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10
Jan

Begegnung

Das Gesicht kenne ich. Vom Foto her ist er es. «Entschuldige, aber bist du nicht der Sebastian?» Er dreht sich verwundert um. «Der die tollen Bilder macht!» Ein geschmeicheltes Grinsen huscht über sein Gesicht. Tatsache, er ist es. «Ich kenne Deine Bilder, sie sind wunderschön.» «Oh vielen Dank!» Er grinst wieder. Ich schaue ihm fest in die Augen: «Eine Freundin von mir hat mir von Deiner Arbeit erzählt, vielleicht kennst Du sie ja…» «Vielleicht.» Er wähnt sich in Sicherheit. Ich begeistere mich so naiv wie möglich: «Ja, sie heißt Clara Friedrich, kennst Du sie?» «Äh. Clara? Äh. Ich weiß nicht…» Ertappt. Seine Begleitung schaut ihn peinlich berührt an. «Doch», bohre ich weiter, «sie erzählt pausenlos von Deiner Arbeit. Sie war auch schon in Deinem Atelier.»  «Wirklich? Naja, es kommen immer wieder Leute, um sich meine Sachen anzusehen.» Er schwimmt. «Ja, tagsüber. Das meine ich aber nicht.» Seine Begleitung weiß Bescheid. «Ich weiß nicht, was Du meinst.» Aha. Er wählt die klassische Tour: dementieren. «Doch, erst gestern Abend war sie da.» Ihr fragender Blick droht ihn zu durchbohren. «Äh gestern?», stammelt er. Mein Blut kocht, doch ich bleibe höflich: «Naja, das hat sie jedenfalls gesagt. Bei mir war sie jedenfalls nicht und ich müsste es eigentlich wissen. Sie kam erst gegen Mittag wieder.» Entsetzen macht sich in seinem Gesicht breit, verletzte Genugtuung in ihrem. «Warst Du nicht bei Stefan?», sticht sie zischend nach. «Doch, schon…» «Naja, aber nach Zehn dann nicht mehr», falle ich grinsend ein. Er ist umzingelt. Ich vor, seine Begleitung hinter ihm. Ich kämpfe mit meiner Wut, sie mit ihren Tränen. Dass sie es geahnt hat, sehe ich ihr an, doch dass es sich bewahrheitet, hat sie bislang verdrängt. «Wie lange läuft das jetzt eigentlich schon zwischen Euch beiden? Zwei Monate? Ein Vierteljahr?» Er bleibt stumm. Was soll er auch sagen? Er ist ertappt worden. Plötzlich fängt er an zu stammeln. Meine Wut legt einen Schalter um, ich höre seine Wortfetzen nicht mehr, sehe nur wie sich seine Lippen zögernd bewegen. Im nächsten Augenblick liegt er im Schnee, der sich langsam rot färbt. Entsetzte Augen schauen mich von unten an. Ich betrachte ihn. Seine Fönfrisur ist vom Schnee aufgeweicht, die Haare kleben am Schädel. Er hat Angst. Ich könnte ihn treten, aber man tritt nicht auf Menschen, die bereits am Boden liegen. Verdammte Moral. Immer diese Moral. Er hätte es mehr als verdient. Ich wende meine Blick von ihm ab, schaue auf seine Begleitung. In ihrem liebevollen Blick auf das ärmliche Häufchen Elend, das sich das schmerzende Gesicht hält, mischt sich ein Hauch Genugtuung. Sie schaut mich an. Verständnis zwischen Verletzten. «Verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten.» Sie nickt mit den Augenlidern. Ich schaue ihn an. «Arschloch.» Und gehe weiter.

30
Dez

Ankommen.

Dunkelheit. Stille. Nur das leise Brummen der Gefrierbox in der Küche, das durch die geschlossene Tür ins Zimmer dringt, ist zu hören. Langsam taste ich mich bis zur Stereoanlage, um den Wecker für morgen früh zu stellen. Es ist halb drei. Auf dem Heimweg war kein Mensch, kein Auto zu sehen. Die ganze Stadt schläft. Außer mir. Vorsichtig bahne ich mir den Weg zum Bett, lege mich neben sie und krieche unter meine Decke. Ich will sie nicht wecken. Die Kälte von draußen steckt mir in den Knochen. Meine Füße kommen mir vor wie Eis am Stiel. Wäre das nicht eine Geschäftsidee – Eis am Stiel in Schuhgrößen? Guten Tag, wir hätten gern zwei Eis am Stiel. – Selbstverständlich. Welche Größe? - Eine achtunddreißig für meine Freundin und eine zweiundvierzig für mich. Das hat Zeit bis morgen. Ich hauche ihr einen Kuss auf die Wange und drehe mich um. Stille. Die Gefrierbox hört mit einem kurzen Rattern auf zu arbeiten. Sie dreht sich zu mir hin. Ihre Hand tastet unter der Decke nach mir, findet mich. Ihr Körper kommt näher, schmiegt sich an. Ich werde von einer wohligen Wärme durchströmt. Daheim. Draußen wehen Bäume im Wind und lassen die Laternen flackern. Auf dem Wasser blinkt eine Boje einsam umher. Der Mond blinzelt durchs Dachfenster. Ich schmiege mich fester an sie heran, ihre Hitze schmilzt das letzte Eis aus meinem Körper. Ich schließe die Augen. Dunkelheit. Stille.

15
Dez

Beeindruckend

Letzte Woche hatte ich Besuch aus Sichuan (China) auf einem FTP-Server. Um genau zu sein, klopfte der Besuch etwa 20.000 Mal entweder als Benutzer «admin» oder «administrator» an. Dem Angriffsprofil nach zu urteilen, handelte es sich wohl eher um einen minderklugen Angreifer, wahrscheinlich das Schlusslicht eines ersten Informatiksemesters. Wer sonst versucht sich so anzumelden. An einem FTP?

Naja, wie dem auch sei. Ich habe den Quellrechner spaßeshalber angepingt. Etwa 150 Millionen Mal. Nur, um sicherzugehen. Das durchschnittliche RTD betrug etwa 350ms. Bis nach Sichuan sind es etwa 7560km. Eine Antwort legt also 15.120km in etwa 350 ms zurück. Das sind 43,2 km/ms, also 43.200 Kilometer pro Sekunde. Das Paket rennt also in weniger als einer Sekunde einmal um den Äquator. Das ist etwa 5,6 mal schneller als ein Space Shuttle. In einer Stunde legt es gar 155.500.000 km zurück.

Das sind so die kleinen Momente, in denen ich trotz allem Digital Nativesein einen kleinen Moment innehalte und dieses riesige, unsichtbare Wunderwerk, Internet genannt, wirken lasse.


Und just in diesem Moment erhalte ich folgende Mail:

Dear Marcus:

On Wednesday, December 9, 2009 at 06:20 (GMT), Project Honey Pot achieved a
milestone: receiving its 1 billionth spam message. The billionth message was
an United States Internal Revenue Service phishing scam sent to an email
address that had been harvested more than two years ago. More than just a
single spam email, the billionth message represents the collective work of
you and tens of thousands of other web and email administrators like you in
more than 170 countries around the world. Together we have built Project
Honey Pot into the largest community tracking online fraud and abuse.

To celebrate this milestone, we sifted through five years of data to learn
more about spam and the spammers who send it. As a small token of thanks for
your help, we wanted to share some of our more interesting preliminary
findings. Click the following link for the Full Report:

http://www.projecthoneypot.org/1_billionth_spam_message_stats.php

Highlights include:
- Monday is the busiest day of the week for email spam, Saturday is the
quietest

- 12:00 (GMT) is the busiest hour of the day for spam, 23:00 (GMT) is the
quietest

- Malicious bots have increased at a compound annual growth rate (CAGR) of
378% since Project Honey Pot started

- Over the last five years, you'd have been 9 times more likely to get a
phishing message for Chase Bank than Bank of America, however Facebook is
rapidly becoming the most phished organization online

- Finland has some of the best computer security in the world, China some
of the worst

- It takes the average spammer 2 and a half weeks from when they first
harvest your email address to when they send you your first spam message,
but that's twice as fast as they were five years ago

- Every time your email address is harvested from a website, you can expect
to receive more than 850 spam messages

- Spammers take holidays too: spam volumes drop nearly 21% on Christmas Day
and 32% on New Year's Day

- And much more.....

We have published it under the Creative Commons Attribution license, so
don't hesitate to share anything you find interesting. In the end, we
couldn't have gathered this data without you.

Thank you for all your help over the last five years. Here's to wishing you
happy holidays and a relatively spam-free New Year.

Sincerely,

The Project Honey Pot Team

Hier ist übrigens der Link zur Seite.

20
Nov

Wer lesen kann…

Es gibt Entscheidungen, bei denen man nur verlieren kann. Das Reziproke einer Win-Win-Situation. Nullsummentheoretisch muss es sie auch geben, die Lose-Lose-Situation.

Einige dieser Entscheidungen lassen sich durch Logik, andere übers Bauchgefühl treffen. Wenn aber beides nichts hilft, wenn die Logik das Für und Wider diskutiert und doch zu keinem Schluss kommt, wenn sich der Bauch zu einem Knoten zusammenzieht, wenn ich keine Antwort von außen erwarten kann, dann suche ich mein Heil in der letzten Instanz. Zu ihr komme ich übers Schreiben, über Musik oder den Besuch besonderer sakraler Bauten.

Das letzte Mal als ich mich entscheiden wollte, in welcher Hinsicht ich verlieren werde, war ich in Lund. Das Schreiben half nichts, ich drehte mich im Kreis, die richtige Musik war nicht dabei, also ging ich zum Dom. Der war verschlossen. Meine Zeit war nun aber knapp bemessen, weil ich erwartet wurde, daher setzte ich mich auf eine Bank und versuchte es trotzdem mit dem spirituellen Uplink. Mürrisch wurde mir zugehört, mein Sinnen, mein Zweifeln wurden zwar verstanden und hingenommen, doch lautete die Antwort nur «Tue, was Du denkst, tun zu müssen». Das war keine wirkliche Hilfe. Ungeduldig wie ich nun einmal bin, verlangte ich ein Zeichen und weil es weder Schwefel und Feuer auf mich regnete noch ein Regenbogen mir erschien, fällte ich meinen Entschluss.

Heute fand ich eine Werbung in meinem neuen Briefkasten. Darauf stand: «Das hat Gott für Dich getan.» «Danke», dachte ich mir, «das wäre aber echt nicht nötig gewesen.»

Eine Weile später dachte ich mir: «Für ein Zeichen ganz schön spät».

Jetzt fällt mir ein, dass ich das Zeichen schon vor Augen hatte, noch bevor ich darum bat: Der Dom war geschlossen. Wegen einer Hochzeit.

12
Nov

Canasta mit Freud

Nacht. Studierzimmer. Zwei durchtanzte Leiber fallen durch die Tür ins Bett. Ich will nur noch schlafen, für sie ist reden gerade richtig wichtig. Ich bin in einer Zwickmühle: Einerseits ist meine Müdigkeit auf dem Vormarsch, andererseits ist Solidarität das Gebot der Stunde. Eine ganze Stunde? Hoffentlich geht es schneller. Mein Unterbewusstsein kramt eine Konfliktlösungsstrategie aus der Trickkiste hervor und zaubert den Kokon interessierter Ignoranz hervor. Ich bin gerettet! Während sich um meine Ohren ein Wattebausch legt, der die Geräusche immer ferner erscheinen lässt, brumme ich anteilnehmend weiter vor mich hin. Ich nehme mir vor, mir morgen früh gleich als erstes den entsprechenden Orden anzuheften.

Minuten später. Alles Brummen hat nicht geholfen, sie muss nochmal raus um etwas loszuwerden. Geräusche von außerhalb des Kokons brechen in die Wattewand und wirken wie tausend kleine Nadelstiche in meiner Magengrube. Die Ordenorder wird storniert, da ist offenbar überhörbares Optimierungspotential vorhanden. Entweder schneller einschlafen oder wirklich reden. Oder im Schlaf sprechen und dabei das Richtige sagen. Na, schneller einzuschlafen tut’s wohl für den Anfang auch.

Eine weitere Viertelstunde später. Ein ausgekühlter entkräfteter Leib schmiegt sich an mich. Mir war eh viel zu warm. Jetzt darf ich endlich schlafen.

6 Uhr 30. Frosch und Storch spielen am Ufer eines Sees Canasta. Es gibt Tee und Weihnachtsgebäck. Ich bin verwirrt. Alles sieht nach Sommer aus und die Temperaturen erinnern mich eher an eine Sauna als an kostümierte Rentner in Geberlaune. Darüber hinaus frage ich mich, ob Frosch und Storch wissen, an welchen Stellen der Nahrungskette sie eigentlich stehen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, antwortet der Storch, dass er sich entschlossen hat, keine Frösche mehr zu essen, da es ihm zu grausam ist. Außerdem gäbe es wohl nur sehr weniger gute Canastapartner unter den Störchen, während die Frösche würdige Gegner seien. Der Frosch kräuselt die Lippen vor Glück.

6 Uhr 32. Sie meint, der Wecker würde seit ein paar Minuten klingeln. Später wird sie sogar behaupten, ich hätte gesagt, sie solle ihn ruhig ausstellen. Ich hingegen glaube, dass der Wecker in Wirklichkeit überhaupt nicht angegangen ist. Sonst hätte ich ihn doch gehört.

Zurück zu den wichtigen Dingen des Augenblickes: Dem Frosch und dem Storch. Es sieht ganz so aus, als ob Meister Adebar die Runde nicht für sich entscheiden könne, er scheint angespannt und nervös. Außerdem klappert er bedrohlich mit dem Schnabel. Ich glaube, er ist ein schlechter Verlierer. Der Frosch hingegen wähnt sich offenbar in Sicherheit, denn er ignoriert das Getue. Jedoch kommt ihm der Schnabel immer näher. Der Storch schaut mich dabei an, als ob er mir sagen wollen würde: „Ich bin ein Storch. Das ist ein Frosch. Störche essen Frösche. Moral hin oder her. Außerdem ist Canasta auch nicht alles.“ Ich mache mir ernsthaft Sorgen um den Frosch. Doch der spielt seelenruhig sein Spiel. Der Storch hingegen bereitet sich genüsslich auf die Nahrungsaufnahme vor. Aus der Uferböschung holt er eine mobile Speisekammer hervor und beginnt, sich einen Salat zu machen. Der arme Frosch. Da fällt mir ein, dass ich in meinen Träumen der Bestimmer bin. Welch glücklicher Zufall. Für den Frosch. Ich bestimme also, dass dem Storch einfällt, dass er ganz vergessen hat in den Süden zu ziehen und er deshalb Hals über Kopf aufbricht. Ohne Lebwohl zu sagen. Reinhard Mey gleitet mit einem Ruderboot durch den See und singt „Über den Wolken“ in düsterem moll. Geschockt bleibt der Frosch zurück und sieht dem sich hastig entfernenden Storch mit feuchten Augen nach.

6 Uhr 37. Der Storch ist aus dem Blickfeld verschwunden, Reinhard zum Glück auch. Allerdings sieht mich der Frosch jetzt durchdringend an und fragt mich, warum ich das getan habe, ob ich nicht wüsste, wie lieb er den Storch gewonnen hätte. Ich versuche ihm zu erklären, dass der Storch zwar das eine gesagt, aber das Gegenteil getan habe. Da macht der Frosch einen Satz und springt mir auf die Schulter, direkt neben mein Ohr. In dieses lädt er unüberhörbar seinen Unmut ab. Ich resigniere, breite meine Flügel aus und fliege dem Storch hinterher. Soll sich der Frosch doch fressen lassen, wenn er will.

7 Uhr 59. Mein Zug kommt.

Ich bin zu bodenständig, um stundenlang durch die Gegend zu schweben. Ich lande und setze den Frosch ab, doch nicht ohne ihn mit Marschverpflegung und detailliertem Kartenmaterial zu versorgen.

8 Uhr. Moment mal. Ich bin boden-was? Habe ich mir das Vorpommern-Virus eingefangen? Reflexartig warne ich mein Immunsystem. Eigentlich kann es nicht sein, aber man kann nie wissen.

8 Uhr 01 . Ich frage sie nach der Uhrzeit, stelle fest, dass ich den Zug kaum werde erreichen können. Dann winke ich ihm eben in Gedanken hinterher.

Mein Immunsystem macht Meldung. Nicht das Vorpommern-Virus mache mich so dröge, das sei einfach nur das Nachbeben des gestrigen Abends. Eine leise Stimme aus dem Untergrund flüstert mir hingegen zu, ich solle mich nicht von der Antwort blenden lassen, ich könnte bereits infiziert sein.
Habe ich mich doch angesteckt, kann das sein? Nach Jahren des auto-immunen Widerstandes soll ich dieser heimtückischen Krankheit also auf den Leim gegangen sein?
Wie gut, dass ich just in diesem Augenblick zurück nach Berlin fahre, denn Metropolenleben ist pures Gift für Pommeritis.

8 Uhr 02. Ich öffne die Augen. Hier fährt nichts, dafür dreht sich umso mehr. Also Augen wieder zu.

Ich stehe in einem Heißluftballon und fahre über Wälder, Wiesen und Felder hinweg. In der Ferne duellieren sich der Frosch und der Storch, Sigmund Freud und C.G. Jung sind ihre Sekundanten.

8 Uhr 22. Mir wird die Uhrzeit mitgeteilt. Nett. Wirklich. Aber der Zug fährt doch erst in anderthalb Stunden, jetzt verpasse ich noch das Duell.

8 Uhr 23. Ich habe es verpasst, beide haben es nicht überlebt. Dafür stecken beide auf demselben Spieß über einem Feuerchen. Kulinarisch gesehen ist die Kombination höchst selten. Das haben sich Freud und Jung wohl auch gedacht, wohl deshalb veranstalten sie jetzt ein Picknick. Irgendwie sehen die Jungs verliebt aus. Ich bin verwirrt. Storch und Frosch spielen Karten. Okay, das ist ein Traum. Frosch verliebt sich in Storch. Meinetwegen. Aber Freund und Jung, die ein romantisches Picknick machen und als Zeichen ihrer Liebe Storch und Frosch essen? Das ist sogar für meine Verhältnisse etwas mehr als genug. Wahrscheinlich will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Ich muss nachdenken. Wieso gibt es eigentlich nie eine Stimme aus dem Off, die Klartext spricht? Warum muss das immer über die bizarrsten Bilder geschehen? Stimme aus dem Off… Stimme aus dem Off… Ich hab’s: Das ist ein deutliches Signal, die Stimme aus dem Off nicht weiter zu verdrängen. Es gibt doch eine Stimme aus dem Off? Seit wann? Na egal, ich analysiere zunächst erst einmal die Stimme.

8 Uhr 24. Die Stimme gehört ihr.

8 Uhr 25. Was sie sagt klingt gut.

8 Uhr 26. Was sagt sie nun eigentlich?

8 Uhr 27. Ich kann das deutsche Sprachmodul nicht laden. Segmentation fault. –force bringt nichts und –debug liefert nur kryptische Kernel Traces. Für richtiges Fehlerlesen ist es noch viel zu früh, einstweilen lege ich die verfügbare Energie auf die Deflektoren. Warum weiß ich nicht genau, aber nach 15 Jahren StarTrek-Konsum weiß man einfach, dass das nie falsch sein kann.

Ich tue das mir maximal mögliche und lasse mich weiter vom Klang ihrer Stimme berieseln.

9 Uhr 21. Sie sagt, es sei kurz vor halb zehn. Gerade war es noch halb neun.

Ich sollte wohl mal SOLL und IST der aktiven Prozesse überprüfen: Sprache offline, Zeitgeber offline. Was bin ich nur für ein Saustall? Kein Monitoring, bestimmt auch kein Backup.
Und überhaupt: Seit wann bin ich ein Server?
Das kann nur eines bedeuten: Descartes hat sich eingeschlichen! Jedes Jahr das Gleiche: Kaum kommt die erste kühle Nacht, sucht er Anschluss.

9 Uhr 22. Dachte ich’s mir doch: Descartes! Der René! Steht auf einer Holzkiste im Stammhirn und agitiert. Ich packe ihn am Kragen und setze ihn vor die Tür. Der hat es noch drauf, meine Hirnhälften gegeneinander aufzuwiegeln. Das wäre echt unschön.

Ihre Stimme spricht jetzt eindringlicher. Das mit der Uhrzeit war also doch ernst gemeint. Kickstart! Anziehen! Kaffee ziehen! Losziehen!

9 Uhr 38. Wir verabschieden uns. Kurz und bündig. Sachlich. Ganz so als würden wir uns am Abend wiedersehen. In Wirklichkeit verdrängen wir diesen Teil des Lebens und seine Zwänge. Sie sind grausam genug, da müssen wir uns den Abschied nicht zur Qual machen. In Wirklichkeit haben wir uns längst schon verabschiedet, wir verabschieden uns seit meiner Ankunft. Häppchenweise und im Voraus.

4
Okt

Alles Gute nachträglich…

Tag der Deutschen Einheit. Vor der Mensa ein Punkkonzert.Stürmische Kälte. Eine Traube von 70 Menschen drängt sich um eine kreischende Stimme mit kaum verständlichem Englisch. Es ist dunkel. Wahrscheinlich ist das Equiment stilgemäss zusammengeschnorrt worden. Hin und wieder weht ein paar Wortfetzen herrüber, aus denen sich schließen lässt, dass hier die bereits totgeglaubte Fahne der antifaschistischen Revolution hochgehalten wird.

Mein linkes Herz drängt den Worten entgegen, doch ich halte mich zurück – meine Erscheinung ist geradezu bourgeois und ich befürchte, dass ich nicht als bürgerlicher Linksintellektueller aufgenommen, sondern vielmehr als Ausbeuter am nächsten Baum aufgeknüpft werde.

Ein wenig entfernt sehe ich folgendes Bild:

Deutschland Du Opfer

Deutschland Du Opfer

Auf dem Berliner Wedding, in Neukölln oder Friedrichshain wäre ich schmunzelnd vorbeigelaufen, doch ich bin in Greifswald. Mir schiesst Bismarcks Spruch «Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später», den wir erweiterten um «und danach gehe ich nach Vorpommern, da dauert’s weitere 50», durch den Kopf. Wieder merke ich, wie überheblich wir doch alle waren: der Fürst und wir progressiven studentischen Hilfsrevolutionäre. Die Metropolen werden vom Fortschritt nach vorn gepeitscht, doch die belächelte beschauliche Ruhe der Provinz hat den revolutionären Geist erhalten. Die Provinz ist zur Front geworden! Metropolitaner, fürchtet die Kleinstadtrevoluzzer! Sie werden sich erheben, die Inseln Eurer Zivilsation umzingeln und den Euern globalisierten Wahnsinn in ein Reich der Glückseligkeit putschen!

Oder so.

21
Aug

Auszeit

Ich trete ins Freie, entzünde meine Zigarette, nehme einen ersten tiefen Zug, schaue mich um. Der Himmel hängt grau überm Land und lässt einen Mittagsregen niedergehen. Ich laufe los, der Asphalt löst sich nur ungern von der Wärme der Vortage, wärmt dafür meine Füsse, in den Rinnsteinen liegen weggefegte Kiesel. Vor den Reihenhäusern liegen die Beete und saugen das fallende Lebenselexier ruhig, doch voller dankbarer Gier auf. Die kleine Straße ist leer, die aufgereihten Gärten hinter den Häusern hübsch anzusehen, zierliche Gemüsebeete drängen sich dicht an kleine Gewächshäuser, die Rasenflächen werden wohl morgen gekürzt. An einer Hauswand rankt zaghaft empor ein Wein,  dessen erste Ernte noch ein Jahrzehnt wird brauchen, doch er hat sie, die Zeit. Die Tage ziehen langsamer hier. Unter einem Verschlag wartet eine Katze auf das Ende des Regens und ist darüber eingeschlafen. Überhaupt scheint die ganze Siedlung zu schlafen, einen sanften, tiefen Mittagsschlaf. Die Postfrau kommt mir geschäftig entgegen und trotz aller gebotenen Eile ist auch auf ihrem Gesicht Schlaf zu lesen. Auf einem größeren Stück Rasen steht eine Schaukel und wartet. Leise fallen die Regentropfen auf Blätter, Blüten, Gras, wiegen sich die Pappeln müde im Wind, nach den Strapazen der letzten Hitzetage ruht sich alles aus, der Regen lullt sie mit seinem sanften Singsang ein und lässt von der Vergänglichkeit der Zeit nur mehr eine Ahnung zurück. Unter einem Carport erwartet ein Berhardiner sein Herrchen, auch er schläft lieber, als die Katze von nebenan zu jagen.

Schwach schwebt die letzte Rauchwolke meiner Zigarette durch die Regenluft, wird von den Tropfen durchlöchert, bis sie ganz verschwindet. Ich schaue mir auf die Fußsohlen, sie sind sauber, ich tappe durch die Pfützchen. Das weiche, warme Wasser umspült mir die Sohlen. Ich verschenke einen Gedanken an die große laute Stadt, lasse ihn fliegen, er sackt zu Boden, bleibt liegen. Ich hebe ihn auf, ein wenig flattert er noch mit den kleinen Flügelchen, doch schließlich schläft auch er. Ich kehre zurück zum elterlichen Haus, beschaue meine Fußsohlen und es scheint fast, als ob sie sauberer sind als zuvor.

19
Aug

Wieder in Berlin

20 Uhr 44. Drei Flaschen vorzüglichen Rieslings im Gepäck treffe ich im Neuköllner Epizentrum der studentischen Feierlaune meines Matrikeljahres ein. Johanna mit den frisch gewaschenen Haaren öffnet die Tür, Laura muss noch malochen. Eine muss schließlich das Geld verdienen.

20 Uhr 45. Vom vielen Reden sind uns die Kehlen ganz trocken und rau. Um unserer Selbst willen suchen wir fieberhaft nach Lösungen, Johanna hat Weißen im Kühlschrank gefunden, der wird zur ersten Hilfsmaßnahme erklärt.

20 Uhr 46. Die erste Flasche öffnet sich fast von selbst. Wie immer. Der Wein schmeckt, obwohl er als Medizin gilt. Unser Glückstag!

22 Uhr 53. Laura ist endlich fertig. Trifft sich gut, denn Johanna und ich brauchen dringend Nahrung.

23 Uhr 07. Döner hat die Currywurst als typisches Berliner Gericht abgelöst. Gibt’s auch viel häufiger und europaweit. Die Türkei muss überhaupt nicht in die EU, sie ist schon längst da. Europäische Nachkriegsesskultur ohne Döner? Undenkbar!

1 Uhr 30. Die Urlaubserzählungen sind vorbei. In den Weinflaschen herrscht auch gähnende Leere. Durchzählen… ein, zwei, drei, vier,  fünf. Alle Flaschen anwesend. Alle Flaschen leer. Schade eigentlich. Während ich in trüb-schwermütigen Gedanken an Systembollaget denke, senden Johanna & Laura fast gleichzeitig ein bekanntes Stoßgebet gen Himmel: Späti, gib uns Nachschub! Ich schiebe ein Berlin, Hallelujah, Berlin! hinterher.

1 Uhr 31. Wir küren Johanna zur Oberhofweinbesorgungsfachfrau.

1 Uhr 37. Nachschub trifft ein, ein kurzes liebliches Ploppen durchzuckt den Raum, gefolgt von Schwefelgeruch, der der rauchgeschwängerten Luft eine weitere Note hinzufügt. Die Musik wird von laut auf richtig laut gestellt, ein Ball aus drei ziemlich angetrunkenen Menschen schickt sich an, zu einem spontan ausgesuchtem Mix aus 80er und Elektro zu tanzen. Wechselweise wird über die aktuelle musikalische Leitung entschieden. Das Neuköllner Epizentrum afrikawissenschaftlicher Feierlaune ergeht sich in meisterhaften Elegien rhytmischer Zuckungen.

2 Uhr 17. Ich muss dringend schlafen. Sagt mein Körper. Laura heisst mich eine weitere Flasche Wein aufzumachen. Das halbtrockene Ploppen verstummt im Treiben der Bässe. Die Gläser spielen Ringelreihen, kommen und gehen, werden zusammengestossen und geleert, um anschließend von Neuem gefüllt zu werden.

2 Uhr 59. Die siebte Flasche hallt als Dominantsept in mir nach: Sehr dominant und nach Auflösung strebend. Ich muss ins Bett, doch die Damen unbeaufsichtigt auf der Tanzfläche zurückzulassen bringe ich nicht übers Herz. Auf geht’s, ab geht’s, drei Tage wach…

3 Uhr 30. Mein Körper strebt zielsicher eine Lösung entgegen, doch nicht ins muntere Dur, sondern ins schläfrige moll, wenn ich mich nicht beeile, gibt es noch einen Vorzeichenwechsel. Ich füge mich, denn mich zu wehren vermag ich beim besten Willen nicht mehr.

3 Uhr 31. Ich falle tot ins Bett.

3 Uhr 32. Es ist Lauras schätze ich, schließlich scheint sie im Dunkel herumzuschweben. Oder liegt sie neben mir? Sie redet. Redet sie? Doch, es ist ihre Stimme. Lauras Zimmer.

7 Uhr 30. Meine mobile Wundermaschine mit den vielen Macken feuert ihren ersten Event des neuen Tages – ein Wecker klingelt.

Irgendwann Uhr Später. Das Telefon triggert den zweiten Event: Aufgrund mangelnder Interaktionsbereitschaft seitens der humanoiden Akteure Klingeln einstellen.

9 Uhr 00. Ein weiterer Weckversuch wird gestartet.

9 Uhr 01. Ich werde munter und öffne meinen Schlafsack. Peter und Alexander durchstreifen noch Morpheus’ weites Reich.

9 Uhr 02. Vor dem Zelt steht Neil Tennant in Elton Johns Nikita-Outfit und reicht mir einen Schonkaffee.

9 Uhr 12. Neil und ich trällern lauthals Single-Bilingual, als ein Elch vorbeikommt und mitsingt. Peter und Alexander sind zu einem verkaterten Peter Alexander mutiert. Peter Alexander geht Espresso kaufen und raucht kubanische Zigarren.

9 Uhr 13. Der Elch singt schief, Neil ist verstimmt und geht.

9 Uhr 14. Der Elch singt nicht wirklich, doch kommen melodische Geräusche aus seinem Maul.

9 Uhr 15. Der Elch ist ein Wecker. Der Elch ist mein Wecker. Mein Wecker klingelt. Na bitte, wer sagt’s denn? Rätsel gelöst. So Elch, du darfst bitte gehen, Neil und ich waren nämlich noch nicht ganz fertig mit singen.

9 Uhr 16. Der Elch geht, das Klingeln bleibt. Ich drehe mich nach allen Seiten um. In einem Gebüsch hockt Neil und wippt zum Takt der Musik, sein Anzug leuchtet in der Morgensonne. Ich rufe ihn an, er redet, doch es klingt wie der Wecker.

9 Uhr 17. Frühsport à la Mimmelitt: Linkes Auge auf, linkes Auge zu; rechtes Auge auf, rechtes Auge zu; auf, zu, auf, zu; beide Augen auf, beide Augen zu; auf, zu, auf, zu. Tückische Täuschung! Neil ist weg, der Elch auch. Peter Alexander wird nicht mit Kaffee wiederkommen, er wird überhaupt nicht wiederkommen! Dafür liegt eine komatöse Frau neben mir. Beide Augen auf. Laura. Laura. Laura?! Laura. Ich werfe die Erinnerungsmaschine an, sie wirft mir ein paar Fetzen vor die Füsse, ich beuge mich äußerst vorsichtig nach unten und schaue mir die Polaroids der letzten Nacht an. Laura. Stimmt schon. Viertel zehn war das? Schon?! Alle Maschinen volle Kraft voraus!

9 Uhr 18. Volle Kraft fühlt sich anders an. Das ist eher Schonkaffee. Zwei weitere Polariods tun sich vor mir auf. Das eine mit vollen Flaschen, das andere voller Flaschen, aber leere. Das erklärt das Schonkaffeegefühl.

9 Uhr 42. Frisch geduscht, behutet und bebrillt steuere ich durchs Treppenhaus. Der Mensch unter der Wohnung ist munter. Jetzt schon? Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, seine Nacht war doch gezwungenermaßen nicht wesentlich länger als unsere. Berlin eben. Durch die Wohnungstür klingt ein Schlager. Wenn nichts mehr geht, eins geht immer, denkt sich die Disco Queen in mir, zieht die Rollschuhe an und legt los. Und dann die Hände zum Himmel und lasst uns fröh-lich sein! Mein Hirn wacht von den Tanzbewegungen des Alkohols auf. Ganz vorsichtig.

9 Uhr 43. Es dreht sich doch nochmal um. Naja, der Wille zählt.

9 Uhr 47. Der U-Bahnhof riecht wie sieben Toiletten rückwärts. Berlin Neukölln, Du hast mich wieder!

9 Uhr 48. Ich bekomme langsam ein Gefühl für meinen Schädel. Er braucht jetzt vor allem Ruhe und viel Platz. Ein Schonkaffee wäre schon schön, wird wohl aber nicht helfen. Das Blut im Alkohol versucht derweil, die Herrschaft an sich zu reissen, doch wird der dilletanitsch ausgeführte Putschversuch bereits im Ansatz vereitelt.

9 Uhr 51. Die U-Bahn fährt ein. Jaqueline, mache du die Affenmusik aus, tobt mein Schädel. Ich gebe ihm Bach und er ist’s zufrieden. Die Tür geht nicht ganz auf, ich muss meinen Kopf vorsichtig durch den Türspalt falten.

10 Uhr 06. Nahrung! Echt-Kaffee! Ich! In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, das Überraschungsmoment gekonnt genutzt, obsiegt das Blut über den Alkohol.

10 Uhr 07. Der Alkohol schlägt zurück. Ich vermittele einen Waffenstillstand samt Abrüstungsplan.

10 Uhr 09. Im Büro. Ich muss meine Sonnenbrille abnehmen, Paul schaut mich an und meint nur: You look worse than I feel.

10 Uhr 12. Mails checken, Soziale Netzwerke prüfen. Das Klopfen in meinem Kopf vermenschlicht sich. Es ist Neil! Ich setze die Kopfhörer auf… New york city boy / You’ll never have a bored day / cause you’re a new york city boy

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