»Entscheidend ist, was hinten rauskommt.«
Ein großer Tag, ein spannender Tag, dieser 30. Juni 2010. Drei Wahlgänge, deren Ergebnisse einzeln betrachtet wie kleine Erdbeben dem politisch Interessierten durch Mark und Knochen gingen. Ein Tag, an dem der von den Medien aufgebaute Spannungsbogen fast zerbrach. Weiterlesen
Alles Gute nachträglich…
Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.
Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.
Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:
Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!
Oder so.
Bedrohte Minderheiten. Heute: Die Jugend.
Man kann den 68-ern ja vorwerfen, was man will. Heute will ich ihnen auch einmal etwas vorwerfen. Nämlich, dass sie mit ihrem verhunzten Aufstand für die Vergreisung der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind.
Das statistische Bundesamt hat vor zweieinhalb Jahren die Ergebnisse seiner 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung präsentiert. Aus den Grafiken lässt sich zum Beispiel herauslesen, dass sich der Anteil der über 35-jährigen seitdem kontinuierlich gesteigert hat. Waren die Alten während der letzten Revolution noch in der Unterzahl, so werden sie sich bis 2050 einen bequemen Vorsprung von gut 20% verschafft haben. Wenn 70% der Bevölkerung lieber in Ruhe Sportschau und Sturm der Liebe gucken wollen, lässt sich’s schwer revoluzzen. Naja, man könnte von 7 bis 13 Uhr und dann nochmal von 15 bis 22 Uhr. Das sind immerhin 11h Revolution am Tag und anschließend kann man noch eine Stunde beraten, um dann 8h zu schlafen und frisch, fromm, fröhlich, frei in den neuen Revolutionstag zu stürzen. Von 13 bis 15 Uhr gäbe es sogar Mittagspause und Halbzeit zugleich.
Sozial verträgliche Revolutionen! Das wird der neue deutsche Exportschlager!
Okay. Ich nehme, alles zurück: Danke, liebe 68-er. Durch Euer beherztes Aufbegehren werden wir Jungen zwar in die demographische Defensive gedrängt, doch wenn wir dies als Chance und nicht als Problem begreifen, können wir revoluzzen ohne die staatliche Ordnung zu gefährden und dieses revolutionäre Revolutionsprinzip in die Welt exportieren, um davon die Renten Eurer Kinder zu bezahlen und Euch zu gefallen.
Gut. Ich bemerke gerade, dass ich demographisch gerade noch so in die gerade erwähnte Generation hineinfalle. Andererseits aber auch wieder nicht. Eigentlich bin ich auch ein Kind der Praktikums- und Krisengeneration. Das sind die Menschen, die trotz multipler Auslandsaufenthalte, Qualifikationen und Fremdsprachen nur an Praktika geraten. Das ist das Prinzip, was zwar allgemein durch Lippenbekenntnisse verschmäht wird, aber weiterhin gängige Praxis ist. Euer Prinzip. Ein Weiteres ist, uns von Kindesbeinen an die Angst vor dem Aufmucken einzubläuen, weil nur Duckmäuser Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das war sehr clever von Euch. Macht nur so weiter und Ihr werdet Euch eine Generation williger Rentenleistungerbringungsaffen heranzüchten, die für Euch tanzt, während Ihr von individueller Freiheit, Bürgerrechten und demokratischen Prinzipien schwadroniert. Dann könnt Ihr Euch jeden Morgen im Aufenthaltsraum Eures Pflegeheimes treffen und gemeinsam diese Jugend von heute begaffen, die sich auf der Straße darum prügelt, die Gebisse von 150 alten Menschen putzen zu dürfen. Für ein Mittagessen, versteht sich. Der Rest muss an Euch gehen, ihr seid ja schließlich die pflegebedürftige Mehrheit und wir leben in einer solidarischen Gemeinschaft. Mit Euern statistischen 1,4 Kindern seid Ihr alle Eltern.
Wisst Ihr, was Ihr eigentlich verdient hättet? Dass sich die heutige Jugend als Minderheit begreift, sich zusammenrottet, Minderheitenschutz beantragt und Euch bei dieser Gelegenheit ins Gesicht sagt, was ihr an Eurem System nicht passt:
Entweder Zukunftsjobs oder Schluss mit lustig.
Entweder Ihr macht hier mal wirklich was oder wir werden Eure Rente nicht zahlen.
Entweder alle hören auf, unsere Planeten zu terminieren, anstatt nur davon zu reden oder wir bringen die Zukunft zu Ende.
Denn eins ist mal klar: Wenn’s auf dem Planeten kuschelig warm sein wird und Eure dämlichen Atomfässer im Salzschacht fleißig vor sich hinbrodeln, werdet Ihr nicht mehr anwesend sein.
Wir aber schon.
Meint ihr allen Ernstes, wir haben Lust darauf?
Meint Ihr allen Ernstes, wir würden das Gleiche machen wie Ihr – Kinder in eine verrottende Welt setzen und hoffen, dass es denen einmal besser gehen wird, obwohl wir doch alle längst wissen, dass das nicht der Wahrheit entspricht – und den zweifelhaften Mut aufbringen, diesen – unseren – Kindern diese Lebenslüge der Gesellschaft ins Hirn zu pflanzen?
Gebt uns Jobs und bezahlt uns anständig, sonst ist sozialer Frieden etwas, wovon Ihr träumen könnt, wenn wir Euch lassen.
Obwohl: Ein Aufstand der Jugend gegen das Alter muss fehlschlagen, weil die Kommunikationsebenen andere sind. Die Jugend argumentiert und handelt eher emotional, während das Alter eher (pseudo-) sachlich spricht.
Nun. Das können wir auch.
Wenn wir wollen.
Wollen wir aber nicht.
Aber wenn wir wollten, ginge das höchstwahrscheinlich so: Wir sagen Euch einfach ganz in Ruhe wie wir uns das vorstellen und präsentieren Euch einen neuen Gesellschaftsvertrag. Falls Ihr den ablehnt, werden wir uns umdrehen und Euch ignorieren. Und die Rentenkasse mit unseren frischgezeugten Kindern plündern. Ha!
Ich bin gegen den Bildungsstreik, weil
Vorbemerkung.
Vom 12.-19.6. 2009 wird ein bundesweiter Bildungsstreik stattfinden. Dabei sollen Studenten und Schüler gemeinsam auf die Straße gehen, um eine Debatte über Soll-Zustände des Bildungssystems zu initiieren.
Ich habe für mich selbst einige Zeit geschwiegen. Ich habe mich mit den Forderungen der Studierenden lange und durchaus intensiv auseinandergesetzt. Und ich habe gezögert, meine Meinung (wenn auch in diesem kleinen Rahmen) zu veröffentlichen. Doch letztlich habe ich erkannt, dass es notwendig ist, sich kritisch mit dem Streik auseinanderzusetzen, um bereits vorher zu wissen, welches Geschirr am Ende der kommenden Woche zerbrochen sein wird. Ich weiß, dass man in dieser Situation besser ruhig sein und nichts sagen soll, anstelle aus den eigenen Reihen heraus Verrat zu üben. Ich tue es dennoch. Einerseits, weil ich festgestellt habe, dass es Mitstudenten von mir ähnlich geht, ihnen aber Hintergründe und Zusammenhänge fehlen. Andererseits, weil mir die Art und Weise des Streikes, seine Zielsetzung und Auswirkungen wirklich an sie Substanz gehen. Und – diese vermessene Hoffnung habe ich auch – sich vielleicht ein einzelner Journalist auf diese Seite verirrt und die eine oder andere Idee für eine Frage an die Studierenden erhält.
Der Streik an sich
Ein Studentenstreik ist die Ultima Ratio der Werkzeuge der Vertreter der Studierendenschaften. Das hat drei wesentliche Gründe. Erstens müssen sich die Asten und Stupen eingestehen, dass sie aus eigener Kraft nicht weiterkommen. Zweitens sind Studenten zum Studieren an den Hochschulen. Wenn sie also ihre Tätigkeit unterbrechen und damit ihr Studium potentiell gefährden, muss es schon etwas äußerst Wichtiges sein. Daher sollten die Vertreter mit diesem Gut höchst behutsam und sorgfältig umgehen. Drittens ist eine streikende Studierendenschaft kaum zu kontrollieren. Kontrolle aber ist ein Grundbaustein eines erfolgreichen Streiks.
Den ersten Punkt haben die Studierendenschaftsvertreter offenbar schon hinter sich. Denn indem sie ihre Studenten versammeln und zum Streik aufrufen, zeigen sie, dass all ihre bisherigen Anstrengungen gescheitert sind. Also jeder Versuch, in die Hochschulgremien zu wirken, jede Verhandlung mit den zuständigen Ministerien, jedes Gespräch mit den Bildungspolitikern des Landtages und jeder Versuch, sich in der Medienöffentlichkeit Gehör zu verschaffen.
Mit dem zweiten Punkt werde ich mich später detaillierter auseinandersetzen; für jetzt sei aber gesagt, dass die Bildungskrise nichts Neues ist. (Das Bildungssystem in Deutschland ist eine Krise.)
Drittens muss man als Studierendenschaftsvertreter davon ausgehen, dass seine Studenten nicht so sehr mit der Materie vertraut sind, wie das ein hochschulpolitischer Referent oder ein AStA-Chef etwa ist. Es ist also notwendig, seine Informationen zu sammeln, zu sortieren, zu entkomplizieren, danach Lektion für Lektion an die Studenten zu verteilen und alles so oft zu erklären, bis es der Letzte wirklich verstanden hat. Was „es“ ist? Die Geschichte, wie es dazu gekommen ist; die Akteure; die Interessen; wer welches Spiel spielt; wie unsere Strategie aussieht; warum sie so aussieht; was unsere derzeitige Position ist; warum sie so ist, wie sie ist; kurz: Alles, aber häppchenweise. Tut man das nicht sorgfältig genug, werden die Studenten mit komplexen Zusammenhängen überfrachtet und wenden sich ab. Oder sie missverstehen ihre Vertreter und sagen falsche Dinge. Schlimmer noch: sie könnten sich radikalisieren und Dinge tun, die man als Vertreter aller Studenten unmöglich tolerieren kann. Damit wäre jedwede Auswirkung des Streiks gleich Null.
Im Zeitpunkt des Streiks spiegelt sich auch das Verständnis der Vertreter über die Vertretenen wider. Keiner erklärt, warum gerade diese Woche gewählt wurde. In dieser Woche liegt immerhin der 17. Juni. Warum nicht die Woche davor oder die Woche danach? Warum gerade jetzt? Welche Botschaft verbirgt sich hinter dem Datum? Hat das Datum überhaupt eine Bedeutung?
Keiner erklärt, welche inhaltliche politische Arbeit dem Streik vorausgegangen ist. Es werden nur Streikaufrufe verteilt. Auch die Forderungsliste findet sich nur im Internet. Wenn die Studenten nicht gebrieft werden – und je mehr es sind, umso länger dauert so etwas – können sie nicht in dem dafür notwendigen Maße auf die Fragen der Journalisten antworten. Dann werden Situationen entstehen, die an den Schülerstreik im November erinnern.
Meiner Ansicht nach zeugt es von herbem Misstrauen der Vertreter gegenüber den Vertretenen, wenn sie sich auf einen Termin mit Wärmewahrscheinlichkeit festlegen. Diesem Misstrauen liegt ein Fehlschluss zu Grunde: Die sind eh alle unpolitisch und nicht zu motivieren. Wenn die Inhalte stimmen und wenn die Studenten wissen, warum sie für welches Ziel kämpfen, dann werden sie das auch tun. Aber dazu müssen die Studenten als Partner akzeptiert und behandelt werden und nicht als eine rufbereite dröge Masse von Mitläufern, deren Hauptzweck es ist, als Requisite für die Medienberichterstattung zu dienen.
Was aber wird dieser Streik erreichen? Nun, es wird die ganze Woche über berichtet werden. Vielleicht werden Teile der Linken, der SPD oder der Grünen das Thema aufnehmen und Wahlkampf damit betreiben. Das war’s dann auch schon.
Warum? Weil das Selbstverständnis der Studierendenvertreter recht einfach zu zeichnen ist: Der Staat soll es machen. Deshalb beschweren sie sich auch beim Staat. Deshalb fordern sie auch vom Staat. Aber der Staat ist nicht der Empfänger ihrer Botschaften. Sie wollen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion anregen. Um überhaupt zu solche einer Diskussion zu kommen, müssen Informationen her. Informationen fehlen aber. Dafür gibt es Forderungen. Das ist auch gut, aber nicht das Richtige. Hinzu kommt, dass die Hochschule selbst nach Autonomie gerufen haben und ergo ein Teil der Forderungen von den Hochschulen selbst zu erledigen ist. Für wen die Forderungen bestimmt sind, lässt sich allerdings nicht erkennen. Leider.
Ich muss noch das Folgende erklären, weil ich denke, dass ich sonst missverstanden werden könnte: Das prinzipielle Anliegen des Streiks ist nicht falsch. Die Herangehensweise ist es. Ein Streik funktioniert nur, wenn die Vertreter ihren Studenten erklären, was der Stand der Sache ist, wo sie in welchen Verhandlungen stecken und warum sie die Unterstützung ihrer Studenten benötigen. Ein Konzept also. Denn ein Streik hilft den gewählten Helfern, wenn die Studenten hinter ihren Vertretern stehen und dem Gegenüber damit klarmachen: Ihr solltet wirklich mit denen reden, denn was sie sagen, sagen wir alle auch.
Zu den Forderungen
Dieser Abschnitt wird etwas weniger trocken, dafür aber polemischer. Das liegt aber in der Natur der Forderungen. Die Adressaten meiner Kommentare auf die Forderungen sind ganz klar deren Verursacher.
Soziale Öffnung der Hochschulen
den Abbau von Zulassungsbeschränkungen durch den Ausbau von Studienplätzen!
Okay. Ihr wollt also allen ernstes zum Finanzminister Eures Vertrauens gehen, die Hand aufhalten und sagen: „Lieber Finanzminister, wir wollen eine siebenstellige Summe X von Dir, weil wir der Ansicht sind, dass jeder, auch jemand, der absolut keinen Zugang zu Naturwissenschaften hat, Quantenphysik studieren können sollte.“
Ihr führt damit das Leistungsprinzip in der Schule ad absurdum, nur dass Euch das klar ist. Ihr belohnt die Faulen und bestraft die Fleißigen.
die Abschaffung von Studiengebühren und die gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung!
Aha. Das ist gut. Nein im Ernst. Ich habe nur eine Frage: Wie wollt Ihr das fiskalisch abfedern?
Das wir uns nicht falsch verstehen: Studiengebühren gehören abgeschafft. Jedenfalls dort, wo sie eingeführt worden sind. Und sie gehören auch nicht eingeführt. Das ist allgemeiner Konsens. Nicht nur, weil das die Studenten unsinnig hoch belastet und unsozial ist, sondern weil sie nur eine Wirkung zeigen: Der Staat zieht sich weiter aus der Verantwortung. Nein. Nicht der Staat: Das Land.
Aber Semestergebühren und so bleiben, oder wie oder was? Die 250€ hier in Berlin sind ja nun auch kein Pappenstiel.
die finanzielle Unabhängigkeit der Studierenden – ohne Kredite!
Oh. Finanzen! Also wieder zurück ins Finanzministerium, rasch an die Tür vom Chef geklopft und hinein in die gute Stube. Wieder haltet ihr die Hand auf und dann sagt ihr: „Lieber Finanzminister, wir sind Studenten, wir haben es verdient, finanziell unabhängig zu sein und deswegen fordern wir das von Dir.“ Da sagt der Finanzminister zu Euch: „Na klar, Ihr habt völlig Recht.“, nimmt sich ein Blatt Papier, einen Stift und schreibt: „Hiermit verfüge ich, dass alle in unserem Bundesland Studierenden finanziell unabhängig sind.“ Damit das besser ankommt, geht er zu seinem Chef und lässt das auch von ihm unterschreiben. So. Nun seid Ihr finanziell unabhängig. Und nun?
Wieviel ist „finanzielle Unabhängigkeit“ im Monat? 600€? 800€? 1.000€? 1.500€? Was ist überhaupt dann mit den Lehrlingen? Bekommen die dann den gleichen Satz? Oder weniger, weil ihnen ja der Meister etwas zahlt? Oder haben die dann mehr? Ändert sich dann etwas am Krankenkassenbeitrag? Ist da ein Rentenbeitrag mit drin? Und Praktika sind dann ab sofort für lau. Oder ihr verdient etwas und bekommt dafür entsprechend weniger Geld. Wer soll das eigentlich zahlen?
Klar wäre das toll, aber das wird keiner machen. Das wird völlig verworfen.
Allerdings könnte die Politik (und die sprecht Ihr ja an) das Blatt auch mal lockerleicht umdrehen und fett die Bedingungen diktieren. So von wegen Regelstudienzeit und wozu das Geld auszugeben ist. Und wie ihr wisst, waren die Jungs und Mädels in den Ministerien bei der Berechnung der Hartz-IV-Sätze ziemlich kreativ. Das blüht Euch dann mit Sicherheit. Das machen die im freiwilligen Testbetrieb über 3 Jahre hinweg und legen die Bedingungen so, dass es nach 3 Jahren mangels Akzeptanz eingestellt wird.
die Abschaffung jeglicher Diskriminierung, auch in ihrer institutionalisierten Form gegenüber ausländischen Studierenden!
Aha. Jegliche Diskriminierung. Klar. Wo lebt ihr denn bitte? Die institutionalisierte Diskriminierung, darüber kann man ja reden. Was meint Ihr eigentlich damit? Dass Formulare in deutschen Universitäten nur auf Deutsch verfügbar sind? Dass Bürokratie in Deutschland mit Ausländern nicht so toll umgeht? Richtig. Die machen das auch nicht aus Spaß. Die Ausländerpolitik in Deutschland ist auf „Wollen wir eigentlich nicht haben, aber wenn es nicht anders geht…“ festgelegt worden. Da müsst ihr zu Bundestag und Bundesrat gehen und die CDU bitten, ihre Haltung diesbezüglich komplett zu ändern.
Außerdem würde das auch heißen, dass in jeder Universitätsstadt ein Mensch sitzen muss, der einer von den 6.500 gesprochenen Sprachen der Erde mindestens fließend mächtig ist, nur für den Fall, dass ein ausländischer Student in diese Stadt kommt und ein Formular ausfüllen möchte. Oder würde man die Studierenden diskriminieren, indem man auf eine Drittsprache wie Englisch oder Französisch zurückgreift? Schließlich sind die Sprachen wegen der Kolonialreiche so verbreitet. Nun, lassen wir das und nehmen an, dass ein Mensch mit bis zu vier Sprachen flüssig umgehen kann, dann wären wir mit Lebenspartner und dem statistischen Drittelkind bei etwa 3700 Einwohner, die jeder deutsche Hochschulstandort aufnehmen müsste. Super. Wir sehen also: Das wird nichts. (Ja, die könnten auch mehrere Hochschulstandorte gleichzeitig bedienen, aber das würde selbst Diskriminierungspotential besitzen und das wollen wir ja nicht.)
Abschaffung von Bachelor/Master in der derzeitigen Form
Frage: Warum wollt Ihr Bachelor/Master abschaffen?
Antwort: Wollen wir nicht.
Frage: Wollt Ihr nicht?
Antwort: Nein, nur in seiner bisherigen Form.
Frage: Ihr wollt das also verändern?
Antwort: Ja.
Frage: Warum schreibt Ihr das dann nicht hin?
So. Um es gleich vorweg zu nehmen: „Bachelor/Master“ an sich ist schon mal Unsinn. Das heißt, ihr wollt was mit dem Abschluss machen. Eine schnieke Feier. Eine andere Urkunde. Oder meintet Ihr mit „Bachelor/Master“ das System, dass sich dahinter verbirgt? Ja? Aha! Gut. Das ist mal wieder absurd. Ihr habt es echt noch nicht begriffen. Okay. Noch einmal: Auch wenn es Euch nicht gefällt: BA/MA ist ein Fakt, mit dem Ihr umgehen müsst. Je eher Ihr das begreift, umso besser für die Studenten, für die Ihr sprecht. Der Magister ist tot. Er starb in dem Moment, als Bologna entstand. Das war vor 10 Jahren. Euer ideologisch verblendeter Widerstand hat dazu geführt, dass die Hochschulen ihre Diplomstudiengänge widerwillig in drei- bzw. vierjährige Bachelorkurse gepresst haben. Danke dafür. Strukturreformen an den Hochschulen waren seitdem notwendig. Mit der Übernahme dieses Abschlussmodells ist man gezwungen, sich eine ganz neue Hochschulphilosophie anzueignen. Die allerdings muss man zunächst einmal verstehen wollen, um danach darüber nachzudenken, wie man das Alte und das Neue irgendwie miteinander verbinden kann. Stattdessen kommt Ihr im Jahr 10 nach Bologna noch immer mit dieser Abschaffen-Rhetorik. Das ist so was von 90er!
die Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss!
Ja nee. Netter Versuch, dasselbe mit anderen Worten nocheinmal zu wiederholen.
das Ende von Verschulung, Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung!
Verschulung ist ein Problem. Das habt Ihr erkannt. Sehr gut! Bei Fachhochschulen etwa ist das seit Ihrer Gründung Usus. Das war in den 1970ern. Verschulung kann man durch kluge Studien- und Prüfungsordnungen verhindern. Im Zuge der Umstellung auf das neue System wäre das möglich gewesen. Da aber das neue System aber ablehnt, lehnt Ihr auch seine Ordnungen ab. Nun, die Realität hat Euch eingeholt. Die Studiengänge jetzt zu ändern ist schwierig bis fast unmöglich.
Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung. Okay, das geht in einem Aufwasch. Also: Ihr wollt Euch einschreiben und irgendwann fertig sein und nur in Schaltjahren einmal gefragt werden, ob Ihr auch etwas gelernt habt. Für ein Ja gibt’s ’ne 1,0. Ein ehrliches Nein nur 1,3. Merkt Ihr’s noch?
Das einzig sinnvolle ist doch, Studienprogramme so aufzulegen, dass sie zur der Lebenswirklichkeit der Studierenden passen. Das hat aber mit der Abschaffung der drei Schlagworte nicht viel gemein. Hochschulen stehen zum Großteil einfach leer. Semesterferien nennt man das. Warum keine Trimester? Damit würde Lehre und Forschung einerseits flexibler, andererseits könnte das gleiche Pensum bequemer gestaffelt werden. Selbst Praktika könnten dann anders angegangen werden, weil man nicht ein Semester von der Uni fernbliebe oder seine Ferien opfern müsste. (Abgesehen davon bringen Praktika im Sommer nicht so viel, denn da sind für allgemein Ferien)
die Möglichkeit individueller Schwerpunktsetzung im Studium!
Aha. Also ich kann das. Ob das angerechnet wird, ist eine andere Frage. Beispiel: Ich studiere Experimentalphysik. Mein Schwerpunkt soll aber die Geschichte der Bantusprachen sein. Wollt Ihr das wirklich? Dass Ihr dann mal wieder zum Finanzminister Eures Vertrauens müsst, ist Euch aber schon klar, oder? Und dass Ihr seine Gesundheit wirklich ernsthaft gefährdet, auch? Der lacht sich tot, ich sag’s Euch.
Das ist einfach nur eine Phrase. Mehr nicht. Macht einen Vorschlag, dann kann man drüber reden.
die tatsächliche Umsetzung der Mobilität zwischen den Hochschulen!
Klingt gut. Was meint Ihr damit? Linienbusse zwischen Hamburg, Berlin und München? Bahncard 100 für alle Studenten? Ihr könnt Euch wirklich freuen, dass der Mehdorn nicht mit im Bahnvorstand ist. Der hätte bestimmt nicht so sehr darüber gelacht wie Euer Finanzminister.
Demokratisierung des Bildungssystems
den Abbau von wirtschaftlichen Zwängen im Bildungsbereich!
Stimmt. Herrlich. Jetzt seid es nicht mehr nur Ihr, die den Finanzminister einen Lachkrampf nach dem anderen bescheren, jetzt kann das jeder Professor. Wir untersuchen ein halbes Jahr lang die pommerschen Auswanderergemeinden in Brasilien. Soziologisch, linguistisch und was uns sonst noch so einfällt. Mit 130 Studenten. Nee, wir können ja alle alles studieren, also sind wir gleichmal 230 Studenten. Da sparen wir Geld, wenn wir einen Airbus chartern. Und dann ist es auch billiger, das Hotel zu kaufen, anstatt uns einzumieten.
Wirtschaftliche Zwänge können nicht falsch sein. In der Grundlagenforschung ist das vielleicht nicht angebracht, aber es ist nicht alles Grundlage, was erforscht wird. Und dass die Orchideenfächer auch etwas privates Geld verdienen können, steht bislang nicht zur Debatte. Warum eigentlich nicht? Ich denke, das geht sehr gut und mehr, als es bislang getan wird.
die Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem, u.a. durch Viertelparität in den Hochschulgremien!
Der Finanzminister hat Eure Finanzierung abgesegnet, schon vergessen? Da ist nix mit Viertelparität. Fünftelparität. Eigentlich Sechstelparität, denn den Ausflug nach Brasilien hat er schließlich auch gezahlt. Also drücken wir die Regie dem Finanzminister in die Hand, das würde uns die Gremienarbeit sehr erleichtern.
die Einführung verfasster Studierendenschaften mit politischem Mandat in allen Bundesländern!
Verfasste Studierendenschaften! Da hat sich doch tatsächlich ein inhaltlicher Punkt versteckt! Super! Mehr davon!
Welches politische Mandat meint Ihr eigentlich? Das allgemeine oder das hochschulpolitische? Bei letzterem stimme ich voll und ganz zu: Eine verfasste Studierendenschaft muss Vertreter wählen können, die in ihrem Namen sprechen. Aber wirklich auch im Namen der Vertretenen und nicht nur in Eurem Namen.
Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen
die Umsetzung freier alternativer Bildungskonzepte!
Wie definiert Ihr das? Frei in Euerm Sinne oder im Sinne der Lehrenden? Wenn sich ein Dozent vor einen Hörsaal stellt und anderthalb Stunden redet ohne etwas zu sagen, ist das dann auch frei und alternativ?
Dass Euer Wunsch nur konsequent auf die Hochschulwirklichkeit reagiert, ist Euch hoffentlich bewusst. Es gibt keinen Konsens darüber, welche Inhalte einen Abschluss rechtfertigen. Ein Physikstudium in Bremen und eines in München können beide von den Inhalten um 100% abweichen. Beide bilden Physiker aus. Ist Euch das nicht frei und alternativ genug?
die Beendigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Bildungsbereich!
Super. Eure ursprüngliche Aussage habe ich verstanden und teile sie. Allerdings könnte man das Ganze leicht missverstehen. Das würde dann spontan zu einem kündigungsbedingten Haushaltsüberschuss an den Hochschulen sorgen.
Okay. Lassen wir das Wunschdenken einfach mal beiseite und kommen in die Realität zurück. Die Hochschulen haben nach Autonomie geschrien und sie teilweise auch bekommen. Dass sie eine ganz andere Art Autonomie erhalten haben, als sie wollten, steht außer Frage. Trotzdem müssen sie jetzt autonom handeln und selbst dafür Sorge tragen, dass diese Art Beschäftigung aufhört. Die wirtschaftsnahen und industrieinteressanten Bereiche machen das schon sehr gut: Die stellen Leute ein, die ausschließlich Forschungsanträge schreiben. Das funktioniert sehr gut. Wenn man jetzt noch ein wenig finanziellen Sachverstand hinzufügt, kommt man dazu, dass eine eingeworbene Stelle immer mehr einbringt, als sie kostet. Damit finanziert man Engpässe und weitere Stellen. Auf diese Art und Weise können die Hochschulen selbst Eure Forderung erfüllen.
die Aufstockung des Lehrpersonals auf ein pädagogisch tragbares Niveau! Dazu sind in den nächsten drei Jahren mindestens 8.000 Professuren, 4.000 Mittelbaustellen und 10.000 Tutor_innenstellen neu zu schaffen!
Also. Ausgehend von der Tatsache, dass an Universitäten der Mittelbau ausbildet und an Fachhochschulen die Professoren selbst, kommen wir also dahin, dass 6.000 der 8.000 Professuren für die Fachhochschulen selbst sind und die restlichen 2.000 Professuren zusammen mit den 4.000 Mitarbeitern in den Unis verschwinden. Die Tutoren teilen wir dann hälftig auf. Das wäre denkbar. Aber ist es auch das, was Ihr damit meint? Wisst Ihr auch, dass ein verbeamteter Lehrstuhl so um die 3 Millionen Euro an Personalkosten verschlingt? Nicht jedes Jahr, aber von dem Zeitpunkt, dass der Lehrstuhl besetzt wird, bis zur Emeritierung und darüber hinaus. Das zahlen die Hochschulen aus Ihren Haushalten. Die immer kleiner werden. Und seien wir mal ehrlich: Wir können uns freuen, wenn die Sätze eingefroren werden oder zumindest noch ein Inflationsausgleich hinzukommt. Von Tariferhöhungen ganz zu schweigen.
die Förderung aller Studierenden statt einseitiger Elitenbildung!
Klingt gut. Mit dem richtigen Konzept geht das aber auch so. Wenn man einen herausgehobenen Bereich der Hochschule aufbaut und den bekanntmacht, dann können die anderen Bereiche mit interdisziplinären Projekten davon profitieren. Wie wollt Ihr eigentlich der Öffentlichkeit erklären, was eine Universität mit 30.000 Mitgliedern alles macht? (Nein, Ihr habt nicht unendlich Zeit dafür.)
die Einheit von Forschung und Lehre statt der Exzellenzinitiative!
Wie viel aktuelle Forschungsinhalte kommen eigentlich bei Lehrveranstaltungen an? Hat sich das durch die Exzellenzinitiative geändert? Nein. Denn es war vorher schon schlecht. Dieser Aspekt des Humboldtschen Bildungsideals ist ein Eckpfeiler der angelsächsischen Bildungsphilosophie. Was haben die gleich für Abschlüsse? Bachelor und Master?
Ein Vorschlag zur Güte
Halten wir fest: Erstens ist die Bildungskrise ein Dauerzustand und nichts Neues, zweitens hat die Art und Weise der Umsetzung des Bologna-Prozesses den Druck auf und in den Hochschulen drastisch erhöht, drittens liegen die Auswirkungen der Krise heute viel klarer. Wie können wir das ändern?
Damit das klar ist: Es gibt kein Zurück mehr. Das sollte uns freuen. Ein Zurück heißt nämlich auch, dass falls einem Fachbereich bei der Besetzung eines Lehrstuhles ein grober Fehler unterlaufen ist, diese Entscheidung für ein Vierteljahrhundert nicht mehr zurückgenommen werden kann. Wer die Leidtragenden davon sind, ist klar: Die Studenten.
Ein Zurück gibt es auch allein deshalb nicht, weil der politische Wille ein gänzlich anderer ist. Daran gibt es nichts zu deuteln. Dass es politische Gruppen gibt, die einer anderen Ansicht sind, steht außer Frage, denn es gibt sie. Aber sie haben nicht die Macht.
So. Nachdem wir nun wissen, dass ein Zurück nicht in Frage kommt, schauen wir nach vorn. Endlich. Also. Das Hochschulsystem wird meiner Ansicht nach folgendermaßen funktionieren. Die Länder werden die Bildungshoheit nicht an den Bund abtreten, weil die Hochschulen einen viel zu großen Prestigefaktor besitzen. Die Finanzierung wird 2019 einen Punkt erreicht haben, der nur für die fixen Kosten, die Verwaltung und die Lehrstühle ausreicht. Alles Weitere muss über Drittmittel bezahlt werden.
Wenn die Hochschulen klug sind, werden sie zunächst die Verwaltung optimieren. Ja, das geht. Mit Schulungen, mit Anreizen, mit Dynamik. Wer im Denken stehenbleibt und nur Dienst nach Vorschrift macht, wird sich nicht lange halten können. Dies wird auch für die Lehrstühle gelten. Lehrstühle werden Geld anziehen oder ihre Inhaber sind Koryphäen, deren Ruf etwas anderes rechtfertigt. Neue Leute werden auch nur dann eingestellt, wenn sie vorher erfolgreich Projektgelder eingeworben haben (Das ist in Schweden bereits heute der Fall). Das sorgt sicherlich für einen höheren Druck, weil sich niemand mehr ausruhen kann. Das soll er aber auch nicht (Warum sollte jemand eine Stelle im öffentlichen Dienst für Nichtstun erhalten? Das sind Steuergelder!).
Jetzt sehen einige bestimmt schon die Geisteswissenschaften im freien Fall, weil die Drittmittelquote so schlecht ist. Falsch. Das liegt einerseits an den Leuten selbst. Zum einen ist ihnen nicht bewusst, wer außer der DFG alles bereit ist, für ihre Arbeit Geld zu geben, zum anderen verbietet ihnen ihr Standesdünkel, sich mit Fragen nach dem schnöden Mammon auseinanderzusetzen. Letztere werden es in 10 Jahren sehr schwer haben. Den anderen kann man mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zurück zum falschen Fall der Geisteswissenschaften. Sie sind ein essentieller Teil jeder Hochschule, doch wird Ihr Wert verkannt. Zunächst innerhalb der Hochschule und als Folge dessen auch von außen. Wenn wie in der Schweiz ein technisch-naturwissenschaftliches Studiums zu einem Drittel geisteswissenschaftliche Inhalte vermittelte, hätte das den Vorteil, dass Interdisziplinarität nicht mehr länger nur ein leeres Wort wäre, es würde gelebt werden. Wer weiß, vielleicht regen dann Studenten Zusammenarbeiten zwischen verschiedenen Lehrstühlen an, weil sie in einem Seminare Verbindungen erkennen. Vielleicht beeinflusst das auch die Lebenswege der Studenten zum Positiven.
Diese Veränderungen können schwere nicht sein. Jahrhundertealte Handlungsmuster werden innerhalb eines Jahrzehntes über Bord geworfen, Neues und Fremdes wird ihren Platz einnehmen. Die kuschelige Hackordnung der Fakultäten wird neu geregelt werden. Die Selbstgefälligkeit der Lehrstühle wird zum Luxus.
Schließlich werden sich auch die Gremien und Institutionen ändern müssen. Wie das auf studentischer Seite geschehen wird, vermag ich nicht zu sagen. Da kommt es darauf an, wie hoch der Wille ist, das 68er-Erbe aufzugeben. Was ich damit meine ist folgendes: Das System studentischer Selbstverwaltung spiegelt im Groben die Realität wider. Wir haben ein Wahlvolk, das regelmäßig wählen soll. Das Wahlvolk wählt Listen von Kandidaten, die es nicht kennt. Die Kandidaten kommen in ein Parlament. Das Parlament bestimmt je nach Zusammensetzung eine Regierung. Diese Regierung heißt AStA. Achso: Fachschaftsräte gibt es auch noch. Da sind aber Legislative und Exekutive zusammen. Ich glaube, dass die Zusammenlegung auch auf studentischer Hochschulebene nicht falsch wäre. Ich glaube auch, dass eine Art Wahlbezirk sinnvoller wäre. Dann hätte jede Fakultät ihre Ansprechpartner. Damit wäre die Vernetzung mit den Fachschaften auch enger. Außerdem könnte es dazu führen, dass die Studenten in den Parlamenten keine ideologischen Grabenkämpfe mehr führen würden, sondern sich auf sachorientierte Hochschulpolitik einließen. Für mich ist das der Schlüssel zu einer höheren Wahlbeteiligung und einer aktiverer studentischen Beteiligung.
Ich weiß sehr wohl, dass der politisch korrekte Terminus derzeit „Studierende“ lautet. Ich verwende „Studenten“ anstelle von „Studierende“, weil es lesbarer ist und ich nicht jene diskriminieren möchte, die zwar Studenten, aber keine Studierenden sind. Die Verwendung des Begriffs „Studierende“ ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Vertreter der Studierendenschaften sich selbst gegenüber viel unkritischer sind, als sie es vom Rest der Gesellschaft erwarten.
Als Studierendenschaften bezeichnet man alle Studenten einer Hochschule. Allgemein gesprochen sind ihre Vertreter die Gewählten in den vielen Gremien. In diesem Artikel meine ich damit allerdings die Vertreter aus AStA und StuPa, also die hochschulweite Exekutiv- und Legislativgewalt der Studierendenschaft.
Südafrika wählt
Die BBC hat die drei großen Südafrikaner beim Wählen gefilmt. Und das sieht so aus:
Kann man bei den Bildern Rückschlüsse ziehen oder soll man sogar? Vor allem bei Jacob Zuma, der mit dem Rücken zum Publikum wählt. Desmond Tutu hingegen hat wohl seine eigene Art gefunden, mit den Kameras umzugehen.
Hier sieht man Zuma von einer anderen Seite beim Wählen (Aha, liebe BBC) und die anderen auch. (Nochmal:Aha, liebe BBC)
Und so sieht es aus, wenn das “normale” Stimmvolk wählt. Solche Schlangen in Deutschland? Das wäre doch mal was!
Die BBC hat ein paar Webseiten zur Wahl gemacht:
- der Liveticker zur Wahl,
- diverse Auszüge von blogs,
- ein sms-Forum mit Kurzberichten von Wählern,
- Bilder von der Wahl,
- Meinungen von Wählern, diesmal von der BBC gefragt.
Hier sind die neuesten Meinungen, die man finden kann. Natürlich Twitter.
news24.com hat eine Galerie zur Wahl gemacht, die mit Benutzerbildern gefüttert wird. Bislang sind 71 Photos dabei. Und hier fliegt einer in einem Nachrichtenhubschauber, fotografiert die Wählerschlangen und twittert. Außerdem haben sie noch einen Artikel über einen Verstoß gegen das Wahlgesetz von Chief Thovhele Kennedy Tshivhase aus Limpopo. Schade, dass es so ist. Auf die Hintergründe bin ich gespannt. Chief Tshivhase sagte nämlich seinen Leuten: “Wählt den ANC oder erntet seinen Zorn”. Wie kommt er darauf?
Sie haben noch einen Artikel zum gleichen Thema, diesmal aus East London; allerdings gibt es keine Namen der mutmaßlichen Täter.Der ANC muss dafür sorgen, dass so etwas unterbleibt. Sie bekommen doch eh mehr als die Hälfte der Stimmen. Eigentlich sollten sie das nicht nötig haben. Das schade mehr, als dass es hilft. Auch die DA hat sich, wenn man den Twitteren Glauben schenken kann, am Rande des zumindest moralisch Vertretbaren bewegt: Die DA hat einen SMS-Dienst, um Menschen via SMS mit Informationen zur Wahl zu versorgen. Jedoch haben sich einige Twitterer darüber beschwert, mehrfach die gleiche SMS bekommen zu haben, obwohl sie auf keiner Liste standen. Vermutungen über Rufnummernhandel wurden angestellt.
Das habe ich übrigens beim ANC auf Twitter gefunden:
Irgendwie ist es schon faszinierend zu lesen, dass so viele Südafrikaner in der Schlange stehen und über den Fortschritt twittern. Das allein zeigt schon, wie wichtig den Menschen offenbar die Wahlen sind. Hinzu kommen Fotos einzelner Twitterer, die ihren Wahlakt so dokumentieren und Meldungen wie “Mist: An Wahltagen geht der gute alte südafrikanische Zynismus völlig verloren, alle sind so gut drauf” oder “Mag die Kommentare in der Schlange ‘Wir bleiben hier, wie lange es auch dauern mag. Dieses Land ist es wert!’”.

Wahlkampf in Südafrika
Übermorgen machen die Wahllokale in Südafrika auf.
Wer einen Blick auf die Wahlplakate werfen will, wird bei 10and5.com bestimmt fündig.
Und Überraschung gibt’s auch. Wer sagt, die National Party hätte sich aufgelöst, wurde in diesem Wahlkampf eines besseren belehrt: “Ja, wir sind wieder da!” tönen die Plakate. Und ja, wir werben jetzt auch mit Schwarzen. Ich frage mich, ob sich das kleine Mädchen auf dem Plakat immernoch so toll fühlen wird, wenn sie ersteinmal alt genug ist, um zu begreifen für wen sie sich da hat abbilden lassen. Aber abgesehen davon: Was werden die weißen Brüder und Schwestern der New National Party dazu sagen? Huijuijui.
http://www.10and5.com/2009/04/election-time-all-the-party-posters/
Generation Dumpfwut
Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.
In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.
Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.
Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.
Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.
Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.
Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn
- sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
- muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
- sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)
Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,
- was man besetzt,
- wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
- muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
- ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
- ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.
Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.
Mehr noch:
- Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf. - Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder? - Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet. - Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
- Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft. - Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.
Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.
Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.
Das erwachte Deutschtum oder keine Angst vorm Deutschen Michel
Hier gleich um die Ecke gibt’s den Hof- und Hausnazi: Eine glatzköpfige Fettbacke mit einer Reichkriegsflagge im Fenster und immer schön am ziehen. Sein Vati – ganz klar – mit Jogginghose und einem ich-war-früher-mal-weiß-Feinrippunterhemd. Eigentlich eine filmreife Klischeefamilie. Jedenfalls musste ich am Freitag folgende Situation erleben: Beim Nazi ist ja immer das Fenster auf, deswegen kann man sehen, was er macht. So. Nazi verlässt also die Wohnung, Vati geht erstmal mit der Zeitung unterm Arm um die Ecke. Unser deutscher Sohnemann verlässt mit seiner schicken Bomberjacke und Tarnfleckhose das Haus und reitet direkt beim Spätverkaufsasiaten seines Vertrauens ein, um wenige Augenblicke später mit einem schmackhaften Orangensaft im Tetrapak wieder herauszukommen. Derweil Vati vom Klo kommt und erstmal mürrisch guckt, wo der Bengel wieder gewesen ist.
Muss man nun als Normalgebliebener Angst vor diesen Gestalten Angst haben?
Um Himmelswillen! Bloß nicht! Würde dieser Depp seiner eigenen Ideologie folgen können, so müsste er ja erstmal der Asiaten aus dem Laden scheuchen, in sein Herkunftsland schicken und das Geschäft einem deutschen Arbeitslosen in die Hand drücken. Stattdessen fördert er auch noch dessen Existenz. Zweitens. Hat schonmal jemand deutschen Orangensaft gesehen? Beim Lidl im Tetrapak? Nein. Aha. Eine Orange ist auch keine Reichsfrucht. Ein Apfelsaft wäre viel völkischer gewesen.
Wieviel Angst muss man also vor einem Menschen haben, der ganz offensichtlich zu dumm ist, nach seiner eigenen Ideologie zu leben? Wäre Mitleid nicht angebrachter?
Und überhaupt: Wenn das der Führer gesehen hätte? Hmmm… Wir stellen uns also vor, der Import-Ösi steht… als Punk getarnt im Laden und tummelt sich vor dem Regal mit den Sternburgern. Nazi betritt den Laden, guckt den vermeintlich Asozialen richtig böse an, holt seinen Orangensaft, bezahlt und will gehen. Just in diesem Augenblick fängt Hitler wie am Spieß an, «Halt! » und «Achtung! » zu schreien, reißt sich dabei in einem Ruck die Verkleidung vom Leib und springt mit einem Satz vor dem dickwanstigen Faschisten2.0. Dort funkelt er ihn ein paar Sekunden an. Seine Lippen zittern für einige Augenblicke, plötzlich fängt die Schlagader an der Schläfe an zu zucken und es platzt aus dem Führer heraus: «Sagen Sie mal schämen Sie sich eigentlich nicht, Ihr Volk so zu verraten? Wie Sie hier herumlaufen, völlig aufgedunsen und verfettet, wohl noch nichts von Körperertüchtigung gehört, was? Und diese Jacke! Was sind sie denn? Eine fleischgewordene Dolchstoßlegende? Zieht hier die Jacke vom Amerikaner an und auch noch aus einem Krieg, den er gegen ein völlig unterentwickeltes Land verloren hat! Und was machen Sie überhaupt hier? Einkaufen um diese Uhrzeit, wo Sie doch wissen, dass nur noch Ausländer offen haben! Leute wie Sie sind doch dafür verantwortlich, dass zu wenige Deutsche in diesem Land in Lohn und Brot sind. Was kaufen sie da überhaupt? Orangensaft! Wohl noch aus Italien, was? In Geschichte wohl nicht aufgepasst, wie? Die fallen uns doch bei jedem anständigen Krieg in den Rücken, ist doch klar, dass wir im letzten Jahrhundert keinen ordentlichen Krieg gewinnen konnten. Was haben Sie eigentlich gegen einen schönen, deutschen Apfelsaft? Und dann diese Verpackung! Schweden! Ein völkisches Bruderland, dass uns in den Rücken gefallen ist! Leute wie Sie machen mich krank! Sie sind genauso wie der Rudi: Liegen ihrem Volk jahrzehntelang an der Brust und plötzlich fangen sie an, ihrem Vaterland die Augen auszukratzen! »
Das ist doch mal ein Führerappell! Als ob nichts gewesen wäre! Was könnte das aber bei unserem Softcore-Nazi auslösen?
Entweder er bricht augenblicklich in Heulkrämpfe aus und entschuldigt sich stammelnd mit einem von Rotz und Wasser völlig aufgedunsenen Gesicht bei seinem geliebten Führer. Das hätte höchstwahrscheinlich mindestens noch mehr Verachtung seitens des Gröfaz zur Folge.
Oder aber die Standpauke hat irgendwie seine geistigen Notreserven geweckt und er erkennt, dass er einem völlig Wahnsinnigen auf den Leim gegangen ist, geht nach Hause, holt seine Flagge aus dem Fenster, denkt erstmal eine Weile nach und lässt diesen ganzen braunen Mist sein.







