Begegnung

marcus 10. Januar 2010

Das Gesicht kenne ich. Vom Foto her ist er es. «Entschuldige, aber bist du nicht der Sebastian?» Er dreht sich verwundert um. «Der die tollen Bilder macht!» Ein geschmeicheltes Grinsen huscht über sein Gesicht. Tatsache, er ist es. «Ich kenne Deine Bilder, sie sind wunderschön.» «Oh vielen Dank!» Er grinst wieder. Ich schaue ihm fest in die Augen: «Eine Freundin von mir hat mir von Deiner Arbeit erzählt, vielleicht kennst Du sie ja…» «Vielleicht.» Er wähnt sich in Sicherheit. Ich begeistere mich so naiv wie möglich: «Ja, sie heißt Clara Friedrich, kennst Du sie?» «Äh. Clara? Äh. Ich weiß nicht…» Ertappt. Seine Begleitung schaut ihn peinlich berührt an. «Doch», bohre ich weiter, «sie erzählt pausenlos von Deiner Arbeit. Sie war auch schon in Deinem Atelier.»  «Wirklich? Naja, es kommen immer wieder Leute, um sich meine Sachen anzusehen.» Er schwimmt. «Ja, tagsüber. Das meine ich aber nicht.» Seine Begleitung weiß Bescheid. «Ich weiß nicht, was Du meinst.» Aha. Er wählt die klassische Tour: dementieren. «Doch, erst gestern Abend war sie da.» Ihr fragender Blick droht ihn zu durchbohren. «Äh gestern?», stammelt er. Mein Blut kocht, doch ich bleibe höflich: «Naja, das hat sie jedenfalls gesagt. Bei mir war sie jedenfalls nicht und ich müsste es eigentlich wissen. Sie kam erst gegen Mittag wieder.» Entsetzen macht sich in seinem Gesicht breit, verletzte Genugtuung in ihrem. «Warst Du nicht bei Stefan?», sticht sie zischend nach. «Doch, schon…» «Naja, aber nach Zehn dann nicht mehr», falle ich grinsend ein. Er ist umzingelt. Ich vor, seine Begleitung hinter ihm. Ich kämpfe mit meiner Wut, sie mit ihren Tränen. Dass sie es geahnt hat, sehe ich ihr an, doch dass es sich bewahrheitet, hat sie bislang verdrängt. «Wie lange läuft das jetzt eigentlich schon zwischen Euch beiden? Zwei Monate? Ein Vierteljahr?» Er bleibt stumm. Was soll er auch sagen? Er ist ertappt worden. Plötzlich fängt er an zu stammeln. Meine Wut legt einen Schalter um, ich höre seine Wortfetzen nicht mehr, sehe nur wie sich seine Lippen zögernd bewegen. Im nächsten Augenblick liegt er im Schnee, der sich langsam rot färbt. Entsetzte Augen schauen mich von unten an. Ich betrachte ihn. Seine Fönfrisur ist vom Schnee aufgeweicht, die Haare kleben am Schädel. Er hat Angst. Ich könnte ihn treten, aber man tritt nicht auf Menschen, die bereits am Boden liegen. Verdammte Moral. Immer diese Moral. Er hätte es mehr als verdient. Ich wende meine Blick von ihm ab, schaue auf seine Begleitung. In ihrem liebevollen Blick auf das ärmliche Häufchen Elend, das sich das schmerzende Gesicht hält, mischt sich ein Hauch Genugtuung. Sie schaut mich an. Verständnis zwischen Verletzten. «Verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten.» Sie nickt mit den Augenlidern. Ich schaue ihn an. «Arschloch.» Und gehe weiter.

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