erleben. Inzwischen 51jährig, ist auch er eine durchmischte Erscheinung. Hager wie Kollege Iggy Pop, ein verschmitztes Lächeln wie Bruno Jonas vom Scheibenwischer und als Musiker ein wütender, junggebliebener Dylan. Doch, es ist erschreckend, wie wenig anstößig Punk mit einer einzigen verstärkten Akustikgitarre klingt. Da hilft kein Fuchteln und kein Wedeln: Das ist ganz einfache politische Folkmusik. So ist also Punk wieder in dem Haus angekommen, dass es wild pubertär aufbegehrend einmal verlassen hatte, um die Welt zu erobern. «Punk’s not dead» stimmt also noch immer, aber irgendwie ist er doch sehr erwachsen geworden. Dem mögen die bürgerlichen Groupieabiturientinnen zwar nicht gern zustimmen, aber tief in ihrem Innersten, wenn sie einen Moment innehalten, ihre Körper nicht freimütig an verlebte Legenden der Elterngeneration feilbieten, werden sie feststellen, dass sie mehr mit den Altvorderen verbindet, als sie bereit sind, zuzugeben. Punk ist eine gesellschaftliche Anti-Haltung, aber keineswegs eine Anti-Monetäre. Sicherlich haben einige einen harten Weg nach oben gemacht, aber heute sind die Wege deshalb auch kürzer und weniger lehrreich. Wenn man nur in ein weiches Kissen fallen kann, ist der Abgrund kaum gefährlicher als eine Treppenstufe. Doch Angst macht radikal, treibt an. Die hageren, wilden Punks von damals wurden von den Rebellen der Jungen Union beerbt. Schade eigentlich.





