Das erwachte Deutschtum oder keine Angst vorm Deutschen Michel
Hier gleich um die Ecke gibt’s den Hof- und Hausnazi: Eine glatzköpfige Fettbacke mit einer Reichkriegsflagge im Fenster und immer schön am ziehen. Sein Vati – ganz klar – mit Jogginghose und einem ich-war-früher-mal-weiß-Feinrippunterhemd. Eigentlich eine filmreife Klischeefamilie. Jedenfalls musste ich am Freitag folgende Situation erleben: Beim Nazi ist ja immer das Fenster auf, deswegen kann man sehen, was er macht. So. Nazi verlässt also die Wohnung, Vati geht erstmal mit der Zeitung unterm Arm um die Ecke. Unser deutscher Sohnemann verlässt mit seiner schicken Bomberjacke und Tarnfleckhose das Haus und reitet direkt beim Spätverkaufsasiaten seines Vertrauens ein, um wenige Augenblicke später mit einem schmackhaften Orangensaft im Tetrapak wieder herauszukommen. Derweil Vati vom Klo kommt und erstmal mürrisch guckt, wo der Bengel wieder gewesen ist.
Muss man nun als Normalgebliebener Angst vor diesen Gestalten Angst haben?
Um Himmelswillen! Bloß nicht! Würde dieser Depp seiner eigenen Ideologie folgen können, so müsste er ja erstmal der Asiaten aus dem Laden scheuchen, in sein Herkunftsland schicken und das Geschäft einem deutschen Arbeitslosen in die Hand drücken. Stattdessen fördert er auch noch dessen Existenz. Zweitens. Hat schonmal jemand deutschen Orangensaft gesehen? Beim Lidl im Tetrapak? Nein. Aha. Eine Orange ist auch keine Reichsfrucht. Ein Apfelsaft wäre viel völkischer gewesen.
Wieviel Angst muss man also vor einem Menschen haben, der ganz offensichtlich zu dumm ist, nach seiner eigenen Ideologie zu leben? Wäre Mitleid nicht angebrachter?
Und überhaupt: Wenn das der Führer gesehen hätte? Hmmm… Wir stellen uns also vor, der Import-Ösi steht… als Punk getarnt im Laden und tummelt sich vor dem Regal mit den Sternburgern. Nazi betritt den Laden, guckt den vermeintlich Asozialen richtig böse an, holt seinen Orangensaft, bezahlt und will gehen. Just in diesem Augenblick fängt Hitler wie am Spieß an, «Halt! » und «Achtung! » zu schreien, reißt sich dabei in einem Ruck die Verkleidung vom Leib und springt mit einem Satz vor dem dickwanstigen Faschisten2.0. Dort funkelt er ihn ein paar Sekunden an. Seine Lippen zittern für einige Augenblicke, plötzlich fängt die Schlagader an der Schläfe an zu zucken und es platzt aus dem Führer heraus: «Sagen Sie mal schämen Sie sich eigentlich nicht, Ihr Volk so zu verraten? Wie Sie hier herumlaufen, völlig aufgedunsen und verfettet, wohl noch nichts von Körperertüchtigung gehört, was? Und diese Jacke! Was sind sie denn? Eine fleischgewordene Dolchstoßlegende? Zieht hier die Jacke vom Amerikaner an und auch noch aus einem Krieg, den er gegen ein völlig unterentwickeltes Land verloren hat! Und was machen Sie überhaupt hier? Einkaufen um diese Uhrzeit, wo Sie doch wissen, dass nur noch Ausländer offen haben! Leute wie Sie sind doch dafür verantwortlich, dass zu wenige Deutsche in diesem Land in Lohn und Brot sind. Was kaufen sie da überhaupt? Orangensaft! Wohl noch aus Italien, was? In Geschichte wohl nicht aufgepasst, wie? Die fallen uns doch bei jedem anständigen Krieg in den Rücken, ist doch klar, dass wir im letzten Jahrhundert keinen ordentlichen Krieg gewinnen konnten. Was haben Sie eigentlich gegen einen schönen, deutschen Apfelsaft? Und dann diese Verpackung! Schweden! Ein völkisches Bruderland, dass uns in den Rücken gefallen ist! Leute wie Sie machen mich krank! Sie sind genauso wie der Rudi: Liegen ihrem Volk jahrzehntelang an der Brust und plötzlich fangen sie an, ihrem Vaterland die Augen auszukratzen! »
Das ist doch mal ein Führerappell! Als ob nichts gewesen wäre! Was könnte das aber bei unserem Softcore-Nazi auslösen?
Entweder er bricht augenblicklich in Heulkrämpfe aus und entschuldigt sich stammelnd mit einem von Rotz und Wasser völlig aufgedunsenen Gesicht bei seinem geliebten Führer. Das hätte höchstwahrscheinlich mindestens noch mehr Verachtung seitens des Gröfaz zur Folge.
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