Im Matrazenschein
Im Matrazenschein liebten wir uns
Ich hier, Du dort.
Dazwischen: eine Lichtung.
Wie blutrünstige Schmetterlinge
gewitterten wir durch die schwangere Luft
Deine Brombeerbrust wellte mir entgegen
An einem sonnigen Hügel kam ich plötzlich
zum Stehen.
Ich hielt inne,
Du schautest innig herüber
Ja? fragte ich hin
Ja! befehltest Du zurück
Kein Priester weit und breit – zum Glück!
Ich war von Deinen Sinnen
Am Ende alles still
Nur von Weitem Sterne
sich ächzend liebkosend.
Herbstgedicht
fahles Licht klatscht ans Fenster
Wind treibt Faltblätter
düster schimmert Regen
Fäulnis im Blumentopf
Riesen im Wald
im Halbdunkel schwanken
müde ihre Schatten
Einsamkeit stählt nicht
Heißer Tee dampft
Honig tropft golden
sinkt langsam abwärts
löst sich auf
hilfloses Warmwasser
gurgelt unterm Fenster
müde verschwindet
grauverschleierte Sonne
betrieben
treiben verfängt sich schweben
schweigen verstummt alles
worte stehen lose
schatten folgen schattenfolgen
wege flüchten den schatten
verfluchte schattenflucht
sonniges versteck
hinterm mond
kalt, klar, nüchtern
und doch: licht.
gemütliche neonröhren
schlagen aufs gemüt
ein. mal will ich sein
ohne zu schweigen
Letztes Gespräch
Wir sind hier
wo wir immer waren.
Du sagst:
Wir müssen reden.
Wo wir jetzt stehen,
sagst du,
und gehst.
Du bist gegangen
und willst doch bleiben
So rede doch,
sagen wir,
fragen wir,
wohin dieser Traum denn führt,
im Gehen schon.
Wir kommen wieder,
Nachdem du wiederkommst
Du musst
jetzt gehen. Wir
können nicht bleiben
Es ist wohl Zeit.
Du schaust auf die Uhr
Wir blicken zurück.
Geh’,
sagen wir,
sonst kommst du zu spät.
100504
mit tatkräftiger Unterstützung von miescha
Misanthropen unter sich
Du presst mich an dich, ich weiche zurück. Lasse Dich jagen, jage. Lässt mich jagen, jagst. Ich presse dich an mich, du weichst zurück. Ich bin dir wie jeder Andere. Du bist beliebig. Meine Ambivalenz macht dich anonym. Ich verliere dich in mir. Du nimmst mich mit. Kein Vorgeben, kein Nachsehen.
Deine Blicke fallen über meine her. Ehrliche Dunkelheit in dir und um mich herum. Deine Körper pressen das Hassende in meinen an sich, bis es nach Liebe riecht. Weder Fragen, noch Bitten. Dein Tod ist mein Tod über dich hinaus. Du Zerrst, ich ziehe. Unverblümtes Wollen vollstreckt sich an der Gegenseitigkeit des Scheins.
Stille ringt nach Atem. Du bist was ich bin. Entblößt verdeckst Du mich vor dir.
Dunkelheit. Der Kühlschrank springt an. Scheinwerfer wandern an der Decke.
Morgengrauen. Nackte Füße huschen übers Parkett. Beine kehren mit Hemd zurück. Eine Tür klappt.
Locken.
Locken in den Händen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Wer bist du?« »Weiß nicht.« Kopfhaut unter Fingerspitzen. »Wo bist du?« »Hier.« »Bleibst du?« »Soll ich?« »Ich will.« »Ich auch.«
Lippen auf der Stirn. »Ich muss.« Blinzeln. »Ich auch.« »Musst du?« »Weiß nicht. Muss ich?« »Weiß nicht. Bleib.« »Ja?« »Ja.« Lippen am Ohr. »Ich muss.« Hand an den Lippen. »Wo bist du?« »Hier.« »Und gleich?« »Gegenüber.« Lippen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« Ohr an den Lippen. »Ich will.« Lippen am Ohr. »Ich auch.«
Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffee dampft ins Gesicht. Wasserglas fängt Sonnenstrahlen. Locken. Sonne tanzt im Wein. Große Zeitung. Locken.
Gegenüber. Menschen. Kaffee. Kuchen. »Ich muss.« »Ich auch.« »Wohin?« »Weiß nicht. Mit dir?« »Ja.« »Ich will.« »Ich auch.«
Park. Fußbälle. Kinderräder. Hunde. Hand in Hand. »Paul.« »Anna-Sophie.« »Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Ich will.« »Ich auch.«
Bahnhof. Koffer. Hand neben Hand. »Ich muss.« »Ich weiß.« »Soll ich?« »Ja. Bald.« »Ich will.« »Ich auch.«
Bahnhof. Rolltreppen. Menschen. Koffer. Mantel über Hand. Textnachricht. »Zinnober?« Antwort. »Purpur?« Textnachricht. »Ich will.« Antwort. »Ich auch.«
Wirklich.
Nichts muss nicht sein
Nichts längst nichts ist
Nichts muss nicht verzeihen
Nichts nicht zu verzeihen ist
Nichts wird nicht klagen
Nichts ist nichts zerronnen
Nichts stellt keine Fragen
Nichts genügt besonnen
Nichts bringt den Fall zu Fall
Nichts bringt haltendes Schweben
Nichts steht immer überall
Nichts steht nichts entgegen
Nichts ist Refugium
Nichts ist nicht echt
Nichts gibt nichts darum
Nichts gibt ihr Recht
100328
Heimgesucht
Wieder höre ich sie sagen
Wieder da sei nun ihr Herz
Wieder schlägt meins nach langen Tagen
Wieder fort der wilde Schmerz
Wieder fasst mich ihre Hand
Wieder greift sie sanft nach mir
Wieder spür’ ich unser Band
Wieder spür’ ich sie bei mir
Wieder wag’ ich einen Blick
Wieder blicke ich zur Seite
Wieder geht der Blick ins Weite
Wieder nur ein Missgeschick
Wieder greift die Hand ins Leere
Wieder weicht nur Luft zurück
Wieder greift mich nur die Schwere
Wieder weicht die Welt ein Stück
100326





