Misanthropen unter sich
Du presst mich an dich, ich weiche zurück. Lasse Dich jagen, jage. Lässt mich jagen, jagst. Ich presse dich an mich, du weichst zurück. Ich bin dir wie jeder Andere. Du bist beliebig. Meine Ambivalenz macht dich anonym. Ich verliere dich in mir. Du nimmst mich mit. Kein Vorgeben, kein Nachsehen.
Deine Blicke fallen über meine her. Ehrliche Dunkelheit in dir und um mich herum. Deine Körper pressen das Hassende in meinen an sich, bis es nach Liebe riecht. Weder Fragen, noch Bitten. Dein Tod ist mein Tod über dich hinaus. Du Zerrst, ich ziehe. Unverblümtes Wollen vollstreckt sich an der Gegenseitigkeit des Scheins.
Stille ringt nach Atem. Du bist was ich bin. Entblößt verdeckst Du mich vor dir.
Dunkelheit. Der Kühlschrank springt an. Scheinwerfer wandern an der Decke.
Morgengrauen. Nackte Füße huschen übers Parkett. Beine kehren mit Hemd zurück. Eine Tür klappt.
Locken.
Locken in den Händen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Wer bist du?« »Weiß nicht.« Kopfhaut unter Fingerspitzen. »Wo bist du?« »Hier.« »Bleibst du?« »Soll ich?« »Ich will.« »Ich auch.«
Lippen auf der Stirn. »Ich muss.« Blinzeln. »Ich auch.« »Musst du?« »Weiß nicht. Muss ich?« »Weiß nicht. Bleib.« »Ja?« »Ja.« Lippen am Ohr. »Ich muss.« Hand an den Lippen. »Wo bist du?« »Hier.« »Und gleich?« »Gegenüber.« Lippen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« Ohr an den Lippen. »Ich will.« Lippen am Ohr. »Ich auch.«
Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffee dampft ins Gesicht. Wasserglas fängt Sonnenstrahlen. Locken. Sonne tanzt im Wein. Große Zeitung. Locken.
Gegenüber. Menschen. Kaffee. Kuchen. »Ich muss.« »Ich auch.« »Wohin?« »Weiß nicht. Mit dir?« »Ja.« »Ich will.« »Ich auch.«
Park. Fußbälle. Kinderräder. Hunde. Hand in Hand. »Paul.« »Anna-Sophie.« »Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Ich will.« »Ich auch.«
Bahnhof. Koffer. Hand neben Hand. »Ich muss.« »Ich weiß.« »Soll ich?« »Ja. Bald.« »Ich will.« »Ich auch.«
Bahnhof. Rolltreppen. Menschen. Koffer. Mantel über Hand. Textnachricht. »Zinnober?« Antwort. »Purpur?« Textnachricht. »Ich will.« Antwort. »Ich auch.«
Danach.
Augen auf. Ein blauer Himmel strahlt mir durch einen Spalt zwischen Rollo und Fensterbrett unverfroren ins Gesicht. Ich starre ihn an: „Wenn ich dich erwische…“
Okay. Erstmal Frühsport. Wir lassen die Gedanken ganz langsam und rhythmisch um den gestrigen Abend kreisen.
Mitte. Caipirinhas. Viele Caipirinhas. Schluss. Dürüm mit langer Wartezeit, weil ich Depp natürlich wieder einen besonderen wollte. Deshalb fast den Bus verpasst. Finde zum Glück einen Sitzplatz, esse im Bus. Ein kleines bisschen auf den Boden gekleckert, aber die Schäden beseitigt. Das tiefe Gefühl von Befriedigung und Stolz ob meiner Leistung. Moritzplatz. Die Fensterscheibe schlägt mir immerzu an den Kopf. Nicht einschlafen! Licht aus.
Licht an. Britz. Google maps sagt 7,6 km bis nach Hause. Bitte? Ist das hier 1/Mitte? Das Handy meldet Ladebedarf an. Zurück in die reale Welt. Merke: Der Nachtbus fährt weiter als M44, auf keinen Fall einschlafen. Prima. Mein Bus kommt. Ich muss an der Endhaltestelle aussteigen. In der Ecke war ich noch nie. Verpasst habe ich trotzdem nicht viel. Hermannstraße. Hier muss ich raus. Ich helfe zwei Touristinnen, ihren Heimweg zu finden. Sowohl Busfahrer als auch Busbegleitpersonal können kein Wort englisch sprechen. Geschafft. Die Mädels sitzen versorgt im Bus, ich gehe zu Fuß weiter. Der Nachtbus fährt an mir vorbei, der kommt wie aus dem Nichts. Merke: Die M44 fährt weiter als Nachtbus, da kannst Du sitzenbleiben. Verdammt. In der Okerstraße hüpft eine Amsel von Baum zu Baum und begleitet mich bis vor die Haustür. Ich bin endlich da, das wurde wirklich auch Zeit. Fahrstuhl rein, Fahrstuhl raus. Tür auf, Tür zu. Es dreht im Kopf. Egal. Licht aus.
Das war sehr vollständig. Bravo! Zurück in die unmittelbare Gegenwart. Blauer Himmel. Das bedeutet sicherlich, dass ich weit nach meinem Wecker aufgestanden bin. Halb elf. Stimmt. Das war so nicht ausgemacht. Eigentlich sollte das Radio doch schon seit einer halben Stunde laufen. Testhalber schalte ich es ein. Es funktioniert, ist aber leiser als erwartet. Dass ich das nicht hören kann, wenn ich im Tiefschlaf bin, ist klar. Da meldet sich auch mein Telefon und erinnert mich daran, dass ich seine Weckfunktion noch nicht gewürdigt habe. Die Melodie ist zu seicht, heute hätte ich was griffigeres hören müssen. Gitarren, Schlagzeug, raue Stimmen oder Fanfaren.
So richtig verkatert bin ich gar nicht. Das liegt auch am Dürum, aber nicht ausschließlich. Genau: Wo ist eigentlich das Eichhörnchen, dessen buschiger Schwanz mich sonst immer in meinem Mund begrüßt? Ach ja richtig: Mitte-Stylo-Nichtraucher-Lokal. Mitte fetzt. Also kein Eichhörnchen, nur ein Kätzchen ohne Extras zum Hieressen. Und mein kleines, aufgewecktes, fünfjähriges Ich. Putzmunter und quicklebendig wie eh und je. Toll. Es kann schon voll viel, wie zum Beispiel auf dem Bett herumhüpfen und dabei gleichzeitig laut rufen: »Lass uns was machen lass uns was machen«. Da ich noch nicht in der Lage bin, von mir selbst angenervt zu sein, gebe ich mir nach und stehe auf. Es ist eh längst Zeit.
Ich gehe ins Wohnzimmer, will eigentlich aber in die Küche. Ich gehe also in die Küche, will dann aber doch zurück ins Wohnzimmer. Ich gehe ins Wohnzimmer und will wieder in die Küche. Ich gehe in die Küche, will aber eigentlich ins Wohnzimmer. Okay. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, warum ich durch die Wohnung tigere. Vielleicht braucht das Kind in mir einfach Auslauf. Wäre ich wirklich fünf, hätte ich das sicher in der Hälfte der Zeit geschafft. Bin ich aber nicht. Außerdem ist mein Haupthirn noch nicht munter. Nagut. Aus dem Schlafzimmer komme ich, in den anderen zwei Räumen bin ich auch schon gewesen, eins bleibt übrig, da gehe ich jetzt hin.
Herrlich: Verkatert aufm Pott sitzen und Twitter-Gossip abgreifen. Das ist viel besser als Zeitung zu lesen. Erstens handlicher, zweitens weniger anspruchsvoll und drittens müsste ich die Zeitung erst aus dem Briefkasten holen. Stadtbahn hat soeben einen Stormtrooper entdeckt. Solange das Imperium mich stetig mit Caipirinhas versorgt, kann es von mir aus hinschlagen wo es will. Brent Spiner wundert sich über LeVar Burtons Twitterei. Levar Burton hat offenbar seine Handynummer getwittert, etwas ähnliches hatte wohl auch Facebook im Sinn, als sie in der Nacht für eine halbe Stunde die eMail-Adressen seiner Nutzer für alle Welt sichtbar gemacht haben. Die Reaktion in Form eines Aufschreis kam prompt – via Twitter: Die Leute haben Angst vor Stalkern. Ist es wirklich noch zu früh für mich, um das zu verstehen? Das Wesentliche ist doch, dass die neuen Regeln zur Privatsphäre offenbar schon beschlossene Sache sind und die den Nutzern eingeräumte Möglichkeit, die neuen Regeln zu kommentieren, reine Makulatur ist.
Da bin ich wieder: »Lass uns Wäsche waschen! Wäsche waschen! Juhu!« Welche Wäsche wollen wir denn waschen? »Hmmm, weiß nicht? Bettwäsche! Jaaaaa!« Nagut, dann schauen wir mal, wie lange das Waschprogramm braucht. »Juhu!« Ich steuere auf die Waschmaschine zu, im Augenwinkel erfasse ich leere Speeflasche. Das wird wohl nichts, das Waschmittel ist alle. »Toooof!« Also setzt ich Spee auf den sich seit zwei Wochen aufblähenden Einkaufszettel. Was brauche ich eigentlich nicht? Kaffee, davon habe ich nämlich noch vier Päckchen. Dumm nur, dass mein Kaffeeverbrauch im Augenblick gegen Null geht. Ich gratuliere mir für einen vorausschauenden Schnäppchenkauf.
Ich stehe im Schlafzimmer. Bin wohl falsch abgebogen. Mein übergroßer Plüschteddy sitzt vor einem der Lautsprecher. Deshalb war das Radio vorhin so leise. Rätsel gelöst.
Im Bad. Natürlich bin ich längst da: »Duschen! Juhu! Kaltes Wasser! Ich!« Das ja ist wie bei der Hase und der Igel. Unter der Dusche sinniere ich über einen neuen Anrufbeanworterspruch und bleibe an meinem Dialekt hängen: Es ist für einen Sachsen fast unmöglich, ein Wort mit mehr als vier Silben sauber auszusprechen. Alles was danach kommt, wird fast zwanghaft gekürzt. Ich zwinge mich, das Wort An-ruf-be-ant-wor-ter mit allen Silben auszusprechen. Es geht nicht. Es liegt am o. Dieser kleine gemeine Vokal verleidet mir doch tatsächlich die korrekte Aussprache – im Rahmen der Möglichkeiten meines Dialekts. Damit ist der Anrufbeanworterspruch wertlos.
Mein fünfjähriges Ich ist mit offenem Mund staunend verstummt. Das ist das Haupthirn, da staunste, was? Na wart’s nur ab, wenn Du mal groß bist, hast Du auch so eins. Nein halt, Du bist ja ich mit fünf, Du wirst nicht älter. Ich bin verwirrt. »Kaltes Wasser! Juhu!« Verdammt. Ich hätte meine Klappe nicht halten sollen. Gut, dann eben kaltes Wasser. Erstaunt nehme ich wahr, dass mein Haupthirn jetzt zügig hochfährt. Das war eine gute Idee. Und selbstlos obendrein: Ich dem Maße, wie sich mein Bewusstsein rehabilitiert, verschwindet auch mein Kinds-Ich. Vielleicht ist es ja mein persönliches MHN. Das wäre ziemlich cool.
Inzwischen ist der Himmel bereits von Wolken überzogen. Das Wetter passt mir hervorragend in den Kram. So ganz fies verkatert bin ich ja nicht, aber bei wolkenlos wäre Sonnenbrille trotzdem Pflicht gewesen. Die liegt sicher verwahrt im Etui. Das wiederum befindet sich in der Tasche und die habe ich im Büro gelassen.
In der U-Bahn titelt die BZ damit, dass Britta Steffen Paul Biedermann liebt, ach ja und die Witwe von Kurt Cobain liebt jetzt den Ex-Verlobten von Uma Thurman. Prima. Wie alt sind eigentlich die Erfinder dieser Überschriften? Acht? Zehn? Höchstens zwölf!
Der neue Schwarma-Dealer meines Vertrauens grüßt mich grinsend mit einem: »Wie immer?« Wie immer heißt: Eine Schawarma zum Mitnehmen und ein starker Kaffee. Das perfekte Frühstück zum Mittag.
Auf meinem weiteren Weg stelle ich fest, dass ich keins meiner beiden Feuerzeug eingesteckt habe. Den Polizisten, der auf die Wohnung vom Innenminister aufpasst, traue ich mich nicht zu fragen. Er könnte ob der konischen Form misstrauisch werden. Rauchen ist sowieso ungesund.
Im Büro. Mein Rechner fährt hoch. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Doch schon so spät. Obwohl: Um von der Kneipe ins Bett zu kommen, habe ich wirklich drei Stunden gebraucht und vom Bett bis ins Büro nochmal so viel. Passt doch.
Sprachgedanken, Sprechgedenken, Sprachdank, Denksprache
Am späten Vormittag, so wie es sich für den postmodernen Bohème gehört, verabschiede ich mich von der scheinbaren Gutwetterlaune der aufgeregten Metropole und mache mich auf den Weg in die beschauliche Ehrlichkeit der sächsischen Heimat.
Im Zug mache ich es mir mit dem Feuilleton meiner Haus- und Hofzeitung bequem. Ich genieße Philipp Theisohns Artikel über die Causa Hegemann. Aus dem schweizerischen Off weht endlich eine ehrliche, unaufgeregte Stimme herüber, die die aufgeheizte Debatte auf die ihr zustehende Tiefe herunterargumentiert. Ich erkenne das als klare Bestätigung meiner Entscheidung, der Heimat einen Besuch abzustatten. Dabei vergesse ich allerdings, dass Hegemanns Vater Professor an der HMT Leipzig ist.
Gegen Mittag sitze ich also vergnügt im Stadtbus und schaue aus dem Fenster auf die spätwinterliche Stadtidylle meiner Kindheit. Mein Blick wandert umher und bleibt verdutzt unterhalb des Griffes kleben: »ACHTUNG AUF FINGER«. Das ist schon ein Schock. In welcher Sprache wird hier versucht, mir etwas womöglich Wichtiges zu verdeutlichen? Deutsch ist es sicherlich nicht. Vielleicht, so versuche ich mich wieder zu beruhigen, ist es kein Fehler sondern Absicht und in Wahrheit eine Hommage an Betriebsanleitungen japanischer Elektronikhersteller der 80er Jahre. Man weiß es nicht.
In der Hoffnung, Zerstreuung zu finden, schmökere ich im journalistischen Lokalmatador, der Leipziger Volkszeitung. Doch ich komme nicht weit: Bereits auf der Titelseite wird der stellvertretende sächsische Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Morlok (FDP) mit den Worten zitiert, er stelle »sich rückhaltslos hinter Westerwelle«. Das stimmt einen schon nachdenklich. »Morlok… Morlok… Mensch, das kennst Du doch«, denke ich so für mich. »Mensch? Na klar! Morlocks! H.G. Wells’ The Time Machine in der Verfilmung von George Pal!« Das für sich allein ist schon gespenstisch. Als nächstes stört mich etwas in der Syntax. Ich bin ein Pedant. Das richtige Wort heißt rückhaltlos. Doch auch semantisch ist das selbe Wort grober Unfug: Herr Morlok stellt sich hinter Herrn Westerwelle. Und fällt um. Weil er keinen Rückhalt hat.
Ich bin enttäuscht. Ich will wieder zurück in die offen oberflächliche Hauptstadt. Leipzig, die Stadt, der der größte aller großen deutschen Dichter – um wenigstens einmal meine Deutschlehrerin zu zitieren – in seinem berühmtesten Werk eine eigene Szene zum Geschenk machte, lässt mich in Sachen Sprache so außerordentlich hängen. Doch Johann Wolfgang von antwortet mir in derselben Szene: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!
Im elterlichen Domizil angekommen, muss ich noch eine Sache klären. Ich bin ein Pedant. Wie wird dieses eingeschobene s von Seite eins genannt? War das ein Morphem? Das hatte doch einen eigenen Namen. Also halte ich die Begrüßungszeremonie zur Verwunderung meiner Eltern so kurz wie nötig und stürme geradezu ihre Bibliothek. Der Duden sagt es mir: Fugenlaut. Fugenlaute sind Morpheme. Ich wusste es. Ermutigt lese ich weiter und stoße dabei auf eine dieser spitzfindigen Feinheiten, die die deutsche Sprache so unerlernbar und schön zugleich machen: Wassernot versus Wassersnot. Ersteres bedeutet Wassermangel, letzteres bezeichnet eine Überschwemmungskatastrophe.
Wie schnell sich Antonyme doch bilden lassen und für wie viel Verwirrung man mit einem kleinen Buchstaben sorgen kann. Augenblicklich senkt sich mein Blutdruck, hebt sich meine Laune. Sprache gut, alles gut.
Begegnung
Das Gesicht kenne ich. Vom Foto her ist er es. «Entschuldige, aber bist du nicht der Sebastian?» Er dreht sich verwundert um. «Der die tollen Bilder macht!» Ein geschmeicheltes Grinsen huscht über sein Gesicht. Tatsache, er ist es. «Ich kenne Deine Bilder, sie sind wunderschön.» «Oh vielen Dank!» Er grinst wieder. Ich schaue ihm fest in die Augen: «Eine Freundin von mir hat mir von Deiner Arbeit erzählt, vielleicht kennst Du sie ja…» «Vielleicht.» Er wähnt sich in Sicherheit. Ich begeistere mich so naiv wie möglich: «Ja, sie heißt Clara Friedrich, kennst Du sie?» «Äh. Clara? Äh. Ich weiß nicht…» Ertappt. Seine Begleitung schaut ihn peinlich berührt an. «Doch», bohre ich weiter, «sie erzählt pausenlos von Deiner Arbeit. Sie war auch schon in Deinem Atelier.» «Wirklich? Naja, es kommen immer wieder Leute, um sich meine Sachen anzusehen.» Er schwimmt. «Ja, tagsüber. Das meine ich aber nicht.» Seine Begleitung weiß Bescheid. «Ich weiß nicht, was Du meinst.» Aha. Er wählt die klassische Tour: dementieren. «Doch, erst gestern Abend war sie da.» Ihr fragender Blick droht ihn zu durchbohren. «Äh gestern?», stammelt er. Mein Blut kocht, doch ich bleibe höflich: «Naja, das hat sie jedenfalls gesagt. Bei mir war sie jedenfalls nicht und ich müsste es eigentlich wissen. Sie kam erst gegen Mittag wieder.» Entsetzen macht sich in seinem Gesicht breit, verletzte Genugtuung in ihrem. «Warst Du nicht bei Stefan?», sticht sie zischend nach. «Doch, schon…» «Naja, aber nach Zehn dann nicht mehr», falle ich grinsend ein. Er ist umzingelt. Ich vor, seine Begleitung hinter ihm. Ich kämpfe mit meiner Wut, sie mit ihren Tränen. Dass sie es geahnt hat, sehe ich ihr an, doch dass es sich bewahrheitet, hat sie bislang verdrängt. «Wie lange läuft das jetzt eigentlich schon zwischen Euch beiden? Zwei Monate? Ein Vierteljahr?» Er bleibt stumm. Was soll er auch sagen? Er ist ertappt worden. Plötzlich fängt er an zu stammeln. Meine Wut legt einen Schalter um, ich höre seine Wortfetzen nicht mehr, sehe nur wie sich seine Lippen zögernd bewegen. Im nächsten Augenblick liegt er im Schnee, der sich langsam rot färbt. Entsetzte Augen schauen mich von unten an. Ich betrachte ihn. Seine Fönfrisur ist vom Schnee aufgeweicht, die Haare kleben am Schädel. Er hat Angst. Ich könnte ihn treten, aber man tritt nicht auf Menschen, die bereits am Boden liegen. Verdammte Moral. Immer diese Moral. Er hätte es mehr als verdient. Ich wende meine Blick von ihm ab, schaue auf seine Begleitung. In ihrem liebevollen Blick auf das ärmliche Häufchen Elend, das sich das schmerzende Gesicht hält, mischt sich ein Hauch Genugtuung. Sie schaut mich an. Verständnis zwischen Verletzten. «Verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten.» Sie nickt mit den Augenlidern. Ich schaue ihn an. «Arschloch.» Und gehe weiter.
Ankommen.
Dunkelheit. Stille. Nur das leise Brummen der Gefrierbox in der Küche, das durch die geschlossene Tür ins Zimmer dringt, ist zu hören. Langsam taste ich mich bis zur Stereoanlage, um den Wecker für morgen früh zu stellen. Es ist halb drei. Auf dem Heimweg war kein Mensch, kein Auto zu sehen. Die ganze Stadt schläft. Außer mir. Vorsichtig bahne ich mir den Weg zum Bett, lege mich neben sie und krieche unter meine Decke. Ich will sie nicht wecken. Die Kälte von draußen steckt mir in den Knochen. Meine Füße kommen mir vor wie Eis am Stiel. Wäre das nicht eine Geschäftsidee – Eis am Stiel in Schuhgrößen? Guten Tag, wir hätten gern zwei Eis am Stiel. – Selbstverständlich. Welche Größe? - Eine achtunddreißig für meine Freundin und eine zweiundvierzig für mich. Das hat Zeit bis morgen. Ich hauche ihr einen Kuss auf die Wange und drehe mich um. Stille. Die Gefrierbox hört mit einem kurzen Rattern auf zu arbeiten. Sie dreht sich zu mir hin. Ihre Hand tastet unter der Decke nach mir, findet mich. Ihr Körper kommt näher, schmiegt sich an. Ich werde von einer wohligen Wärme durchströmt. Daheim. Draußen wehen Bäume im Wind und lassen die Laternen flackern. Auf dem Wasser blinkt eine Boje einsam umher. Der Mond blinzelt durchs Dachfenster. Ich schmiege mich fester an sie heran, ihre Hitze schmilzt das letzte Eis aus meinem Körper. Ich schließe die Augen. Dunkelheit. Stille.
Canasta mit Freud
Nacht. Studierzimmer. Zwei durchtanzte Leiber fallen durch die Tür ins Bett. Ich will nur noch schlafen, für sie ist reden gerade richtig wichtig. Ich bin in einer Zwickmühle: Einerseits ist meine Müdigkeit auf dem Vormarsch, andererseits ist Solidarität das Gebot der Stunde. Eine ganze Stunde? Hoffentlich geht es schneller. Mein Unterbewusstsein kramt eine Konfliktlösungsstrategie aus der Trickkiste hervor und zaubert den Kokon interessierter Ignoranz hervor. Ich bin gerettet! Während sich um meine Ohren ein Wattebausch legt, der die Geräusche immer ferner erscheinen lässt, brumme ich anteilnehmend weiter vor mich hin. Ich nehme mir vor, mir morgen früh gleich als erstes den entsprechenden Orden anzuheften.
Minuten später. Alles Brummen hat nicht geholfen, sie muss nochmal raus um etwas loszuwerden. Geräusche von außerhalb des Kokons brechen in die Wattewand und wirken wie tausend kleine Nadelstiche in meiner Magengrube. Die Ordenorder wird storniert, da ist offenbar überhörbares Optimierungspotential vorhanden. Entweder schneller einschlafen oder wirklich reden. Oder im Schlaf sprechen und dabei das Richtige sagen. Na, schneller einzuschlafen tut’s wohl für den Anfang auch.
Eine weitere Viertelstunde später. Ein ausgekühlter entkräfteter Leib schmiegt sich an mich. Mir war eh viel zu warm. Jetzt darf ich endlich schlafen.
6 Uhr 30. Frosch und Storch spielen am Ufer eines Sees Canasta. Es gibt Tee und Weihnachtsgebäck. Ich bin verwirrt. Alles sieht nach Sommer aus und die Temperaturen erinnern mich eher an eine Sauna als an kostümierte Rentner in Geberlaune. Darüber hinaus frage ich mich, ob Frosch und Storch wissen, an welchen Stellen der Nahrungskette sie eigentlich stehen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, antwortet der Storch, dass er sich entschlossen hat, keine Frösche mehr zu essen, da es ihm zu grausam ist. Außerdem gäbe es wohl nur sehr weniger gute Canastapartner unter den Störchen, während die Frösche würdige Gegner seien. Der Frosch kräuselt die Lippen vor Glück.
6 Uhr 32. Sie meint, der Wecker würde seit ein paar Minuten klingeln. Später wird sie sogar behaupten, ich hätte gesagt, sie solle ihn ruhig ausstellen. Ich hingegen glaube, dass der Wecker in Wirklichkeit überhaupt nicht angegangen ist. Sonst hätte ich ihn doch gehört.
Zurück zu den wichtigen Dingen des Augenblickes: Dem Frosch und dem Storch. Es sieht ganz so aus, als ob Meister Adebar die Runde nicht für sich entscheiden könne, er scheint angespannt und nervös. Außerdem klappert er bedrohlich mit dem Schnabel. Ich glaube, er ist ein schlechter Verlierer. Der Frosch hingegen wähnt sich offenbar in Sicherheit, denn er ignoriert das Getue. Jedoch kommt ihm der Schnabel immer näher. Der Storch schaut mich dabei an, als ob er mir sagen wollen würde: „Ich bin ein Storch. Das ist ein Frosch. Störche essen Frösche. Moral hin oder her. Außerdem ist Canasta auch nicht alles.“ Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Frosch. Doch der spielt seelenruhig sein Spiel. Der Storch hingegen bereitet sich genüsslich auf die Nahrungsaufnahme vor. Aus der Uferböschung holt er eine mobile Speisekammer hervor und beginnt, sich einen Salat zu machen. Der arme Frosch. Da fällt mir ein, dass ich in meinen Träumen der Bestimmer bin. Welch glücklicher Zufall. Für den Frosch. Ich bestimme also, dass dem Storch einfällt, dass er ganz vergessen hat in den Süden zu ziehen und er deshalb Hals über Kopf aufbricht. Ohne Lebwohl zu sagen. Reinhard Mey gleitet mit einem Ruderboot durch den See und singt „Über den Wolken“ in düsterem moll. Geschockt bleibt der Frosch zurück und sieht dem sich hastig entfernenden Storch mit feuchten Augen nach.
6 Uhr 37. Der Storch ist aus dem Blickfeld verschwunden, Reinhard zum Glück auch. Allerdings sieht mich der Frosch jetzt durchdringend an und fragt mich, warum ich das getan habe, ob ich nicht wüsste, wie lieb er den Storch gewonnen hätte. Ich versuche ihm zu erklären, dass der Storch zwar das eine gesagt, aber das Gegenteil getan habe. Da macht der Frosch einen Satz und springt mir auf die Schulter, direkt neben mein Ohr. In dieses lädt er unüberhörbar seinen Unmut ab. Ich resigniere, breite meine Flügel aus und fliege dem Storch hinterher. Soll sich der Frosch doch fressen lassen, wenn er will.
7 Uhr 59. Mein Zug kommt.
Ich bin zu bodenständig, um stundenlang durch die Gegend zu schweben. Ich lande und setze den Frosch ab, doch nicht ohne ihn mit Marschverpflegung und detailliertem Kartenmaterial zu versorgen.
8 Uhr. Moment mal. Ich bin boden-was? Habe ich mir das Vorpommern-Virus eingefangen? Reflexartig warne ich mein Immunsystem. Eigentlich kann es nicht sein, aber man kann nie wissen.
8 Uhr 01 . Ich frage sie nach der Uhrzeit, stelle fest, dass ich den Zug kaum werde erreichen können. Dann winke ich ihm eben in Gedanken hinterher.
Mein Immunsystem macht Meldung. Nicht das Vorpommern-Virus mache mich so dröge, das sei einfach nur das Nachbeben des gestrigen Abends. Eine leise Stimme aus dem Untergrund flüstert mir hingegen zu, ich solle mich nicht von der Antwort blenden lassen, ich könnte bereits infiziert sein.
Habe ich mich doch angesteckt, kann das sein? Nach Jahren des auto-immunen Widerstandes soll ich dieser heimtückischen Krankheit also auf den Leim gegangen sein?
Wie gut, dass ich just in diesem Augenblick zurück nach Berlin fahre, denn Metropolenleben ist pures Gift für Pommeritis.
8 Uhr 02. Ich öffne die Augen. Hier fährt nichts, dafür dreht sich umso mehr. Also Augen wieder zu.
Ich stehe in einem Heißluftballon und fahre über Wälder, Wiesen und Felder hinweg. In der Ferne duellieren sich der Frosch und der Storch, Sigmund Freud und C.G. Jung sind ihre Sekundanten.
8 Uhr 22. Mir wird die Uhrzeit mitgeteilt. Nett. Wirklich. Aber der Zug fährt doch erst in anderthalb Stunden, jetzt verpasse ich noch das Duell.
8 Uhr 23. Ich habe es verpasst, beide haben es nicht überlebt. Dafür stecken beide auf demselben Spieß über einem Feuerchen. Kulinarisch gesehen ist die Kombination höchst selten. Das haben sich Freud und Jung wohl auch gedacht, wohl deshalb veranstalten sie jetzt ein Picknick. Irgendwie sehen die Jungs verliebt aus. Ich bin verwirrt. Storch und Frosch spielen Karten. Okay, das ist ein Traum. Frosch verliebt sich in Storch. Meinetwegen. Aber Freund und Jung, die ein romantisches Picknick machen und als Zeichen ihrer Liebe Storch und Frosch essen? Das ist sogar für meine Verhältnisse etwas mehr als genug. Wahrscheinlich will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Ich muss nachdenken. Wieso gibt es eigentlich nie eine Stimme aus dem Off, die Klartext spricht? Warum muss das immer über die bizarrsten Bilder geschehen? Stimme aus dem Off… Stimme aus dem Off… Ich hab’s: Das ist ein deutliches Signal, die Stimme aus dem Off nicht weiter zu verdrängen. Es gibt doch eine Stimme aus dem Off? Seit wann? Na egal, ich analysiere zunächst erst einmal die Stimme.
8 Uhr 24. Die Stimme gehört ihr.
8 Uhr 25. Was sie sagt klingt gut.
8 Uhr 26. Was sagt sie nun eigentlich?
8 Uhr 27. Ich kann das deutsche Sprachmodul nicht laden. Segmentation fault. –force bringt nichts und –debug liefert nur kryptische Kernel Traces. Für richtiges Fehlerlesen ist es noch viel zu früh, einstweilen lege ich die verfügbare Energie auf die Deflektoren. Warum weiß ich nicht genau, aber nach 15 Jahren StarTrek-Konsum weiß man einfach, dass das nie falsch sein kann.
Ich tue das mir maximal mögliche und lasse mich weiter vom Klang ihrer Stimme berieseln.
9 Uhr 21. Sie sagt, es sei kurz vor halb zehn. Gerade war es noch halb neun.
Ich sollte wohl mal SOLL und IST der aktiven Prozesse überprüfen: Sprache offline, Zeitgeber offline. Was bin ich nur für ein Saustall? Kein Monitoring, bestimmt auch kein Backup.
Und überhaupt: Seit wann bin ich ein Server?
Das kann nur eines bedeuten: Descartes hat sich eingeschlichen! Jedes Jahr das Gleiche: Kaum kommt die erste kühle Nacht, sucht er Anschluss.
9 Uhr 22. Dachte ich’s mir doch: Descartes! Der René! Steht auf einer Holzkiste im Stammhirn und agitiert. Ich packe ihn am Kragen und setze ihn vor die Tür. Der hat es noch drauf, meine Hirnhälften gegeneinander aufzuwiegeln. Das wäre echt unschön.
Ihre Stimme spricht jetzt eindringlicher. Das mit der Uhrzeit war also doch ernst gemeint. Kickstart! Anziehen! Kaffee ziehen! Losziehen!
9 Uhr 38. Wir verabschieden uns. Kurz und bündig. Sachlich. Ganz so als würden wir uns am Abend wiedersehen. In Wirklichkeit verdrängen wir diesen Teil des Lebens und seine Zwänge. Sie sind grausam genug, da müssen wir uns den Abschied nicht zur Qual machen. In Wirklichkeit haben wir uns längst schon verabschiedet, wir verabschieden uns seit meiner Ankunft. Häppchenweise und im Voraus.
Auszeit
Ich trete ins Freie, entzünde meine Zigarette, nehme einen ersten tiefen Zug, schaue mich um. Der Himmel hängt grau überm Land und lässt einen Mittagsregen niedergehen. Ich laufe los, der Asphalt löst sich nur ungern von der Wärme der Vortage, wärmt dafür meine Füsse, in den Rinnsteinen liegen weggefegte Kiesel. Vor den Reihenhäusern liegen die Beete und saugen das fallende Lebenselexier ruhig, doch voller dankbarer Gier auf. Die kleine Straße ist leer, die aufgereihten Gärten hinter den Häusern hübsch anzusehen, zierliche Gemüsebeete drängen sich dicht an kleine Gewächshäuser, die Rasenflächen werden wohl morgen gekürzt. An einer Hauswand rankt zaghaft empor ein Wein, dessen erste Ernte noch ein Jahrzehnt wird brauchen, doch er hat sie, die Zeit. Die Tage ziehen langsamer hier. Unter einem Verschlag wartet eine Katze auf das Ende des Regens und ist darüber eingeschlafen. Überhaupt scheint die ganze Siedlung zu schlafen, einen sanften, tiefen Mittagsschlaf. Die Postfrau kommt mir geschäftig entgegen und trotz aller gebotenen Eile ist auch auf ihrem Gesicht Schlaf zu lesen. Auf einem größeren Stück Rasen steht eine Schaukel und wartet. Leise fallen die Regentropfen auf Blätter, Blüten, Gras, wiegen sich die Pappeln müde im Wind, nach den Strapazen der letzten Hitzetage ruht sich alles aus, der Regen lullt sie mit seinem sanften Singsang ein und lässt von der Vergänglichkeit der Zeit nur mehr eine Ahnung zurück. Unter einem Carport erwartet ein Berhardiner sein Herrchen, auch er schläft lieber, als die Katze von nebenan zu jagen.
Schwach schwebt die letzte Rauchwolke meiner Zigarette durch die Regenluft, wird von den Tropfen durchlöchert, bis sie ganz verschwindet. Ich schaue mir auf die Fußsohlen, sie sind sauber, ich tappe durch die Pfützchen. Das weiche, warme Wasser umspült mir die Sohlen. Ich verschenke einen Gedanken an die große laute Stadt, lasse ihn fliegen, er sackt zu Boden, bleibt liegen. Ich hebe ihn auf, ein wenig flattert er noch mit den kleinen Flügelchen, doch schließlich schläft auch er. Ich kehre zurück zum elterlichen Haus, beschaue meine Fußsohlen und es scheint fast, als ob sie sauberer sind als zuvor.





