Dieses wunderbare «Zuhause-Gefühl»
Es ist schon irgendwie seltsam: Da wohnt man seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr daheim bei den Eltern, fühlt sich hinreichend wohl, bezeichnet den Wohnort Berlin als sein Zuhause und doch gibt es diese Momente, wo man von einem wunderbaren «Zuhause-Gefühl» durchströmt wird und sich für einen Augenblick fragt: Was willst Du eigentlich hier?
Jeden Mittwoch und Freitag findet ein Wochenmarkt auf einem Platz um die Ecke statt. Dort gibt es einen Wagen, der Wurst anbietet. Nicht einfach nur Wurst: Das ist Thüringer Wurst aus Arnstadt vom Fleischermeister.
Für einen Nichtsachsen oder -thüringer ist das vielleicht schwer begreiflich, aber Thüringen und Sachsen bilden – zumindest in Sachen Wurst und Fleisch – einen kulturellen Geschmacksraum: Im Sommer gehören Bratwürste und Steaks auf den Grill – dass es Thüringer Rostbratwürste sein müssen, ist klar (gibt es auch andere?) – dazu Born- oder (wenn’s nicht anders geht auch) Bautzner Senf. Klöße müssen schlierig sein und Gehacktes kauft man beim Fleischer, packt es ungesehen aufs Brötchen und isst es. Ohne nachzuwürzen.
Wie dem auch sei, besagter Wurstverkaufswagen wird von einer Spätsechzigerin besetzt und ich danke dem Herrn bei jedem Besuch, diesen Dialekt hören zu dürfen. Arnstadt liegt etwa 20 Kilometer südlich von Erfurt. Das Geknetsche ist angenehmer als das Erfurter, mich erinnert es an den Dialekt meiner Großeltern, die bei Jena wohnen. Mir entlockt es bei jedem Besuch meinen freundlichsten heimatlichen Singsang. Die Frau sitzt hinter ihrem Tresen und macht Sudokus oder sie bedient eine Kundin. Es sind meistens Kundinnen. Eigentlich ausschließlich alte Frauen. Wenn man knapp dran ist und nur schnell eine Knacker auf die Faust will, hat man wirklich verloren. Denn sie wird nicht müde, den Preußenomas immer wieder mit Nachdruck zu sagen, dass sie die Wurst und das Fleisch bitte auf keinen Fall nachwürzen sollen, denn da sei alles schon drin. Womit sie völlig Recht hat. Zuhause müsste sie das nicht. Aber hier. Nebenbei unterhält man sich noch über Kochrezepte und wie man was wann wo essen könnte. Oder was die Enkel so machen. Ist mir passiert. Denise fragt nach Kloßmasse. Tja, die habe sie nicht, aber wenn wir am nächsten Mittwoch Bescheid gäben, würde sie welche mitbringen. Im Ladengeschäft – was sie auch noch haben – gäbe es das. Nagut. Dann kaufen wir eben Wurst. Ich sehe Sülzwurst und augenblicklich läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Ich sehe mich mit sieben Jahren am Abendbrottisch meiner Großeltern sitzen und mit meinem Opa Brot essen (handgeschnitte Scheiben Brot, richtige Runken, eine dicke Schicht Butter, danach Wurst und natürlich: Senf. Ich höre ihn immernoch lachen, weil es ihm Freude bereite, wenn er sah, dass es mir schmeckte und ich jede Bemme binnen Sekunden in mich hineinschlang). Inzwischen schneidet die Frau eine erste Scheibe ab und hält sie mir prüfend hin: «Ist das so in Ordnung?» Ich beäuge selbige skeptisch und meine dann: «Na ein bisschen dicker kann sie schon sein» «Wie wir’s eben von zu Hause gewöhnt sind», meint sie, nickt mir freundlich zu und auf einmal sind wir beide – jeder für sich – daheim: Sie in Arnstadt und ich irgendwo in meiner Kindheit. Über die Klöße kommen wir schließlich ins Gespräch und sie gesteht uns, dass sie inzwischen auf Emmis Klöße zurückgreift und die Dinger nicht mehr selber macht – jedoch nicht, ohne uns zu versichern, dass sie es noch immer könnte. In dem Augenblick, wo wir die zwei uns bekannten Brocken des Kloßrezeptes ins Gespräch mischen schließt sie uns in ihr Herz und erzählt uns von ihrer Enkelin. Hin und wieder gäbe es das Gericht nicht her, dass sie Klöße mache. Genau dann protestiert ihre Enkelin und besteht auf Klößen. Ja, das kenne ich, schließt es mir durch den Kopf.
Denise holt sich noch eine Wiener auf die Faust, wir bezahlen. Da werden wir noch einmal zurück gerufen und ich bekommen eine Knacker in die Hand gedrückt. Natürlich kommen wir nächste Woche wieder Zuhause vorbei.





