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Artikel der Rubrik »Zeitgeist«;

4
Okt

Alles Gute nachträglich…

Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.

Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.

Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:

Deutschland Du Opfer

Deutschland Du Opfer

Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!

Oder so.

20
Apr

Der 6-Millionen-Dollar-Pinguin

Der bionische Mann war gestern, Bionic Tux ist heute: Selbstorganisiertende fliegende oder schwimmende Pinguine erkunden einen begrenzten Raum und lösen Aufgaben. Während andere noch virtuelle Kuhherden treiben, setzen Ingenieure aus dem “Wirkönnen alles außer hochdeutsch”-Land die ganze Sache schonmal um.

Hier sind die Links:

2
Dez

Generation Dumpfwut

Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.

In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.

Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.

Rütli Guerilla Bildungs-Kommando
Rütli Guerilla Bildungs-Kommando

Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.

Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.

Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.

Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn

  1. sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
  2. muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
  3. sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)

Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,

  1. was man besetzt,
  2. wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
  3. muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
  4. ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
  5. ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.

Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.

Mehr noch:

  1. Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
    Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf.
  2. Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
    Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder?
  3. Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
    Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet.
  4. Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
  5. Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
    Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
    Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft.
  6. Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.

Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.

Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.

29
Jan

Ich hätte da mal eine Frage…

Gerade bekomme ich den neuesten Dienstagsbrief per Mail zugeschickt. Die Landtagswahl in Hessen bestimmt natürlich das Rundschreiben des Berliner Landesverbandes. Und selbstverständlich wird der große Vorsitzende wieder und wieder zitiert. Gleich die erste Überschrift lässt ihn von einer solidarischen Mehrheit für die SPD sprechen.

Das ist an mir vorbeigegangen. Bis jetzt.

Nun. Solidarische Mehrheit. Was bitte ist eine solidarische Mehrheit? Mein Schädel fängt langsam an zu qualmen. Ich meine, ich hätte eine recht gute Schulbildung genossen und bilde mir auch ein, mich halbwegs gewählt ausdrücken zu können.

Als geborener NeuBundesländler hat man ja eine innige Beziehung zu diesem Wort: Wennimmer irgendwo wer eine Keule gegen einen Anderen schwingen wollte, waren wir solidarisch mit dem Unterjochten. Geschenkt.

Ansonsten… nun… das klingt wie: Wir sind der Weltmeister der Herzen. Knapp daneben ist aber trotzdem noch immer vorbei, oder? Also Euphemismen in allen Ehren, aber das wäre dann doch eine Nummer zu dick, selbst für den großen Vorsitzenden.

Eine solidarische Mehrheit…
Reicht meine geistige Intelligenz einfach nur nicht aus, um die feinstsinnige Dialektik des großen Vorsitzenden zu erkennen oder ist am Ende meine Emotionale im Recht und das ist ein verbaler Übergriff auf die uns allen mütterlich verbundene Sprache?

In meiner mich zur Verzweiflung bringenden Unwissenheit habe ich also der Partei geschrieben und um Unterweisung gebeten. Mal schauen, was sie antwortet. Aber eigentlich ist es doch egal, denn die Partei hat doch immer Recht. Huch, kleine Verwechslung.

P.S.: Kann sich eine Mehrheit mit sich selbst solidarisch erklären? Oder besser: Die Minderheit erklärt sich mit der Mehrheit solidarisch. Nee, das ist eine Wiedervereinigung.

21
Aug

Gedanken, Fragen

Ich glaube, wir leben zu wenig. Ich glaube, wir sind mit uns selbst zu sehr nicht im Reinen. Wir vertrauen uns selbst viel zu wenig. Und wir hören auch zu selten auf uns. Deswegen vertrauen wir Anderen mehr als uns selbst. Deswegen setzen wir auch zu viel Vertrauen in Andere. Deswegen müssen uns die Anderen zwangsläufig enttäuschen. Aber nicht die Anderen enttäuschen uns, wir enttäuschen uns selbst. Auch führt der Nicht-Glaube an uns selbst dazu, dass wir den Dingen mehr Vertrauen schenken, als uns selbst und damit mehr, als sie verdienen. Wir schufen die Dinge, damit sie unser Leben vereinfachen, und nicht dafür, dass sie es kontrollieren. Sie wurden und werden geschaffen, um uns frei zu machen. Stattdessen geben wir die Verantwortung, die wir für uns selbst tragen, an die Dinge ab, die wir schufen, in dem vermeintlichen Glauben, dass sie uns helfen. Damit schufen wir uns eine neue Abhängigkeit, damit kam erst die Zeit viel stärker in den Blickwinkel unserer Betrachtungen, unserer Denkweise und unserer Art zu leben. Wie flexibel sind wir, wenn wir uns ohne ein Telefon auf der Straße unsicher fühlen? Wie abhängig sind wir von diesem Ding, wenn wir ohne es nicht auf die Straße gehen? Geht das Leben nicht auch so weiter? Nur weil es uns die Möglichkeit eröffnet, immer und überall erreichbar zu sein, leitet sich doch daraus keine Pflicht oder gar ein Zwang ab. Sicherlich verlangsamt das die Prozesse, aber sind wir nicht das Maß aller Dinge, die wir wollen? Ist dieses immer-mehr-immer-schneller-immer-billiger wirklich das, was wir uns wünschen, oder geht es nicht vielmehr darum, dass man, wenn man diese Welt verlässt sagen kann «Ich habe gelebt»? Warum muss immer alles effektiver, effizienter sein? Sicherlich: Wir können es uns nicht mehr leisten, diese Welt und ihre Güter zu verschwenden, aber wird sie nicht vielmehr dadurch verschwendet, das wir alles und das immer sofort wollen und dass genug nie genug ist? Wenn man den Fuß vom Gas nimmt, fährt man langsamer, kommt aber entspannter ans Ziel. Außerdem verbraucht man weniger. Sollten wir nicht auch so leben? Vielleicht könnten wir dann nicht so viel besitzen, aber wären wir dann nicht reicher. Wohin führt uns dieser ewige Dauerlauf nach vorn? Kommt man nicht auch gehend ans Ziel?

In unserer zivilisierten Welt ist doch einiges an Unmenschlichem zu viel und vieles, was uns umgibt, lässt sich als Spiegelbild unserer Seelen nutzen. Wir brauchen nur aus dem Haus zu gehen und zu schauen. Entsprechen Häuser, in denen hunderte Menschen wohnen oder arbeiten dem Begriff «human»? Wieso zwingen wir uns, zu bestimmten Zeiten an einem Ort zu sein, um eine Tätigkeit auszuüben, die wir in gleichem Maße auch in einem Park oder in einem Bett ausüben könnten? Muss unsere Welt immer nach Vernunft und Sachlichkeit funktionieren?

Muss denn jede Gelegenheit, die existiert auch genutzt werden, weil man befürchtet, sie käme nie wieder?

10
Sep

Neue Spielregeln für ein altes Spiel

In letzter Zeit hört, sieht und liest man von Dingen, die man schon aus dem Geschichtsbuch kennt. Der Wahlkampf nimmt Weimarer Züge an und als Reaktion gibt es nur Worthülsen. Traurig ist dabei, dass mit alten Denkweisen – die ebenfalls dem Geschichtsbuch zu entstammen scheinen – gearbeitet wird.

Ich denke, dass wir ein paar Wahrheiten akzeptieren müssen, so schmerzhaft sie auch sein mögen.

  1. Wir haben Territorium verloren. Weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsens sind bereits in brauner Hand. Auch wenn sie nicht das nötige politische Gewicht haben, so sind sie bereits als feste politische und gesellschaftliche Kraft akzeptiert. Daher können sie es sich auch erlauben, in die Mottenkiste zu greifen und ihre SA-Taktiken zu nutzen.
  2. Wir sind stehen geblieben. Es ist die Schuld der etablierten Parteien, wenn die NPD ihren Nachwuchs ohne Gegenwehr heranziehen kann. Die eigentliche Jugendarbeit liegt brach. Wir reden mit unserer Zielgruppe – der Jugend – in unserer Sprache: Der Sprache von Sozialwissenschaftlern, von Juristen und Politikern. Wir versuchen, möglichst ohne Ecken und Kanten zu sein. Medientauglich aufzutreten. Das ist aber nicht die Sprache unserer Zielgruppe. Da ist es klar, wenn die zunächst unpolitische Mehrheit für die Programme der NPD empfänglich ist.
  3. Die NPD hat eine äerst kreative und erfolgreiche Markteintrittsstrategie. Im Gegensatz zu ihren Opponenten, die nur lokal arbeiten und sehr unzureichend landes- oder bundesweit organisiert sind, hat sie ein Ziel und eine ausgeklügelte Strategie, um dieses Ziel zu erreichen.
  4. Wir haben Angst davor, politisch zu sein. Kaum ein einflußreicher Mensch stellt sich hin und sagt: Mein Name ist Mensch Meier, ich bin Geschäftsführer von Firma XYZ und bin gegen rechts. Das geht nicht, weil es eine politische Meinung widerspiegelt. Man wird ja sofort in ein linkes Milieu hineingeschoben.
  5. Wir haben nichts aus der Geschichte gelernt. Die Weimarer Republik ging unter anderem auch zu Grunde, weil sich die etablierten Parteien aus ideologischen Zwängen heraus zu sehr voneinander abgrenzen mussten und in gemeinsamen Punkten dennoch ihren eigenen Standpunkt vertreten sehen wollten. Auch heute ist es schwer, ein breites Bündnis aufzumachen, weil die Konservativen beispielsweise nicht mit den Linken kooperieren wollen. Unsere durch Eitelkeiten verursachte Uneinigkeit macht die NPD stark. Wir erfüllen ihre Erwartungshaltung.
  6. Unsere Instrumente versagen. Parallel zueinander existieren viele verschiedene Initiativen und Projekte, die zwar das gleiche Ziel verfolgen, jedoch nur bedingt an einem Strang ziehen. Es gibt von Seiten staatlicher Stellen verschiedene Fördertöpfe, die für eine begrenzte Zeit Gelder zur Verfügung stellen, letztlich muss aber festgestellt werden, dass sie nur der Tropfen auf den heißen Stein sind. Das einzige was sie bewirken ist, dass der “Gebietsverlust” nicht ganz so schnell von statten geht.

Nun müssen wir uns noch ein paar Dinge vor Augen halten, wenn wir an einer erfolgreichen Lösung dieses Problems interessiert sind.

  1. Wir führen einen Krieg.
    Unser Gegner zeigt sich offen, operiert aber auch verdeckt.
    Er verfügt über eine breite Unterstützung in Teilen der Bevölkerung.
    Er befindet sich seit einiger Zeit in der Offensive, wenngleich er offensichtlich schwächer ist, als wir.
    Das zu verteidigende Gebiet sind die Köpfe der Kinder und Jugendlichen. Wir operieren in selbstständigen Einheiten gegen einen Gegner, der sich bereits seit einer ganzen Weile formiert hat.
    Im Augenblick sind wir unkoordiniert und der Gegner nutzt unsere Schwäche für seine Offensive. Wir aber müssen nun einerseits unsere Verteidigung aufbauen, stärken und halten, andererseits aber selbst in die Offensive gehen. Dafür allerdings sind Pläne notwendig. Pläne brauchen Zeit. Wir müssen also zwei Probleme gleichzeitig bearbeiten.
  2. Wir versuchen, einen unliebsamen Konkurrenten vom Markt zu drängen.
    Die nationalistischen Kräfte drängen seit einiger Zeit auf den Parteienmarkt. Um auf einem gesättigten Markt Fuß fassen zu können, muss man einige Nischen finden und darin für Alleinstellungsmerkmale sorgen.
    Im Sachen Jugendarbeit sind sie uns um Ellen voraus. Während wir ganz offensichtlich versuchen, die Jugend zu erziehen, schieben die Nationalisten ihre Ideologie in kleinen Häppchen ganz subtil unter die eigentlich unpolitischen Maßnahmen. Sie stellen sich wunderbar auf ihre Zielgruppe ein. Wir offenbar nicht genug.

Wir müssen also Territorium und Markt zurückerobern. Was ist dafür zu tun?

  • Zunächst sollten alle Initiativen und Akteure gegen rechts erfasst werden.
    Damit lassen sich Dopplungen und Schwerpunkte einfacher finden und die wenigen Kräfte bündeln. Zuviele Bündnisse existieren auf einer Ebene nebeneinander her. Zwischen den Bündnissen gibt es zu wenig Kommunikation, daher auch mehrfache Schwerpunkte und Lücken.
  • Danach muss man einen Erfahrungs-, Ideen und Informationsaustausch gewährleisten.
    Auch hier können Kräfte gespart werden. Man muss das Rad nicht zwei- oder dreimal erfinden. Außerdem kann man sehen, welches Konzept wo schon einmal versucht wurde oder wer bereits Erfahrungen mit einem speziellen Problem hat.
    Des Weiteren wäre es doch schön, wenn man übergreifend agieren würde, wenn sich also beispielsweise Lehrer und Projektbetreuer stärker in die Hände spielen würden, als es jetzt der Fall ist.
  • Man benötigt eine Task Force.
    Hier geht es um eine möglichst schnelle und kreative Form der Reaktion. Die NPD operiert nach dem gleichen Modell an verschiedenen Orten. Eine Task Force könnte dies erkennen und sich Möglichkeiten überlegen, wie man möglichst effektiv, aber witzig diesen “Angriff” abwehren kann. Das operative Defensiv-Oberkommando, um bei der militärischen Sprache zu bleiben.
  • Es braucht ein Strategic Command.
    Das größte Problem ist die vergeudete Zeit für Reaktionen auf Aktionen der NPD. Das ist alles nur Verteidigung. Verteidigung aber bindet nur sinnlos eigene Kräfte, wenn sie nicht innerhalb eines festen Zeitrahmens in eine Offensive übergeht. Und das kontrolliert, strukturiert und an der ganzen Front. Bei dem momentanen Organisationsniveau werden so viele Kräfte und so viel Zeit für Gegenmaßnahmen vergeudet, dass es nicht mehr möglich ist, an eine erfolgreiche Offensive zu denken.
  • Schluß mit ideologischer Verblendung.
    Wir dürfen uns nicht mehr länger mit ideologischem Firlefanz herumärgern. Hier geht es um eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, bei der die persönliche Weltanschauung nicht relevant ist.
  • Keine Gewalt, keine Provokationen
    Das Ungeheuer NPD geht ohne seine vielen Köpfe ein. Wir müssen also den Köpfen begegnen. Das darf aber nicht in der übliche Manie geschehen. Es ist notwendig, jedem Menschen auf einer Ebene zu begegnen und eine abweichende Meinung zu akzeptieren. Eine logisch inkonsistentes Weltbild verfestigt sich unter Druck nur noch mehr, durch fragen und Offenheit wird es allerdings zerbrechen.
  • Finanziers benennen.
    Wer finanziert die NPD? Wer gibt ihnen das Geld für ihre Aktionen? Wo sind die cleveren investigativen Journalisten, die deren Namen und den ihrer Unternehmen veröffentlichen? Wenn die Spender und Unterstützer auf einmal im Licht der Öffentlichkeit stehen, bekommen sie hoffentlich Angst und überlegen sich in Zukunft dreimal, ob sie der NPD weiter Geld spenden wollen oder nicht.
  • Ein Bündnis aus Köpfen, nicht Organisationen
    Mitglieder des Bündnisses sollten bestenfalls Menschen sein und nicht die Organisationen, für die sie arbeiten. Die können das Bündnis gern tatkräftig unterstützen, doch brauchen wir nicht ein Bündnis der “alten Schule”, das letztendlich zu einem linken Sammelbecken verkommt und sich durch mit ideologisch-verfärbten Worthülsen versehene Aktionen und Mitteilungen selbst diskreditiert. Dieses Bündnis soll ein Zusammenschluss verschiedener gesellschaftlicher Akteure sein und dazu führen, dass sich die Jugend zu selbstbewussten Demokraten entwickeln kann. Was sie mit ihrem Wahlzettel veranstalten, ist uns letztlich egal (solange sie hingehen und nicht NPD wählen). Auf welche Seite des politischen Theaters sie sich schlagen werden, sollte ihnen überlassen werden.
    Vielleicht sollte es eine stillschweigende Abmachung zwischen den unterstützenden politischen Organisationen sein, dass man den Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 16 Jahren die Möglichkeit gibt, ein Verständnis für Demokratie zu entwickeln und erst danach versucht, sie als Mitglieder zu werben.
  • Die Finanzierung muss unabhängig werden.
    Möglicherweise ist eine gemeinnützige AG oder eine Bürgerstiftung hierfür zweckmäßig. Wichtig ist jedoch, dass die Finanzierung der Projekte gegen rechts nicht mehr nur vom Staat geleistet werden kann und soll. Letztlich ist es ebenso auch das Interesse der GlobalPlayer in Deutschland, für ein bundesweites Klima zu sorgen, dass es ausländischen Mitarbeitern ermöglicht, ohne Angst nach Deutschland zu kommen. Eine staatsfremde Organisationsform ist hierfür sicherlich sinnvoll, nicht zuletzt auch, weil in solchen Organisationen private Gelder eher eingehen, als in staatliche.

Wir bedienen uns nur einiger theoretischer Methoden der Kriegsführung, wir schlagen dem Ungeheuer nicht die Köpfe ab, wir verprügeln nicht. Wir wollen überzeugen und wir müssen es auch.

20
Mrz

Neue Stadt

Ich liebe ja Großstädte. Nach einer fast sechsjährigen Absinenz in Stralsund hat mich die Großstadt in Form der Metropole Berlin endlich wieder. All die Enge der Stadt und die Ruhe der Region, die sich wie ein Schleier über Gemüt und Geist legen, sind fort. Ich habe glücklicherweise jeden Tag fast anderthalb Stunden Zeit, um die aufgestaute Bücherliste langsam abzuarbeiten. Der Geist ist wieder quicklebendig, neue Eindrücke sprudeln auf mich ein und aus mir heraus, es ist eine Heimkehr.

Jetzt, wo ich Schlag auf Schlag neue Eindrücke sammle, erscheint mir die Stralsunder Zeit manchmal als Schlaf, der mich nicht nur sechs, sondern zwölf Jahre gekostet hat. Ich laufe, ich eile, um so viel Zeit wie möglich wieder einzuholen. es wird nicht gelingen, aber die vorhandene Zeit möchte und muß ich endlich mit der Lektüre nutzen, von der ich mich selbst abgehalten habe.

Die Räume der Wohnung sind hell, licht und hoch. Ich habe einen Balkon vor der Nase; genug Räume, um meine eigenen Gedanken fliegen zu lassen, es ist wie ein warmes, feuchtes Beet im Frühling, dass darauf wartet, dass sich die Blumenzwiebeln in ihm endlich öffnen und emporwachsen.

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