Ljubljana – Tag eins
6 Uhr 34 Aufstehen. Warum müssen Morgen immer so früh sein? Können wir uns nicht einigen, dass die Nacht nicht vor Acht zu Ende ist und danach erst der Tag beginnt? Und dass vorher auch nichts passiert, weil es ja Nacht ist?
7 Uhr 2 Ich liege gut in der Zeit und fahre den Rechner hoch, um mich über die aktuellen Wetterdaten zu informieren.
7 Uhr 4 Berlin klar bei 15 °C, Ljubljana bedeckt bei 23°C. Juhu! Urlaub!
7 Uhr 5 Einer meiner Server will nicht kooperieren. Klar, dass das heute passieren muss, in der letzten oder nächsten Woche wäre es zu kommerziell gewesen. Meine schöne Plansollübererfüllung! Meine Prämie!
7 Uhr 30 Ich muss aufhören, ansonsten schaffe ich den Rest nicht mehr.
9 Uhr 20 In der Straßenbahn! Langsam komme ich wenigstens der Planerfüllung näher.
9 Uhr 21 Plötzlich steht mir kalter Schweiß auf der Stirn: Ich habe vergessen, Devisen zu bestellen! Irgendwie muss ich noch welche besorgen. Hoffentlich reicht es zum Decken der Kosten und für ein halbes Bier.
12 Uhr Mein letztes Mahl.
12 Uhr 43 Das Berliner Wetter ist heute mal pünktlich: Es schüttet aus Eimern und mein Schirm ist natürlich im Koffer. Wäre auch langweilig sonst.
12 Uhr 57 Wieder im Büro und siehe da: Herr Geithner ist aufgetaucht. Dann kann ich ja die Vermisstenanzeige zurückziehen und die Großfahndung abbrechen.
13 Uhr 4 Ach Du meine Güte: Thomas hat auch noch keine Devisen! Jetzt wird es knapp. Wir überlegen, ob wir gleich zur Staatsbank gehen und die Genossen dort auf ihrem solidarischen Fuß erwischen. Allerdings haben die einen ziemlich schnellen Schritt, sodass es schwierig sein könnte, denn auf dem anderen Fuß sind sie geizig, übellaunig und misstrauisch. Sagt man. Ein verzweifeltes Glücksspiel erwartet uns also.
13 Uhr 27 Ich verabschiede mich wie befohlen von Alexander. Auf dem Weg zum Fahrstuhl fällt mir ein, dass wir ja jetzt Kapitalismus haben und dass das heißt, dass wir prinzipiell mehr von den Devisen der Anderen haben, als die Anderen von unseren. Außerdem ist doch Eurozone. Na fetzig, vielleicht wird es ja sogar doch noch etwas mit der Plansollübererfüllung.
13 Uhr 30 Im Fahrstuhl. Langsam wird es eng.
13 Uhr 32 Der Regen ist hartnäckig. Mein Schirm auch: Das Teil ist natürlich noch immer im Koffer.
13 Uhr 33 Thomas und ich plündern den Geldautomaten. So viel Geld hatte ich schon lange nicht mehr in der Hand.
13 Uhr 41 Im strömenden Regen erreichen wir die andere Seite des Ernst-Reuter-Platzes.
13 Uhr 42 Jetzt sollte der Bus kommen.
13 Uhr 44 Na, da ist er ja schon.
13 Uhr 55 Am Flughafen. Jetzt brauchen wir einen Lufthansa-Schalter.
13 Uhr 58 Den Schalter haben wir schon mal gefunden, nur ist er ziemlich voll und irgendwie scheint sich hier jeder extra Zeit für den Anderen zu nehmen. Vielleicht sollten sie noch Kaffee und Kuchen verteilen. Ich hüpfe nervös von einem Bein aufs andere.
14 Uhr Unsere Ausweise sind unsere Tickets und die dazugehörigen Bordkarten werden uns bei der Gepäckaufgabe in die Hand gedrückt. Fetziges System. Wenn man dafür nicht gerade über den halben Flughafen hetzen muss. Also ziehen wir unsere Siebenmeilenstiefel wieder an machen uns auf die Suche nach Terminal D.
14 Uhr 4 Der Laufwind hat meine Sachen wieder getrocknet. Naja, vielleicht lag es auch an meinen Klamotten, aber ich kam mir schon vor, wie der kleine Muck. Jedenfalls sind auch hier alle entspannt und ruhig. Wir geben der Tante hinterm Schalter eine knifflige Aufgabe: Wir wollen nämlich nebeneinander sitzen. Ich werde von ihr bedient, Thomas von ihrem Kollegen. Sie wirkt angestrengt und planlos. Ihre Aufseherin schleicht sich an und legt ihre beruhigende Hand auf die Stuhllehne. Das wirkt Wunder. Plötzlich hagelt es Abkürzungen auf den Kollegen ein und wie durch ein Wunder erhalten wir wunschgemäß unsere Tickets. Irgendwie habe ich Behindert und Kleinkind aufgeschnappt. Naja, als Informatiker ist man es ja gewohnt, irgendwie von beidem etwas zu haben. Aber Hauptsache, wir haben einen Platz.
14 Uhr 7 Check-In. Ich bin ein wenig aufgeregt, da mir Denise von ihrem gestrigen Erlebnis berichtet hat. In Schönefeld ist man wohl ein wenig hektisch. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass dort alle wichtigen Leute ankommen. Vielleicht ist Stockholm auch gefährdeter als Wien, wer kennt schon die Logik des Terrorismus und seiner Abwehr.
14 Uhr 9 Ich bin drinnen. Das war ja einfach. Ein neuer Rekord! Ist das hier noch Deutschland oder haben die Ösis Tegel gekauft?
14 Uhr 28 Wir gehen zum Flieger. Ich fühle mich ein bisschen wie die Blondine aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung: Erst Wind, dann Regen, nun trete ich bei herrlichem Sonnenschein ins freie und steige in die Canadair, die direkt vor der Tür parkt.
15 Uhr Pünktlich zur besten Vesperzeit gibt es selbiges. Kostenlos natürlich, ist ja kein Billigflieger. Man merkt, dass sich jemand hier mit Prozessoptimierung befasst haben muss, denn auf das Kommando Kaffee komplett bekommt man eine Plastetüte, in der sich neben Zucker und Milch auch ein Löffel sowie eine Serviette befinden. Ich liebe diese kleinen Spielereien.
15 Uhr 17 Ein Ritual fehlt noch und wird direkt nach dem Essen serviert: Der Kapitän erzählt seine übliche Geschichte. Wir fliegen mit 800 km/h etwa einen Kilometer über der Erde. Nett hier oben. Ach ja, Dresden und Prag liegen wohl schon hinter uns, vor uns nur noch Wien, dazwischen muss wohl die Walachei liegen. Warum die nie auf den Karten auftaucht, ist mir ein Rätsel, sie muss doch eines der größten Länder der Erde sein.
15 Uhr 18 Ich beschließe, mich von den Fragen der allgemeinen Existenz ab- und dem Tagesgeschehen zuzuwenden: Ich lese den Standard. In Print ist der ja viel schöner als Online.
16 Uhr 8 Nach einer überpünktlichen Landung ist mir klar, dass meine morgendlichen Sorgen völlig unnütz waren, die Planübererfüllung ist erreicht, die Prämie ist fast greifbar. Das Interieur des Wiener Flughafens ist in dezenten Disco-Farben gehalten, deren Farbschema von den feuerwehrroten Uniformen der Austrian Airways Mitarbeiter komplettiert wird. Herrlich.
16 Uhr 10 Wir haben uns inzwischen erneut eingecheckt. Ich bin mir inzwischen fast sicher, dass der Berliner Senat Tegel in seiner Geldnot an Ösiland verkauft hat. Vielleicht wollen sie selbigen zu ihrer Botschaft ausbauen und sich so etwas von dem Glanz der alten KuK-Zeit zurückholen. Was wohl unsere Waffenbrüder in Übersee zu diesem Affront sagen werden? Wird es einen neuen kalten Krieg zwischen Ösiland und den USA in Berlin geben? Werden wieder Zonen-Schilder aufgestellt werden müssen: Sie verlassen jetzt den österreichischen Sektor? Ich bin gespannt.
16 Uhr 11 Ein Schild führt mir meine Sucht vor Augen, der ich auf einmal nachkommen müssen will.
16 Uhr 13 Meine Erwartungshaltung, in einer dunklen, nasskalten Ecke einen abgehalfterten Aschenbecher vorzufinden, um den sich zwielichtige Gestalten scharen, erfährt eine herbe Enttäuschung, die mir fast Tränen in die Augen schießen lässt. Ich stehe vor einem den siebziger Jahren typischen parallelogramm-trapezförmigen Container mit runden Ecken, der einen Eingang mit automatischer Tür hat: Das Smokers Paradise, die österreichische Antwort auf stilvollen Nikotinsuchtsupport. Das Interieur ist einladend: Schicke Couches, angenehm hohe Stehtische, Klimaanlage und ein Design wie aus einem Kubrik-Film. Okay, Stanley hatte kein Faible für Holzimitate, aber das sind doch nur Details. Der Clou kommt aber noch, denn das Smokers Paradise ist ein registriertes Warenzeichen. Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Ganz klar: Die Ösis haben schon früh erkannt, dass mit geschmackvollem Nichtraucherschutz viel Geld zu verdienen ist und bereits in den Siebzigern dieses Pilotprojekt gestartet, da sie in Wirklichkeit vorhatten, den zivilisierten Teil des Erdballs mit Nikotinsuchtsupportcentern zu überfluten, um so die rauchende Mehrheit mit subtil-subversiver Gehirnwäsche zu willigen Zombies für ihre Weltherrschaftspläne zu machen. Scheinbar hat die unsichtbare Hand des Marktes diese teuflische Idee vereitelt. Da soll noch mal einer sagen, dass Kapitalismus nicht funktioniert. Wir könnten jetzt alle Ösis sein. Wir würden uns mit unseren Titeln anreden, Peter Alexander anhimmeln. Oder Sissi! Danke, Kapitalismus!
17 Uhr 2 Auf dem Weg zum Flugzeug werden Hoffnungen auf eine Propellermaschine geweckt: Überall stehen diese Viecher herum.
17 Uhr 3 Schade, wieder eine Canadair. Vor uns in der Schlange steht ein Mann, dessen Volumen wohl ein großes Weinfass füllt, nur mit den Maßen könnte es hapern. Er trägt Pantoffeln, die optimalen Reiseschuhe. Vielleicht ist er auch auf eine dieser Fühlen Sie sich bei uns ganz wie zu Hause Werbungen hereingefallen.
17 Uhr 4 Ich steige fast als Letzter ein. Das gibt mir aber die Zeit, noch einen letzten Blick auf das Alpenpanorama rings umher zu erheischen.
18 Uhr 12 Landung in Ljubljana bei bedecktem Himmel. Meine Frisur sitzt.
18 Uhr 13 Die Landschaft ist irgendwie unwirklich für einen Urbanisierten. Ein Hauptstadtflughafen, der von einer Landschaft wie aus einem Heimatfilm der frühen Fünfziger umgeben ist, über den ein leichter, aber bestimmender Geruch von Kuhstall zieht. Warum ist die eigene Toleranz für Verrückte in der Großstadt höher als für solch eine Landschaft?

18 Uhr 14 Die Handys haben ausgeschlafen und gieren piepend nach Aufmerksamkeit.
18 Uhr 20 Wir hoffen auf unser Gepäck. Thomas hofft, dass meine Milch in seiner Tasche noch lebt, dann hat er nämlich frische Wäsche. Ich hoffe das gleiche, dann muss ich nämlich nicht waschen und bügeln.
18 Uhr 25 Vor dem Flughafen. Wo ist der Bahnhof?
18 Uhr 27 Wieder im Flughafen. Wir fragen die Auskunft, die uns sagt, dass man für einen Zug mit dem Bus nach Ljubljana fahren muss. Also fragen wir nach dem fraglichen Bus. Man antwortet schlicht, dass der Bus draußen sei. Sowas in der Art hatten wir uns auch schon gedacht, die Eingangstüren sind für Busse viel zu niedrig.
18 Uhr 31 Wir folgen dem Schild und stehen plötzlich vor einem Rudel Kleinbusse, die völlig unmotiviert in der Gegend herumstehen. In der Frontscheibe eines Busses liegt ein Schild mit der Aufschrift »Ljubljana«. Allerdings hat der ein italienisches Kennzeichen. So richtig geheuer ist uns das nicht nicht.
18 Uhr 32 Wir nehmen ein Taxi. Wir versuchen es auf Englisch, bis der Fahrer zu einem recht brauchbaren Deutsch übergeht und uns die Musik auswählen lässt. Toll.
18 Uhr 37 Der Tachometer scheint defekt zu sein: Die Schilder an der Straße erlauben nur halb soviel Geschwindigkeit, wie er fährt. Vielleicht sind das hier nur Richtwerte. Die an uns vorbeiziehende Landschaft besteht aus bläulich-grün schimmernden Bergen und ein paar vereinzelten Häusern, die durch den dichten Wald miteinander verbunden sind. Hin und wieder sticht ein Mais- oder Gemüseacker heraus.
18 Uhr 53 Wir fahren durch Ljubljana. Die Stadt ist lebendig, aber ruhig. Schlichte Neubauten unterschiedlichster Jahrzehnte ziehen an uns vorrüber; je näher wir dem Zentrum kommen, desto älter werden die Häuser.
Ein paar Sachen kommen einem bekannt vor: Sparkassen, Raiffeisenbanken, Spar, Lidl, Obi. Es gibt zwei Brauereien in der Stadt und beide fabrizieren trinkbares Bier, aber der Taxifahrer tendiert zu der, die nicht Union heißt. Das macht die ohnehin trockene Kehle nicht feuchter.
19 Uhr 2 Wir treffen uns mit Lars vor dem Kongresshotel. Ein ziemlicher Prunkbau. Gut, dass wir da kein Zimmer bekommen haben. Zu dritt gehen wir ins Appartement und saugen bereits auf dem kurzen Weg ein wenig von der Ruhe auf, die diese alte Stadt ausstrahlt.
19 Uhr 9 Thomas und ich haben ein Doppelzimmer, Lars schläft im Einzelbett des Durchgangszimmers. Die Wohnung selbst ist dreisternemäßig eingerichtet, nur das Treppenhaus riecht nach Keller, doch da ist man ja nicht lange.
19 Uhr 23 Lars bereitet sich schwer aufs Laufen vor. Thomas und ich schauen uns an und entscheiden uns stattdessen für ein Bad in der Lokalkultur.
19 Uhr 51 Wir sitzen in einem Restaurant am Fluss und genießen Jazz. Unglücklicherweise macht sich der Kellner rar, seit dem wir Bier bestellt haben, ohne gleichzeitig auch ein Abendessen zu wählen.
20 Uhr 41 Wir halten es nicht mehr aus und bestellen Essen.
20 Uhr 51 Lars ist fertig mit joggen und inzwischen wissen wir, dass der Taxifahrer recht hatte mit dem Bier: Union ist trinkbar, aber es haut einen nicht um.
21 Uhr 7 Wir bekommen unser Essen. Jetzt kann Lars den Kellner stellen und seinem Wunsch nach Bier Ausdruck verleihen.
21 Uhr 15 Die Jazzband verabschiedet sich für heute. Viel zu früh, wie ich finde.
21 Uhr 16 Ein angenehm plätscherndes musikalisches Hintergrundrauschen wird eingeschaltet. Langsam verabschiedet sich der Tag, indem er den Himmel in allen Blautönen erstrahlen lässt.
21 Uhr 38 Wir wollen das andere Bier probieren und versuchen, den Kellner zu erwischen.
21 Uhr 40 Er schaut hartnäckig an seinen Gästen vorbei.
21 Uhr 43 Erwischt.
21 Uhr 52 Wir bekommen unsere Rechnung.
22 Uhr 5 Er nimmt sie in Empfang, endlich können wir verlegen.
22 Uhr 17 Eine Gasse weiter erreichen wir eine Bürgerhausstraße, an deren Ende sich ein paar Kneipen drängen. Wir suchen uns etwas rustikales aus und bestellen unser Bier.
22 Uhr 19 So schnell kann das gehen. Vielleicht mochte der Kellner von vorhin uns nicht. Wieder Union. Die scheinen der Platzhirsch hier zu sein.
22 Uhr 45 Langsam werde ich nörgelig. Mir ist kalt. Mal schauen wie lange es dauert…
23 Uhr 36 Endlich daheim in der warmen Stube. Fast eine Stunde. Da ist genug Optimierungspotential für drei Reisen vorhanden.
Weitere Teile dieser Serie
- Ljubljana - Tag drei
- Ljubljana - Tag eins (dieser Artikel)
- Ljubljana - Tag vier
- Ljubljana - Tag zwei
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